José und sein Weihnachtslied

Viel zu früh für ein Weihnachtslied, meint ihr? Höchste Zeit, würde ich sagen!

Er ist heute genau Zwei Monate her, mein letzter Eintrag ins Holario-Tagebuch. Und vielleicht hat sich einer von euch ja gefragt, wie´s der wohl geht. Was sie jetzt macht. Das zumindest waren die beiden häufigsten Fragen, die mir in dieser Zeit gestellt worden sind. Es waren sozusagen die beiden Fragen.

Nun, zu Erstens: Es geht mir gut. Mal zumindest. Dann wieder nicht so. Wie in den letzten Tagen zum Beispiel. Ihr wisst es ja eigentlich, denn ich habe schon ein paar Tage vor Rio davon erzählt. Und es kommt natürlich immer wieder! Es kommt manchmal in unerklärlich unbehaglichen Tagen und neuerdings in rastlos rasenden Herzfrequenzen mitten in der Nacht. Es weckt mich auf und holt mich aus dem Tiefschlaf. Um ziemlich genau Zweiundzwanzig Uhr Kolumbianischer Zeit. Heute Nacht war es zum Dritten Mal nach vergangenem Freitag und gestrigem Montag. Ich wache plötzlich auf und mein Puls geht eine Runde joggen, ohne dass ich mich dafür auch nur im Bett herumdrehen müsste. Ich würde es ja auf ein zu üppiges Abendessen schieben, käme dies auch nur annähernd in Frage. Nein, es muss was Anderes sein. Und ich glaube, gestern ist mir klar geworden, was das ist…

Ich hatte mir gedacht, ich tue es meinem nächtlichen Blutrhythmus gleich und zerstreue meine chaotischen Gedanken bei einer Runde Laufen. Es war ein herrlicher – ja fast möchte man sagen – Wintertag: Strahlender Sonnenschein, frostig-weiße Berggipfel ringsum und filter-frische Luft. Und plötzlich kam da dieses Lied! Feliz Navidad von José Feliciano. Irgendwie gefällt mir das seit meiner frühen Kindheit. Doch gestern hat es eine ganz neue Bedeutung erlangt in meinem Leben. Eine Bedeutung, die mir allerdings erst heute Nacht klar geworden ist, als ich zum Dritten Mal aus dem Schlaf gerissen war und nicht mehr einschlafen konnte. Ich habe es mir nochmal in die Ohrmuscheln gesetzt und auf einmal kamen ein paar Steine ins Rollen. Es hat ein paar eingefrorene Erinnerungen ins Bewusstsein zurückgeholt!

Als ich vor fast Zwei Jahren meine Reise angefangen habe, war auch Weihnachtszeit. Und ich habe damals nach einem ganzen Jahr Abstinenz von Weihnachtsmusik dieses Lied zufällig im Radio gehört, als ich mich in Österreich einen Hügel hinaufkämpfen musste. Auch damals war ein sonniger Tag. Bunte, feuchte aber noch ein bisschen raschelnde Blätter lagen in dicken Schwaden auf meinem Radweg. Und weil ich den Song nur über Funkwelle hörte, wurde er immer wieder vom löchrigen Empfang unterbrochen. Es machte mich schier wahnsinnig, denn zu gern hätte ich ihn ganz und ohne Störungsrauschen gehört! Danach habe ich die Technik ausgeschaltet und ihn für den Rest des Nachmittags gesungen. Am Abend habe ich ihn mir über Internet gekauft und danach noch unzählige Male gehört auf meiner Reise. Doch in Erinnerung geblieben ist mir dieser erste Tag, als ich mich mit schmerzenden Knien durch das Herbstlaub hindurch auf die nächste Anhöhe geknetet habe. Als alles noch vor mir lag. Herrgott, war das mühselig damals am Anfang! Wollte ich das wirklich tun? Allein sein für die nächsten eineinhalb Jahre? Einen zweirädrigen Schwertransport vom gemütlichen Zuhause ins ferne und fremde Rio wuchten? Wollte ich wirklich alle meine Karten auf diesen Haufen Ungewissheit setzen? War es richtig gewesen, so verrückt und besessen von dieser Idee zu sein, dass ich mich mitten im Winter bei Eis und Schnee auf den Weg gemacht hatte? Heute weiß ich, dass die Antwort auf all diese Fragen immer nur aus Zwei simplen Buchstaben und einem unverzichtbaren Ausrufezeichen besteht: „Ja!“ Doch damals und in diesem Moment hatte ich nur dieses Lied, das mir Mut machte. Nicht durch den Text, nicht durch irgendetwas Greifbares. Einfach nur, weil ich mich bei ihm wohl gefühlt habe.

Und gestern ist es mir genauso gegangen. Ich habe es beim Laufen eine Dreiviertelstunde lang in Dauerschleife gehört. Und heute Nacht bestimmt nochmal für Zwanzig Minuten. Und mir ist wieder eingefallen, was die große Gefahr der Hürde des Zurückkommens ist: Das Hängenbleiben! Ich muss weitergehen. Ich muss endlich loslassen! Ich brauche mich nicht wie ein Klammeräffchen an all das erfahrene Glück krallen, das mir diese Reise beschert hat. Denn es wird für immer Teil meines Lebens sein. Niemand kann mir das mehr nehmen. Ich habe es bis in alle Ewigkeit in mir drin. In meiner Erinnerung, in meinem Herzen. Und wenn es jetzt so nach und nach zu Ende geht, bedeutet das damit nicht, dass ich es verliere. Es muss vielleicht alles einmal zu Ende gehen. Und glaubt mir: Diese Erkenntnis fühlt sich in Wirklichkeit an wie ein herausgerissenes Herz! Doch wie könnte sonst etwas Neues einen Platz finden? Ich bin wieder einmal an einem der Punkte in meinem Leben angekommen, da ich einen Schlussstrich ziehen muss. Ich habe keine andere Wahl. Mir bleibt nur die Erinnerung und das Vertrauen darauf, dass das, was jetzt in der Ungewissheit auf mich wartet, irgendwann auch einen erinnernswerten Platz in meinem Herz finden wird…

So geht´s mir also Vier Monate nach Hola Rio. Und wie geht´s jetzt weiter?

Ich werde mir wohl zunächst einen sehnlichen Kindheitstraum erfüllen. Denn – und es ist nicht zu glauben, dass ich das tatsächlich so niederschreiben kann: Ich stehe tatsächlich wieder an einer der ganz frühen Kreuzungen, an der ich mich für einen Weg entscheiden muss. Beziehungsweise „kann“. Und weil ich den falschen Weg ja nun schon kenne, werde ich diesmal eine der anderen Richtungen einschlagen. Mehr will ich dazu noch nicht verraten – ist eine Eigenart von mir. Aber wer mit mir geht, wird es herauskriegen. Nur so viel sei gesagt: Es geht dabei sicher nicht um´s große Geldverdienen. Und auch nicht um Karriere. Schließlich habe ich doch gesagt „Kindheitstraum“. Es geht darum, bei mir selbst anzufangen. Ich kann mich ja nicht darüber enttäuschen, dass Leute das Potenzial, das ich in ihnen sehe, nicht ausschöpfen, wenn ich es selbst nicht mal tue! Und darum geht´s: Mein Potenzial. Genau damit werde ich diesen neuen Abschnitt beginnen.

Und damit euch nicht fad wird in der Zwischenzeit – es wird sich wohl ein paar Monate hinziehen – könnt ihr euch ja schon mal ein bisschen musikalisch-felicianisch auf den anrollenden Advent einstimmen:

José Feliciano  – Feliz Navidad

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Schlappold

Seit einer guten Woche bin ich nun wieder zurück in Deutschland. Und seit einer guten Woche sträuben sich mir alle Härchen, wenn ich nur daran denke, den Computer hochzufahren. Ich glaube, ich bin wohl so etwas wie allergisch geworden…

Aber wen wundert´s? Viel zu schön ist´s hier daheim, um sich hinter einen Bildschirm zu klemmen. Wer will schon gern in die Röhre gucken, wenn er als Alternative eine einzigartige Bergkulisse zur Auswahl hat. Ein Panoramabild, gehalten und gerahmt von sattem Grasgrün und strahlendem Himmelblau. Petrus meint es wirklich gut mit mir. Denn ohne sein Zutun wäre mir die Heimreise wohl nicht so leicht gefallen. Wie sollte man sich schließlich von einer Stadt wie Rio mit ihrer wohlig warmen Wintersonne, ihren kilometerlangen Badestränden, der Zuckerhut- und Christokulisse, den Sonnenuntergängen und Maracuja-Mandarinen-Caipirinhas jemals den Absprung schaffen? Pudelwohl habe ich mich dort gefühlt. Und einen gelungeneren Abschluss für meine lange Reise hätte wohl niemand besser planen können, als mein eigenes Schicksal. Aber auch auf Weltreisen gilt: Man soll aufhören, wenn´s am schönsten ist.

Was nicht bedeutet, dass ich rotz- und wasserfrei in den Flieger gestiegen bin! Um es auf den Punkt zu bringen: Direkt vor Abflug hat mich nochmal eine mittelschwere Krise eingeholt. Und auch während des Flugs nach Frankfurt sind mir mehrmals die Servietten ausgegangen, um mir meine Trauertränen aus dem Gesicht zu wischen. Einen ganzen Ozean hätte man in den paar Flugstunden mit meinen Erinnerungen und Gefühlen füllen können. Welchen es natürlich noch in verbaler Form auf Papier zu bringen gilt. Aber dafür muss sich alles noch ein bisschen setzen. Für´s Erste jedenfalls wollte ich euch nur mal kurz wissen lassen, dass ich nicht nur gut gelandet, sondern mittlerweile auch so etwas wie gut angekommen bin. Und das eben nicht zuletzt durch „mein“ herrliches Allgäu, das sich seit fast einer Woche von seiner unwiderstehlichen Seite zeigt.

Und so konnte sie endlich stattfinden: Die mysteriöse Schlappold-Challenge, die wir – das sind Papa und ich im Speziellen – nun schon seit Jahren vor uns herschieben. Vor allem letztes Jahr fiel es uns beiden schwer, als ich sie wegen meiner noch immer anhaltenden Asien-Schwäche ausfallen lassen musste. Wo Papa extra trainiert hatte wie ein Wilder… Ihr versteht nicht, wovon ich eigentlich rede, oder? Nun, in ein paar einfachen Worten kann man das so erklären: Schlappold ist der Name einer Alpe. Eine Alpe ist eine Berghütte. Über den Sommer auch bewirtet in diesem Fall. Die Hirtenfamilie, die dort oben von Mai bis September das Jungvieh verschiedener Bauern hütet, verarbeitet die frische Milch zu Butter und Käse, es gibt Salami und Schinkenspeck von eigenen Schweinchen und selbstgemachte Kuchen. Und um das ganze feine Zeug alles zu probieren, muss man sich auf eine Holzterrasse setzen, in die Gipfelkette der Oberstdorfer Berge gucken, die im warmen Abendlicht einen eindrucksvollen Gruß zur Alpe herüber richten und das eigene Schmatzen vom idyllischen Gebimmel der zufrieden grasenden Rindviecher übertönen lassen. Noch Fragen also, warum man dort unbedingt hinfahren will?

Na gut, dann kann ich ja jetzt noch in einer kurzen Fußnote erwähnen, dass es bis zur Ankunft auf dem Holzdeck mit Brotzeit einfach sakrisch bergauf geht. Das ist die Challenge an der Challenge. Und wer oben ankommt – ob nun mit oder ohne E-Motor im Fahrradrahmen – wird auch ohne weiteres darüber Nachdenken verstehen, wie diese Alpe zu ihrem Namen gekommen ist. Jedenfalls ist sie nicht umsonst bei uns in der Familie zu so etwas wie einer Messlatte geworden. Man fährt sie zum Schluss der Trainingssaison, wenn Oberschenkel und Lungenflügel ausreichend Volumen aufgebaut haben. Und wenn dann der große Tag gekommen ist, startet man in Abständen versetzt und begibt sich ungefähr eine bis knapp eineinhalb Stunden – je nachdem, in welchem Fitnesszustand man sich gerade befindet – an sein absolutes, persönliches Leistungslimit. Und so ist auch schon ohne Stoppuhr sichergestellt, dass gewonnen hat, wer oben ankommt. Aber wer der Schnellste ist, der darf ab dann ein Jahr lang den anderen mit großkotzigen Sprüchen aufziehen, bis der wieder genug Motivation hat, den kommenden Radelsommer über alles zu geben, um bei der nächsten Challenge den Spieß wieder umzudrehen…

Wer noch mitfahren will: Vierundfünfzig Minuten gilt es zu schlagen! Gemessen ab der letzten Abzweigung unten im Tal. Aber sputet euch, denn bald verlässt der g´schmackige Anreisegrund die traumhaft gelegene Hütte und zieht samt Hirten und Viechern zurück ins Tal. Damit sich hoffentlich bald schon eine dicke, weiße Schneedecke über den Steilpfad legen und bei einer flockig leichten Skiabfahrt die ganze sommerliche Schinderei vergessen lassen kann.

 

Alpe Schlappold, Deutschland (Allgäu)

Tages-Km: 5,6km / -Zeit: 0:54h / -Höhenmeter: ugfähr 750m (sagen Papa und Google)

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Im Kreis geheult

Dienstag, 16.08.2016, Treffpunkt Marina de Gloria. Uns erwartet ein großer Tag: Vier Medal Races und Vier Siegerehrungen der Klassen Laser Radial (die Frauen), Laser Mens, Finn und Nacra. Eigentlich hätten die Laser schon gestern ihre großen Auftritte gehabt. Doch der Wind kam zuerst von der falschen Seite und dann, als er am späten Nachmittag endlich gemäß der Erwartungen der Wetterkenner die Richtung gewechselt hatte, viel zu stark. Dementsprechend kommen heute die Entscheidungen geballt.

Papa, meine Schwester, Philipps großer Fan mit gleichem Namen und ich sitzen schon am Strand mit der großen Videowand mit dem Zuckerhut im Hintergrund und warten ein bisschen zappelig auf das Auslaufen der Laser-Mädels. Und mit fast noch mehr Aufregung im Herzschlag auf das Einlaufen unseres Bruders. Er will kommen. Aber es wird vielleicht der härteste Gang seiner Karriere bislang, sich sein eigenes, verpasstes Medal Race hier in Rio nicht vom Wasser, sondern vom Land zu erleben. Als Zuschauer. Nicht an Schot und Pinne. Vor ein paar Tagen hatte er schon die Enttäuschung verdauen müssen, nicht – wie sonst gewohnt und seit nun schon Jahren konstant – unter den besten Zehn zu sein. Also die Qualifikation für die letzte, zumeist Medaillenentscheidende Wettfahrt nicht geschafft zu haben. Wie schwer ihm dieser Brocken im Magen liegen musste, konnte wohl jeder mitfühlen, der ihn seit Jahren als Familie, Fan oder Freund begleitet. Und genauso würde es jeder verstehen, dass er sich diesen zweiten Brocken heute nicht mehr antun will…

Doch er tut es! Mit einem Rucksack voller Getränke für uns und seinem grundehrlichen, unverwechselbaren Lächeln im Gesicht sehen wir ihn jetzt vom Hafengelände, zu dem wir keinen Zutritt haben, auf uns zukommen. Dann setzt er sich neben uns auf die Rasenkante im Schatten und wartet mit Gefühlen, wie sie gemischter und gleichzeitig eindeutiger nicht sein könnten, auf den ersten Startschuss. Es ist für uns alle ein lockerer Einstieg in diesen Medaillennachmittag, denn bei den Radials haben wir kein Mädel am Start, dem wir unsere besondere Unterstützung zukommen lassen.

Als die Damen langsam dem letzten Raumschenkel und damit der Ziellinie direkt vor unserem Strandabschnitt entgegensteuern, laufen nach und nach die Herren aus. In einer Parade fahren sie vom Hafen ein paar Hundert Meter parallel die Uferkante entlang, bevor sie sich zum Start bereit machen. Philipp wird ganz ruhig jetzt. Die Mädels sind fertig und verlassen ebenfalls in einer kleinen Parade, jedoch in entgegengesetzter Richtung, das „Spielfeld“. Die ersten Medaillen sind gefunden! Und damit steht die nächste Entscheidung unaufhaltsam bevor: Die, in der er gerne mitgemischt hätte. Die, auf welche er sich so lange und so intensiv vorbereitet hatte. Die, auf die er so heiß war am Ende, nachdem er sich über Jahre erst mit dem Segelrevier hatte anfreunden müssen. Er hatte es geschafft, all seine inneren Abneigungen gegen diese Bucht abzulegen. Ja, sie mit vielen Trainings und Analysen am Ende sogar so etwas wie lieb zu gewinnen. Er war bereit für Rio 2016! Und jetzt sieht er den Wind und die Strömungsvorteile aus der Perspektive der Zuschauer…

Das Rennen ist gestartet. Und Philipp hat seinen Platz an der Rasenkante verlassen. Er steht ein bisschen hinter uns gegen einen dicken Laternenmast gelehnt. Noch immer bemüht er sich um ein Lächeln, wenn er zu uns rüber schaut. Doch je näher die Medaillen rücken, umso mehr verkriecht er sich hinter dem Masten. Es müssen viele, viele Erinnerungen und Gefühle in ihm hochkommen. Die kann man als Außenstehender wohl niemals richtig nachvollziehen. Es ist nicht nur die Enttäuschung über die eigene Leistung. Es ist wohl alles ein bisschen weitreichender und grundlegender jetzt. Wie kein anderer von uns kenn er die Segler, die jetzt gleich gekürt werden. Er weiß, wodurch sie sich im Wettkampf und auch auf Land auszeichnen. Er weiß, wer von ihnen die Klasse-Typen sind. Und wer die Maulwürfe. Wer von ihnen ehrlich und fair kämpft und wer bescheiden und sympathisch ist. Und wer eher nicht. Und wenn ich seine kleine Träne im Auge richtig interpretiert habe, fragt er sich im Moment des Zieleinlaufs nach der berühmten Gerechtigkeit im Leben…

Doch all diese Gefühle halten ihn nicht davon ab, jetzt für die Medaillenparade trotzdem ans Wasser runter zu gehen, um den Siegern auf diese Weise seine Gratulation und seinen Beifall zu zollen. Er ist wohl nicht umsonst schon so etwas wie eine Persönlichkeit im deutschen Segelzirkus. Erinnert ihr euch an Charlie Buckingham? Sein Kollege aus den USA, der mich damals in Newport Beach so liebenswert beherbergt und versorgt hatte? Er hat mir ein Statement über Philipp mitgegeben, das ich nicht nur niemals vergessen werde, sondern das mich mit mehr Stolz auf meinen Bruder erfüllt, als es jegliche Medaille je tun wird (aus meiner Erinnerung frei übersetzt): „Ich glaube Philipp ist der fairste Sportler, den ich je kennengelernt habe. So auf dem Boden geblieben, immer hilfsbereit und immer freundlich […]“.

Er hatte mich und Coletta gefragt, ob wir mitgehen würden ans Wasser Und natürlich taten wir das. Wir stehen jetzt zu Dritt am Ufer, er in unserer Mitte. Rings um uns füllt sich alles mit Fahnen und Beifall rufenden Fans aus Australien, Kroatien und Neu Seeland. Coletta geht ein paar Schritte nach vorne, um besser sehen und fotografieren zu können. Von der Videowand dröhnt Feiermucke. Zu allem Überfluss auch noch solche textlichen Supernummern wie „Simply the Best“. Während Fünfzig Meter vor unseren Augen zwei Blaue Flaggen mit weißen Sternen geschwenkt werden. Ich gehe zu Coletta. Sie hat den Fotoapparat wieder in die Hosentasche gleiten lassen und legt ohne ein Wort ihren Arm um meine Schulter. Und ohne auch nur einen Blick hinter ihre verspiegelte Sonnenbrille weiß ich, dass ihre Augen unter Wasser stehen. Genauso wie meine. Aber nicht, weil diese übergewichtige Halskette mit dem knallig-bunten Band jetzt ein Zuhause gefunden hat, das nicht unseres ist. Sondern einzig und allein, weil wir sie einem so großartigen und menschlichen Sportler wie unserem „Kleinen“ einfach von ganzem Herzen gegönnt hätten. Wir weinen nicht um sie, wir weinen für ihn.

Da dreht sich Coletta um und sagt: „Jetzt ist er weg!“ Und das ist er, der Moment. Die Art, in der sie es gesagt hat, lässt mein Herz rasen. Und ich verstehe auf einen Schlag und zum ersten Mal, wie sich Philipp in diesen Tagen fühlen musste. Verdammt! Er hatte uns doch extra gefragt, ob wir mitkommen. Er wollte offenbar nicht allein sein hier unten. Und was habe ich getan? Im entscheidenden Moment habe ich ihn dort alleine gelassen. Genau in dem Moment, in dem er am allermeisten einen Arm um die Schultern gebraucht hätte, habe ich ein paar Schritte nach vorne getan. Und mich zu meiner Schwester gekrochen. Was bin ich nur für ein Ochse! Wie konnte ich ihn da nur stehen lassen? Anstatt ihn einfach zu packen und ganz fest zu drücken. Wie kann man nur so versagen? Wo es doch so klar und einfach scheint, was man zu tun hat?

Wir gehen ihn suchen. Ich links rum und Coletta rechts rum. Nach einer knappen halben Stunde treffen wir uns wieder unter der Videowand. Doch von unserem Bruder keine Spur. Jetzt hat er sich verkrochen. Und auch wenn er weit weg ist, wissen wir, was das bedeutet: Er ist endgültig auch seinen Emotionen erlegen. Es kullern ihm vermutlich ein paar dicke Wasserkugeln über die Wangen. Doch damit traut er sich nicht unter die Öffentlichkeit. Wir hocken uns in den Sand und flennen noch eine Runde weiter für ihn. Während er am anderen Ende des Segelgeländes, irgendwo in einem versteckten Winkel hockt und ganz sicher nicht um die Medaille weint. Für seine Freunde und Gönner und Fans und Sponsoren. Für alle, die für ihn gefiebert und gehofft und an so fest an ihn geglaubt haben und die er vermeintlich enttäuscht hat. Wir weinen im Kreis an diesem gefühlsbeladenen Nachmittag: Er für uns und wir für ihn.

Von der Finn- und Nacra-Entscheidung kriegen wir beide nichts mit. Anstatt die Segler zu verfolgen verfallen auch wir in Vergangenes und Erinnerungen. Bis uns endlich die letzte Siegerparade aus unseren Sandkuhlen holt und zu den Siegerehrungen schickt. Wir folgen dem Strom der Leute und siehe da: Er schwemmt uns zu Philipp. Er ist auch aus seiner Kuhle zurück und hat wieder sein unverwechselbares Lächeln auf. Und ich schreibe bewusst nicht „aufgesetzt“. Denn ich habe ja anfangs einmal geschrieben, dass es immer ehrlich ist. Das ist es auch diesmal! Was ist das nur für ein starker Typ, denke ich mir. Dann schauen wir gemeinsam die Siegerehrungen. Wieder beginnt alles mit den Laser-Damen. Dann fragt Philipp ganz schnell, ob wir nicht gehen wollen. Doch wieder kapier ich´s nicht. Ich kapier wieder nicht, wie schwer es für ihn sein muss, sich jetzt auch noch die Medaillenzeremonie reinzuziehen. Das verstehe ich erst mittendrin, als ich im Hintergrund eine der -zig bunten Flaggen auf Halbmast wehen sehe…

Doch da ist es bereits zu spät, zu gehen. Wir bleiben bis zum Schluss. Bis zum bitteren Ende. Doch als ich mich dafür entschuldigen will, dass ich es nicht vorher gecheckt habe, meint Phipsi: „Es ist gut gewesen so!“ Und den Eindruck hatte ich in dem Moment auch. Er ist kein Typ, der sich versteckt. Er ist einer, der sich den Dingen stellt. Und ich bin sicher, das wird ihm helfen, über Rio 2016 am Ende gut hinwegzukommen. Jedenfalls überzeugt mich in dieser Hinsicht sein nächster Schritt: Wir gehen gemeinsam ein paar Caipis trinken. Zum ersten Mal, seit ich mich erinnern kann, kommt dieser Vorschlag von ihm und nicht von uns. Und diesmal verpassen wir seine Einladung nicht. Diesmal sind wir dabei. Und wir bleiben es auch. Und wir stoßen gemeinsam und mehrmals auf einen fast schon historisch-schweren Nachmittag an. Solange, bis all der Schmerz in ein paar wirklich witzige und unglaublich unbeschwerte Stunden verwandelt ist. Damit beschließen wir diesen Dienstag, den Sechzehnten August Zweitausendsechzehn.

Auch, wenn wir alle wohl ein bisschen „Schädel“ haben beim folgenden Aufstehen: Es war gut so! Genau das hat´s gebraucht, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Wir haben Platz freigeräumt für viele positive Emotionen und Erlebnisse von vielen anderen, unheimlich sympathischen und bescheiden gebliebenen Sportlern, die wir am nächsten Tag beim Feiern im Deutschen Haus kennenlernen durften. Wir sind aufnahmebereit für die vielen, unheimlich freudigen und schönen Seiten von Rio. Darunter natürlich die frischgebackene Bronzemedaille für die 49er, die wir keinem mehr gegönnt hätten als den ebenfalls unendlich sympathischen Sportlern und beiden Freunden von Philipp – Erik und Thommy. Wir können uns vom anderen Ende der Stadt nur zu gut vorstellen, wie sie gefeiert werden. Und hoffen wir, dass diese Stimmung zum nahestehenden Abschluss der Spiele Motivation genug sein wird, noch eine zu starten. Noch eine Kampagne. Hoffen wir auf seinen „Kahn in Japan“. Und darauf, dass auch er bald erkennt, dass nicht immer das Ziel allein das Ziel sein muss. Sondern schon der Weg dorthin es sein kann.

Beschließen wir diese emotionsgeladenen Spiele mit einem uralten aber evergreenen Schinken von Frau Turner, den wir an dieser Stelle einzig unserem Buhli widmen wollen… für uns einfach und für immer simply dr Bescht!

 

 

Rio de Janeiro, Centro, Brasilien

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Daumen gedrückt

Zehn vor Zwölf Uhr Mittags, Ortszeit Rio de Janeiro, in einer Stunde ist es so weit: Die ersten Startschüsse werden hier in die Luft gejagt werden auf den Segel- und Surfrevieren. Himmel, ist das aufregend! Meine Schwester und ich werden uns jetzt dann auf den Weg zum Zuckerhut machen, denn heute fährt „unser Kleiner“ in Fernglasdistanz zum berühmten Landmark von Rio. Papa kann leider nicht mit, denn sonst werden seine Strömungsanalysen wieder zu einer Haare sträubenden Nachtschicht ausarten. Aber es reicht ja, wenn Zwei den Überblick behalten…

Wir, insbesondere ich als Schreiberling dieses Blogs, wünschen unserem Bruder jetzt noch ein letztes Mal „Mast- & Schotbruch“ bevor er endlich an den Start darf! Und eigentlich gilt das allen deutschen Seglerinnen und Seglern und Wassersportlern. Eigentlich allen deutschen Sportlern, egal in welcher Disziplin sie antreten werden. Ja, noch eigentlicher wünsche ich das allen sympathischen und auf dem Boden gebliebenen Sportlern dieser Erde, denn wer einmal – wie ich – die ganze Welt lieben gelernt hat, der mag gar nicht mehr zwischen Nationen unterscheiden. Ich drücke in Gedanken also allen guten, sportlichen Herzen dieser Welt schöne Spiele. So ist das. Aber damit freue ich mich ja nicht weniger, wenn auch ein paar Medaillen zufällig in Deutschland eintrudeln… ach, ihr wisst ja, wie ich es meine.

Jungs und Mädels, wir drücken euch alle nur verfügbaren Daumen! Haut rein!

 

Rio de Janeiro, Centro, Brasilien

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Auf die Spiele, fertig, los!

Die uralten Turnschuhe sind ausgetauscht und die schwarzen Ölränder unter den Fingernägeln Vergangenheit. Ab sofort gehen wir wieder zivilisiert unter die Leute!

Und damit kann es hier losgehen. Ich bin bereit. Lassen wir die großartigen Spiele beginnen! Ich wünsche euch allen ein paar Wochen voller Spaß und Sportbegeisterung. Genießt die Wettkämpfe und fiebert fleißig mit. Lasst euch – wie wir hier – vom olympischen Spirit ergreifen bevor die Welt wieder in die Normalität zurückfällt. Und drückt fleißig eure Daumen für Philipp!

Doch bevor ich mich hier aus dem Staub mache, möchte ich euch allen von ganzem Herzen für eure Unterstützung, eure Ratschläge, euer Mitfahren und –bangen, euren Zuspruch und eure Begeisterung für mein Projekt bedanken. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich so viele Herzen mit auf meine große Reise nehmen würde! Mit euch habe ich mich hier nie allein und verlassen gefühlt. Ihr ward immer da, wenn ich jemanden gebraucht habe. Und das ist doch das Allerwichtigste im Leben. Das macht mich am Ende zu einer der reichsten Menschen dieser Erde.

Seid nicht traurig, wenn´s hier jetzt ein bisschen ruhiger wird die nächsten Tage: Holario wird bestimmt nicht sterben! Es wird weitergehen. Wenn auch nicht im Ausmaß der vergangenen eineinhalb Jahre. Bleibt dran und schaut ab und zu mal wieder herein bei mir: Ich freue mich immer über Post!

In diesem Sinne: Auf die Plätze, fertig, los!

So, jetzt muss ich aber wirklich! Sollte rechtzeitig dran sein, wenn ich noch einen Platz neben Ronaldo ergattern will…

 

Rio de Janeiro, Centro, Brasilien (im Himmel)

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399_Hola Rio!

Jetzt ist er da, der große, langersehnte, harterkämpfte aber auch ein bisschen gefürchtete Moment: Ich bin da.

Diesen Tag habe ich mit einem gemütlichen Strandspaziergang begonnen. Begleitet von Edson und Miriam, den beiden Voluntären, die ich im Hostal kennengelernt habe. Der Himmel war wieder grau. Aber auf die Stimmung konnte das heute nicht abfärben. Sie war transparent und klar. Ich fühlte mich ausgeglichen… unbeschwert… zufrieden… erfüllt… glücklich. Und so ging ich die letzte Etappe schließlich an. Ich schwebte fast reibungsfrei an den grünblauen Wellen entlang. Zunächst leitete mich ein Radweg immer näher ans Zentrum von Rio. Unterwegs begegneten mir Athleten, die auf ihren Rennrädern letzte Trainingseinheiten fuhren. Dann irgendwann spuckte mich die Privatpiste aus in den hektischen Verkehr von Rio de Janeiro. Die Radwege waren geschlossen, denn es wurden die letzten Farbanstriche noch erledigt: Mittelstreifen und Seitenstreifen in Gelb und Weiß! Da musste ich wohl nochmal auf die Fahrspur der Großen. Stadtautobahn! Es gab hier nicht einen Zentimeter Seitenstreifen. Und ein paar Tunnels, die mich ein letztes Mal ein paar Kreuzzeichen und ein Stoßgebet machen ließen, denn zu respektlos ist hier die Fahrweise der Busse und Kleintransporter gegenüber einem Fahrradfahrer: Lieber Gott, lass mich jetzt auf den letzten paar Metern nicht im Stich!

Und das tat er nicht. Nach einer letzten Stunde Adrenalin landete ich schließlich auf der Strandpromenade der beiden ganz großen Namen von Rio: Ipanema und Copacabana. Und jetzt füllte sich die Luft langsam mit dem Spirit, der mich schon vor Wochen ergriffen und gejagt hatte: Olympia! Hier konnte keiner mehr entkommen: Kiosk an Kiosk wartete mit Fähnchen und Fernsehübertragungen auf die bereits in Scharen anreisenden Besucher. Die Stadt war voll von Sportlern, TV-Leuten, Kameras, Souvenir-Verkäufern, Sicherheitspersonal und freiwilligen Helfern. Alles stand in den letzten Vorbereitungen. Und jeder konnte sie spüren, die Vorfreude auf die großen, aufregenden Spiele. Ich saugte alles genüsslich in mich hinein wie ein fetter Schwamm. Was für ein Gefühl: Ich werde dabei sein!

Dann endete die quirlige Zone der Tribünen, Riesenbildschirme und Touristenscharen und es wurde wieder ruhig. Noch immer führte mich der Radweg am Wasser entlang. Und da plötzlich konnte ich ein weißes, kleines, schaukelndes Dreieck am Horizont erspähen. Und noch eins. Und noch eins. Ich wusste zwar nicht, zu wem dieses Lasersegel gehörte, aber ich wusste: Da muss er irgendwo sein! Mein „kleiner“ Bruder. Der wilde Vogel, der sich hier gerade seinen Kindheitstraum erfüllt. Der entscheidende Grund bei der Wahl meines Endpunktes. Mein Mit-Motivator. Ich wusste, er würde heute keine Zeit für mich haben. Aber trotzdem musste ich bis zum Hafengelände fahren, um wenigstens einmal wie ein Groupie am Absperrzaun zu hängen und hineinzuspähen, ob ich ihn vielleicht nicht doch zufällig dort vorbeischlendern sehen könnte. Daraus wurde nichts. Aber ich spürte seine Energie. Und das reichte mir. Jetzt war ich da. Ich war angekommen. Wir haben uns zwar noch nicht getroffen. Aber wir waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Die Mission war erfüllt: Holario ist gelungen.

Und dann hielt mich nichts mehr, endlich meinen Papa und meine Schwester fest in die Arme zu schließen. Ich wusste, sie warten nicht weit vom Hafen auf mich. Mama war leider daheim geblieben. Sie will lieber von allen gedrückt werden, wenn wir uns dann daheim in Deutschland wieder sehen. Ich lotste mich noch ein aller-, allerletztes Mal durch den Stadtverkehr. Wie üblich: GPS läuft und ich folge. Und wenn´s braucht, biege ich dort ab, wo ich es für besser halte. Und so lande ich schließlich – durch Zufall oder Schicksal, jedenfalls gegen den Willen meiner Navigation – genau auf der kleinen Seitenstraße, an deren Ende ein Plakat mit „Holario, Welcome Angi“ auf mich wartet. Links Coletta, rechts Papa, die die Fahne aufspannen und mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht empfangen. Als ich sie sehe, kann ich plötzlich nichts anderes mehr wahrnehmen. Und so verpasse ich glatt das selbstinstallierte Verkehrsleitsystem, das Coletta mir in Form von leuchtend pinken Schleifen an allerlei Straßenlaternen und Pfosten der Straße gebunden hatte. Was für ein Gefühl! Nach all den gesammelten Erfahrungen und Fünfundzwanzigtausend gefahrenen Kilometern am anderen Ende der Weltkugel anzukommen und von deinem Zuhause empfangen zu werden. Ich war einfach nur glücklich!

Und heute Früh erwartete ich noch ungeduldig die Komplettierung des Projektes: Philipp würde vorbeikommen! Jetzt haben wir uns also tatsächlich in Rio getroffen. So, wie unsere Verabredung gelautet hatte. Und an dieser Stelle übergebe ich nun das Feuer der Leidenschaft für persönliche Träume an meinen Bruder. Philipp: Mach fertig!

 

Rio de Janeiro, Centro, Brasilien (im Himmel)

Tages-Km: 47,48km / -Zeit: 3:16h / -Höhenmeter: 101m

Gesamt-Km: 25.753km / -Zeit: 1.749h / -Höhenmeter: 220.314m

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398_Final Countdown: 1

Fragt erst gar nicht! Meine Herrn, hatte ich einen Schädel auf heute Früh. Und einen Brand, dass es qualmt. Bis Ludmila sich gestern Abend mit unserem Begleiter geeinigt hatte, wo wir Drei pennen, hatte ich schon mal mein Zelt in eins der Zimmer gestellt, das im Moment keine Fassade hat. Der Platz war die Königsloge! Ein Dach über dem Kopf und das Meer vor Augen. Beziehungsweise in den Ohrmuscheln, denn es war ja schon stockfinstere Nacht, als ich mein Lager errichtete. Doch heute Früh war es das Erste, was meine müden Augen erblickten. Und das Zweite war eine giftige Sonne, die hinter dem großen Felsenvorsprung aufging. Der bloße Gedanke an einen weiteren Ü-30-Tag vermochte meinen Katerkopf schon fast zu sprengen. Wie sollte ich diesen Tag nur überleben? Wir erinnern uns ja zudem an die geografische Entscheidungshilfe, die mich zum Strand abbiegen hat lassen… auch noch bergauf!

Ich hätte mich ohrfeigen können, dass ich gestern nicht vernünftig war. Wo ich doch vor Zwei Tagen noch halbstark im Bett gelegen hatte. Aber wenn wir´s halt einfach so lustig hatten dort, auf der Terrasse von ihrer Tante! Doch jetzt kam sie, die böse Abrechnung. Ich musste mich schon ein bisschen quälen heute Vormittag, das kann ich nicht leugnen. Doch dann hatte Petrus endlich Erbarmen und hat wieder den Wolkenvorhang zugezogen. Was für eine Wohltat: Mit Verdunkelung ging´s doch bedeutend leichter! Und so habe ich es geschafft. Ich bin am Gartentürl!

 

 

Recreo, Brasilien (Hostal Pontal)

Tages-Km: 79,36km / -Zeit: 5:23h / -Höhenmeter: 535m

Gesamt-Km: 25.705km / -Zeit: 1.745h / -Höhenmeter: 220.213m

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397_Final Countdown: 2

Als ich heute aufwache, ist Filipe schon aus dem Haus. Na gut, dann genieße ich eben erst mal die überwältigende Sicht von seiner Terrasse über die Stadt und die Bucht von Agra. Dann mache ich mich im aufgehenden Sonnenschein an meine Frühgymnastik, als er plötzlich zurückkommt. Für heute hat er seine Arbeit getan. Ab jetzt hat er einen freien Tag. Und den beginnt er damit, dass er Frühstück für mich macht. Es ist einfach unglaublich, welche Freude die Brasilianer daran haben, Gäste zu empfangen! Gestern Abend hat er für mich gekocht. Und nicht mal was bezahlen darf ich ihm für seine Ausgaben. Geschweige denn abwaschen. Ich soll mich erholen, hat er gemeint. Ist doch Wahnsinn, oder?

Als ich mich dann auf den Weg mache, beschließt er spontan, mir den Weg zurück zur Hauptstraße schlicht zu zeigen, anstatt ihn mir auf dem GPS-Schirm zu erklären. Und schon bumpert sein Mountainbike die Drei Stockwerke herunter und er fährt mir voraus. Er bringt mich bis zur Auffahrt auf die Autopista. Von jetzt finde ich den weg allein. Aber ich bin herzlich eingeladen, ihn und seine Traumterasse wieder zu besuchen. Was für ein Gastgeber!

Ab dann wird es angstrengend. Wie er es mir vorhergesagt hatte, kommt ein Berg am anderen, eine „Subida“, die die nächste jagt. Und es ist heiß heute! Ich muss wirklich kämpfen, um auf meine Fünfzig Mindestkilometer zu kommen. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich kann kaum noch Reserven aktivieren. Weil ich keine Reserven mehr habe! Die Oberschenkel sind heute wie aus Blei. Und die Schultern verspannt. Als ich nach Neunundvierzigkommanochwas vor der Entscheidung stehe: Hotel am Strand von Magaratiba oder noch eine Bergauffahrt bis ins nächste Dorf, steht die Enscheidung bald fest: Heute lasse ich den lieben Gott einen guten Mann sein. Und checke schnellstmöglich irgendwo ein.

Doch nix da! Ich fahre solange die Straße auf und ab, bis der Kilometerzähler schließlich doch Sechzig zeigt und habe noch immer nichts gefunden. Das ist nicht zu glauben! Es gibt im ganzen Ort kein Hostal oder eine Pousada. …bis ich schließlich dahinterkomme, dass der ganze Ort eigentlich hinter dem Felsenvorsprung liegt. Doch auch da ist es so einfach nicht! Die erste Unterkunft ist ein Zwergenhostel: Ich kann nur mit gebeugtem Kopf und eingeklappten Schultern den Flur entlang gehen. Der Preis dafür scheint mir eher üppig! Ich fahre also noch ein bisschen weiter und versuche mit nun schon fast verzweifeltem Suchblick, einen Hinweis auf eine Unterkunft zu finden: Hotel, Hostel, Pousada, wie auch immer. Hauptsache, ich bin heute Nachtt sicher!

Da ruft mir aus einem Restaurant eine Frauenstimme zu: Hey du! Ich habe was du brauchst! Es ist Ludmila. Und sie lädt mich ein, in ihrem Haus zu übernachten. Wenn es mir nichts ausmachen würde, noch Vierzig Minuten hier mit ihr zu sitzen und ein Bierchen zu trinken, weil das Haus gerade vom Hochwasser vor Zwei Tagen geputzt wird: Sie hatte das Wasser in allen Zimmern und nicht mehr die Kraft, das alleine wieder sauberzukriegen. Da hat sie sich lieber in das Restaurant ihrer Tante gesetzt und ihren schneidigen Nachbarn für ein paar Kröten Mitnachlass engagiert, den Besen zu schwingen.

So habe ich meine heutige Unterkunft gefunden. Und bis die Vierzig Minuten um waren, haben wir ungefähr Sechs Stunden verstreichen lassen, Fünf Flaschen Bier und ein paar unzählige Cachaca gekillt. Wir haben Lippenstifte getestet, ihr neues Strandkleid be-Modenschaut und mit schwarzen Männern zu brasilianischer Musik getanzt. Wir haben das ganze Städtchen kennengelernt und einen fetten Fetz gehabt. Und dann sind wir mit einer bomben Schlagseite in ihr Häuschen gewackelt.

 

 

Mangaratiba, Brasilien (Bei Ludmila)

Tages-Km: 60,39km / -Zeit: 4:41h / -Höhenmeter: 816m

Gesamt-Km: 25.626km / -Zeit: 1.740 / -Höhenmeter: 219.677m

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396_Final Countdown: 3

Ein hell erleuchtetes Grau am Morgenhimmel weckt mich heute. Das ist mein Zeichen: Es muss weitergehen. Und das tut es auch. Es geht mir bedeutend besser. Durch die Nase kann ich zwar noch nicht atmen, aber mein brummender Kopf ist so gut wie Vergangenheit. Und mein Frühstück schmeckt mir auch schon wieder halbwegs.

Dann fühle ich den Sattel und es geht mir besser. Ich fahre erstmal ins Städtchen. Lieber mal ruhig angehen lassen, denke ich mir. Und dazu werde ich nicht zuletzt durch das grobe und ruppige Kopfsteinpflaster gezwungen: Schieben! Aber es herrscht einen total entspannte Stimmung hier. Die Leute, die gerade unterwegs durchs Zentrum sind, schlendern genüsslich den ersten Sonnenstrahlen entgegen. Und es geht mir noch besser. Dann endlich kann ich wieder fahren. Ich spüre den Wind und ich sehe das blaue Wasser. Und das Wolkenloch über mir lässt auch ein Stück blauen Himmel durchscheinen. Und es geht mir noch besser. Ich habe ein paar Lieder im Kopf, die ich unbedingt hören will. Und dann kann mich plötzlich nichts mehr halten: Es geht mir einfach saugut!

Wenn man krank wird, hat das meistens nicht nur mit dem Körper zu tun. Der Kopf! Ihr kennt das bestimmt: Warum wird man immer am ersten Urlaubstag krank? Weil dann plötzlich der Wille dagegenzuhalten schwach wird. Im Beruf kann man nicht. Weil die Arbeit noch fertig werden muss vor dem Urlaub. Doch kaum hat man Feierabend, fällt der Druck ab und schwupps: Zerlegt´s einen. So war das auch bei mir. Ich hatte ehrlich gesagt ein paar echte Sch…tage. Alles ging langsam dem Ende zu. Und ich keine Ahnung, wie´s danach weitergeht. Ich wollte nicht ankommen. Ich habe mich gesperrt wie ein bockiger Esel. Doch die Zeiger der Welt lassen sich nicht bremsen. Sie ticken unbeirrt weiter und zerren und zupfen und zetern an dir. Und wie sehr du dich auch sperrst: Du hältst nie dagegen! Ich hatte mir ein, Zwei Tage Pause gewünscht, um nochmal in Ruhe über die Reise nachzudenken, zu reflektieren und resumieren. Ich hätte diese Zwei Tage vor den allerletzten Tag gelegt. Doch irgendwie ist es jetzt anders gekommen. Und irgendwie ist es auch gut so. Ich habe viel geschlafen und viel nachgedacht. Und jetzt habe ich es geschnallt: Warum Angst haben vor der Zukunft? Ich muss doch einfach nur das machen, was ich für die Reise ja schon wusste: Es kommen lassen. Ich stecke mir mein Ziel. Doch den Weg dorthin kenne ich nicht. Ich lasse einfach Tag für Tag kommen und so wird er sich schließlich definieren. Im Nachgang, nicht im Voraus. Damit bin ich in den letzten Monaten bestens gefahren. Und so werde ich bestimmt auch durch die nächste Zeit kommen. Und überhaupt: Schließlich kann ich es mir in meinem Alter nicht mehr leisten, zu weit in die Zukunft zu planen…

Und mit dieser Erkenntnis fällt heute Vormittag ein großer Brocken Angst von meinem Herzen ab. Es wird schon weitergehen. Der Himmel wird immer wieder Blau werden. Und blauer und blauer…

Und schon fährt links ein Motorradfahrer ran und lädt mich ein, bei ihm zu Hause zu übernachten. Im obersten Stock seines Häuschens mit einer Totalübersicht über die Bucht von Angra dos Reis. So läuft das, wenn man loslässt…

 

 

Angra dos Reis, Brasilien (Bei Filipe)

Tages-Km: 100,03km / -Zeit: 6:12h / -Höhenmeter: 825m

Gesamt-Km: 25.566km / -Zeit: 1.735 / -Höhenmeter: 218.861m

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