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165_Alex Fraser Bridge

Es ist sowas um die Sieben Uhr am Morgen. Frühstück gibt´s ab Acht. Oooch, wie lange denn noch? Siebenuhreinundzwanzig: Wenn ich jetzt eine ausgedehnte Dusche – eine zum Abschied für lange Zeit vom Duschen – anfange, könnte ich vor dem Frühstück vielleicht noch eine E-Mail schreiben, dann auf die Muffins und Bagels stürzen, bevor die anderen es tun und dann gleich losstarten. Klingt nach einem Plan? War ein Plan! Und zwar ein guter!

Die Sonne strahlt schon seit der Früh. Endlich wieder im Sattel! Frische Luft, blauer Himmel und nur gute gelaunte Leute, genauso viel braucht´s zum reinen Glück! Ich kaufe noch ein paar Notfall-Schrauben. Bzw. beeindrucke die Männer im Radladen so sehr mit meinem Vorhaben, dass sie mir diese schenken und mir obendrein den Tip des Tages zustecken: Die Alex Fraser Bridge. Das ist die einzige Möglichkeit, über den Fluss zu kommen, südlich von Vancouver. Die anderen Überquerungen sind nämlich ein Tunnel (für Fahrräder nicht passierbar. Bzw. nur mittels einem Bus-Shuttle – pfuipfui!) oder gerade gesperrt wegen Umbauarbeiten. Von den Drei auf der Karte eingetragenen Möglichkeiten bleibt mir also in Wirklichkeit genau noch eine, um auf zwei Rädern aus der Stadt raus zu kommen! Und da ist es wieder: Das berühmte Nadelöhr, das ich finden muss!

Meine Karte hat einen Maßstab von 1:750.000. Also besten Falls ein grober Überblick! Mein Smartphone ist da schon besser. Aber nicht gut genug! Denn im Stress daheim hab ich vergessen, mir die Kanada-Karte runterzuladen. Ich klammere mich also irgendwann an den rettenden Ast, den mir die Jungs vom Radladen auch noch mitgegeben haben: Wenn du unter dem Skytrain bleibst, solltest du eigentlich genau hinkommen! Und so behalte ich immer schon den Zug über, neben, mal unter, mal rechts und manchmal links von mir im Auge. Aber bloß nicht verlieren! Und dann sehe ich da was… ein geiles Teil! Wie schade nur, dass die nicht meine Brücke sein wird, denke ich mir. Menno! Die richtig spektakulären Dinger gehören immer den Autofahrern! Warum vergessen die Brückenbauer immer uns Radler? Wir kriegen immer die rostigen, uralten, krachigen Fachwerke…

Dann endet der Radweg. Was nun? Ich lese die Karte. Bin nicht wirklich schlauer. Smartphone an, es sagt links. Okay. Ich drehe um, schiebe kurz zurück und fahre also links. Doch da fährt meine Intuition nicht lange mit. Naaa guuut, dann eben doch, wo ich anfangs runter wollte. Und kaum hab ich die Schleife fertig gezogen, erscheint da ein Pfeil! Er zeigt ein Fahrradzeichen und eine Richtung. Und er sagt: Alex Fraser Bridge. Brücke! Das klingt doch gut! Dem Pfeil folge ich. Ein bisschen heiß geht es schon her, über die ganzen Highwayauf- und –abfahrten, das kann ich euch sagen! Aber die Kanadier haben ja ein ausgezeichnetes und überaus vorbildliches Radwegenetz. Damit kann man arbeiten! Und kaum das Lob ausgesprochen, geht´s auf einen Holperpfad. Er wird schmaler und enger. Und noch holpriger. Ooohje! Doch noch gibt es Asphalt unter meinem Profil. Das beruhigt mich. Und rechts von mir jetzt plötzlich eine sechsspurige Autobahn – Drei Spuren hin, Drei Spuren her! Mich trennt von dem Wahnsinn nur so ein schmales Betonmäucherchen. …wird schon halten! Und es wird ja nicht einer dieser Mega-Trucks mit Zweihundert Baumstämmen hinten drauf gerade jetzt die Kurve nicht kriegen! Es geht bergauf. Moment: Bergauf? Ich fasse es nicht! Und da kommt mir ein Gedanke….umd ein Blick nach vorne bestätigt, was ich nicht zu träumen gewagt hätte: Ich fahre geradewegs auf die Brücke zu. Die mit dem großen Bogen, der an den Zwei Pylonen hängt. Und die uns Radfahrer und Fußgänger nicht vergessen hat! Die Alex Fraser Bridge!

Ich bin total aus dem Häuschen. Es ist immer wieder derart beeindruckend, so ein Meisterbauwerk zu überqueren! Bis ich merke – an der Stelle, wo die Straßenlaternen meine Fahrbahn durchstechen – dass es da zwischen Radweg und Laternenmast immer eine kleine Fuge gibt. An diesen Stellen sieht man, dass mich nicht mehr und nicht weniger als genau ein einziger Zentimeter Stahlplatte von Fünfzig bis Hundert Metern Absturzhöhe trennen! Mir wird ganz flau bei dem Gedanken, dass dieser nachträglich angeschraubte Fahrbalkon brechen könnte. Verdammt, geht´s da weit runter! Ich steige mal lieber an und schiebe. Das fühlt sich irgendwie sicherer an. Keine Ahnung: Bin ich im Gesamtsystem dann vielleicht leichter? Weil ich ja nicht auf dem Rad sitze? Bestimmt! Meine blassen Erinnerungen an Physikunterricht und Tragwerkslehre unterschreiben das zwar nicht. Aber mein weibliches Bauchgefühl unterstützt das voll und ganz! Es hat eben doch Vorteile, eine Frau zu sein! Und so habe ich die traumhafte Alex Fraser Bridge mit der denkbar simpelsten Methode ausgetrickst und vor dem Einsturz bewahrt. Das hat Ding gehalten und ich habe den schönsten ersten Radltag gehabt, den man sich denken kann!

 

White Rock (Zelt)

Tages-Km: 54,05km / -Zeit: 4:16h / -Höhenmeter: 535m

Gesamt-Km: 9.538km / -Zeit: 669:31h / -Höhenmeter: 86.694m

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