96_Ich bin ich und ich

Der Tag heute hat noch etwas flau begonnen. Trotz sicherem Hotelbett habe ich schon besser geschlafen. Aber als ich dann endlich auf die Piste kam gegen Mittag, kam sinnbildlich ein großer Sturm auf, der die ganzen düsteren Wolken weit wegpustete. Ich kam flott voran und je schneller ich radle, desto leichter scheint auch die Denkmaschine zu arbeiten. Jedenfalls ging mir die gestrige Nacht noch länger nicht aus dem Kopf. Aber ich hing nicht so sehr an den schwarzen Umrissen im Mondlicht, sondern eher an den Hintergründen. Am tieferen Sinn sozusagen.

Hatte ich nicht gestern Abend, bevor das alles passierte, in fast übermütigen Leichtsinn geschrieben, dass das Schicksal mir mit der baumelnden Rübe am Straßenrand mitteilen wollte, man solle in jedem Moment seines Lebens wachsam sein? Das klang zu dem Zeitpunkt schon etwas sehr weit hergeholt. Aber heute früh schien das genau der Punkt gewesen zu sein! Ich habe mit meiner Entscheidung, mein Zelt dort aufzuschlagen, eigentlich einen fatalen und wirklich schwerwiegenden Fehler begangen: Ich habe nicht auf mein Gefühl gehört! Dabei hatte es doch so deutlich zu mir gesprochen und ich hatte es auch verstanden. Aber ich habe die anderen Sinne über mein Bauchgefühl gestellt: Ich hatte freundliche Gesichter GESEHEN, Kinderlachen GEHÖRT und mein Verstand hatte kombiniert: Selbst wenn man einmal ein ungutes Gefühl hat, es muss ja nicht gleich ein Verbrecher des Weges kommen. Aber völlig daneben! Denn dieses ungute Gefühl hatte ja genau den Verbrecher vorhergesagt! Mein Instinkt hat die Gefahr gerochen! Und das lehrt mich noch einmal mehr sehr eindrucksvoll, dass alle unsere Sinne am Ende täuschbar sind. Nur einer nicht! Und das ist unsere innere Stimme, unser Bauchgefühl, unser sechster Sinn, unser Instinkt…wie auch immer man ihn nennen mag, den Allwissenden in uns.

Und dann habe ich diese Erfahrung oder Erkenntnis übertragen auf genau die schweren Gedanken, die mich die letzten Tage begleitet hatten. Ich habe sie übertragen auf die Ereignisse der Vergangenheit, die mir offensichtlich noch immer nachhängen. Auch hier lag mein inneres Gefühl richtig! Also warum den verlogenen und verdrehten Wahrheiten, die man mir schriftlich oder verbal unterjubeln wollte, länger Aufmerksamkeit schenken, wenn ich selbst die richtige Wahrheit doch am besten kenne – weil ich sie fühle? Ich liege und ich lag richtig. Und alles andere ist eigentlich nicht weiter von Belang. Wenn auch trotzdem sehr enttäuschend…

Die Erfahrung letzte Nacht hat mir genau darüber die nötige Klarheit verschafft. Und jetzt denke ich gerade an Hilal aus Izmir und wie ich wie ferngesteuert den Weg zu ihr und den anderen WG-Leuten finden sollte. Vielleicht war genau das der Grund: Liebe Hilal, wenn du das hier liest, dann gehe einfach davon aus, dass ich diese Erfahrung auch für dich mitmachen sollte. Profitiere also einfach von meiner Erkenntnis und lass dir versichert sein, dass dir dein Gefühl immer die richtige Wahrheit sagt, egal was die Außenwelt für weitere, verbogene Wahrheiten aus dem Hut zaubert!

Und damit ist irgendwie ein weiterer Level erreicht. Die Urlaubsfahrt ist endgültig zur Reise geworden. Zur Reise zu mir selbst, wie ich anfangs geschrieben hatte. Aber wie gesagt, ich war nicht auf der Suche nach mir selbst. Ich bin aufgebrochen, um mich selbst – die ich schon kannte aber irgendwie verloren hatte – wieder zu finden. Ich bin quasi mit mir selbst in Urlaub gefahren, um mir selbst wieder näher zu kommen. Eine Paartherapie, wenn man so will. Und gestern vor dem Zelt hatte ich plötzlich eine unglaublich starke Kraft empfunden: Wir sind mittlerweile eine unzertrennliche Einheit geworden – mein Zelt, mein Rad, ich und eben ich. Gemeinsam fühlten wir uns stark und hatten uns der drohenden Gefahr gestellt. Ich und ich, wir sind wieder zusammen. Das ist mir heute unterwegs bewusst geworden. Und ihr denkt jetzt bestimmt, die dreht uns da unten völlig am Rad, die Alte! Aber nein, ich bin bei Sinnen! Es ist nur so schwer zu erklären. Und vielleicht für einen Fremden auch niemals nachvollziehbar. Aber das erste Mal seit wirklich langer Zeit sehe ich, dass mir jemand entgegensieht, wenn ich in den Spiegel schaue. Ich!

Und ich bin jetzt gerade mit mir von einer sagenhaften Bootstour zurückgekommen, sitze im Moment auf der Terrasse des Camping Dalyan, unter dem Geländer direkt der grüne, spiegelglatte Fluss mit den Tausend Windungen zum „Turtlebeach“ (Schildkrötenstrand) und am anderen Ufer, hinter einem haushohen Schilfgürtel beeindrucken mich die alten, in den Felsen gehauenen Tempel. Alles ist friedlich und ich…bin einfach (glückl-)ich!

 

Dalyan (Zeltplatz)

Tages-Km: 28,27km / -Zeit: 1:42h / -Höhenmeter: 84m

Gesamt-Km: 5.732km / -Zeit: 392:51h/ -Höhenmeter: 50.714m

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Baum, pass auf!

Es ist der heute Mal morgens früh, kurz vor Neun, als ich den PC-Deckel aufklappe und schreibe. Der Grund? In der Nacht ist etwas passiert, das ich so schnell wie möglich hinter mir lassen möchte. Ich schreibe es nieder und dann soll es Vergangenheit sein. Und ein neuer, sonniger Tag soll mich zurück in die gute Welt bringen! Aber um es abschließen zu können, muss raus aus mir:

Gestern nach dem Zipfelereignis war wieder ein kleiner Weltenwechsel. Nach mehreren idyllischen Tagen in der schönen türkischen Natur erwartete mich jetzt für ein paar Tage – fast eigentlich bis Antalya – Hauptstraße. Doch wenigstens nach einer guten Kilometerzahl war da ein Städtchen mit Campingplatz auf der Karte eingetragen…an einem See gelegen. Das steuerte ich an.

Doch irgendwie war es anders, als die Tage zuvor. Ich fühlte mich nicht so wohl bei den Leuten, die mir begegneten. Doch warum? Sie hupten mir zu, winkten freundlich, zeigten mir „Daumen hoch“, grüßten, wenn sie am Straßenrand standen und ich vorbeifuhr. Dann bog ich in die Ortseinfahrt ab. Die Straße war ziemlich breit, auf dem Mittelgrün viele Laternenmasten mit jeweils zwei türkischen Fähnchen – auch das war ein bereits bekanntes Bild. Doch nach wie vor fühlte ich mich hier nicht zu Hause. Ich beschloss, es einfach die Straße hinunterrollen zu lassen und mich am Wasser nach dem Zeltplatz umzusehen. Da kam dann endlich auch so etwas wie eine Dorfmitte: Leute machten ihre Sonntagsausflüge, Kinder sprangen umher und die Uferpromenade war mit hübschen Cafés und Sitzgarnituren möbliert. Und dort waren auch all die Leute. Es war endlich eine familiäre Athmosphäre, in der man sich auch als Tourist, obwohl man von allen angestarrt wird, wohlfühlen konnte. Dort fragte ich mich weiter nach dem Campingplatz und wurde entlang der Promenade geschickt: Immer geradeaus, zirka Drei Kilometer.

Ich fuhr los und kam nach guten Zwei Kilometern am Ende des Flanierweges an. Das Gehwegpflaster endete in einem kleinen Strandbad, die Straße für die Autos führte noch weiter in dichtes Schilf. Nein, nein, da bringt mich heute keiner mehr hin! Da konnte auch kein Zeltplatz mehr sein – kein Tourist würde jemals in dieses Schilfdickicht und so weit weg vom Ortskern gehen! Ich stand dort gute Fünf Minuten und überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte für mich. Und da erst sah ich es: Das Schild auf dem in verrosteten Lettern stand „Camping“. Ich querte die Straße und fuhr durch das Tor. Doch keine Rezeption. Eher ein Park mit Gras und dicken Bäumen. Und einem Bächlein. Doch alles stand offen. Ich fuhr in Richtung der Kloanlagen und Duschen. Und da wurde mir schnell klar: Das WAR mal ein Campingplatz. Alles verdreckt, es roch nach Pipi und abgestandenem Gulliwasser, Hähne und Brauseköpfe fehlten… Doch das Areal schien noch von den Einheimischen für ihre Sonntagsausflüge genutzt zu werden: Man hörte laute türkische Musik aus Autos, hier grillte ein Gruppe junger Kerle, dort saß eine Familie in Drei Generationen an einem Picknicktisch und aß in der Sonne. Drei alte Männer spielten Karten und ein anderer mit seinem Handy, während er auf seinem Roller saß und den Schatten genoss. Es kamen immer wieder Autos hereingefahren, meistens waren ein, zwei dieser Poser im Innenraum, die ihren aufgemotzten Schiltten präsentieren wollten und gar nicht mal ausstiegen, sondern einfach nur eine Runde drehten und wieder auf die Straße raus abbogen, wo sie mit quietschenden Reifen davonzischten. Kinder spielten Ball und Hunde sprangen mit ihnen in der Luft. Es schien eine ganz normale Naherholungsfläche, wie man so schön sagt. Aber trotzdem: Ich hatte kein gutes Gefühl. Ich stellte mein Rad ab und überlegte, was ich tun sollte. Bleiben wollte ich nicht. Aber die Alternative lautete zurück auf die Hauptstraße und dort zelten! Und dafür war ich eigentlich zu müde für heute.

Ich ließ alles erst mal wirken und testete ohne direktes Ziel ein paar Wasserhähne – sie funktionierten! Auch eine Dusche…heruntergekommen zwar, aber sie funktionierte. Da wusch ich mir die Beine und Arme und dachte, ich könnte jetzt ja weiterfahren und nach einem angenehmeren Plätzchen suchen. Doch schon der Gedanke an Weiterfahren war mir zu anstrengend. Ich fragte mich, warum eigentlich? Es war ein netter Park, die Sonne schien, die Leute waren auf den äußeren Anblick auch alle ganz normal. Was hatte ich nur, warum wollte ich da nicht bleiben? Ich wusste es nicht. Es war nur so ein komisches Gefühl….

Dann beschloss ich, mir noch ein bisschen Zeit zu geben, um mir über die weiteren Tagespläne klar zu werden. Und ich beschloss, mich ganz zu duschen. Augen zu und durch! Doch zu meiner Überraschung kam nach kurzer Zeit heißes Wasser. Wahnsinn! Mitten in der Wildnis hatte ich eine warme Dusche mit richtig Druck auf der Leitung und vollem Brausestrahl gefunden! Ich duschte ausgiebig mit Haare- und Klamottenwaschen. Jetzt war ich wieder hergestellt! Und ich beschloss, jetzt nicht so rumzuzicken, mein Zelt aufzuschlagen und dann in der Abendsonne endlich was zu essen – Hunger war nämlich auch aufgekommen mittlerweile. Und so tat ich es. Als Standplatz wählte ich den enormen Wurzelstock eines riesigen Baumes, nicht weit weg vom Parkeingang. (Ganz entgegen meiner sonstigen Versteck-mich-Tendenz). Und als ich alles vorbereitet hatte, warf ich den Kopf in den Nacken, schaute ehrfürchtig in die weite Baumkrone und sagte laut und im vollen Ernst: „Gell, Baum, du passt heute Nacht auf mich auf, damit mir nichts passiert!“

Es wurde dämmrig. Die normalen Leute verließen nach und nach den Platz und so mancher schräge Vogel streunerte herum. Einer zum Beispiel mit einem klapprigen Rad. Daran schraubte er bestimmt eine Stunde lang etwas, aber immer in meiner Nähe und immer mit regelmäßigem Blick zu mir. Das schien mir schon seeehr seltsam – hatte der mich währenddessen etwa ausgespäht? Oder war er nur zu feige, mich anzusprechen. Jedenfalls beschloss ich, diesmal meine Wertsachen aus der Kiste mit ins Zelt zu nehmen – inklusive Pfefferspray! Dann schloss ich die Reißverschlüsse und beobachtete durch einen kleinen Schlitz in der Zeltlüftung, dass auch er gleich darauf losfuhr. …doch wohler war mir dadurch jetzt nicht!

Es wurde Nacht und ich hatte mich endlich schlafen gelegt. Die Musik draußen war verschwunden, kein Geplapper und keine sonstigen Geräusche waren mehr zu hören. Es setzten sich die Naturgeräusche wieder durch: Käuzchen, Vögel, … Ich war jetzt eigentlich ganz entspannt.

Dann fuhr ein Auto auf den Zeltplatz. Und warum auch immer, ich schoss in die Höhe, riß den Reißverschluss auf und wollte sehen, was das für eins war. Seltsam, denn normalerweise höre ich erst ein bisschen, wohin der fährt, wie der fährt, ob er anhält u.s.w. Doch dieses Mal nicht! Und als ich rausschaute, sah ich ein Auto mit ein paar Kerls, aber vor allem sah ich noch etwas viel Dramatischeres: Einen Mann! Der schlich jetzt gerade um den Nachbarbaum – gute Zehn Meter weg von meinem Zelt. Das Auto fuhr langsam hinter dem Baum durch und der Mann schlich im Schutz des dicken Stammes um den Baum herum, sodass das Auto ihn nicht sehen konnten. Doch ich konnte ihn sehen! Und durch das helle Mondlicht und die Rücklichter des Autos konnte ich seine Umrisse genau sehen. Er hatte etwas in der Hand, das aussah, wie ein großes Klappmesser. Ich erkannte die Umrisse dieser gerippten Schutzhüllen. Dann drehte das Auto um, und fuhr zurück. Der Mann schlich wieder zurück um den Baum herum. Und dann ging alles schnell: Er sprang hinter das Auto und für einen Moment hatte ich gedacht, die gehören doch zusammen. Aber falsch gedacht. Das Auto fuhr wieder davon und der Mann stand jetzt auf der Straße…ich sah ihn wieder im roten Rücklicht.

Dann warf er sich auf den Boden. Puuuh, der war nur ein Penner, der vom Auto aufgescheucht worden ist! Und jetzt schläft er bruhigt weiter. Doch der Schatten hatte mich getäuscht: Er schlief nicht. Er betete! Er kniete auf dem Weg und machte diese bekannte Verbeugung mit beiden hochgestreckten Armen. Drei Mal verbeugte er sich, dann sprang er zurück auf die Beine. Und schaute in meine Richtung.

Ich kniete im Zelt, Beine im Schlafsack. Wie versteinert hatte ich das alles beobachtet. Doch jetzt war mir klar, worum es dieser Gestalt wirklich ging: Um mich! Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Für keine Sekunde! Mit der linken Hand suchte ich blind mein Brotzeitmesser aus der Tasche neben mir. Das legte ich mir bereit. Dann schlüpfte ich aus dem Schlafsack und zog mir meine Schuhe an. Der Mann sah mich währenddessen direkt an, doch was ich tat verbarg sich für ihn hinter meinem Außenzelt – ich schaute nur durch die obrere Lüftung. Dann verschwand er wieder hinter dem dicken Stamm. Und tauchte nicht mehr auf. Ich stierte in seine Richtung. Dann sah ich, wie er rechts um den Baum herum lugte. Ich sah eine helle Kontur im Mondlicht – sein Gesicht. Dann verschwand es wieder im Dunkel. Und tauchte wieder auf, nach gut Zehn Sekunden. Und verschwand wieder. Ich griff hinter mir ins Zelt und suchte nach dem Pfefferspray und Taschenlampe. Doch das brauchte mehrere Anläufe – zu weit weg vom Eingang hatte ich es abgelegt. Und ich wollte den Stamm nicht mehr aus den Augen lassen. Da! Wieder sein Gesicht! Es lugte auf der anderen Seite hervor! Dann verschwand es wieder. Doch ein Stein schlug am Boden auf – auf halber Strecke zwischen ihm und mir etwa. Dann wieder das Gesicht für einen kurzen Zielblick, wieder ein Stein. Er war deutlich näher bei mir diesmal! Mein Herz raste. Mittlerweile hatte ich Gott sei Dank alle meine Waffen bei mir: Brotzeitmesser, Pfefferspray, Turnschuhe, Taschenlampe. Doch es hörte nicht auf! Nochmal sein Gesicht, so lange hatte ich es noch nie gesehen, dann verschwand er wieder hinter dem Baum und im selben Moment schlug ein Stein auf mein Zelt!

Da schrie ich so laut und tief ich konnte: „Heeeeeee! … What´s your problem?…“ Und noch was auf Deutsch. Ich hatte mich schon kampfbereitgemacht, stand mittlerweile vor meinem Zelteingang. Doch dann war Ruhe. Kein Gesicht mehr, keine Steine mehr. Nichts mehr! Und genau das war so erschreckend: Ich hatte den Baumstamm nicht für eine Nanosekunde aus den Augen gelassen. Doch ich hatte keinen weglaufen sehen! Und ich konnte auch keinen mehr stehen sehen – der Schatten des Baumes war im Mondlicht zu schlank und geradlinig. Es zeichnete sich keine Kontur eines dahinter stehenden Mannes mehr ab. Oh wie war das gurselig!

Ich blieb bestimmt für weitere Zehn Minuten vor dem Zelt stehen und lauschte und leuchtete um mich herum alles ab. Da er kein Ortungszeichen mehr von sich gab, wusste ich plötzlich nicht mehr, auf welche Suchrichtung ich mich beschränken sollte! Er konnte von allen Seiten wieder kommen, je mehr Zeit verging. Doch nichts. Ich hörte und sah ihn nicht mehr.

Dann galt es eine Entscheidung zu treffen: Bleiben oder gehen? Aber wohin gehen? Durch die Nacht radeln? Und alles wieder einpacken? Das dauerte mindestens eine Stunde! Doch bleiben war auch sinnlos. Denn hier hätte ich kein Auge mehr zu getan. Ich konnte ja schon nicht mal mehr ins Zelt!

Nach langer Totenstarre vor meinem Zelt fing ich schließlich an, so nach und nach alle meine Sachen zusammenzupacken. Ich ging nicht mehr ins Zelt. Alles machte ich von draußen. Und wenn ich kurz nach innen abtauchen hatte müssen, um die Sachen rauszuholen, stand ich sofort wieder auf und machte einen 360° Kontrollblick mit Taschenlampe und Hören. Doch er schien wirklich weg zu sein. Nicht einmal noch hatte ich etwas Auffälliges gehört: Kein Knacken, kein Atmen, kein Räuspern, kein Schatten, einfach nichts! Dann hatte ich endlich, endlich alles wieder eingepackt. Mein Puls war wieder ein bisschen normalisiert. Wie vermutet hatte das langsame Einpacken mit immer wieder in die Nacht hinaus leuchten gut eine Stunde gedauert. Doch jetzt war es geschafft und mir war auch eine gute Idee gekommen: Ich könnte doch vielleicht ein Hotel nehmen – ich hatte glaube ich welche gesehen auf der Herfahrt. Das war eine gute Idee!

Ich schob mein Fahrrad auf den Weg und blickte mich nochmal um. Und da sah ich im Mondlicht ein umgekehrtes „v“ hinter dem Baumstamm leuchten – die reflektierende Seitennaht einer Jogginghose. Er hatte die ganze Zeit mit angewinkelten Knien auf dem knorrigen Wurzelstock des wuchtigen Baumes gehockt!

Ich rannte davon, so schnell ich konnte, raus auf die beleuchtete Straße. Ich stieg auf mein Rad und als da noch viele Passanten und vorbeifahrende Autos waren, wusste ich, dass ich endlich in Sicherheit war. Jetzt erst!

Das nächste Hotel war keinen halben Kilometer entfernt und Gott sei Dank brannte dort noch Licht!

 

Köycegiz (Hotel Flora)

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95_Hokus, Pokus, Fididuß`!

Es gibt nicht so viele nichtweltbewegende Dinge, die mir wohl bis an mein Lebensende unerklärlich bleiben werden. Doch heute ist mir so eins widerfahren!

Ich wache auf der dritten Erdterrasse über meinem kleinen Privat-Badestrand auf. Der Zeltplatz war ein Traum! Und so wie die malerische Landschaft gestern Abend aufgehört hat (ich hatte dort übrigens – wie kurz zuvor beim Universum bestellt – Fisch und Salat in einem kleinen Restaurant mit Blick auf´s glasklare, türkisblaugrüne Meer), jedenfalls so hat mich heute Vormittag die Straße durch herrlichste Pinienwälder entlang der Steilküste bis hin zu einem winzigen, kleinen Fischerörtchen gelotst. Ich musste mich ans Ufer setzen und einen Saft trinken. Dann ging´s weiter und – klar, dass das hier kein Geheimtipp mehr sein konnte – ich landete prompt in einem richtigen Touriort. Und jetzt nähern wir uns langsam dem rätselhaften Ereignis! Also aufgepasst: Ich fahre aus diesem Ort hinaus, es geht ein bisschen den Hügel hoch bis zur Hauptstraße, es ist Sonntag und es herrscht reger Verkehr, denn alle wollen wohl ins Grüne oder ans Meer. Ich blicke eher nach unten, weil ich feste treten muss. Doch da versperrt mir plötzlich ein Auto meinen Seitenstreifen. Ich hebe den Blick. Und da sehe… also hmmmkhmmm, ich sehe da also einen Mann auf der Beifahrerseite seiner Karre, beide rechten Türen stehen weit offen. Und er scheint sich von der vorderen zur hinteren Tür zu arbeite: Die Jeans auf Kniehöhe, die weiße Schiesser auf Mitte Oberschenkel und die Challenge scheint zu lauten: Vom Beifahrersitz auf den Rücksitz, ohne eine der Hosen zu verlieren! Und ohne festhalten! Er balanciert also mit den seitlich leicht ausgestreckten Armen sein Gleichgewicht. Und dann wackelt er von Tür zu Tür. Wie ein Pinguin. Und ER… wackelt natürlich munter mit! Mit jedem einzelnen, kurzen Schritt! Verzeiht, aber da konnte ich nur hinschauen! Das war einfach der leuchtrot blinkende und dazu trommelnde Fokus des Bildes. Nur gut, dass ich mich hinter meiner verspiegelten Brille verstecken konnte…

Aber was mich daran nachhaltig beschäftigt hat: Was um alles in der Welt steckt hinter diesem Anblick? Welche Geschichte? An diesem Ort? Hat der sich etwa in die Hosen gemacht oder was? Oder warum trippelt der mit heruntergelassenen Bein- und Sonstnochkleid um sein Auto herum? Am helllichten Tag! …so sehr ich mich anstrengte: Ich fand hierfür keine brauchbare Erklärung! Na, vielleicht wollte mir das Schicksal auf diesem Wege eine Nachricht hinterlassen. (Zufall konnte das ja wohl nicht sein. Denn wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich gerade in denjenigen Fünf Sekunden des Weges komme, wenn ein türkischer Nackedei wirr um sein Auto schwänzelt?) Aber was wäre dann die Message an mich? Obacht, es kommen haarige Zeiten! Na gut, so plump vielleicht doch wieder nicht. Aber vielleicht wollte es mich nach den schweren Gedanken der letzten Tage ein bisschen aufheitern und mich mit eigentlich Belanglosem vom in Wirklichkeit vielleicht genauso Belanglosen (das ich nur im Moment noch viel zu schwer nehme) ablenken. Oder es wollte mir damit sagen: Sei wachsam! In jedem Augenblick deines Lebens! Denn jeder Moment kann dein Leben verändern. Glaubt ihr nicht? Na dann stellt euch mal vor, dieser Typ hätte ausgesehen wie George Clooney. Meint ihr, dann wäre ich auch einfach vorbeigefahren? Natürlich nicht! Ich hätte angehalten, die Brille ein kleines Stückerl runtergezogen, dass ich gerade so über den oberen Rand gucken konnte und dann hätte ich gefragt: „`scuse me, are you Mr. George Clooney?“ Dann hätte er charmant gelächelt und gesagt: „ Nein, natürlich nicht. “ Dann wäre er auf mich zugekommen, hätte mir seine Hand zum Gruß entgegengestreckt, mich nach meinem Namen gefragt und schon wären wir im Gespräch gewesen. Dann hätte er mich zu einem Nespresso eingeladen und ich hätte die Einladung natürlich angenommen. Dann wären wir zurück zur Geheimtipp-Bar am einsamen Fischerstrand gegangen und…spätestens dort hätte er auch seine Hosen wieder hochgezogen. Und dann…. doch, doch, solche Sachen passieren!

Nur mir eben nicht. Ich habe schnell Handzeichen gegeben und bin an dem dubiosen Schlitten vorbeigefahren. Und gut, dass ich schon seit ein paar Tagen Achtzehn bin – ganz jugendfrei war diese Einlage ja nicht! Aber für eine nette Erinnerung hat es allemal gereicht!

 

Köycegiz (Zelt)

Tages-Km: 52,58km / -Zeit: 3:28h / -Höhenmeter: 440m

Gesamt-Km: 5.704km / -Zeit: 391:08h/ -Höhenmeter: 50.630m

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93_Entschlackung

Ich weiß nicht, ob es gestern an der grauenvollen Ortsdurchfahrt dieses Nicht-Ortes lag. Auf jeden Fall hat die Architektur einen ganz entscheidenden, zumeist unterbewusst entstehenden Einfluss auf unseren Gemütszustand. Aber ob es nun allein daran lag….Jedenfalls hatte ich plötzlich ein unheimlich aufgewirbeltes Innenleben! Nach und nach wurde die Landschaft wieder schöner bis eigentlich wunderschön! Ich knetete mich durch Hügel mit hohem Gras, Baumwiesen, Steinmäuerchen, hörte Grillen und Vögel und nur ab und an deutete etwas auf Zivilisation hin. Doch all das wurde mir eigentlich erst klar und bewusst, als ich wieder zurück auf die Hauptstraße kam. Da fiel mir plötzlich auf, wie weit ich gedanklich weg war. In einer Traumwelt bin ich gewandert, den ganzen langen Nachmittag. Und die seltsamsten Erinnerungen kamen in mir hoch. Uralte Kamellen zum Teil, bei denen ich mich einfach nur wundern musste, dass sie noch immer irgendwo in meinem Nirwana herumgeistern… Einmal hätte ich in Tränen ausbrechen können. Und dann war ich wieder furchtbar verärgert. Es war wie ein Wechselbad der Gefühle, als ich mich da so völlig ungestört durch die herrliche Natur arbeitete. Doch ich verstand nicht, warum die Schönheit der Landschaft solche unguten Gefühle aufwirbelte…

Naja, es ist ja genau dieser auch einer der Beweggründe, so eine Reise zu unternehmen. Es werden unverdaute Brocken wieder hochgewürgt und man nagt noch ein paar Stündchen dran rum. Und irgendwann sind sie dann schon endlich klein und plagen einen nicht mehr. So zumindest hat sich der heutige Tag angefühlt: Befreit und unbeschwert. Ich habe leider in Bodrum die Fähre nicht nehmen können, weil die erst in einem Monat ihren Dienst aufnimmt. Und so bin ich nochmal auf die Suche nach kleinen Nebensträßchen gegangen – mit Erfolg! Es war wieder wie gestern viel, viel wilde Natur vom Straßen- bis zum Bildrand zu sehen. Ab und zu ein kleiner Einsiedler, die Straße wurde immer löchriger und holpriger und löste sich für manche Streckenabschnitte sogar ganz auf. Doch heute war da nicht ein Wölkchen mehr am Emotionshimmel! Es war einfach nur unbeschreiblich schön und unbeschreiblich leicht.

 

Irgendwo zwischen Bodrum und dem Himmel (Zelt)

Tages-Km: 56,58km / -Zeit: 4:53h / -Höhenmeter: 851m

Gesamt-Km: 5.587km / -Zeit: 381:41h/ -Höhenmeter: 48:970m

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92_Wo der Teufel baut

Ich schreibe wieder. Das heißt: Ich lebe noch! Aber eine gute Nacht fühlt sich am Morgen danach anders an…

Es ist schon in der Nacht plötzlich richtig kalt geworden. Seit langem wieder einmal habe ich gefroren und bin dadurch aufgewacht. Vielleicht war das schon der Vorbote für meinen heutigen Missmut. Vielleicht aber auch nicht und das alles kam ganz allein durch die Schuld des ersten Städtchens auf der heutigen Etappe. Wobei – Städtchen ist eigentlich viel zu schmeichelhaft für diesen wilden Sauhaufen an furchtbaren Gebäuden! Es fehlt ihm nämlich zur Gänze an den Dingen, die ein Städtchen städtisch machen: Bäcker, Metzger, Obstladen, Frisör, Apotheke, Café, ein Plätzchen mit Bäumen, oder Bänken, Straßenraumqualität, Menschen. Nur streunende Hunde und Wüstenrosen, die durch das verlassene Bild kullern. Doch die brauchen natürlich Hausecken, die anderen windige Gassen, um ihren Aufgaben jeweils gerecht zu werden. Haben sie! Es gibt hier nämlich massig Gebäude. Aber die von der allerschlimmsten Sorte! Es muss dieser Flecken Erde der Geburtsort der „Ü“s in der türkischen Sprache sein. Ich kann euch sagen: Üüüüüüüüüüüüüübel!

Stellt euch vor, da ist einst ein Naturparadies: Glasklares Meer in allen Blautönen von Azur bis Türkis. Dort hinein streckt sich eine bewaldete Landzunge: Grün im allen seinen Varianten. Und am Rand, wo Wald zu Wasser wird, große, weiße Felsen. Das sind die Farben des heutigen Tages! Und über alles strahlt die Sonne und ein eisiger Nordwind wirbelt wilde, weiße Schaumkronen auf die kurzen, ruppigen Wellen. Das gefällt nicht nur uns! Nein, nein, auch dem Bösen ist es an solchen Fleckchen dieser Erde gerade schön genug. Und so hat es in zahlreichen Anläufen versucht, aus einem Touristen-Schuhkarton ein Touristendorf zu machen, indem es den ursprünglichen Entwurf einfach in vielen Klonen an den Strand gefetzt hat. Doch irgendwie sollte das wohl noch nicht so recht zum gewünschten Erfolg führen, also noch ein Anlauf. Doch auch mit dem zweiten Touristen-Wohn-Gebiet wurde es nicht besser. Wie auch? Oder habt ihr schon mal gehört, dass ein zweiter Sch…haufen den Gestank eines ersten neutralisiert? Natürlich nicht. Doch hier hat das wohl jemand ernsthaft gedacht! Und so ist hier eine fürchterliche Touristenstadt gewachsen, in der keine Menschenseele je Urlaub machen will. Und sie wächst immer noch! Oben schon fast am Kamm des Hügels wird fleißig gebaut, während unten in erster Reihe zum Meer schon die niemals bewohnten Häuschen wieder zerfallen. Und natürlich räumt das keiner jemals weg, das „Stadt“bild verkommt damit nur noch mehr und erst recht wird hier niemals jemand herziehen wollen. Das führt zwangsläufig zu der Annahme: Hier muss ein Verbrecher an der Macht sein! Eine gute Seele kann doch solch einen Wahnsinn gar nicht Wahrheit werden lassen. Es ist vermutlich der Belzebub selbst, der hier investiert und betoniert. Also, …pfui Deifl!

Wenigstens der Abend war wieder ein echtes Highlight: Ohne es zu erwarten tauchte da plötzlich ein Campingplatz am Straßenrand auf. Vor lauter innerer Energie hatte ich das Zeltaufschlagen schon mehrmals verschoben – zu viel Schub hatte ich noch. Und eigentlich war es nicht klug, bis kurz vor knapp zu fahren. Doch ich wollte unbedingt noch ans Meer. Auch, wenn mich dort nur ein Örtchen erwartete – mehr und weiter würde ich es ohnehin nicht mehr schaffen. Energietechnisch nicht und auch zeitlich nicht. Doch dann eben der Zeltplatz. Für Zehn türkische Lira und umgerechnet gute Drei Euro Fünfzig bekam ich einen herrlichen Sonnenuntergang, eine heiße Dauerdusche, Strom für meine Geräte und eine Einladung zum Geburtstagsbuffet von Sedefs Schwester. Hmmmmm, das war die Rettung!

 

Güvercinlik (Zeltplatz)

Tages-Km: 88,31km / -Zeit: 6:43h / -Höhenmeter: 1.209m

Gesamt-Km: 5.530km / -Zeit: 376:48h/ -Höhenmeter: 48.119m

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91_Ich und Agassi?

Gerade hatte ich gestern fertiggeschrieben, den Computer zugeklappt und mich hundemüde schlafengelegt, begann meine Nachbarschaft aktiv zu werden: Es wimmelte plötzlich von laut quasselnden Spaziergängern, Roller düsten vorbei und Radler, es fuhrwerkte und knackte. Fazit: Einschlafen unmöglich! Dann wurde es endlich wieder ruhiger und ich war fast schon in der Gamma-Phase….“AAANGELAAA?“

Oh mann, diese Stimme kannte ich doch! Es war Cemal, der mir den Tee übersetzt hatte. Oder der Vermesser, besser gesagt. Ich fragte mich, was er wohl diesmal für ein Überraschungsei für mich parat hatte und lugte aus dem Zeltvorhang hinaus. Er sagte nicht viel. Eigentlich strahlte er nur ganz stolz wie ein Kater, der gerade frisch eine Maus gefangen hatte und zeigte in Richtung Meer: „Come!“ Und ich konnte meinen verschlafenen Augen kaum trauen! Dort hockte der Baggerfahrer an einem superromantischen Lagerfeuer und hatte die zweite Maus gefangen. Da musste ich natürlich raus. Sie hatten extra Cola, geröstete Sonnenblumenkerne und Muffins gekauft, damit wir dort was zum Naschen hatten!

Es war wie im Film! Das Meer rauschte, der Sand war weich und sauber und der Himmel sternenklar. Über uns stand der türkische Mond in einer schmalen Sichel und ein auffällig heller Stern leistete ihm Gesellschaft. Vielleicht kam daher das Flaggenmotiv? Das Feuer wärmte uns und wir hatten es richtig lustig. Cemal kramte ganz weit unten sein bestes Englisch hervor und wenn das uns nicht mehr weiterbrachte, zeichnete er in den Sand. Er wollte mir ein paar türkische Wörter beibringen, aber dafür war ich viel zu müde. Das war auch ihm nicht entgangen und er gab auf. Doch dann sagte er irgendwann: „You look Agassi!“ – Wie bitte? Ich glaub, du vertust dich da… Jetzt hatten wir´s doch gerade von meinen blonden Haaren, derer ich auch noch ausreichend auf dem Kopf habe, und du erzählst mir, ich hätte glatt Ähnlichkeit mit einem glatzköpfigen Ex-Tennisprofi? Ich brachte meine Augenbrauen in die Häää-wie-bitte-Stellung und wackelte ein bisschen mit dem Kopf. „Yes, yes, you look Agassi!“ Er beharrte förmlich darauf! Und da drängte sich bei mir langsam eine ganz bestimmte Frage in den Vordergrund: Was stimmt denn mit dem nicht?

Doch er ließ einfach nicht locker. Also mussten wir dem Thema jetzt nachgehen, um es zum Abschluss zu bringen. Ich analysierte: Während er das sagte, zeigte er immer mit funkelnden Augen auf´s aufgewühlte Meer hinaus. Dann in den Himmel mit dem gebogenen Mondschlitz und den Sternen. You…look…Aga…si! Aber halt! Aga….si – steckte da eventuell das englische Wort für Meer (Sea) drin? Aga-sea, Aga-sea, … Ja klaro! You look Aga-sea sollte nichts anderes heißen als „Mädel, das was du da siehst, ist Aga-sea, vermutlich das Ägäische Meer. Und so war´s – der Kontrollblick auf die Karte hatte mir heute die letzte Sicherheit gegeben: Ich schaute auf das Ägäische Meer. Auf türkisch: Ege Denizi. Oder Ege Sea auf halb englisch, halb türkisch. Das war eine Operation! Aber immerhin: Again what learned!

So, und um noch kurz was zu heute zu sagen: Sonne, wunderschöne Straße, Mittagessen in den Ruinen von Milet und jetzt liege ich im Zelt. Beim Aufbau – es war schon ziemlich dämmrig – hat in den Büschen plötzlich etwas geheult. Und dieses Etwas war nicht nur ein einzelnes, so viel steht fest. Und weit war es auch nicht. Und es war bestimmt kein Hund, keine Katze, keine Maus oder sonst etwas, das ich je gehört hätte. Nur gut, dass mir letztens ein Türke ganz stolz erzählt hat, dass es hier sogar Wölfe gibt – da schläft sich´s doch gleich viel entspannter! Na jedenfalls habe ich sicherheitshalber doch mal nach einem Stock gesucht: Vergeblich! Da blieb mir nur eins: Steine sammeln. Und ich will wirklich ganz stark hoffen, dass ich morgen früh fröhlich und putzmunter aus dem Zelt spaziere und über diesen Haufen vor der Haustür nur schmunzeln kann…!

Ansonsten: Gute Nacht!

 

Didim (Zelt)

Tages-Km: 85,07km / -Zeit:5:22h / -Höhenmeter: 621m

Gesamt-Km: 5.442km / -Zeit: 370:05h/ -Höhenmeter: 46.909m

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Gewichtsverlagerung

Ihr habt es sicherlich schon bemerkt: Ich schreibe immer seltener. Oder halt, das stimmt nicht! Ich schreibe genauso oft, wie eh und je. Aber das online stellen wir mehr und mehr schwierig, zeitaufwendig und teuer. Und nachdem ich in ein paar Tagen meine Freundin in Antalya treffen will, muss ich mich ein bisschen sputen. Ich werde die Zeit für´s Onlinestellen auf´s Radeln verlagern und meine Prioritäten ein bisschen anders gewichten. Aber keine Sorge! Für euren täglichen Sportbericht ist an anderer Stelle bestens gesorgt: http://www.philipp-buhl.de/

Dort schreibt mein Papa die nächsten Tage ausführliche Berichte über das Tagesgeschehen in Hyères, Frankreich. Denn ab heute geht es dort wieder richtig zur Sache: Mein Bruder kämpf in der zweiten, hochrangigen Weltcupregatta des Jahres um eine weitere gute Platzierung. Das gehört ja irgendwie auch zu meiner Reise – schließlich ist er ganz maßgeblich an unserem gemeinsamen Deal beteiligt!

Viel Spaß und Daumendrücken!

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90_Vermesser & Baggerfahrer

Es ging heute nicht so weit, wie ich mir vorgenommen hatte. Aber das lag natürlich nicht an mir! Nein, nein, das lag

  1. daran, dass ich schon um Sieben in der Früh aufgewacht und – Achtung, jetzt kommt´s – auch aufgeblieben bin! Und wo ich schon mal so früh wach war, habe ich noch schnell vor Sonnenaufgang meinen ersten Ölwechsel an der Rohloff-Nabe durchgeführt. Und
  2. lag es an der Neugier von zwei Passanten, dich mich gute zwei Stunden gelöchert haben, während ich in Kusadasi auf einer Uferbank meinen Rote-Rüben-Salat zusammenschnipselte. Und da ich es gerne habe, wenn sich Leute für meine Reise interessieren, habe ich natürlich brav und geduldig allen Fragen Rede und Antwort gestanden. Dabei hat ein Kreuzfahrtschiff abgelegt und die Sonne hat wohlig warm gescheint. Es war also mit gutem Grund eine verlängerte Mittagspause. Davor allerdings habe ich – und das ist jetzt Punkt
  3. – dringend ein paar E-Mails ins Netz jagen und Vorräte einkaufen müssen. Wieder eine Stunde weniger Radlzeit im Tagesresumée! Und
  4. war ich von der allegren Athmosphäre in Kusadasi so angetan, dass ich mir beim Weiterfahren nach der Mittagsruhe auch kein Bein rausgerissen habe. Es ist heute zum ersten Mal richtig touristisch gewesen. Das heißt: Noch sind sie nicht alle da, die Touristen. Aber alles ist schon vorbereitet und wartet aufgeregt, dass endlich die neue Saison losgeht. Es gab Eisverkäufer und Waffelbäcker an der Uferpromenade, Cafés und Bars, Souvenir- und Sonnencremeshops, Kleider und Handtücher, Kraut und Rüben (eben auch rote) und das allererste Kreuzfahrtschiff aus nächster Nähe! Ich habe die Stimmung dort unheimlich genossen! Dann ging´s aber doch langsam (und hier liegt auch schon die Betonung in diesem Satz) weiter im Plan. Doch während ich zwangsläufig im Trödeltempo das Kopfsteinpflaster des südlich an Kusadasi anschließenden, ewiglangen Strandwegs entlangholperte, braute sich
  5. ganz schön was zusammen hinter mir! Dunkelblaue und graue Wolken, der Wind frischte auf und die Temperatur sank. So weit, dass ich mir sogar die Daunenjacke von ganz unten aus dem Sack hervorgekramt habe und dazu die lange, gefütterte 2xU-Hose mit Socken und Turnschuhen kombiniert habe! Dann tröpfelte es auch schon los und ich stellte mich schnell unter eine noch winterschlafende Strandbar. Und nachdem es dann schon langsam auf Fünf zu ging und ich
  6. einen ziiiiemlichen Hügel vor mir auf meiner Tagesetappe ausmachen konnte, über dem auch nur dicke Regenwolken hingen, habe ich mich dazu entschlossen, es für heute gut sein zu lassen. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen, schließlich war ich ja
  1. schon um Sieben aufgestanden!

Da sitze ich nun im Zelt unter dem Vordach einer anderen, noch winterschlafenden Strandbar und in erster Reihe zur Meeresbühne. Ich hatte eine herrlich frische Stranddusche, Melone mit Schinken zum Abendessen und einen astreinen Sonnenuntergang! Und…jetzt ruft da einer was auf Türkisch…Moment….

…also das glaubt ihr ja nicht! Jetzt waren da zwei junge Kerle mit einem Tablett und drei Tassen Tee. Türkischem Tee! (Schmeckt wie englischer Tee) Sie schlafen/wohnen wohl hier gleich um die Ecke und haben mich wiedererkannt, weil ich heute Nachmittag irgendwann einmal eine Strandbaustelle fotografiert hatte. Ich wollte euch mal zeigen, wie´s dort, wo ihr in ein paar Wochen ab nachts um Vier eure Strandliegen reserviert, gegen Mitte April noch aussieht: Große, tiefe Löcher, Bagger, Raupen, Lastwagen, Planierfrösche, Vermesser, Autos, gelbe Warnwesten, Meterstäbe, …das volle Programm! Jedenfalls stellte sich heraus, dass die beiden wohl auf einem meiner Fotos sein müssten: Nämlich einmal als Vermesser und einmal als Baggerfahrer!

…bätsch!

 

Vor Güzelcamli (Zelt)

Tages-Km: 44,89km / -Zeit:3:30h / -Höhenmeter: 388m

Gesamt-Km: 5.357km / -Zeit: 364:42h/ -Höhenmeter: 46.288m

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89_Oakley Fake-Sun

Gestern – war ja klar – kam ich erst am frühen Nachmittag aus Izmir los. Ich fuhr nach Hilals Beschreibung und kam nach ein paar Kilometern noch an einem Druckshop vorbei. Das traf sich hervorragend! Denn ich wollte schon seit längerer Zeit ein paar Noten ausdrucken. Ich gehe also in den Laden, treffe dort auf Murat, der perfekt Deutsch spricht und alles perfekt für mich managt. So lange, bis ich den fertigen Ausdruck in der Hand halte. Und natürlich wieder nichts dafür bezahlen darf! Das würde dann Murat für mich übernehmen – der Drucker ist sein Freund. Und ich bekam jetzt erst mal einen Spinatstrudel und eine Mandarinenlimo aus seinem Laden in die Hand gedrückt. Mittlerweile war es Drei Uhr am Nachmittag…

Die Stadt zog sich noch lange, lange, lange hin. Zuerst musste ich ein paar Spurwechsel auf großen Stadtringen hinter mich bringen, doch dann führte mich der Radweg wieder direkt am Meer entlang bis fast an die Stelle, an der ich abbiegen musste, um den Landvorsprung zu überqueren. Es war eine tolle Fahrt und ich kann jedem nur empfehlen, sich Izmir einmal anzusehen. Ich hatte zwar nur zwei halbe Tage dort und eigentlich nur die Uferpromenade gesehen, aber meiner Einschätzung nach ist genau diese Zone das HIghlight dieser Stadt. Man schnappt sich dafür am besten ein Fahrrad, um dieses zu erleben!

Dann gerade noch mit viel Glück einen Zeltplatz im dicht besiedelten Gebiet gefunden, schon war´s dunkel! Morgen muss ich früher loskommen, dachte ich mir noch. Um die „verlorenen“ Kilometer wieder reinzufahren. Also gleich einschlummern! Doch dann begann es zu regnen. Nicht weiter schlimm, denn morgen früh sieht immer alles ganz anders aus. Stimmt. Ich wachte um halb Acht auf, stand auch gleich auf, wischte mit einem Schwamm das Zelt ab und machte Frühstück, damit währenddessen der Wind das Zelt vollends trocknen konnte. Dann den letzten Löffel im Magen, Geschirr gespült, es tröpfelt. Alles in Windeseile einzupacken, bevor es wieder nass wurde: Unmöglich. Also schnell alle Reißverschlüsse dicht gemacht und wieder in den warmen Schlafsack gekrochen. Das nächste Mal hörte es um Zehn auf und bis ich schließlich loskam war es halb Zwölf. Und ich hatte schon wieder Hunger…

Dann endlich kam ich auf die Straße, doch wenn man so spät dran ist, hat man irgendwie ein schlechtes Gefühl… Und die Sonne wollte sich auch nicht so recht durchsetzen. Da half heute nur eins: Sonnen-Fake-Brille auf und Musik ins Ohr. Die Fake-Brille ist die mit dem orangen Glas und einfach fabelhaft. Denn wenn draußen alles grau in grau ist, scheint für mich trotzdem die Sonne! Und so ging´s mit gutem Wind von hinten flott dahin bis mich am frühen Abend ein traumhafter Zeltplatz direkt am Meer mit Sandstrand und echter Abendsonne vom Rad rissen.

 

Vor Pamucak (Zelt)

Tages-Km: 81,80km / -Zeit:4:55h / -Höhenmeter: 905m

Gesamt-Km: 5.312km / -Zeit: 361:12h/ -Höhenmeter: 45.899m

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