Machu-Picchu-Scheid

Das Ende der Busfahrt hat mir bestätigt, dass ich hier tatsächlich niemals mit dem Fahrrad hätte herkommen wollen: Steine, Staub und Steil! Die pure Hölle für mein pinkes Fräulein wäre das geworden. Doch um den Pass ist es elend schade. Ihn durch die Karosserie des Tourbusses zu sehen, hat mir schier das Herz gebrochen. Wie gerne wäre ich da draußen gewesen, die Nasenspitze in die kühle Höhenluft, uneingeschränkter Rundumblick, ein fast unendlicher Aufstieg gefolgt von einer noch viel unendlicheren Abfahrt. Von Viertausenddreihundert runter auf Eintausendachthundert… irgendwann Mal! Vielleicht ja mit Papa…

Kaum angekommen an der Endhaltestelle, hat mich schier der Schlag getroffen. Ich war in Sieben Stunden von Cusco bis zum Münchner Stacchus gekommen! So viele bunte und schräge Leute auf einem Haufen hatte ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und eigentlich hätte ich mir das auch problemlos noch eine Weile verkneifen können! Doch jetzt waren sie ja schon mal da. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: Hinter ihren vollgestopften Rucksäcken hertrippeln oder überholen. Ich überholte. Aber so eine gute Idee war das vielleicht auch wieder nicht. Denn: Im Zentrum der Bayrischen Hauptstadt war gerade Viehscheid gewesen! Und die freigelassenen Rindviecher trotteten jetzt in einer kilometerlangen Herde Richtung Aguas Calientes, dem Örtchen des Eingangs zum Machu Picchu. Bis ich die alle überholt hatte, war ich am Ziel. Oder mit anderen Worten: Es war dies mein längster Überholvorgang aller Zeiten. Zweieinviertel Stunden hat er gedauert. Exakt so lange, wie mein Marsch von der Bushaltestelle bis zum Hotel. Erst als ich meine Hotelzimmertür in den Anschlag haute, konnte wieder Ruhe einkehren.

Ich habe gut geschlafen. Doch für den großen Tag heute musste ich mir was anderes überlegen, um dem Rummel auszuweichen. Ihr meint jetzt vielleicht, ich sollte in aller Hergotts Frühe aufstehen und bei Tagesanbruch schon wieder auf dem Heimweg sein, wenn die meisten Langschläfer erst den Aufstieg antreten? Nein, denn das tun hier alle. Um Sechs, um Fünf, um Vier gar schon schnüren sie ihre Bergschuhe und hächeln wie die Blöden Richtung Ruinen. Oder kämpfen um den ersten Bus. Und ich? Ich habe mich da noch Fünf Mal umgedreht. Dann in aller Gemächlichkeit der Dusche eine Zweite Chance gegeben, mich in Aguas Calientes auch tatsächlich mit warmem Wasser zu versorgen. Haare gewaschen, fein gemacht, frühstücken im Ort. Dort habe ich mich noch ein bisschen über lokale Interessantheiten aufschlauen lassen und dann gegen Zehn den Aufstieg begonnen. Mitten in der größten Mittagshitze. Doch wozu habe ich schließlich die ganze Zeit in der zentralamerikanischen Saune trainiert? Heute war Zahltag, denn ich war tatsächlich die Einzige auf weiter Flur, die nach oben unterwegs war. Aller Gegenverkehr bedauerte mich, dass ich noch so viel vor mir hatte. Aber ich hab´s einfach nur genossen. Eine geschlagene Stunde lang Treppenlaufen ohne irgendwelche an Rucksäcken baumelnde Aluflaschen vor der Nase – Geilomatik!

Und dann war es so weit: Ich war drin – der Turbolader zur Geilomatik. Der Anblick raubte mir schlicht den Verstand! Was hatten die für ein Verständnis für funktionierenden Städtebau damals. Dabei so simpel: Es wurde gebaut mit dem, was an Materialien in der Nähe verfügbar war. Klar, wie sollte fremdes Baugut dort hinauf geraten. Und wieso sollte man sich so eine Schlepperei antun? Nein, nein, es gab genügend Naturstein und Holz vor Ort, um sich ein Städtchen zu bauen. Und wenn man so pragmatisch und simpel denkt, errichtet man eine Siedlung, die sich ganz von selbst in die Landschaft einfügt, als wäre sie dort aus dem Boden gewachsen. Diese Stadt, ihr Wegesystem, ihre öffentlichen Plätze, ihre Häuser und deren Erschließung, alles liegt einfach so derart auf der Hand, dass es eine pure Freude ist, sich durch die Gassen und Pfade und Natursteinstufen leiten zu lassen. Aber was rede ich lange: Genießt die Bilder und urteilt selbst!

Jetzt ist es schon wieder einen Tag zurück. Ich hatte einen großartigen Tag dort oben. Klar, waren auch dort ganze Horden anderer Touristen unterwegs. Doch dort störten sie nicht mehr so stark, wie auf einem engen Fußpfad entlang der Zugschienen. Im Gegenteil: Fast hauchten sie dem Ruinenstädtchen so etwas wie Leben ein. Und trotzdem fand ich am Nachmittag ein kleines Feld, in dem ich ungestört für eine Stunde Schäfchen zählen konnte. Ich blieb so lange, bis die Wächter mich aus der Stätte pfiffen. Und dann huschte ich flugs ein letztes Mal vorbei an all denjenigen, die sich am Ausgang wieder um die letzten Busse keilten und spurtete dem Tal entgegen. Unterwegs erklärten mich sicherlich die paar wenigen ehrgeizigen Fußgänger für irre, als ich sie überholte. Aber wenn ich nach Zwanzigtausend Kilometern nicht die Kraft in den Oberschenkeln habe, hier die paar Stufen auch wieder federleicht hinunterzuhüpfen, dann weiß ich auch nicht. Es war die reine Freude. Fünfundzwanzig Minuten – ein absolut befriedigender Abschluß eines einzigartigen, unvergesslichen Tages!

Genauso wie der Rückweg der Viehscheidstrecke, denn heute war ich so früh dran, dass ich wirklich die meiste Zeit die Gleise für mich alleine hatte. Eine ganze Stunde länger habe ich die Wanderung genossen. Und nichts getan als in die Luft geguckt und sinniert. Es wartet jetzt der Siebenstündige Rücktransport von München nach Cusco auf mich. Doch das Fazit ist positiv. Ich bereue es nicht, hergekommen zu sein!

396 total views, 14 views today

332_Tag 17: Der Desillusionierende

Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich fahre auf jeden Fall bis Ollantaytambo. Dieser Ort liegt in etwa auf halber Strecke zwischen Cusco und Machu Picchu. Von da aus werde ich entweder den billigen Zug nehmen oder – wenn ich den nicht billig kriege – mit dem Rad doch noch den Weg ins Tal antreten, den letzten, hohen Pass fahren und dann eben rauswärts den teuren Zug nehmen. …soweit der Plan. Nach Zwei Kilometern Fahrt habe ich Sam und Jack aus England getroffen. Die beiden sind mir entgegen gekommen und haben mir ein bisschen von der Strecke erzählt. Nun, die Essenz: Da hinten im Tal, nein, da will ich nicht mit dem Fahrrad fahren. Und in Ollantaytamnbo will ich genauso wenig meine Basisstation haben: Um dort anzukommen, dürfte ich zwar heute einige Kilometer bergab fahren, aber die müsste ich nach meinem Inca-Ausflug wieder hinaufreiten. Fazit: Ich fahre lieber gleich nach Cusco und organisiere mich von dort aus. Und eine Bleibe weiß ich dank Sam und Jack nun auch schon!

Es geht an noch ein paar Höhenmeter hinauf bis kurz vor Cusco die Straße erneut einen Hochpunkt erreicht und mich dann hinunter in den Stadtkessel saugt. Kaum bin ich an diesem Wendepunkt, zieht der Himmel den Wolkenvorhang zu. Es beginnt zu regnen. Und es wird richtig kühl, fast schon kalt. Mir stellt sich eine Gänsehaut auf. Aber ich könnte nicht exakt beziffern, ob die temperaturbedingt ist oder vom erschreckenden Anblick der so hochgelobten Stadt kommt: Es ist grauenvoll hier! Eine völlig überdimensionierte Straße windet sich hinunter in Zentrum. Ihre Ränder verschwinden unter Bergen von Müll und alten Schrottkarren, die garantiert niemand jemals wieder auf Vordermann bringt. Ganze Rudel von reudigen Kötern schnüffeln und wühlen sich durch die Abfallsäcke. Oder bekeifen sich gegenseitig, rennen wie ferngesteuerte Straßenbanden durch den fließenden Verkehr, bringen Autos zum Ausweichen oder Anhalten. Auf dem Bürgersteig hocken wie auf einer Kette aufgefädelt übergewichtige Peruanerinnen auf einer Decke auf dem Boden, wo sie Obst oder Gemüse oder irgendwelchen Krimskrams verkaufen. Das soll wohl so eine Art Markt sein…

Ich will nicht hier sein! Die Athmosphäre ist grauenvoll, die Leute schauen grimmig und gestresst, es stinkt nach Straßendreck und Abgasen. Ein paar Bläsergruppen tröten schräg auf irgendwelchen Hinterhöfen, wo ein paar große, mit Glitzerfolie überzogene Kreuze mit angepinnten Heiligenbildern gegen eine Mauer lehnen. Das nennen die hier „Fest“. Den oder dem Stadtheiligen zu Ehren. Doch wenn man mal ganz ehrlich und nicht allzu wohlwollend urteilt, handelt es sich hierbei um nichts als legalisierte Lärmbelästigung der Anwohnerschaft. Es ist einfahc nicht auszuhalten, wie die ihre Instrumente plagen! Ich setze mich an die Einfahrt zu einem Parkplatz, um mein GPS zu konsulltieren, wo die empfohlene Biker-Herberge wohl sein mag. Doch mein idiotisches Gerät (oder die App) verweigern die Suchfunktion. Ich müsste zuerst das geeignete Kartenmaterial erwerben, um mir den Straßennamen anzeigen lassen zu können. Derweil sind alle Straßennamen vorhanden, wenn ich in die Karte zoome. Warum nur habe ich es immer mit der schlimmsten Delinquenz zu operieren, die der Markt an Elektrogeräten hergibt? Während ich das Gerät zweimal neu starte, hupen mir ein paar Verrückte direkt in die Ohrmuschel. Sie wollen alle auf den Parkplatz, der aber leider voll ist. Jetzt hupen die hier ein paar lücken frei, oder was?

Ich geb den Kampf auf. Navigiere mich manuell an den Ort, der es vielleicht sein könnte. Und tatsächllich finde ich die Straße! Doch als ich am Ende der Avenida ankomme, weiß ich, dass ich das Hostel nicht gefunden habe. Es war also der ganze Aufwand für die Katz. Ich muss mir was Neues suchen. Gut, es gibt hier genügend Unterkünfte! Doch so günstig, wie „La Estrellita“ scheinen mir die hier nicht. Und andere Radler werde ich da vermutlich auch nicht antreffen. Cusco ist Kacko! Und ich will hier eigentlich nur wieder weg aus dieser Höllenstadt.

„Looking for the place where all the bikers are?“, fragt mich ein blonder junger Typ vom Gehsteig. “Ja!”, sage ich. “Na dann komm! Ich wohne auch dort und bin grad auf dem Weg. Ist gleich da vorne!“ Und möglicherweise nimmt der Tagesverlauf jetzt eine Wendung…

 

 

Cusco, Peru (Hospedaje „La Estrellita“)

267 total views, 11 views today

331_Tag 16: Der brillante Vierte

Zum Schluß noch ein echter Hammer. Oder besser sollte ich schreiben „zum vorläufigen Schluß“, denn noch immer habe ich mich nicht ganz endgültig entschieden, wo mich morgen die Straße hinführen soll: Direkt nach Cusco, von wo aus ich einen teuren Bus oder Zug in die Gefilde des Machu Picchu nehmen müsste. Das Rad würde ich solange in der Stadt lassen. Oder fahre ich dem wunderbaren Inka-Relikt mit dem Rad entgegen. Je nachdem, wie weit ich das tun würde, kostete mich das gut eine Woche. Und noch einen sicherlich atemberaubenden Pass. Im Moment wäre mir danach. Ich könnte hier noch ewig die Berge rauf und wieder runter gurken. Ich krieg nicht genug davon!

Geregnet hat es gestern nicht. Aber dennoch war es eine gute Entscheidung, mich in Limatambo in das kleine Familienhostel einzuquartieren. Es war irgendwie ein süßes Zimmerchen: knarzender Holzbretterboden, ein großes Bett mit vielen, warmen Decken und fester Matratze, ein Stuhl und ein Holzgestell für einen Fernseher, den ich um Himmels Willen nicht angeschaltet habe! Ich habe zwei Mal gut geschlafen, in diesem Nestchen: Einmal vor und einmal nach dem Abendessen. Und das war eine gute Grundlage für die Fortsetzung des gestern schon angetretenen vierten Passes. Dieser war der zweit längste und tatsächlich hat er mich einigermaßen erschöpft! Es ging gestern schon los, ganz dort unten am Fluss, als plötzlich die Steigung etwas anzog. Es ist unglaublich, aber nur ein paar wenige Neigungsprozente entscheiden darüber, ob du durchziehst oder durchhängst. Nun, durchhängen ginge noch anders. Aber so locker wie bei Nummer Drei ging´s mir heute auch nicht. Der letzte Pass hatte einfach das perfekte Gefälle, das dich in kaum spürbarem Bergauf wie in einem Lift Richtung Passhöhe zieht. Da war heute und gestern schon deutlich mehr Beinarbeit nötig! Für die Kenner meiner Heimat war der dritte Pass etwa das Oberjoch (nur viel länger) und der heute eher vergleichbar mit der Rettenberger Steig, dem Adelharz oder einer Fahrt von Oberstdorf ins Kleinwalsertal. Ebenfalls viel länger, versteht sich. Jedenfalls habe ich den ersten körperlichen Pausepunkt nach knappen Zwölf Kilometern einlegen müssen. Fast hätte es mir da schon gereicht. Aber meine Karte, mein Tacho und mein Höhenmeter waren sich leider zu einig: Das ist erst die Hälfte, liebes Fräulein!

So habe ich mich nach ein bisschen Obst und Zwei Pancitos mit Bremsgummi-Käse wieder in den Sattel gehievt. Die Beine taten noch, wenn auch schon ein bisschen schwerer. Da gönnte ich mir wieder ein bisschen Musik. Nicht, weil die Landschaft eine Übertünchung nötig gehabt hätte, aber eher deshalb vielleicht, dass ich mich selber nicht atmen hören musste und so dauernd daran erinnert wurde, welche schwere Arbeit ich gerade und noch zu verrichten habe. Es beschwingt mich einfach immer und ich denke dann nicht an meine immer träger und lahmer werdenden Oberschenkelmuskeln. Tatsächlich lag dort heute der Fokus des Geschehens. Während es bei flacheren Stücken meist an die Lungen geht. Nun, ich habe mich also artig zusammengerissen und Umdrehung für Umdrehung die zweite Hälfte des Passes absolviert.

…fast, muss ich sagen. Denn irgendwann – und das war noch nicht der höchste Punkt – konnte ich nicht mehr. Da habe ich das Angebot einer bekiesten Fläche am Straßenrand wahrgenommen und mich für ein halbes Stündchen ins Gras in die Sonne gelegt und powergenickert. Dann noch mein letztes Stück Apfelstrudel, noch ein Semmelchen mit BG und ein paar Kekse. Bevor ich mich dann wieder aufraffte – und diesmal grenzte es wirklich schon fast an Folter, sich aus dem weichen Gras wieder zu erheben und sich noch einmal zu motivieren! Bevor ich mich also an das letzte Stück zwang, war ich neugierig, wie viele Höhenmeter mir denn jetzt noch fehlten. Ich war bei Stand 1000 abgebogen. Und hatte folglich kaum mehr was vor mir, wenn Karte und Tacho noch immer stimmten. Und deshalb genehmigte ich mir ein bisschen Zeit zum Fotografieren.

Wie soll ich euch das nun wieder beschreiben? Wenn es doch schlicht und einfach unbeschreiblich ist hier! Schon bis kurz vor meinem Schläfchen kletterte ich durch –zig Haarnadelkurven zwischen grünen Wiesen, Mais- und Zuckerrohrfeldern, zwischen Gärten und kleinen Lehmhäuschen hinauf. Am Straßenrand grasten zumeist angebunden aber mit zutiefst glücklichem Gesichtsausdruck Kühe, Esel und viele, schwarze, haarige Schweinchen. Die waren heute die putzigsten, wie sie dort vor dieser bomben Aussicht ins Tal in aller Seelenruhe vor sich hin grunzten. Sogar die Hunde haben hier oben ihre Aggressivität abgelegt: Sie lagen zumeist faul an einem sonnigen Plätzchen und ließen sich ihre Pelze aufheizen. Die Katzen ja sowieso. Dazwischen scharrten immer wieder ein paar Hennen vor einem kleinen Einfahrtshof. Die Häuschen hier sind sehr bescheiden. Eigentlich nie verputzt und wie gesagt: Aus Lehmsteinen gemauert. Dann gibt es ein paar Holztüren, eine Art Balkon ohne Geländer als Zugangssteg zu den Türen im Obergeschoss, Ziegeldeckung und fertig. Wenige Fenster, denn Glas kann man sich nicht leisten. Und vor dem Haus steht immer irgendwo ein Waschbrunnen und es hängen ein paar Kleider zum Trocknen an einer Leine. Manchmal passiere ich ein paar alte Peruanerinnen, die im Schneidersitz am Straßenrand hocken und in ein ausgebreitetes Tuch Maiskörner schälen. Während die Männer eher auf den Feldern buddeln oder mit ein paar Handwerklichkeiten beschäftigt sind. Es geschieht hier schon was auf den Gipfeln der Anden. Aber es geschieht mit Ruhe und Bedacht!

Und dann fahre ich irgendwann um einen Felsvorsprung und bemerke, dass ich nun Abschied nehmen muss von diesem Tal. Es tut sich der Blick in ein anderes auf. Doch ich bin schon zu hoch, um noch richtig durch die bewohnten Gefilde zu kommen. Hier zieht plötzlich etwas anderes die Aufmerksamkeit auf sich: Die Berge! Ich bin etwa auf gleicher Höhe, wie die meisten Gipfel hier. Sie reihen sich ganz weit hinten am Horizont zu einer langen, spitzigen Kette. Über ihnen blauer Himmel, weißes Sonnenlicht und etwas näher bei mir ein paar dicke, pauschige Wolken. Doch plötzlich bewegen diese sich und es bohrt sich ein einzelner Gipfel in die Lüfte empor. Das ist der Kaiser dieser Region! Mit seinem schneeweißen Haupt steht er plötzlich da wie ein Wächter und lässt alle Drei- und Viertausender Gipfelchen neben sich wie Zwerge erscheinen. Was für ein beeindruckender Anblick! Schon wieder konnte ich nicht genug davon bekommen und habe fast eine ganze Stunde damit zugebracht, ihn in allen möglichen Momentaufnahmen mit meiner Kamera einzufangen. Ich hätte noch stundenlang zusehen können, wie sich die Wolken ihm wieder um den Kragen legen, ihn bis zur Unsichtbarkeit einhüllen und dann sich wieder verflüchtigen, bis seine Silhouette wieder den Horizont dominiert. Ein spektakuläres Schauspiel!

Doch dann wurde es Zeit, auch dieses Tal hinter sich zu lassen. Ich stieg noch die letzten Fünfzig Höhenmeter hinauf, drehte mich ein letztes Mal um und tauchte dann hinein in ein anderes Bilderbuch: Es fiel diesmal nicht in gleicher Manier in Serpentinen und Haarnadelkurven hinab in ein weiteres Tal! Nein, die Straße führe mich in einem Mikrogefälle und schnurgerade hinein in eine weite, flache Suppenschüssel. Kein V-Tal, eine Art Hochebene lag jetzt vor mir! Und hier liege ich jetzt im Zelt, nach einem knappen Stündchen des Rollenlassens und Tretens auf flachem Terrain. Und bevor ich morgen auf den anderen, nicht allzu hohen Rand der Schüssel wieder hinauffahre, muss ich mir darüber klar werden, wie es weiter gehen soll…

 

 

Kurz vor Anta, Peru (Zelt)

Tages-Km: 52,53km / -Zeit: 5:12h / -Höhenmeter: 1.113m / ~3.300 müNN

Gesamt-Km: 20.500km / -Zeit: 1.406h / -Höhenmeter: 188.081m

275 total views, 9 views today

330_Tag 15: Der Leidende

Der Titel des heutigen Blogs ist eigentlich weniger dem Tag selbst, als vielmehr einem anderen Radfahrer gewidmet, der mir heute des Weges gekommen ist. Zunächst habe ich nur sein Rad am Straßenrand gesehen und ich dachte mir – wie man das unter Artgenossen eben so macht: Ich sag mal kurz „Hallo!“. Doch als ich den Fahrzeughalter vom Bachbett herauf schleichen sah, wurde daraus ein spontanes „Um Himmels willen, ist alles in Ordnung mit dir?“ Es stellte sich heraus, dass eigentlich alles bestens war. Er erfand nur schnell eine Ausrede: Wasser würde ihm dringend fehlen. Da erinnerte ich den knapp am Verdurstenden, dass er gerade noch an einem reißenden Fluss gestanden haben muss. Und wenn ihn das Flusswasser nicht vor dem Sterben retten kann, gibt´s da gleich ein paar Läden, wo er sich davon kaufen kann. In weniger als einem Kilometer in seiner Fahrtrichtung und bestimmt ausreichend, dass er noch ein paar Höhenmeter machen kann, bevor der Sensenmann ihn das nächste Mal in Form von Flüssigkeitsmangel heimsuchen kann. In Wirklichkeit hat diesem Typen überhaupt nichts gefehlt! Außer vielleicht ein anständiger Gesichtsausdruck. Also wirklich wahr. Ihr denkt jetzt bestimmt, ich bin heute ein bisschen penibel. Mir sei womöglich eine Laus über die Leber gelaufen oder ich hätte meine Tage oder so. Aber nein, nein, nein: So ist es nicht. Ich kann nur solche Schleicher ums Teufelholen nicht ausstehen! Leute, die mitten im Paradies hocken und dort Fahrradfahren zum Beruf haben und gleichzeitig eine Fresse ziehen, als wäre dies die schlimmste Strafarbeit. Wie kann man nur in so einem herrlichen Tal so ein grausig griesgrämiges Gesicht machen? Die Mundwinkel streng nach unten, die Augenlieder auf Halbmast gezogen, Schultern und Kopf hängen wie an schlaffen Marionettenfäden und wenn es den Mund auftut, dann spricht es nicht, es haucht. Aber dann durch die Rolle des armen, schwerst leidenden Tschechen versucht er mir, gratis ein paar Landkarten abzuknöpfen. Dafür ist er ja nicht zu schwach! Während im Hintergrund ein Fahrrad mit teuerster und hochwertigster Ausstattung – zumindest was die Taschen angeht – glänzt! Aber einen Teufel kriegt so einer von mir, der eine solch verlogene, geheuchelte, stinkende Energie verbreitet. Alles was der von mir kriegt, ist ein Pseudonym: Der Wandler! …oder doch besser: Der Winsler?

Naja, ich weiß ich bin ein bisschen hart mit dieser lumpigen Erscheinung. Aber wenn heute einer Jammern darf, dann bin ja wohl ich das! Ich habe nämlich gestern ein an sich tolles Zeltplätzchen gefunden. Mitten in einem Kreis von Dornbüschen, wo mich so schnell keiner überfällt. Dass ich mir dafür die Waden ordentlich zerkratzen habe lassen von den widerborstigen Stauden, ist ja wohl selbsterklärend. Was tut man nicht alles für die eigene Sicherheit. Doch Sicherheit schützt vor einer Bescherung nicht! Heute Früh waren nämlich meine Beine nicht nur über und über (und nochmal über) zerkratzt, sondern zudem auch noch dick angeschwollen, rot und gnadenlos zerstochen. Und nicht nur die Beine: Diesmal haben mich die Wanzen auch am Handgelenk, Ellbogen, Hals, der Stirn und den Schläfen erwischt. Die Bügelaktion hat also rein gar nichts gebracht. Außer vielleicht, dass ich durch die künstliche Wärme ein paar Eier vorzeitig ausgebrütet und den Schlüpfvorgang beschleunigt habe. Was für ein Drama, diese Bettwanzen! Ich bin wirklich ratlos. Das einzige, was mir einen Hauch von Trost spendet, ist die Aussage einer Französin, die mir heute Vormittag – noch vor Dem Wandler – begegnet ist: In Cusco starten so viele Touristen mit Trekkingtouren, da kannst du bestimmt einen neuen Schlafsack kaufen. Das werde ich! Und wenn es einen gibt, der mir zusagt und mich nicht in eine persönliche Finanzkrise schlittern lässt, wenn ich also tatsächlich einen neunen in meine Arme schließen können sollte, dann werde ich als nächstes einen riesigen Scheiterhaufen Brennholz zusammenklauben und die Wanzen samt Daunengehäuse den Flammen übergeben. Das ist der Umgang, der ihrem nun mehr monatelangen Un-Tun gebührt. Das ist es, was sie verdienen! …gut, vielleicht sagen wir dem Tierschutz trotzdem lieber nichts davon. Wir lassen das einfach als „Angrillen“ laufen.

Sonst war es ein sehr schöner Tag heute! Es ging erst Mal die toskanischen Hügel hinunter bis zu einem beeindruckenden Fluss. Bis auf etwas unter Zweitausend Meter über NN. Und von da an wieder rauf. Zunächst ganz sachte entgegen den Lauf eines Zweiten Baches. Dann kam für eine kurze Strecke ein etwas steilerer Anstieg, bevor es sich wieder für eine halbe Stunde sanft nach oben arbeitete. Wolkig war es heute. Und nach dem ersten steileren Stück eröffnete sich mir ein etwas „schauriger“ Blick auf das Nachmittagswetter: Regen! Doch zunächst hatte ich noch Glück und konnte in ein Seitental entweichen, wo die Wolken etwas weniger dicht hingen. Natürlich: Hinter mir war hellblauer Himmel mit ein paar weißen Schäfchenwolken spielten im warmen Sonnenschein. Das dürfte etwa dort gewesen sein, wo Der Wandler auf Garantie noch immer ein Gesicht zog wie Zehn Tage Regenwetter. Aber haken wir den Typen endlich ab. Es gab nämlich noch eine weitere Begegnung heute. Kurz vor meinem spontan angesetzten Tagesziel namens „Limatambo“, wo ich mir Unterschlupf vor dem anrollenden Regenschauer suchen wollte. Ich musste es gleich erreicht haben und knetete mich hochmotiviert noch die letzten Meter hinauf ins Dorf, da überholt mich ein blauer Bus. Ein blauer Bus, den ich schon vorgestern getroffen habe und der außen wie innendrin der mit Abstand Schönste von allen Bussen ist: Der Bus von Claudia und Martin! Schon im Vorbeifahren winkte sie fröhlich aus der Beifahrertür heraus. Und Martin zog gleich vor mir einen flotten Schwung auf die Kiesfläche neben der Straße. Dann sprangen beide voller Schweizer Energie heraus und empfingen mich mit ausgebreiteten Armen. Wie schön war es, die beiden heute nochmal zu treffen! Ach hat das gut getan, nochmal ein bisschen gut gelaunten Wind unter die Flügel zu bekommen!

Und so bin ich nach diesem unserem zweiten Treffen ziemlich müde zwar vom beschwinten Heraufeseln aber ziemlich entspannt und zufrieden im warmen und sauberen Hostelbett eingeknackt. Noch immer juckten meine Beine zum Verrücktwerden. Aber es gibt zu diesem Thema vielleicht doch so etwas wie einen winzigen Hoffnungsschimmer: Auch bei Martin und Claudia habe ich ein, zwei winzige Stiche dieser Art gesehen. Und als ich mit der Frau vom Hostel noch kurz geredet habe, meinte sie plötzlich von sich aus: „Aaah, da haben dich die Mücken aber böse erwischt!“ – „Die Mücken?“, fragte ich zurück. „Ja, da unten im Tal! Aber du kannst beruhigt sein: Hier gibt es keine!“ und sie zeigte mit ausgestrecktem Finger in die Richtung, aus der ich gekommen war. Vielleicht sind die Beulen ja doch keine Wanzenbisse. Sondern Mückenstiche. Das würde zumindest erklären, warum ich die – wenn ich einmal ganz genau überlege – gestern Abend schon vor dem Schlafengehen mit meinem Leuchtmarker kennzeichnen konnte. Vielleicht bin ich doch überfallen worden, dort oben, hinter meiner Dornenhecke…

Wir werden es ja sehen. Möglicherweise schon morgen, wenn ich den Schlafsack schon wieder brauche. In Wirklichkeit hat es heute Nachmittag nämlich geschneit, als es da oben geregnet hat! Und morgen muss ich genau dort über den vorletzten Viertausender Pass vor entweder „Cusco“ oder „Macchu Picchu“ – je nachdem für welche Abzweigung ich mich entscheiden werde.

 

 

Limatambo, Peru (Zelt)

Tages-Km: 42,11km / -Zeit: 3:49h / -Höhenmeter: 843m / ~2.500 müNN

Gesamt-Km: 20.448km / -Zeit: 1.400h / -Höhenmeter: 186.967m

320 total views, 7 views today

329_Tag 14: Der Wandelbare

Alles war ein bisschen anders heute beim Aufstehen. Zum ersten Mal hatte ich im Zelt abgrundtief und gut geschlafen. Ich bin zwar wie sonst mit aufkommender Helligkeit aufgewacht, war aber wie aus dem Tiefschlaf gerissen. Das erklärt sich vermutlich damit, dass ich mich gestern körperlich nicht gerade verausgabt habe. Natürlich konnte ich deshalb nicht gleich einschlafen. Die Dunkelheit hatte mich zwar auf die Matratze gezwungen, aber von Müdigkeit war noch keine Spur. Da habe ich ein bisschen Musik gehört. Und schon war es nach Elf. Eine Uhrzeit, zu der ich sonst schon gut und gerne Drei bis Vier Stunden schlafe. Ich war also nicht gerade voller Power, als es heute los ging.

Dann war noch etwas anders: Seit ich weiß nicht wie vielen Tagen hat mich heute nicht die Sonne geweckt! Dicke Wolken und Nebel umhüllten mich auf meiner Fahrt in die Höhe. Manchmal konnte ich kaum sehen, was um mich herum geschah. Alles konzentrierte sich ziemlich auf den sportlichen Aspekt: Richtigen Gang finden, immer wieder entsprechend der wechselnden Straßensteigung anpassen, damit die Atmung gleichmäßig bleibt, einen Schluck trinken oder mal ein paar Minuten an den Straßenrand stehen. Dann weiter! Ich wurde von nichts abgelenkt: Keine Leute im Blumengras, keine außergewöhnlichen Tiere, nichts zu fotografieren. Einfach nur Radfahren. Das hatte durchaus was! Doch bei Dreitausenddreihundert spürte ich langsam die Lungenarbeit. Nicht, dass es merklich schwieriger wurde, aber ich wusste, dass ich ab jetzt am besten keine luftraubenden Spirenzchen mehr machen sollte, wenn es gemütlich bleiben wollte. Nicht Singen, nicht während der Fahrt trinken. Jede kleinste Bewegung warf mich da schon aus dem Atemrhythmus und es kostete mich viele Tritte, bis sich dieser wieder einspielte.

Trotzdem: So schön es war, sich einmal ganz auf das Radeln zu konzentrieren, so vermisste ich schon das Strahlen der Sonne. Dieser graue Wolkenhimmel drückt einfach auf´s Gemüt. So angenehm er auch Schatten spendet! Und so war mir heute nicht so zum Jubeln, wie beim ersten und zweiten Pass. Das große Triumpfgefühl wich einem spröden Pragmatismus: Aha, gleich oben. Gut. Überhaupt war es hier nicht so schön. Ziemlich öde Vegetation, alles halb vertrocknet, ausgerissene Bäume und ein paar brandgerodete Felder, in denen ein paar Peruaner herumstocherten. Ich habe bei Gott schon Schöneres gesehen! Bis ich oben an der allerletzten Kurve ankam: Da riß plötzlich für ein paar Minuten der Himmel auf und die Sonne setzte ein Spotlight auf Abancay, die Stadt, aus der ich gestern aufgebrochen war. Sie lag jetzt weit unten im Kessel und gerade für Dauer eines Abschiedsfotos erstrahlte sie im hellen Sonnenlicht. Dann zog alles wieder zu und ich fuhr die letzten Fünfzig Höhenmeter. Oben war gar nichts. Nicht mal ein lumpiges Schild oder gar eine Bucht, auf die man hätte hinausfahren können. Ich stand auf ungefähr Viertausend Meter über NN und kein Garnnichts wies darauf hin. Die Straße wölbte sich kurz auf und von nun sollte es bergab gehen. Am Straßenrand im Straßengraben zog ich mich um: Warme Strumpfhose, Daunenjacke. Dann ging die Abfahrt los. Es war richtig kühl! Während der anstrengenden Herauffahrt hatte ich das nicht bemerkt. Aber jetzt, da ich nur noch auf dem Rad zu sitzen brauchte und es hinunterrollen lassen konnte ohne jegliche Beinarbeit, jetzt wurde es winterlich frisch. Gegenüber auf den Berggipfeln hatte es sogar frisch geschneit!

Doch bald wurde es wieder wärmer. Und schöner! Es dauerte nicht lange, da hatten sich die Wolken fast ganz verzogen und die Andenlandschaft glich dem Schweizer Alpenland. Ich fuhr wieder in eine Art Bergkessel hinab und um mich herum lagen jetzt viele, kleine Ackerparzellen, in denen die Leute entweder pflanzten oder ernteten. Wieder wie im Wimmelbuch, wieder pure Idylle! Hier wälzte sich ein Hundchen im Staub, dort kauerten Schäfchen in der Sonne, Zwei alte Peruanerinnen ratschten an einer wärmenden Hauswand und eine Gruppe junger Männer kletterten auf einem Laster voller Maiskolben herum. Ich brauchte noch immer nicht zu pedalen. Ich ließ es einfach nur langsam dahinrollen und guckte in die Lüfte. So ging das, bis ich unten war im nächsten Ort namens Curahuasi. Ich hatte ein bisschen Hunger angesammelt und so setzte ich mich am Ortseingang in ein Café. Und es ist nicht zu glauben, aber es gab tatsächlich Apfelstrudel! Beim Herunterlenken durch die Schweizer Felder hatte ich von einem Apfelkuchen und Milchkaffe geträumt. Und jetzt stand beides vor mir auf dem Tischchen! Es scheint doch zu funktionieren, das mit dem „Wunsch ans Universum“…

Während des süßen Teilchens blätterte in mir langsam die Kraft von den Muskeln. Jetzt merkte ich, wie matt ich war. Klar, eigentlich. Seit Früh um Acht hatte ich nur Zwei kurze Pausen und Tausend Höhenmeter gemacht. Und gleichzeitig war ich am Tagessoll angekommen. Wie immer, wenn der Druck abfällt, wird man müde. Seeeeehr müde! Da beschloß ich, noch schnell Wasser und ein paar Chinesische Nudeln zum Mitnehmen zu organisieren und dann nur noch aus dem Ort raus zu fahren und mich bald auf´s Ohr zu legen.

Und kaum hatte ich die Häuser hinter mir gelassen, bekam ich noch eine letzte Überraschung für diesen Tag: Es tat sich nämlich am Ende der Siedlung nochmal ein Tal auf. Mit einer gigantischen Fernsicht und Blick bis weit hinunter in die Talsohle, in der wieder ein Bach auf mich warten wird. Davon hatte ich ja keine Ahnung! Oben lag frischer Schnee auf ein paar Bergspitzen und die vor mir liegende Landschaftsschüssel wirkte jetzt im warmen Abendlicht wie die Toskana: Ein Tal voller Weinberge und eine Straße, die sich in vielen Serpentinen dem schon im Schatten liegenden Tal entgegenwindet. Ein paar letzte Lehmhäuschen leuchteten in der warmen Sonne. Manche von ihnen ganz nach Italienischem Vorbild mit Mönch und Nonne eingedeckt. Es war wie damals auf unserer Studienfahrt ins Piemont. Nur, dass hier kein Wein angebaut wird, sondern Zuckerrohr und Mais. Und, dass es nicht ganz so saulustig zuging wie damals…

Aber kein Grund, sentimental oder gar melancholisch zu werden. Dieser Tag war das strahlend weiße Schäfchen im grauen Wolfspelz: Er ist besser und besser geworden und hat sich gen Abend von seiner flauschigsten Seite gezeigt. So müde ich jetzt auch bin, aber ich freue mich schon auf morgen, wenn ich wieder in den Sattel darf. Ich freue mich auf eine völlig unerwartete, zweite Hälfte Talabfahrt!

 

 

Curahuasi, Peru (Zelt)

Tages-Km: 66,02km / -Zeit:5:23h / -Höhenmeter: 1.004m / ~2.500 müNN

Gesamt-Km: 20.406km / -Zeit: 1.397h / -Höhenmeter: 186.123m

327 total views, 9 views today

328_Tag 13: Der fast Verlorene

Heute ist nicht viel passiert…streckentechnisch. Aber es war dennoch ein aktiver Tag! Ich befand mich seit dem frühen Frühstück im Rundlauf: Taschen packen, Geräte fertig laden, noch ein paar E-Mails beantworten, dann Duschen und raus ins Stadtleben. Frühstücken, Brot einkaufen als Proviant. Dann zurück zum Hotel, auschecken, Fahrrad beladen, zum Supermarkt, restlichen Proviant kaufen und ab die Post! Zu diesem Zeitpunkt standen die Zeiger bereits auf Mittag. Es ist wirklich unglaublich, wie viel Zeit dieses Fahrradaufpacken immer in Anspruch nimmt!

Jedenfalls musste ich mich erst einmal durch die Stadt am Hang wühlen, um überhaupt die richtige Richtung zu finden. Ich war nämlich nicht, wie fest angenommen, entlang der Hauptstraße abgestiegen. Nein, nein, die Hauptstraße hatte vor meinem Hotel eine Kurve nach links gemacht. Und als ich endlich an diesem Punkt war, dort, als die Kurve nach links zeigt, ging es verdammt steil nach oben. Gerade, aber wirklich mit Mühe und Not noch fahrbar! Doch nach einer halben Stunde Schwerstanstrengung wurde es wieder flacher und auch ruhiger: Ich war am Stadtrand angelangt. Ich war voller Energie. Eigentlich ging hier erst der Tag so richtig los. Denn im Stadtverkehr kann man sich nicht so richtig auf seinen Tritt und die Atmung konzentrieren. Das rückt erst wieder in den Vordergrund, wenn um einen herum weniger los ist. Und das war jetzt der Punkt – endlich!

Nach einem letzten Blick auf mein GPS, ob ich auch wirklich richtig unterwegs war, nahm ich noch einen Schluck Wasser und dann sollten noch Zwei ordentliche Stündchen Passfahren anfangen. Doch ich kam genau Zweihundert Meter weit. Einmal über die Straße drüber und auf den Kiesplatz der Take. Dort warteten nämlich Claudia und Martin, die beiden Schweizer mit dem tollen Bus. Sie hatten mich weiter unten im Verkehr überholt und jetzt auf mich gewartet, um mich zu grüßen. Das finde ich ja immer Klasse. Und am Ende ist aus diesem schnellen Gruß unter Reisenden ein richtig herrliches Plauderstündchen geworden. Klar, als wir uns verabschiedeten, war es kurz nach Drei. Ich hatte also noch eine knappe Stunde, um vollends aus dem besiedelten Gebiet herauszufahren. „Zwei Stunden Gas geben“ wurde also von der To-Do-Liste gestrichen und durch „dann halt morgen“ ersetzt.

Ich bin noch bis zum Sonnenuntergang gekommen. Richtig bis in die Wildnis habe ich es nicht mehr geschafft. Aber ich habe ein nettes Plätzchen an einem Dorfteich gefunden. Da hatte ich ein gutes Gefühl, eine grasbewachsene Ebene und fließend Wasser. Perfekt! Und wenn ich auch nicht ganz so weit gekommen bin, wie ich es mir vorgestellt hatte, immerhin die Fünfhundert Höhenmeter Mindest-Soll habe ich geschafft. Denn damit bleiben mir für morgen nur gute Tausend bis zum Pass. Das kann ich normalerweise gut schaffen.

 

 

Fast noch Abancay, Peru (Zelt)

Tages-Km: 13,60km / -Zeit: 1:57h / -Höhenmeter: 553m / ~3.000 müNN

Gesamt-Km: 20.340km / -Zeit: 1.391h / -Höhenmeter: 185.119m

342 total views, 9 views today

Tag 12: Der Geplättete

Mama hat geschrieben: „Keinesfalls zurück!“ Und dafür liebe ich sie! So hatte ich heute einen ganzen Tag lang Zeit, meinen Schlafsack zu bügeln. Und das ist wirklich nicht übertrieben! Ich habe mein Holztischen vom Hotelzimmer raus vor das Fenster auf den Balkon zum Innenhof gestellt, mir ein Bügeleisen bestellt, das Kabel durch den Fensterrahmen nach draußen gefädelt und lost ging´s! Rechteck für Rechteck, wieder und wieder drüber, Stunde um Stunde. Um Elf am Vormittag habe ich angefangen und nach sage und schreibe Sechs Hörspielfolgen „Meister Eder und sein Pumuckl“ und Zwei halbstündigen Playlists auf Youtube habe ich um Fünf die Segel gestrichen. Das Signal zum Aufhören gab mir eins meiner liebsten Kleidungsstücke, als ich mir gedacht habe: Ach kommt, fahr da auch noch schnell drüber. Dummerweise auf der heißesten Stufe: Ein mikrosekundenlanger Berührpunkt und schon war die Eisenform im Stoff für immer verewigt. Geschmolzene Synthetikfaser! Das hat man davon, wenn man nicht ordentlich und regelmäßig Pausen einlegt, wie es sich gehört. Nur Zehn Minuten Mittagspause hatte ich mir gegönnt. Doch dann am Abend wusste ich nicht mehr, wer jetzt am Ende mehr geplättet war: Mein Schlafsack oder ich?

Anschließend habe ich mich auf den Weg gemacht, meinen Seidenschlafsack von der Näherin abzuholen. Und bei diesem Gang bin ich gleich nochmal einen knappen Kilometer zurück im Städtchen, um mir nochmal für Drei Soles Stinkekugeln zu kaufen. Dafür kriegt man hier Drei Mal Sechs Stück. Und mit den Zwei Soles von gestern sollte es jetzt doch hoffentlich ausreichen, die Biester endgültig aus meinen Sachen zu vertreiben!

Nun, das nächste Mal, wenn ich Internet habe, werde ich euch davon berichten. Heute jedenfalls verlasse ich die Zivilisation wieder für ein paar Tage. Es geht auf den Dritten Pass! Und wenn ich den beiden Deutschen und meiner Karte trauen darf, wird mir dieser nicht viel Strecke offerieren, oben anzukommen. Hoffentlich geht es in vielen, flachen Serpentinen und nicht in einer steilen Neigung rauf! Danach wird mich der Weg etwas durch die Landschaft führen. Ein weiteres Mal ganz rauf auf Viertausendnochwas und dann sollte ich nach veranschlagten Fünf, Sechs Tagen endlich in der Nähe des berühmten Macchu Picchu sein. Oder in Cusco, der Stadt, die für die meisten so etwas wie die Basisstation darstellt, die auf die Inka-Stätte hinaufwandern wollen. Ich weiß noch nicht, wie ich es dort oben angehen werde. Doch das wird sich unterwegs zeigen.

Übrigens läuft seit ein paar Tagen die Laser-WM in Mexiko! Ich bin mir sicher: Mein lieber Bruder und seine harte, internationale Konkurrenz werden es auf´s Schärfste spannend machen. Jetzt im Olympischen Jahr sind die Jungs allesamt heiß wie Rennpferde, alle scharren mit den Hufen und wollen ihr Können unter Beweis stellen. Die Spitzenpositionen liegen während der Veranstaltungen enger zusammen denn je. Fast möchte man halbe Punkte einführen ins Bewertungssystem! Und Philipp wird natürlich wieder alles geben. Er geht ins Rennen als frischgebackener Weltcupsieger in Hyères (Frankreich) und Verteidiger des Vizetitels bei der letzten Weltmeisterschaft 2015. Das Spektakel würde ich mir an eurer Stelle nicht entgehen lassen!

http://www.philipp-buhl.de/

https://www.facebook.com/buhl.philipp/?fref=ts

 

Abancay, Peru (Hotel Imperial)

339 total views, 7 views today

327_Tag 11: Der Betrübte

Die Nacht hat leider keine Wendung meines Gefühlslebens mit sich gebracht. Eher im Gegenteil, denn von noch einer Spezies gibt es hier zu viel in meiner nahen Umgebung: Wanzen. Ihr könnt es nicht mehr hören, ich weiß. Doch wer reisen will muss manchmal leiden! Wir sind hier schließlich nicht auf einer Kaffeefahrt…

Das ist also folgendermaßen: Ein Tier (oder gar mehrere) muss die letzten Attacken meinerseits, die mehrfachen Waschgänge, die Wattepads mit dem Insektengift, die paar Tage in heißen, schwarzen Müllsäcken an der Sonne, die manuellen Sammelaktionen und das wochenlange Aushungern in verschlossenen Plastiksäcken wohl überlebt haben. Und somit ist jetzt also nochmal eine neue Generation in meinem Schlafsack aktiv. Das Schlimme ist: Ich kann jetzt nicht ohne ihn! Ich brauche alle meine Decken und Schlafsäcke und auch die wollenen Strumpfhosen, damit ich die kalten Nächte überstehe. Und damit können die Wanzen jetzt auch wieder überall stecken. Und sich unter Garantie jede Nacht an mir vollfressen. Meine Beine sind seit letzter Nacht wieder ordentlich angefressen. Ich könnte vielleicht ko…-Tropfen sprühen, was meint ihr?

Heute war die Fahrt also wieder einmal völlig überschattet von organisatorischen Gedanken: Wasche ich meine Sachen? Oder sollte ich sie bügeln? Oder vielleicht in eine Mikrowelle stecken. Nein, zuerst Mal dieses Naftalin! Alle sagen, es hilft. Es wird doch irgendwo aufzutreiben sein! Während es weitere Vierzig Kilometer am Bach entlang abwärts geht, grüble ich, wie ich am besten vorgehe, sobald ich in Abancay, der nächsten größeren Stadt, eintreffe. Und ich grüble auch noch, als es am Ende des langen Laufes wieder heißt: Bergauf! Abancay liegt etwa Fünfhundert Höhenmeter über dem tiefsten Punkt des Flußtales – auf rund Zweitausendfünfhundert über NN. Und von dort aus wird mich der Weg ein weiteres Mal hoch hinauf bis in die Viertausenderregion führen.

Es ist heiß heute. Achtunddreißig Grad, als ich Punkt Zwölf Uhr mittags den Anstieg antrete. Doch nach ein paar mühseligen Asphaltwindungen fahre ich knappe Zwei Stunden später schon im Ort ein. Es ist scheußlich hier! Die ersten Zwei bis Drei Kilometer säumen nichts als Autowerkstätten und Waschanlagen die Straße. Alles ist pechschwarz, überall ist Öl und Motorfett. „Hurra, ich bin da!“ …und würde am liebsten auf der Stelle wieder kehrt machen. Doch ich muss hier durch. Als endlich die Freßbuden beginnen, frage ich schon mal nach den berühmten weißen Duftkugeln, die mir meine Wanzen erledigen sollen. Oder zumindest verscheuchen. Keiner kann mir das so genau sagen. Und siehe da, heute werde ich endlich fündig. Und es hat tatsächlich nur Drei Geschäfte gebraucht! Dann checke ich ins nächste Hotel ein, verliere nicht lange Zeit. Duschen, Wäsche zur Wäscherei tragen und den zerrissenen Seidenschlafsack zur Näherin. Morgen soll alles wieder abholbereit sein.

Und jetzt bin ich besserer Laune? Etwas. Aber es gibt noch ein letztes, das mich fast untröstlich stimmt: Ich habe Mamas Glücksbringer verloren. Eine Halskette, die ich im Halbschlaf ablegen musste, weil ich mich in der kalten Nacht, als ich mich fest in meine Schlafsäcke eingewickelt habe, immer darin verheddert habe. Und am darauffolgenden Morgen habe ich sie mit den verlorenen Daunenfedern, Sandkörnern und Brotkrümeln aus dem Zelt geschüttelt. …ohne es zu merken! Gestern ist es mir aufgefallen. Aber da lag die besagte Nacht schon über Hundert Kilometer zurück. So ein Mist! Was soll ich denn jetzt machen? Nochmal zurücktrampen? Oder mit einem Bus? Die ganzen Hundertfünfzig Kilometer und Zweitausend Höhenmeter? Es würde mich ungefähr einen Tag kosten… Zeit, die ich dringend brauchen könnte, um meine Sachen wieder in Ordnung zu bringen, meine Taschen wieder vollzupacken und vielleicht ein bisschen auszuruhen vor dem zweiten, großen Anstieg. Mama hat zum Abschied gemeint: „Wenn du sie verlierst, ist nicht so schlimm.“ Aber ich weiß, wie gern sie die Kette hat. Was soll ich nur tun? Zurückfahren? Und wenn sie dann doch nicht dort liegt? Sie bereits jemand gefunden hat? Soll ich es riskieren? Oder sie in Frieden ruhen lassen, dort oben, an der vielleicht höchstgelegenen Friedhofsmauer der Welt?

 

 

Abancay, Peru (Hotel)

Tages-Km: 56,20km / -Zeit: 4:02h / -Höhenmeter: 755m / Tagestemperatur: 38°C / ~2.500 müNN

Gesamt-Km: 20.326km / -Zeit: 1.389h / -Höhenmeter: 184.565m

417 total views, 7 views today

326_Tag 10: Der Abgefahrene

Der Tag hielt nicht weniger, als mir die beiden Deutschen gestern versprochen hatten. Und ich selbst lag mit meiner Schlafplatzwahl ebenso goldrichtig: Frühstück noch an der warmen Friedhofsmauer von Iscahuaca, eine Fernsicht über die umliegenden Andengipfel vor wieder einmal unbefleckt blauem Himmel und dann die große Abfahrt! Es ging keinen Meter mehr rauf, keinen Meter flach dahin, nein: Gleich von Anfang an runter, runter, runter. In vielen Serpentinen fiel ich jetzt ins Tal. Unten holte mich ein herrlicher, in der Sonne glitzernder Bergbach ab. Und von nun an blieb er an meiner Seite. Mal rechts, mal links von mir. Aber immer da.

Gleich am Fuße des Passes war ein kleines Dorf. Ein paar Straßenwindungen hinter den Häusern habe auch ich mich in peruanischer Manier an einen kleinen Seitenbach gesetzt und meine Socken und Unterwäsche gewaschen. Dann ging´s weiter hinunter. Mal wurde es steiler, mal etwas flacher. Aber das Wasser wies mir immer die Tendenz: Runter! Hier war es schon deutlich wärmer, überall pritschelte ein Rinnsal und überhaupt dominierte jetzt wieder saftiges Grün das Bild. Da überrascht es nicht, dass ich plötzlich wieder ganz normales Getier am Straßenrand beim Grasen passierte: Erst ein paar Kühe, dann weiter unten Drei Pferdchen, noch weiter runter eine Horde Esel, ein paar Geißen und sogar ein kleines Schweinerudel. Wo ich in den letzten Tagen nur dick eingemummelte Wolltiere wie Alpacas, Lamas, Pecunias und Schafe vor die Linse bekommen hatte! Das uns bekannte „Standardvieh“ schätzt wohl weniger die kühle Hochebene als vielmehr die zarte Alpenweide. Das lasssen zumindest ihre zufriedenen Gesichtszüge und die gelassen glänzenden Augen vermuten.

Es war einfach herrlich: Das Tal mit seinen hoch aufragenden Felsen und unten in der Sohle der in der Sonne glänzende Bach. Das Wasser hopste vergnügt über die Steine im Bachbett: Manchmal scharfkantige Abbruchstücke von den seitlichen Felsenwänden, manchmal – etwas weiter unten, als der Flusslauf schon etwas breiter war – lagen fein abgeschliffene Steineier und –ovale am Ufer. In allen nur erdenklichen Ausmaßen: Von Faustgröße bis Autogröße. Und das Beste für mich: Es ging kaum bergauf, nur ein paar Mal eben und den ganzen restlichen lieben langen Tag runter. Runter am Vormittag, runter zu Mittag, runter am frühen Nachmittag und runter auch gegen Abend. Immer und immer und immer runter. So etwas hatte ich noch nie erlebt! Eigentlich sieht es hier nicht viel anders aus, als bei uns daheim im Allgäu, wenn man in eines der Oberstdorfer Flusstäler hineinfährt. Aber der große Unterschied ist die Dimension! Könnt ihr euch vorstellen, einen ganzen Tag lang einfach nur bergab zu fahren? Über Hundert Kilometer weit? Und dann noch immer nicht am tiefsten Punkt des Tales zu sein? Das ist für mich einzigartig. Von ungefähr Viertausend über NN geht es in einem Lauf runter auf Zweitausend. Ich durchfahre eine ganze Vegetations- und Klimazone! Es ist, als wäre ich heute in einer anderen Welt als gestern.

Natürlich muss ich mich in Zwei Tagen nochmal rauf auf die Viertausend kämpfen. Doch daran denke ich heute noch nicht. Heute will ich nur die Abfahrt genießen und lasse es rollen und rollen und rollen. Nur eine Kleinigkeit beschwert mich. Aber ich kann es nicht sagen, was es ist, wo doch alles perfekt zu sein scheint: Ein atemberaubend schönes Tal, das rauschende Wasser, die Sonne, die zwischen die steilen Felsen hereinstrahlt und ein leichtes Vorankommen. Was will ich mehr? Und trotzdem, irgendetwas drückt da…

Dann gegen Drei am Nachmittag wird das Tal endlich etwas weiter. Ein Seitental fädelt sich von rechts hinten in unsere Richtung ein. Das Flussbett wird breiter und das Wasser sucht sich in vielen, unterschiedlichen Schwüngen seine Bahnen durch das flache Kiesbett. Auch meine Straße wird flacher. Und ich vermute, dass es jetzt langsam auslaufen wird. Doch hinter der nächsten Kurve nimmt das Wasser wieder Fahrt auf und wieder geht es runter. Das geht bestimmt Drei, Vier, Fünf Mal so heute am späteren Nachmittag. Jedes Mal denke ich: Jetzt ist es aus mit dem gemütlichen Bergabtreiben. Doch dann stürzen Wasser und Straße sich erneut ins Gefälle und es geht noch weiter runter, immer weiter und weiter hinunter ins Tal.

So langsam sollte ich mir einen Schlafplatz suchen. Doch das gestaltet sich hier gar nicht so leicht in der engen Schlucht. Abschnittweise gibt es tatsächlich nur eine senkrechte Felsenwand links, meine Straße, den Fluss und eine senkrechte Felsenwand rechts. Wo soll da noch Platz für mein Zelt sein? Dann gibt es ein paar Stellen, an denen sich zwischen Wasser und Straße eine schmale Baumzone schiebt. Doch auch an diesen Ausbuchtungen gefällt es mir heute nicht, denn immer kann ich von der Straße aus wunderbar gesehen werden. Ich schaue mir gut und gerne Sieben Plätzchen an, doch immer befinde ich sie für „nicht so gut“. Bis dann endlich ein kleines Plateau kommt, gleich da vorne hinter der nächsten Straßenbiegung. Doch als ich dort ankomme, erkenne ich, dass es eingezäunt ist. Es wohnt dort keiner, aber wichtig ist natürlich, dass ein fünfreihiger Stacheldrahtzaun um das Grundstück gelegt ist! Und da, auf der fast aussichtslosen Suche nach einem Versteck für die Nacht wird mir plötzlich klar, was mir unterwegs das Herz geschnürt hat: Hier sind mir zu viele Menschen!

Herrgott, wie war das schön da oben! So weit das Auge reichte nur atemberaubend schöne Natur. Mal ein paar wilde Viecher, auch mal eine Nutztierherde, aber kein Haus, kein Grundstück, kein Zaun, kein „Des is meeeins!“ Das war mein Paradies! Wo immer ich müde wurde war ein Schlafplatz nicht weit. Und ich habe zwar eine Notlösung für mein Schlafplatzproblem gefunden, aber insgeheim träume ich noch von gestern und den Tagen zuvor. Alles war so anders, alles war perfekt da oben. Ich durfte zwar einen ganzen Tag lang bergabfahren. Aber eigentlich will ich gar nicht hier unten sein. Ich will zurück in meine heile Welt! Da oben, deees is meins!

 

 

Andenprärie, Peru (Zelt)

Tages-Km: 112,93km / -Zeit: 5:23h / -Höhenmeter: 153m / Abendtemperatur: 24°C / ~2.100 müNN

Gesamt-Km: 20.270km / -Zeit: 1.385h / -Höhenmeter: 183.810m

350 total views, 7 views today

325_Tag 9: Der Energetische

Was hat den heutigen Tag ausgemacht? Spontan fällt mir dazu ein: Zwei Begegnungen mit Vier Leuten. Die ersten beiden waren zwei Jungs aus Deutschland, ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Sie sind mir gleich in der Früh begegnet und haben einen herrlich frischen Akzent in meinen noch etwas verschlafenen Morgen gesetzt. Wir haben ein bisschen über unsere Wege gequatscht. Sie kommen gerade vom Ende der Welt, aus Ushuaia in Patagonien und fahren jetzt noch bis Lima. Dann fliegen sie schon wieder zurück. Aber wie schön, dass sich unsere Wege heute für ein halbes Stündchen gekreuzt hat. Danach war ich irgendwie viel motivierter. Vielleicht, weil mir die beiden von der noch vor mir liegenden Strecke erzählt haben. Es soll nach etwa Vierzig Kilometern Hügellandschaft endlich eine lange Abfahrt hinunter ins Tal gehen. Und dann ganz lange an einen wunderschönen Bach entlang führen. Das klingt doch lecker! Gut, danach erwartet mich wohl ein ziemlich harter Brocken: Von knapp Zweitausendfünfhundert bis hinauf auf Viertausend in nur wenigen Kilometern… Das riecht verdammt nach Anstrengung. Aber darum kümmere ich mich dann, wenn´s so weit ist.

Ich bin danach singend der Morgensonne entgegengefahren. Erst einen Zieher hinauf, und dann ging´s schon das erste Mal runter. Aber das gehörte noch nicht zu der Abfahrt, die die Jungs erwähnt hatten. Denn an deren Angangspunkt habe ich – wenn ich mich nicht täusche – heute Abend mein Zelt aufgeschlagen. Nein, diese Abfahrt gehörte nach deren Definition zu den Vierzig Kilometern Bergauf-Bergab. Oder wie in diesem Fall: Bergab-Bergauf: Zuerst hinunter, dann drüben wieder rauf. Und weil es gar so ein herrlicher Morgen war, genehmigte ich mir ein zweites Frühstückchen unten im Dorf: Einen Kaffee mit Milch und eine Portion Bratreis zum Mitnehmen – lieber nach dem lauernden Anstieg! Und dort unten in dem kleinen Dorfrestaurant habe ich die Zwei Chilenen Lorena und Andy getroffen. Sie sind auch wie die beiden Deutschen unterwegs nach Norden. Aber mit ihrem umfunktionierten Van. Und auch mit ihnen war es so lustig, dass ich den nächsten Hügel fast hinaufgeflogen bin! Nur diesmal konnte ich nicht widerstehen: Ich musste zu meinem Geträllere auch noch ein bisschen gute Musik hören. Das verlange natürlich noch mehr nach Mitsingen. Doch fragt nicht, wie mir das an die Lunge gegangen ist!

Die Vier waren wie Zwei dicke, fette Energieschübe. Und die konnte ich gut gebrauchen, denn wie gestern ging es ein paar Mal richtig hinauf. Die Anstiege wurden heute länger und auch steiler im Vergleich zu gestern. Und damit auch die Abfahrten auch so, dass man sie als richtige Abfahrten empfinden und genießen kann. Nur ein Lästiges bringt dass mit sich: Man muss sich dauernd umziehen. Daunenjacke an, Daunenjacke wieder aus und Trainingsjacke an. Dann geht´s bergab und alles muss wieder an den Körper, samt Thermostrumpfhose und Wollstulpen. An, aus, an, aus. So geht das in einer Tour. Ich habe schon alle meine Wechselklamotten nicht mehr in meinen Taschen, sondern griffbereit irgendwo oben auf dem Rad festgeklemmt. Dementsprechend sieht mein Gefährt jetzt ein bisschen aus wie einer Pennerlimousine. Aber wenn´s halt praktischer ist!

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass es hier ein bisschen kälter ist, als auf der Etappe gestern. Schon in der Früh bin ich etwas vorzeitig aus dem Schlaf geholt worden. Nicht, weil mich direkt gefroren hätte, aber die Temperatur ist wohl deutlich unter die Tiefschlaftemperatur gefallen, sodass es ein bisschen frisch war gegen Früh. Und als ich das erste Mal raus bin, wusste ich auch, warum: Es lag eine feine, weiße Eisschicht auf dem Zelt und dem Fahrrad! Und das Wasser in meinen Trinkflaschen war schon angefroren. Doch ein Glück, dass auf die Sonne hier so guter Verlass ist: Sie hat binnen weniger Minuten alles wieder aufgetaut und getrocknet. Alles in allem also ein weiterer, richtiger Genießertag. Etwas kühler und rauher das Klima, etwas karger und magerer die Landschaft, aber genauso erfüllend wie die vergangenen Tage. Ich liebe Peru!

 

 

Andenprärie Iscahuaca, Peru (Zelt)

Tages-Km: 58,68km / -Zeit: 4:27h / -Höhenmeter: 666m / Abendtemperatur: 11°C / ~4.000 müNN

Gesamt-Km: 20.157km / -Zeit: 1.380h / -Höhenmeter: 183.656m

398 total views, 8 views today