389_Final Countdown: 12

Wieder bin ich nicht ausgeschlafen. Diesmal war es eine ehemalige, verlassene Mautstation, in die ich mich verkrochen habe. Licht? Kein Problem diesmal. Denn die ganze Hütte war ent-elektrifiziert. So, wie man es eben von verlassenen Gebäuden kennt: Die Scheiben eingeschlagen und jede Menge Hundshaufen drin. Hmm, was tut man nicht alles für einen guten Schlaf! Denn draußen ist gegen Nachmittag dicker Nebel mit viel, viel feuchter Luft aufgezogen. Wenn ich bei diesen Bedingungen draußen im Freien bleibe, ist morgen Früh mein Zelt triefend nass. Das kostet mich jede Menge Energie, um es halbwegs einpackfähig zu bekommen und eigentlich ein Nochmal-Auspacken spätestens am nächsten Abend, damit es nicht zu muffeln beginnt. …am nächsten Abend, den ich plane, in einem Hotel zu verbringen. Also halte ich lieber für ein paar Stündchen Nase und Ohren zu. Denn der Schallschutz von eingeschlagenen Scheiben hält von den vorbeidröhnenden Lastern nicht allzuviel Lärm ab…

Wieder ist es also zäh, mich aus der Matratze zu arbeiten heute Früh. Doch unterwegs fasse ich einen Beschluss – wieder einmal. Denn eigentlich hätte ich das ja schon mehrmals gelernt auf dieser Reise: Glücklichsein ist ein Beschluss, den man fasst. Oder eben nicht. Und so beschließe ich heute, alle bösen Gedanken an das Danach noch für ein paar weitere Tage in die Ferne zu schieben und die letzten, mir verbleibenden Tage, ja fast nur noch Stunden in völliger Freiheit zu genießen. Ob´s nun bergauf geht oder bergab. Ob der Himmel blau ist oder grau. Ob ich mir noch einen Platten fahre oder nicht. Wen juckt´s: Ich bin glücklich!

Und wieder im Rhythmus…

Carbuncle – Drum ´n´ Bossa

 

 

Cajati, Brasilien (Hotel Sueber)

Tages-Km: 85,39km / -Zeit: 5:01h / -Höhenmeter: 746m / Platten

Gesamt-Km: 24.927km / -Zeit: 1.694 / -Höhenmeter: 214.553m

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388_Final Countdown: 13

Was ein bisschen hübsch durchschlafen doch alles bewirken kann. Vorgestrige Nacht hatte ich im Zelt hinter einer Mautstation verbracht. Die Beamten dort waren unheimlich freundlich und hatten mir sozusagen ihren Hinterhof angeboten. Doch wie alle meinen sie immer, ich hätte im Dunkeln Angst. Und obwohl ich Drei Mal gefragt hatte, ob dieses Licht über mir auch wirklich nicht angeschaltet werden würde in der Nacht, hatte ich Festbeleuchtung. Schlaf: Kein bisschen. Da brauchte ich mich eigentlich nicht zu wundern über meine gestrige Verfassung!

Doch diese Nacht war besser. Ich habe tief und lange geschlafen und würde meinen morgendlichen Zustand sogar fast als „erholt“ bezeichnen. Die Wolkendecke will noch immer nicht aufreißen. Aber heute bedrückt mich das nicht mehr so stark, wie gestern. Heute höre ich gleich mal ein bisschen gute Musik und alles ist gleich schon ein bisschen besser. Bis ich an dieses Straßenschild komme. Dann springt mein Herz vor Freude einmal in die Luft, nachdem es sich einen bedeutungsschweren Aussetzer gegönnt hat.

Zum allerersten Mal steht heute „Rio de Janeiro“ angeschrieben! Nach Vierundzwanzigtausendsiebenhundertfünfundachtzig Kilometern, Eintausendsechshundertsechsundachtzig Fahrstunden und zweihundertdreizehntausend…einer Menge Höhenmetern. Und einem Meer an Erinnerungen und Erlebnissen. Es mag vielleicht kitschig klingen, aber es ist wirklich ein bewegender Moment, dort unter dieser Tafel zu stehen! Denn sie sagt mir: Bald hast du´s geschafft! Du hast es tatsächlich geschafft! Fast. Nur noch ein bisschen dranbleiben. Hier geht´s lang!

 

 

Auf der Autobahn, Brasilien (Zelt in ehem. Mautstation)

Tages-Km: 82,23km / -Zeit: 5:23h / -Höhenmeter: 979m

Gesamt-Km: 24.841km / -Zeit: 1.689 / -Höhenmeter: 213.807m

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387_Final Countdown: 14

Heute ist es endlich so weit: Der totale, emotionale Absturz! Und das Wetter tut auch noch sein Allerbestes dazu, damit ich mich auch ja nicht wohl fühle in meiner Haut: Es beherrscht schwerstes Grau den Himmel, die Luft ist feucht und eisig kalt. Und mich plagen bittere Gedanken. Was mach ich eigentlich nach Rio? Wie geht´s weiter? Wo geht´s hin? Will ich wirklich zurück in das „normale“ Leben? Bin ich schon bereit dafür? Oder besser gefragt: Werde ich es jemals sein?

Es hängt sicherlich auch mit meiner körperlichen Verfassung zusammen, dass ich heute keinen klaren Gedanken fassen kann. Alles ist wirr und wild durcheinander. Und dass ich das nicht strukturieren kann, ist die Schuld meiner Erschöpfung. Oder sagen wir es weniger drastisch: Meiner Generalmüdigkeit. So viel weiß ich noch. So gut kenne ich mich Gott sei Dank selbst mittlerweile. Ich weiß, dass ich dringend Schlaf brauche, bevor ich mir mein Loch im Boden aushebe.

Nur gut, dass ich heute in Curitiba ein bisschen früher ankommen werde. Da kann ich mich ein bisschen hinlegen, bevor ich schlafen gehe. Diese eine Stunde mehr Schlaf wird mir gut tun!

…hätte mir gut getan. Ich hatte mir gedacht, ich fahre mitten durch´s Zentrum der Stadt anstatt außen herum. Dann könnte ich dort was essen und anschließend gemütlich noch bis zum Stadtrand fahren, damit ich morgen Früh gleich freie Bahn habe und mich nicht erst durch den Stadtverkehr kämpfen muss. Doch der graue Himmel will es wieder einmal anders: Er sticht mir nämlich vorher den Reifen platt. Die Bankette sind hier an Schrauben, Nägeln und Drähten manchmal besser sortiert als der gute alte Eisen-Schöb! Also lege ich wieder einmal Hand an. Mitten in der schönsten Wohngegend von Curitiba. Im Grünstreifen eines Hochhauses, wo mich die Überwachungskamera vor dem schweren Tor bei jedem Handgriff genauestens beobachtet… Gott, wie ich solche Tage vermissen werde!

 

 

Curitiba, Brasilien (Park Hotel Curitiba)

Tages-Km: 87,13km / -Zeit: 6:15h / -Höhenmeter: 1.161m / Platten

Gesamt-Km: 24.759km / -Zeit: 1.684 / -Höhenmeter: 212.828m

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386_Final Countdown: 15

So, aus die Maus. Der Zauber ist vorbei. Ab heute ging´s wieder mit normaler Kraft vorwärts. Nur gut zu wissen, dass ich in den letzten beiden Tagen wenigstens ein winziges Polsterchen an Kilometern herausgefahren habe. Da schläft es sich doch gleich ein bisschen ruhiger…

 

 

Nach Palmeira, Brasilien (Zelt an Servicestation)

Tages-Km: 77,11km / -Zeit: 5:30h / -Höhenmeter: 1.179m

Gesamt-Km: 24.672km / -Zeit: 1.678 / -Höhenmeter: 211.667m

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385_Final Countdown: 16

Ich habe beim besten Willen keine Erklärung dafür, woher er kommt und warum ausgerechnet jetzt. Ich weiß nur eins: Er ist mir auf Herzlichste willkommen, mein unerwarteter Überraschungsgast. Ein Energieschub! Schon gestern ging´s mir fast beängstigend gut und ich habe mein ziemlich hochgestecktes Wunschziel mehr oder weniger problemlos erreicht. Dafür darf ich heute zum Ausgleich wieder bei Achtzig aufhören, habe ich mir vor dem Start gegönnt. Doch so wie der Nachmittag langsam älter wird und auch mein heutiges Wunschziel Irati in erreichbare Nähe rückt, spüre ich nichts, was mich aufhalten könnte. Keine lahmen Beine, keine verspannten Schultern, nur ein klitzekleines bisschen mein Sitzfleisch. Aber das ist normal. Ab Achtzig (Kilometer selbstverständlich!) fängt das nun einmal an.

Es wird langsam dämmrig. Es käme eine tolle Raststätte zum campen, doch ich will bis Irati. Dann kommt ein perfekter Servicepoint mit Toiletten und Kaffee und Wasser. Doch ich will bis Irati. Es ist jetzt fast dunkel. Irati lässt sich noch nicht blicken. Noch dunkler. Dann endlich: Die erste Abfahrt. Doch die scheint mir ein bisschen ins Hinterland des Städtchens zu führen. Ich entscheide mich dazu, bis zur Haupteinfahrt weiterzufahren. Doch die liegt noch Drei Kilometer weg. Schaffe ich das? Soll ich? Ich habe noch immer Power. Jetzt ist es dunkel. Und mit der vollen Dunkelheit fällt auch der Druck von mir ab, es noch vor der Dunkelheit zu schaffen. Ab jetzt wird´s eigentlich wieder gemütlich. Der Tacho zeigt bereits Einhundertsechs Kilometer, als ich an der Hauptzufahrt ankomme. Doch hier ist erstens und zu meiner Enttäuschung kein Hotel in der Nähe der Hauptstraße und zweitens die Zufahrt zum Zentrum nur noch viel länger, als sie es zuvor gewesen wäre. Außerdem führt sie zurück. Und ihr wisst ja…

Also folge ich stattdessen einem Megaposter: Hotel in Sechs Kilometern. Ich fühle mich stark und kein bisschen müde. Aber bitte erwartet von mir keine Erklärung dafür. Ich beschließe einfach nur, diese Welle der Kraft zu reiten, anstatt sie ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Und während ich in nun mehr völliger Dunkelheit durch die Nacht fahre, erinnere ich plötzlich wieder an die aller-, allererste Nacht meiner Reise. Es war stockfinster und klirrend kalt. Eine sternklare Winternacht. Ursprünglich hatte ich gedacht, ich würde die Nacht im Zelt verbringen. Doch Gott sei Dank habe ich am Ende noch eine Unterkunft gefunden. Der alte Mann dort erzählte mir am nächsten Morgen, dass wir in der vergangenen Nacht so etwas wie eine Jahrhundert-Tieftemperatur hatten: Minus Siebzehn! Auch heute ist es kalt. Aber bei weitem nicht so kalt natürlich. Ich versuche mich zu erinnern, wie ich mich damals gefühlt hatte. Es war eine der schwierigsten Etappen der ganzen Reise: Der Anfang. Ich hatte gerade mal Siebzehn Kilometer oder so geschafft. Aber immerhin: Ich war losgekommen. Es war zwar etwas seltsam, in einer Gegend, die ich wie meine Hosentasche kenne, plötzlich nach einer Pension zu suchen. Aber zurück gab´s auch damals schon nicht. Sonst hätte ich ja nochmal von vorne anfangen müssen! All die geliebten Sachen nochmal zurücklassen müssen. Mich nochmal verabschieden. Nochmal loseisen von meinem Zuhause. Nein, nein, das ging nicht. Der erste Schritt ist immer der schwierigste. Und den wird man ja nicht zweimal tun! Und ich weiß noch, wie ich mich damals und in den folgenden Wochen auf die Zeit gefreut habe, in der dann endlich eine Routine eingekehrt sein würde. In der endlich nicht mehr alles neu und aufregend und spannend und ungewiß war, sondern einfach ganz normal.

Jetzt ist es so weit. Es ist – ohne, dass ich genau beziffern könnte, wann der Punkt war – zum Alltag geworden. Das Meiste meiner Reise kenne ich jetzt. Die Ungewissheit ist einer Kollektion an Erlebnissen von unschätzbarem Wert gewichen. Jetzt ist es ist mein Leben geworden. Es ist genau das, worauf ich mich lange, lange gefreut habe. Schon über eineinhalb Jahre alt, aber immer noch gut. Immer noch freue ich mich am Morgen, nicht einen Computer hochfahren zu müssen, sondern meinen Kreislauf. Ich freue mich auf einen Tag im Freien. Und während dieser langsam verstreicht, wächst in mir die Freude auf ein hübsches Hotelzimmer, das ich mir bei diesen Extrem-Etappen einfach ohne schlechtes Gewissen gönne. Und gleichzeitig wächst aber schon die Vorfreude auf das Leben danach. Je näher ich Rio komme, umso öfter denke ich an ein paar hübsche Klamotten. Ich freue mich auf Stöckelschuhe und Schminkzeug. Auf meine Parfümfläschchen und Ohrringe und Handtaschen. Auf all den Kram, der eigentlich nicht glücklich macht. Und plötzlich tut er es doch…

 

 

Nach Irati, Brasilien (Hotel Anila)

Tages-Km: 113,49km / -Zeit: 7:28h / -Höhenmeter: 1.472m

Gesamt-Km: 24.595km / -Zeit: 1.672 / -Höhenmeter: 210.470m

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384_Final Countdown: 17

Zum ersten Mal klingelt er um halb Sieben. Das zweite Mal um Sieben. So weit bin ich noch im Plan. Doch als ich feststelle, dass heute Früh mein Zelt nusstrocken ist, drehe ich mich vergnügt nochmal um und gönne mir schnell noch ein Viertelstündchen des in-den-Tag-Hineinträumens. Und weil ich die Sonne schon hinter den Bäumen hervorblitzen hab sehen und der Himmel heute kein Wölkchen zählt, freue ich mich trotz des verschärften Programmes, das ich mir für heute vorgenommen habe (die fehlenden Fünfzehn Kilometer der letzten Drei Tage ausgleichen) auf den Tag. Ich bin ziemlich müde. Und nach wie vor so etwas wie generalschlapp. Doch gleichzeitig habe ich das Adrenalin des Endspurts in den Adern. Wie bei einem Vierhundertmeterlauf: Man ist schon seit einer halben Runde tot, aber legt trotzdem noch eine Kohle auf, wenn´s Richtung Zielgerade geht.

Es ist ein herrlicher Tag. Doch er hält, was die Nacht bereits versprochen hat: Es ist bitterkalt! Und lacht mich jetzt bitte nicht aus dafür, aber als ich mich heute selbst in der Verglasung des Tankstellenrestaurants, wo ich gestern Abend mein Zelt aufgeschlagen hatte, spiegle, schleicht sich mir ein Wurm ins Ohr, den ich so bald nicht mehr loswerde. Ich trage lange Hosen, Unterhemd, T-Shirt, Sportjacke und Daunenjacke! Zudem Schal, Stirnband und – kein Scherz jetzt: Meine fellenen Fäustlinge. Und es ist mir auch auf dem Rad damit keineswegs zu kalt!

…, eine Version von Michael Doublé

Ich verliere mich ein wenig in Gedanken. Schwelge in Erinnerungen. Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob sich im Moment alles Erlebte noch einmal ins Gedächtnis zurückrufen wollte: Einmal ist es heiß. Zwei Tage später ist es winterlich kalt. Gestern war der Tag so grau wie ein zweihundertjähriger Esel. Und heute strahlt die Sonne mit sich selbst um die Wette. Während die gestrige Nacht ungemütlich und pudelnass und einfach nur eklig war, so war die vergangene ein Exempel einer eisigen, sternklaren Winternacht. Und was die Wetter- und Temperaturkurve vorgibt, ahmt die Geographiekurve eifrig nach: Es geht gnadenlos rauf und runter. Heute auch ziemlich steil bisweilen! Das merke ich kurz vor meiner Mittagspause, etwa eine Stunde nachdem ich mir gedacht habe, dass meinen Beinen wohl so schnell nichts mehr was anhaben kann: Sie melden sich. Aber ist ja auch kein Wunder: Fünfzig Kilometer und schon Neunhundert Höhenmeter auf dem Tacho. Das ist einfach nur krass! Denn ich weiß ja: Die zweite Hälfte wird vermutlich nicht viel leichter…

Doch bleiben wir lieber bei den Erinnerungsmomenten. Fast hätte ich diesen Teil meiner Reiseerfahrungen nämlich tatsächlich schon vergessen! Derweil gehört der zu jedem Land dieser Erde, wie das Weihwasser zur Kirche. Die Geilos. Jedes Mal, wenn ich einen der vielen Hügel hochknete, hupt irgendwer hinter mir oder im Vorbeifahren. Und wenn ich es mir erlauben kann, eine Hand vom Lenker zu nehmen, winke ich auch in den Rückspiegel des Grüßenden. Doch als ich dann runterfahre, steht da nicht wieder mal einer am Straßenrand? Er hat seine Karre auf einem kleinen Weg seitlich der Hauptstraße abgestellt und sich selbst am rechten Rücklicht, vorfreudiger Blick in meine Richtung. Seine Sporthosen sind heruntergelassen bis in die Kniekehlen, sein T-Shirt hochgezogen bis kurz unter die Brustwarzen. Klar: Bauchi will ja auch was sehen! Und die eine Hand werkelt mit Hochfrequenz an seiner Nudel. Gott, ist das flach. Ich versteh das nur nicht! Ich erinnere nochmal: Ich trage lange Hosen, Daunenjacke, Halstuch bis zur Nase und – wegen der Abfahrt – sogar die Kapuze unter dem Helm. Und die Hände in Handschuhen. Einzig an meinen aufgearbeiteten Knien kann man ein bisschen nacktes Fleisch sehen. Wie hießhungrig muss man denn bitteschön drauf sein, wenn diese Michelin-Aufmachung einen antörnt? Irgendwie macht mich das ein bisschen ärgerlich heute. Ich verlangsame die Fahrt und bleibe stehen. Den hätte ich heute knallhart angeknipst und auch noch als Titelbild online gestellt. Samt Nummernschild. Doch so cool war er dann doch wieder nicht. Hat schnell die Hose hochgezogen und ist hinter seiner Karre verschwunden.

Auf meiner Weiterfahrt erinnere ich mich plötzlich wieder an einen Facebook-Post, den ich vor Jahren einmal zufällig in den Neuigkeiten gelesen habe. Das Foto zeigt einen Geldautomaten und darauf ein aufgerissenes Kondomtütchen. Und der Kommentar zum Bild lautete: „Wie dringend kann´s denn bitteschön sein?“ Damals konnte ich das Empfinden desjenigen, der das gepostet hatte, einigermaßen nachempfinden. Doch heute kenne ich dringlichere Fälle. Während sich mir der Anblick des Tütchens im Vorraum der Bank wie von selbst erklärt: Das gehörte ursprünglich vermutlich einem Argentinier, der einfach nur Geld abheben wollte. Doch als er vor sich schon jemanden am Automaten operieren sah, dachte er sich wohl: „Wenn´s mal wieder länger dauert… hol´ich halt mein´ Snickers raus!“ Wie konnte der auch ahnen, dass sich das mit dem Abheben binnen Drei Minuten hat in Deutschland?

…wobei sich natürlich die berechtigte Frage stellt, ob es sich nicht auch wegen Drei Minuten gelohnt hat, schnell den Riegel rauszuholen.

 

 

Guarapuava, Brasilien (Hotel Zanetti)

Tages-Km: 101,96km / -Zeit: 6:55h / -Höhenmeter: 1.554m

Gesamt-Km: 24.481km / -Zeit: 1.665 / -Höhenmeter: 208.998m

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383_Final Countdown: 18

Nasser als die vergangene Nacht kann man sich eine Nacht nicht vorstellen! In der Früh war mein Zelt trotzdem es unter der Hütte gestanden hatte, tropfnass. Ich möchte nicht wissen, wohin es uns beide geschwemmt hätte, wenn ich draußen unter freiem Himmel gezeltet hätte! Der Prozess des Aufbrechens zog sich also ein bisschen in die Länge, bis das Ding wenigstens halbwegs windtrocken im Sack war. Danach gönnte ich mir noch einen Milchkaffee und einen Maracujasaft oben im Restaurant. Und weil ich ohnehin schon hoffnungslos hinter der Zeit war, konnte es auch nicht mehr viel ausmachen, wenn ich noch schnell den Blog veröffentlichte. An dieser Stelle noch einmal ein mega „Obrigada!“ an die Jungs und Männer vom Saftladen für die großartige Gastfreundschaft!

Ich kann es nun drehen und wenden, wie ich will: Es hilft nichts. Ich muss es tun. Ich muss erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Am Ende des Tages fehlen mir jedes Mal die entscheidenden Minuten (oder gar Stunden), um auf mein errechnetes Tagesziel zu kommen. Das habe ich jetzt seit Drei Tagen ausprobiert und seit Drei Tagen versumpfe ich entweder bei knapp über Sechzig oder knapp unter Achtzig. Oder ich würge mich mit dem letzten Sonnenlicht haarscharf auf´s Minimum. Doch wenn ich so weitermache, werde ich nicht rechtzeitig ankommen! Und so bleibt mir nur eine Wahl: Ein Rhythmuswechsel. Auf dieser Reise habe ich eins immer besonders genossen, solange noch Zeit dafür war. Das Aufstehen mit der Sonne. Ich habe beobachtet, dass – egal in welcher Zeitzone ich mich auch immer befinde – mein Biorhythmus vom Feuerball abhängt. Meine innere Uhr ist eine Sonnenuhr! Wenn ich mir den Luxus erlauben kann, mit ihr aufzustehen, gibt es ausnahmslos irgendwann am Morgen den großartigen Moment, in dem mich die Energie packt und aus dem Bett hochschnellen lässt. Dann kann ich es plötzlich kaum mehr erwarten, einem neuen Tag entgegenzugehen. Hingegen wenn mich ein Wecker aus der Tiefschlafphase reißt, kommt mich dieses energetische Gefühl meistens nicht mehr besuchen während des Tages. Dann schleppe ich mich halt irgendwie Richtung Feierabend. Motiviert vom Bett, in das ich zurück darf. Das ist übrigens kein Phänomen, das nur auf Reisen zu beobachten ist! Das gilt eigentlich immer…

Wie dem auch sei: Jetzt habe ich ein Ziel zu erreichen. Und das bedeutet: Wecker stellen!

 

 

Vor Virmond, Brasilien (Zelt an Tanke)

Tages-Km: 77,19km / -Zeit: 5:32h / -Höhenmeter: 1.216m

Gesamt-Km: 24.379km / -Zeit: 1.658 / -Höhenmeter: 207.443m

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382_Final Countdown: 19

Es bleiben mir noch Neunzehn Tage. Und ich habe Lust, mit Euch über das ganz große Glück zu plaudern!

Als ich im Hotel aufwache, freue ich mich, dass ich in ein paar wenigen Schritten in einem richtigen Bad bin. Weiß gefließt, warmes Wasser. Alle meine Geräte hatten eine Steckdose gefunden. Dass der Computer trotzdem nicht vollgeladen ist, hängt mit meinem eigenen Versäumnis zusammen, die Stecker auch richtig in die Buchse zu drücken… Ich bin irgendwie noch müde. Aber ihr wisst ja: Ich muss trotzdem raus aus der gemütlichen, blitzsauberen Matratze. Den Rest wird schon der Frühstückskaffee erledigen, der im mehr als fairen Preis von Zwanzig Euro inkludiert ist. Ich werde mal schnell hinuntergehen. Und währenddessen überlege ich, ob ich anschließend wohl ein hübsches Café am Straßenrand entdecken werde, wo ich zum gehabten Kaffee auch noch was Nettes essen könnte. Da biege ich gerade einen Stock tiefer um die letzte Ecke vor dem Kaffee-Raum und sehe eine Art Fatamorgana: Semmeln, Schinken, Käse, Marmelade, Kuchen, Panettone, Toastbrot, frisches Obst, Obstsaft, Milch, Kaffee, Kakaopulver, Tee… ich bin im Himmel!

Drei Stunden zurück im Tagesverlauf regnet es wieder einmal, was die brasilianischen Wolken hergeben. Doch als ich mein Rad jetzt aus der Hotelgarage schiebe, ist es trocken. Ich fahre zufrieden Richtung Stadtzentrum und habe noch ein paar Pünktchen auf meiner Erledigungsliste: Eine Telefonkarte, Seife und Sonnencreme, ein bisschen Obst und Brot für unterwegs. Ich entdecke zuerst einen Telefonladen. Hier könnte man meinen, hätte mich das anfängliche Glück schon wieder im Stich gelassen, denn keiner der Zwei Chips will von meinem deutschen Telefon angenommen werden. Auch nicht, wenn ich schon bezahlt habe. Doch als es draußen wieder in Strömen zu regnen beginnt werde ich drin ein bisschen ruhiger: Jetzt sitze ich hier über eine Stunde und gehe am Ende mit leeren Händen hinaus. Aber immerhin mit trockenen Händen! Denn als ich nach hoffentlich erfolgreicher Stornierung der Kartenzahlung endlich die Weiterfahrt antrete, scheint fast die Sonne! Das ist das Stichwort: Sonnencreme! Als hätte das Universum wieder einmal meine Gedanken gelesen, stellt es mir jetzt einen Laden mit allerlei Naturprodukten in die Einkaufsmeile. Die Seifen sind spottbillig: Wo Argentinien Sieben Euro für eine wollte bekomme ich hier für die selbe Marke Zwei Stück für Zwei Euro. Sonnencreme gibt´s leider nur eine. Aber die ist im Angebot. Was will man da sagen: Nehm ich!

Jetzt hätte ich wieder ein bisschen Hunger. Und mein Schicksal schickt mich zum zweiten Mal in den Himmel: Ein super Supermarkt! Ich suche natürlich erst mal die Toilette auf: Blitzsauber auch hier und auch noch Papier. Und Seife. Unten im Laden entdecke ich zuerst ein kleines Töpfchen pures Gift. Doch weil es gar so klein und unschändlich wirkt, lasse ich mich heute einmal aller Vernunft zum Trotz von dem Irrglauben eingarnen, dass Schoko-Haselnusscreme auch glücklich macht. Und dann laufe ich schnell zu den Äpfeln, um wenigstens auch ein bisschen gutes Gewissen einzukaufen. Was wiederum in der Brotabteilung von ein paar süßen, kleinen Teigkugeln aufgewogen wird. Wenn ich noch ein bisschen mehr Glück habe heute, dann sind das kleine Minikrapfen!

Fertig bezahlt, Karte hat auf Anhieb funktioniert, das Fahrrad steht noch da. Es hatte überhaupt den perfekten Platz während meines Einkaufsbummels: Ein Geländer, an das ich es anlehnen und gleichzeitig ansperren konnte. In Eingangsnähe, wo keiner sich so schnell an einem Rad zu schaffen machen mag, unter Dach, falls noch ein Regenschauer kommen würde. Oder – wie im heutigen Fall: Von der prallen Sonne geschützt im Schatten. Dort wage ich mich an die Tüte der Teigkugeln und ich kann´s nicht glauben: Es sind tatsächlich Krapfen! Und die Äpfel schmecken herrlich saftig. Die alten Plastiktüten, die sich so angesammelt haben in meinen Taschen, werfe ich gleich mal in den Mülleimer. Und für diesen muss ich keinen halben Kilometer um´s Gebäude schleichen: Er steht nämlich direkt hinter mir!

Jetzt muss ich aber weiter. Ach, die Musik heute ist gut! Normalerweise muss ich mich mit halber Wahrscheinlichkeit fürchterlich über den grauenvollen Mix ärgern, den mir die Random-Taste beschert. Doch heute habe ich den Algorithmus auf meiner Seite! Es ist unerklärlich, aber manche Tage die wollen einfach nur. Die sperren sich nicht und die arbeiten auch nicht gegen sondern für dich. Mit Handkuss. So komme ich trotz der verlorenen Zeit am Vormittag fast trotzdem noch auf meine Achtzig Tageskilometer. Weil der Himmel jetzt schon wieder verdächtig grau ist, frage ich lieber doch schon jetzt den Herrn vom Straßenrestaurant, ob ich auf seinem Parkplatz zelten dürfte. Dann könnte ich bei ihm auch noch auf die Toilette gehen, mich dort ein bisschen waschen und anschließend bei ihm essen und einen frisch gepressten Saft trinken, denke ich mir. Das tue ich! Doch ich schlafe nicht auf seinem Parkplatz, ich schlafe unter einem kleinen Blechdach in seinem Garten. Und bevor ich das tue, darf ich in seinem Weinkeller duschen gehen. Warm! Und weil er solange nicht warten will, erklärt er mir, wo alle Lichtschalter sind, wie ich das Tor später abschließe und drückt mir die Schlüssel seines Kellers in die Hand. Bezahlt für meine Abendessen habe ich noch nicht. Das kann ich auch noch morgen, hat er gemeint. Ich werde nicht gehen, ohne zu bezahlen, habe ich ihm versichert. Da freut er sich merklich. Und dann verabschiedet er sich mit einem erleichterten Lachen und einem festen Händedruck in seinen Feierabend.

Was meint ihr: War das nicht ein purer Glückstag?

…draußen regnet es jetzt übrigens wieder. Aber wen stört´s. Ich hab ja Wellblech über mir.

 

 

 

Guaraniacu, Brasilien (Zelt/Zanatta, Salada de Frutas)

Tages-Km: 74,87km / -Zeit: 4:42h / -Höhenmeter: 707m

Gesamt-Km: 24.302km / -Zeit: 1.652 / -Höhenmeter: 206.227m

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381_Final Countdown: 20

Es ist ganz schön bucklig hier. Und so muss ich ganz schön buckeln, das kann ich euch sogar singen! Puuuh, aber jetzt nicht lockerlassen. Mindestens Einundachtzig. Das gilt. Ob es Kröten oder Mäuse hagelt, darunter bleiben gibt´s nicht! …außer gestern.

Mein Ziel ist heute eine Dusche. Und dafür muss ich ganz schön eseln! Diese kleinen Buckel, die an sich ganz leicht von der Kette gehen, haben´s in der Summe und gegen Ende des Tages dann doch ganz schön in sich. Sie werden zwar nicht höher oder steiler, aber meine Energiekurve wird deutlich flacher. Mit dem mittelstarken Wind, der heute zudem stetig an meinen Rockzipfeln zerrte, bin ich doch ziemlich erleichtert, als ich bei schon vollständiger Dunkelheit endlich in ein Hotel einchecke. Soll ich mich wieder fragen, warum ich das tue?

Nein! Ab heute gibt es kein „Warum?“ mehr. Ab heute gibt es das „Darum!“ Denn heute hatte ich die schönste Bestätigung im Postfach, die ich für die ganze Kämpferei kriegen könnte. Mein Bruder hat geschrieben: Angi, Coletta, … ihr habt Karten für die Eröffnungsfeier!

 

Cascavel, Brasilien (Zelt)

Tages-Km: 95,52km / -Zeit: 6:48h / -Höhenmeter: 1.269m

Gesamt-Km: 24.227km / -Zeit: 1.648 / -Höhenmeter: 205.520m

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380_Final Countdown: 21

Machen wir doch gleich weiter mit dem Thema „Grenzen“! Heute stand (ich) nämlich wieder (an) eine(r) an. An der allerletzten auf meiner großen, langen Reise. Leute, ich bin in Brasilien!

Ab sofort muss ich mich umgewöhnen. Wenn mich jemand fragt, wo ich hin will mit alle dem Gepäck, so habe ich bisher immer gesagt: „Nach Brasilien“. Heute ist mir das einmal so passiert. Dann hat mein Gegenüber etwas die Augenbrauen hochgezogen (und sich wohl gefragt, ob die noch ganz frisch ist unter´m Helm). „Also, ich meine natürlich: Jetzt geht´s nach Rio!“

 

 

Vor Medianeira, Brasilien (Zelt)

Tages-Km: 61,34km / -Zeit: 4:46h / -Höhenmeter: 829m

Gesamt-Km: 24.1320km / -Zeit: 1.641 / -Höhenmeter: 204.251m

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