144_Kein Engel!

Wir hatten mittelmäßig gut geschlafen. Natürlich kam heute kein Regentröpfchen herunter, da wir einmal ein robustes Dach über uns gehabt und eine kleine Abkühlung der Luft als wirklich erfrischend empfunden hätten. Gute Einhundertfünfzig Meter zu unseren Köpfen bollerte und quietschte und warnsignalisierte die indische Bahn alle halbe Stunde über die Gleise und in gleicher Entfernung zu unseren Füßen ratterten und hupten die klapprigen LKW über den holprigen Belag des Highways – Nachtruhe klingt anders. Aber wir hatten unseren Frieden…worüber wollen wir und also beschweren? Jedenfalls hat uns die Nacht soweit wieder besänftigt, dass wir zu den Schluss gekommen waren, Indien noch eine neutrale Chance zu geben.

Und der Tag ging wirklich gut los! Wir wachten mit dem vertrauten Summen eines Elektrorasenmähers auf, über uns strahlte der hellblaue Himmel mit ein paar weißen Schäfchenwölkchen und auf dem Highway überholten sich jetzt geschäftige Traktoren oder pflügten gleich neben der Straße die Felder. Es fühlte sich ein bisschen an wie daheim! Wir hatten heute einen Straßentag vor uns, wenn man so will: Nebensträßchen gab es nicht, es blieb uns also nur der sogenannte Highway. Das bedeutet: Wer den nehmen will, muss seine Karre mit mindestens der dreifachen Fahrzeugbreite aufladen, sonst zählt es nicht als „high“-waytauglich! Es war jedenfalls ein fröhlich beschwingter Vormittag inmitten all der unterschiedlichen Gefährte: Autos, Kleinbusse, Laster, bis unter`s – Verzeihung: über´s Dach – vollgestopfte Reisebusse, Disco-Tuc Tucs, Fahrradfahrer, zweireifige und dreireifige mit einer Million Flechtkörben auf der Ladefläche, Ochsenkarren, Frauen mit Grasbüscheln auf dem Kopf, Fußgänger, Maiskolbenverkäufer und jede Menge Motorradfahrer mit manchmal einem, manchmal zwei und meistens drei jungen Kerlen drauf.

Es gefiel uns trotz der Lautstärke des Verkehrs ganz gut, denn auf der belebten Straße tun sich die Vorbeifahrer nicht ganz so leicht, stehenzubleiben um uns anzugucken, wenn wir kurz halten müssen. Doch manche sind so dreist, dass sie sich nicht Mal vom brummenden Verkehr abhalten lassen, uns auf den Sack zu gehen. Wir hatten gerade für eine kurze Pipipause gehalten, fuhr ein Typ an uns vorbei, der mir während der Fahrt in typisch Indisch-Englisch zurief: „Want to have Sex with me? I want to fuck you!!!“ …ich war so perplex, dass ich ihm gerade noch den rechten Mittelfinger zustrecken konnte. Ein bisschen krass fanden wir das schon, nahmen es dann aber mit Humor. Doch keine Fünf Minuten später überholte er uns wieder und rief mir nochmal zu: „I want to fuck you!“ Das sind so Momente, in denen sich mein Humor langsam dann doch verabschiedet. „Dich, wenn ich erwisch´!“, schoss es mir durch den Kopf und in Gedanken plante ich schon, was ich mit dem in diesem sehr unwahrscheinlichen Falle alles machen würde. […] Hehe, ja ja, wiiie gern hätte ich so Einen mal zwischen die Finger bekommen – glaubt mir: Den hätte ich durch gelassen! Aber was will man tun? Auf seinem Motorrad ist dieser Typ ja schlicht und einfach am längeren Hebel und nicht greifbar!

Unsere Mittagspause verbrachten wir auf einer saftigen Grünfläche im Schatten ein paar großer Bäume – direkt am Straßenrand. Wir setzten uns auf den Boden und aßen Fladenbrot aus dem Tandoor-Ofen mit Tomaten und Zwiebelringen. Und gerade, als ich zum ersten Bissen ansetzte, geschah das schier Unfassbare! Der Typ rollt zum dritten Mal an, bleibt glatt am Straßenrand stehen und erdreistet sich zum dritten Mal mit diesem „I really want to fuck you!“. Das war meine Chance! Der Himmel hatte meine Rachefantasie wohl erhört (und gemocht) und mir den Vogel nochmal zugespielt. „Hmm, ok! Why not? Come!“ erwiderte ich auf sein Angebot. Da konnte ich in seinen Auggen schon die Dollarzeichen sehen: Ring, ding, ding, ding ding! „Really?“ fragte er. „Sure!“ lächelte ich ihm zu. Dann stellte er den Motor ab, zog den Schlüssel und machte sich auf zu unserem Picknickplatz. Doch auf halber Strecke sah er zufällig mein Pinkes Messer, das ich vom Tomatenschneiden noch in der Hand hatte. Da zweifelte er und stoppte abrupt. Und genau dieser war mein Moment! Ich sprang auf! Er ergriff sofort die Flucht zurück zum Motorrad. Aber ich rannte ihm hinterher und erwischte ihn gerade, als er auf seine Karre aufspringen wollte. Doch ich war schneller! Und ich haute ihm ein paar dermaßen auf die Rübe, dass er mit wehenden Fahnen den Seitenstreifen verließ – in entgegengesetzter Fahrtrichtung! Und Gott sei Dank: Er hat sich den ganzen Tag nicht mehr blicken lassen!

Also da frage ich mich: Was hat sich der denn eigentlich erwartet? Hat der wirklich geglaubt, ich bedeute ihm zwei Mal mit Kraftausdrücken ein klipp und klares „Nein!“ und beim dritten Mal schieben wir dann doch schnell ein Lunch-Nümmerchen am Straßenrand oder wie? …nicht zu fassen!

 

Moradabad (Hotel Drive-In 24)

Tages-Km: 71,24km / -Zeit: 4:08h / -Höhenmeter: 97m

Gesamt-Km: 8..279km / -Zeit: 577:30h / -Höhenmeter: 78.696m

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Welcome to India (and back to life)!

Arrival here in Delhi was on Tuesday early, early morning. Everything worked as planned when shortly before boarding again in Abu Dhabi where I had a transit stop I finally saw my sister sneaking round the corner of gate 9… thank you, God, she found it on time! And thanks to the amazingly quick reaction of the hostel that I booked only a few hours earlier in the transit area of Abu Dhabi we found the taxi driver already waiting for us when leaving the baggage reclaim. Great service and thanks again to “Smyle Inn”, a really friendly and clean place in the middle of “original India” that I can only recommend to all who like to get a real and origin impression of life in New Delhi: http://www.smyleinn.com/

Referring again to the first impressions: 50m after having left the airport parking we were stopped by the Indian police: The box (my bike!) on the roof of the taxi was…not strapped? No! That was not a problem at all. It was too big. And our options were 1. pack everything into two smaller boxes (which was obviously not an option) or 2. pay 100 Rupies. They stressed our driver for some minutes until finally he came back to the car to tell me that I should pay. …well, I really don´t have an idea: Was it my aura or the sound of my voice or the silent message in my sharp eyes at 4 o`clock in the night that I´m definitely never gonna pay anything for that too large box… it was enough that I just got out of the car and asked the uniformed guys “So, what´s the problem now?” and their boss immediately said to his colleague: “Ok, let them go. LET THEM GO!!” 

This nice welcoming scene was followed by a nice drive through the empty and calm streets of New Delhi, seeming very similar to the streets of Munich by night somehow. Oooh, I thought a bit disappointed. Yeah! Thought my sister on the back seat, having been a bit afraid of the traffic situation here maybe. But the drive ended up in a completely different scenery: Dirty and dark streets, people sleeping outside on beds without mattresses, cows and goats roaming around, eating the leftovers of the fruit stalls selling fresh juice by daylight. It was …different! But we´re already used to it, I would say. At least more than to the aggressive little animals living in the drinking water tank at the airport. They completely knocked us out in the 3rd night and the following day. Well, biiig mistake to drink from it! And actually we should have known it because everyone had warned us. But we were just to sleepy and thirsty after the long time in planes and transit areas…anyway: I´m quite sure that now we´ll never forget again! Luckily we met our friend José one day before who had invited us to spend the afternoon in the rooftop pool of his hotel – thank you, José, it was an amazing experience! Now I´m getting hungry and I think it´s a good sign for being on the path of recovery…think we´ll try some pasta to give us back our power so that maybe the day after tomorrow we can give it a try. We´ll keep you updated as good as possible!

 

New Delhi (Hostel Smyle Inn)

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Hurra, wir leben wieder!

Seit Dienstag Früh um Vier sind wir in Indien. Und seit gestern Abend wandeln wir auch wieder einigermaßen unter den Lebenden. Wir haben nämlich gleich bei unserer Ankunft hier in Delhi den falschesten und kapitalsten aller Fehler gemacht, den man in Indien machen kann: Übermüdet und ausgetrocknet sind wir am Flughafen an den ersten Wasserspender gestürzt und haben uns nach guten Achtzehn Stunden Flug und Transit-Area ein paar vermeintlich rettende Tropfen gegönnt. Doch kaum hinuntergeschluckt, funktionierte auch mein Gehirn wieder und erinnerte sich dunkel an die warnenden Worte meiner indienversierten Kollegen: Bloß nicht aus Wasserhähnen trinken! Ich versuchte mir die nachfolgenden zwei Tage stoisch einzureden, dass Wasserspender nicht zur Kategorie der Hähne zählen. Doch in der darauffolgenden Nacht spätestens hatte ich die Bestätigung: Auch Spender sind Hähne und extremstens zu meiden! Und damit ich es mir diesmal auch wirklich merken könnte, bescherte mir mein Schicksal die wohl denkwürdigste Lektion, die man sich denken kann: Eine Nacht und einen Tag auf dem Häuschen. …aber Danke, jetz´ weiß is!

Nun, wir sind wieder auf dem Wege der Besserung. Gestern Abend haben wir uns immerhin schon Suppe zugetraut und diese auch glatt behalten – Wuhuuuh! Und heute muss was Festes in die Magengegend, denn so langsam planen wir unseren Aufbruch aus Delhi. Wir werden mal langsam anfangen, die Räder auszupacken, sofern dieses Vorhaben nicht wieder in Schweißausbrüchen und schwerer Atemnot am Ende des Treppenlaufes scheitert. Und wenn die Nudeln wie geplant anschlagen, werden wir uns übermorgen in aller Hergott`s Früh auf die Drahtesel schwingen und zielstrebig auf unseren ersten großen Programmpunkt, das Taj Mahal, zusteuern. Das machen wir lieber, solange der Verkehr hier noch schläft. Wenn der nämlich erwacht, könnte das – vor allem für meine Schwester, die ja für die nächsten paar Wochen mitradeln wird und dann die ersten Erfahrungen im Radreisen sammeln wird – in bösem Erwachen enden: Wie die Wilden, kann ich nur sagen! Aber wir werden uns schon einordnen in die indischen Verkehrsregeln. …und wenn wir uns dazu eine Hupe kaufen müssen!

Und dann werden wir uns den Nordosten vornehmen. Die Beschreibung im Reiseführer klingt jedenfalls so, als würde sie in unser Beuteschema passen. Wir wollen möglichst viel vom Original-Indien sehen. Nicht unbedingt die Touristenversion, die wir später immer nochmal machen können. Und bis jetzt gefällt uns diese wirkliche Seite des Landes auch besser, als die verwestlichte – mir zumindest: Hier um unser Hostel, das mitten im Zentrum liegt und das ich wie eine kleine, freundliche, saubere Oase wirklich jedem ans Herz legen kann, hier auf den Straßen findet man allerhand typisch Indisches: Quirliges Treiben, Tuc Tucs, Fahrrad-Rikschas, Obststände, Essen auf Rädern, oder besser gesagt: Auf hölzernen Bollerwägen, Schuhläden und Krims Krams, gegrillte Hähnchenspieße direkt neben dem offenen Pissoir-Häuschen, Dreck, Obstschalen, Kuhfladen und Hundebabies an den Straßenrändern, hupende Roller und nervige Tattoo-Maler, viel Farbe und viele Gerüche, abgemagerte Kinder, die nach Reis betteln und dir auf dein Freizeichen hin wie gierige Katzen die vom Abendessen übriggebliebenen, eingepackten Reste aus der Hand reißen und schnell damit das Weite suchen. Hier schlafen die Ärmsten nachts in den Straßen, auf Prischen ohne Matratzen, während die heiligen Rindviecher die Straßen erobern und die Obst- und Gemüsereste des Tages genüsslich vernichten. Der erste Anblick war zugegeben gewöhnungsbedürftig. Aber wir haben uns schnell daran gewöhnt und wollten ja eigentlich genau das hier sehen.

Wir sind gespannt, was die nächsten Wochen noch für Eindrücke bringen werden!

New Delhi (Hostel Smyle Inn)

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141_Middle East Final Stop!

 Now I definitely must write you about my time here in Jordan. I didn´t forget you but as I was out in the desert and on the street which means without electricity to charge the tablet and mostly without any internet connection it was just a bit difficult to write you earlier. On Thursday I arrived here in Amman where I´m staying in a really homely hostel, packing the bike, doing the washing, blog writing and data saving for the last 3 days. I almost finished except some letters I still have to write. But tomorrow´s another day, isn´t it?

But how was my time here in Jordan? It was so, so surprising for me! I already wrote about Wadi Rum and Petra, but still there are some more Canyons and Wadis, nature reserves, castles, ….to see. And now I know that the 2 weeks were by far not enough time to explore the whole country! Maybe one day I´ll come back with a backpack and do some hiking. It´s the perfect place for being out in the nature!

In my German summary I wrote about something like a religious experience I made here. Or let´s say “also here” because I already made it in Israel and actually in every country I have been until now: It makes me really happy that also here in Jordan I could experience a lot of tolerance – thank you my new friends! I think it was amazing that I was always offered water, tea, coffee and even hot chocolate from someone who´s strictly keeping the fasting rules! And also I never felt uncomfortable when – while riding the bike – I only wore the short cycling pants when after some honest tries to cycle with a skirt I realised that it was just extremely impracticable (I was more often pulling it out of my wheels or keeping the wind from blowing it away by constantly having one hand on my knees. I was more taking care of my outfit than concentrating on the traffic!). But I felt like everybody did accept me the way I was – women like men. And this is what it all is about: To respect each other the way we are and to be open minded and tolerant. And I feel I was really lucky to meet many, many people to really live this rule from the bottom of their hearts. In Germany, if you follow the daily news in the television right now you might only hear about the extreme Islamic groups. You even might end up saying or thinking that all muslims are like that if you never hear anyone telling you that there are also a lot of “normals”! Of course there is that extremely radical Islamic movement right now. But this makes it even more special what I could experience in the Islamic Jordan: I can definitely tell you that I met amazingly warm hearts here, respecting and welcoming me a lot and I wish that this will be the good news for your days after reading the newspapers!

So all in all I had a time I for sure will never forget, thinking of the crazy beduin driving me like double-crazy through the beauty of Wadi Rum, the port workers in Aqaba who did all that was in their power to help me to find a ship, the amazing hotel manager who allowed me to camp in his garden and to use the toilet and WiFi instead of chasing me away from his property because I didn´t rent a room, of course the incredibly amazing time in Petra, all the truck drivers showing me “thumps up!”, blowing their horns in all the various sounds you only can imagine, all the people smiling and waving at me and giving me at least 10 “Welcome to Jordan!” every day! Thank you for all the good moments!

And once again: please don´t feel bad because I cannot stay forever or because I stopped answering your hundreds of phone calls: this is just my culture. I´m on my way, I have a goal and I want to reach it. And you have to let me go. This was the rule. But be sure I´ll not forget you!

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.392301440974444.1073741828.100005837742734&type=1&l=1db5d7857c

 

I´m really thankful for the time here in Jordan but also getting more and more curious about India now… only 2 more nights!

 

Amman (Sydney Hostel)

Tages-Km: 37,62km / -Zeit: 2:33h / -Höhenmeter: 316m

Gesamt-Km: 8.079km / -Zeit: 563:42h / -Höhenmeter: 78.495m

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141_Endstation Middle East!

So, das war´s auch schon wieder mit Jordanien. Und was schreibe ich jetzt als Resumée? Schwierig! Dieses Land war für mich so voller Überraschungen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und ob ich überhaupt anfangen soll, den so mancher von euch wird diesen Flecken Erde bestimmt schon längst für sich entdeckt haben und sich jetzt nur denken, wie ich der Zeit hinterher hinke….

Aber egal. So mancher war bestimmt auch noch nicht hier und für diese Leute werde ich jetzt versuchen, alle meine Eindrücke meiner Wüstenreise auf´s Papier zu bringen. Ich fange mal bei der Landschaft an: Heiß! Meistens sandfarben, staubig und trocken. Aber nicht überall gleich! Unten an den Meeren – am roten und am toten Meer – ist es um ein Vielfaches heißer als oben auf dem Gebirgszug, wo einem eigentlich immer eine frische, kühle Brise um die Nase weht. Und vor allem nachts ist das traumhaft, denn man kann richtig feine, saubere Luft atmen und einwandfrei schlafen! So viel zu den klimatechnischen Fakten in den Sommermonaten, die ja eigentlich nicht als die ideale Reisezeit gelten, weil zu heiß. Nun, heiß schon, aber erträglich!

Bis hierher könnte man aber vielleicht noch glauben, dass die ganze sandige Gegend doch ein bisschen langweilig werden würde auf die Dauer. Ha! Da täsucht ihr euch aber gewaltig! Es gibt nämlich Sehenswürdigkeiten en masse! Aber nicht, wie so oft, die hunderste Kirche und das tausendste Museum, nein! Hier gibt´s, was es sonst wohl niergendswo gibt: Es gibt die Wüstenregion um Wadi Rum mit einer einzigartigen Farbenpracht und noch wirklich unberührter Natur. Es gibt Petra, die alte Höhlenstadt, in die man am liebsten heute noch einziehen möchte, so gut ist die städtebauliche Struktur und die Raumqualität der einzelnen Höhlen! Und es gibt noch zahlreiche Wadis, also Flusstäler, die ich gar nicht alle erkunden konnte. Das sollte man vielleicht auch tatsächlich besser im Frühjahr, denn dann wird man dort auch noch Wasser finden. Es gibt alte Burgen und Schlösser und es gibt pures arabisches Leben hier in den Straßen von Amman. Es gibt definitiv jede Menge zu entdecken in diesem für mich bisher unscheinbaren Land! Und ich bin meinem überirdischen Tourplaner mehr als dankbar, dass ich das alles habe finden dürfen!

Und noch etwas finde ich immer wieder und mehr und mehr auf dieser Reise: Den Zugang zum Thema Religion. Zu Schulzeiten habe ich mich, wenn Reli auf dem Stundenplan stand, immer über eine Freistunde gefreut – es hat mich einfach nicht wirklich interessiert! Beziehungsweise war das, was mich dieses Fach vielleicht lehren wollte, irgendwie von vornherein schon eine Selbstverständlichkeit für mich. Ich selbst bin ja nun mit dem christlichen Glauben aufgewachsen. Aber jetzt war ich vor kurzen in Israel, wo ich eigentlich zum ersten Mal in Kontakt mit dem jüdischen Glauben gekommen bin. Und hier, in Jordanien, wird nach islamischen Regeln gelebt. Und da sagt man immer, dass die so unterschiedlich seien – bis auf ein paar wenige, kleine Gemeinsamkeiten und ein paar Parallelbezüge in den historischen Gründen. Aber mein Eindruck ist ein viel simplerer: Es gibt in allen diesen Drei Religionen eine einzige, gemeinsame Grundregel. Und diese lautet „Tolaranz“. Und ich hatte das Glück, bisher fast immer auf diejenigen Leute zu treffen, die gar nicht erst auf die Idee kommen würden, diese grundlegendste Grundregel aus Bibel-, Tora-, Koran- oder Sonstwas-Texten mit Leuchtmarker herauszustreichen oder sie dir mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Brust zu klopfen, sondern die diese längst in Fleisch und Blut haben und sie einfach leben. Hier in Jordanien, wo das Einhalten des Ramadan immerhin polizeilich kontrolliert wird und wo man, wenn man zuwider handelt und sich dabei erwischen lässt, wenn man etwa auf offener Straße bei Sonnenlicht Wasser trinkt, isst, raucht oder eine Frau küsst, bis zum Einbruch der Dunkelheit in den Knast wandern kann, genau hier wurde mir als offensichtlich nicht-islamischer Touristin Wasser und sogar Kaffee, Tee oder Kakao angeboten, wann immer ich einen Raum betreten habe. Die Polizei hat mich auf meiner Highway-Strecke angehalten und mir Wasser und zwei Äpfel gereicht: Ich solle etwas essen, ich würde müde aussehen! Und der wilde Beduine, der mich einen Tag lang durch die Wüste von Wadi Rum chauffiert hat, hatte für mich Obst und Wasser dabei und trug es mir auch noch den rutschigen Felsen hinauf!

Oder sprechen wir kurz über den Dresscode: Ich hatte irgendwann aufgegeben, meinen Wickelrock alle paar Kilometer aus den Speichen und Zahnrädchen zu basteln und bin einfach in meinen kurzen Radlerhosen gefahren. Doch nicht ein einziges Mal hatte ich den Eindruck, mir würde das jemand übel nehmen oder als Respektlosigkeit auslegen. Die Damen, die ich am Straßenrand gegrüßt hatte, haben fast alle mit einem freundlichen Lächeln zurückgegrüßt und die Herren der Schöpfung ja sowieso… Man sieht es mir ja ohnehin an, dass ich aus einer anderen Kultur komme. Und das war jederzeit toleriert hier! Es gibt sie also auch hier im Islam, die offenen Gemüter, für die das friedliche Miteinander höchsten Stellenwert hat. Die einfach ihr Leben auf dieser wunderschönen (ursprünglich zumindest…) Welt genießen wollen und sich über jeden freuen, der mit ihnen mitmachen will. Diejenigen sind für mich die wirklich religiösen Leute! Denn ist es nicht genau das, was Gott haben wollte? Oder das, wofür Jesus gekämpft hat? Ich glaube schon…

Und ich glaube auch, dass all die eifrigen Bibelzitierer, die mich nach kürzester Zeit mit ihrem religiösen Wahnsinn aus Jerusalem verjagt haben, noch weit davon entfernt sind, das, was sie täglich lesen und neon-gelb aus ihren dicken Schmökern herausstreichen, auch wirklich zu verstehen und zu leben. Bis dahin werde ich bestimmt noch viele unvergessliche Momente mit allerlei anderen Kulturen, Nationalitäten und Religionen genießen, für die es nur diese eine Regel gibt. Und ich freu mich schon drauf.

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Und jetzt: …ab nach Indien!

 

Amman (Sydney Hostel)

Tages-Km: 37,62km / -Zeit: 2:33h / -Höhenmeter: 316m

Gesamt-Km: 8.079km / -Zeit: 563:42h / -Höhenmeter: 78.495m

 

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140_Zwei weisse Tauben

Aufgewacht, aufgepasst, streng bewacht! Ich habe auf so etwas wie einer Müllhalde gepennt. Nicht so schlimm, wie ihr jetzt denkt! Aber auch kein botanischer Garten. Nebenan war das Karak Krankenhaus, stabil eingezäunt mit oben drei Lagen Stacheldraht. Und von dort hinter dem Zaun hat mich – kaum, dass ich aus dem Zelt geschlüpft war – einer von einem turmartigen Gebäude gesehen. Das heißt: Nicht mehr abgelassen, mich anzustarren. Und das heißt auch, dass innerhalb der nächsten Viertelstunde noch Zwei Männer gekommen sind, um dasselbe zu tun. Und um dem ganzen einen offiziellen Charakter zu geben meinte doch glatt der nächste, ich solle diesen Platz bitte verlassen. Das sei Krankenhaus-Zone. Ich lachte ihn aus und war Gott sei Dank ohnehin schon auf dem Sprung!

Ich fuhr fröhlich los und traf als bald eine Entscheidung, die ich im Nachhinein nie mehr so treffen würde! Ich beschloss, den landschaftlich um ein Vielfaches schöneren „Kings Highway“ zu verlassen und die letzte Etappe bis zum Flughafen auf dem „Desert Highway“ zurückzulegen. Der Grund war einfach: Auf dem Kings Highway erwartete mich noch ein weiteres, tiefes Tal, das von den gut Dreizehnhundert Metern Höhe auf fast Zweihundert Meter hinunter führte. Das wär´s ja nicht gewesen. Aber das alles wieder hinauf? Nein, nein, noch einen Tag voller Gedanken an Fresszeug wollte ich mir nicht antun! Da hatte ich lieber ein bisschen mehr Zeit für den Kauf meines Flugtickets nach Indien. Also rauf auf die Wüstenautobahn!

Zunächst war da eh nur der Zubringer. Supergeil! Fast ausschließlich leichtes Bergab und Rückenwind – es ging wie im Flug dahin! Doch dann kam die große Wendung: Zuerst wurde alles viel lauter: Das Rauschen des Windes und der Fahrzeuglärm in Kombination ließen Musikhören schlicht unmöglich werden! Auf dieser Straße wurden die ganzen Container, die unten im Süden in Aqaba vom Schiff genommen wurden, nach Norden transportiert. Ein LKW nach dem anderen raste an mir vorbei. Und jeder zweite hupte vor Begeisterung über die pinke Box im grauen Brummifahrer-Alltag. Und dazu hatte sich der straffe Rückenwind jetzt durch den Richtungswechsel in straffen Seitenwind von links gewandelt. Das war wirklich kein Spaß! Ich hatte es euch ja schon einmal beschrieben: Jedes Mal, wenn ein großes Fahrzeug an mir vorbeifuhr, schubste mich dessen Druckwelle erst mal nach vorne Rechts bevor es mich mit voller Wucht gegen seine Vierte Achse sog. Das Ganze wurde durch den Seitenwind noch dahingehend verstärkt, dass ich durch den Windschatten der überholenden Fahrzeuge erstmal in ein Loch viel, wo ich sonst stark gegen den Wind zu lenken hatte. Und gleichzeitig kamen die Laster selbst ins Schlingern, weil die hohen Container dem Wind eine ordentlich große Angriffsfläche entgegenhielten. Es kam also immer mal wieder ein Brummi verdächtig nahe! Und gegen Ende des Tages, als ich schon „auf den Felgen“ daher kam, krönte dieses Spielchen noch ein Wüstenphänomen: Windhosen! Die erkannte man schon von Weitem an den Sandschwaden, die bisweilen die Sicht zur Gänze einschränkten! Diese wanderten links von der Wüste herüber und erreichten schließlich die Straße. Ich hatte zuerst angehalten, weil ich mir nicht sicher war, wie sich diese Staubwolken anfühlen würden, wenn man mitten reinfährt. Doch als ich da so stand, meinte ich, mir noch einen Denkfehler erlauben zu müssen: Das bisschen Sand; wozu habe ich denn so eine gute Brille? Ich stieg auf und keine Zehn Meter später lupfte es mich schon vom Rad. Es ist mir bis heute unerklärlich, wie ich mich mit nur noch den Zehenspitzen meines rechten Fußes in dieser knackigen Böe vom Umfallen retten konnte! Klar: Wenn den ganzen Tag starker Wind weht, dieser aber keinen Sand transportiert, dann wird wohl der Wind, der den Sand vom Boden aufzuheben und in der Luft zu halten vermag ein bisschen stärker sein! …jetzt weiß ich das. Und ich werde es wohl nicht so schnell wieder vergessen! Nur gut, dass ich fast eine ganze Spurbreite – den Seitenstreifen – für mich alleine hatte. Bis zur Hälfte der Strecke zumindest…

Dort war nämlich das Ende des ausgebauten, neu asphaltierten Autobahnabschnitts! Und das hieß im Klartext: Der Seitenstreifen ist plötzlich längs-gerillt und dick mit Kies eingerieselt. Und in regelmäßigem Abstand lagen jetzt tote Hunde und explodierte LKW-Reifen auf meinem Weg. Und weiterhin bedeutete dies, dass die Fahrbahn der motorisierten Fahrzeuge schlicht uralt und durchgeritten war: Dicke, tiefe Risse und Wannen bis hin zu Zwanzig Zentimetern tiefe Löcher waren an der Tagesordnung. Das verstärkte nochmal den Lautstärkepegel um mindestens das Doppelte, wenn alle Sieben Achsen mit bestimmt nicht nur Hundert Km/h Speedlimit an mir vorbei brachen. Zum ersten Mal auf dieser Reise war mir Himmelangst um mein sagenhaft tolles Leben und ich habe nicht nur einmal zu Gott um das Überleben dieses Tages gebetet! Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich gerne die paar Hundert zusätzlichen Höhenmeter des Kings Highways in Kauf genommen!

Ich beschloss, für euch ein paar Bilder zu schießen und ein kleines Video zu drehen. Denn in Worten kann man das nicht annähernd so beschreiben, wie es sich in Wirklichkeit anfühlt. Und selbst ein Video kann es nicht wirklich…

https://www.facebook.com/photo.php?v=1631977877061399

Doch kaum hatte ich dass getan, schoss es mir durch den Kopf: Ob Gott damit wohl einverstanden wäre? Da bete ich schon zu ihm, dass er mir hier heraus hilft und dann bleibe ich auch noch stehen, um für euch ein paar spektakuläre Bilder zu schießen anstatt mich mit allen Kräften schleunigst von diesem heißen Pflaster zu kneten. Doch kaum hatte ich das fertig gedacht, passierte das schier Unglaubliche: Gerade als ich die Kamera eingepackt hatte, stach ein LKW wie von Sinnen durch die Löcher neben mir im Asphalt. Und gute Zweihundert Meter vor mir kam er ins Schlingern, war schon auf dem Mittelstreifen und verlor ein Stück Holz. Ein Balkenabschnitt von gut Achtzig Zentimetern Länge und im Querschnitt gute Vierundzwanzig auf Vierzehn. Dieses „Hölzchen“ sprang munter wie ein Flummi von der linken Fahrbahn auf die rechte, schlug gute Zwei Meter über dem Erdboden noch ein paar Purzelbäume bis er schließlich über den Seitenstreifen in den Straßengraben sprang. Dann begann der linke, hintere Reifen des Fahrzeugs böse zu qualmen. Als ich ein paar Augenblicke später an dem Karren vorbeifuhr, bekam ich die Erklärung: Die Radaufhängung war wohl irgendwie defekt geworden. Da hatten die Vollpfosten muss ich schon sagen, den Reifen mit einem Seil und wohl dem Stück Balken hochgebunden. Und als sie dann mit voller Wucht in die Vertiefung im Straßenbelag gerauscht sind, ist das Holz herausgesprungen, der Reifen runtergekracht und das ganze Gefährt munter aus der Spur gekommen. Und dann fiel mir ein, was wohl passiert wäre, wenn ich die Bilder nicht für euch geknipst hätte….ich wäre nämlich um genau die besagten Zweihundert Meter früher dran gewesen!

Hinter der nächsten Kuppe, nachdem ich mich bei meinen Schutzengeln bedankt hatte, sah ich zwei weiße Tauben vom rechten Straßenrand wegfliegen und im Horizont verschwinden. In der Wüste! Tauben! Ich sah das als Zeichen dafür, dass die Gefahr des Tages jetzt überstanden war und die zusätzlichen Schutzengel jetzt in den verdienten Feierabend geflogen sind. Ich fühlte mich ein bisschen sicherer. Auch, weil jetzt die Straße wieder besser geworden war und ich wieder meinen ganzen Seitenstreifen für mich hatte. Nach diesem Erlebnis konnte mich das nächste Verrücktum, das noch auf mich wartete, schier nicht mehr aus der Fassung bringen: Ich hielt an einem kleinen Kiosk an um mir nach überstandenem Schreck ein bisschen Flüssigzucker in Form von Pepsi zu gönnen. Als ich diese bezahlte, hielt ich dem Verkäufer drei Münzen entgegen und als er sie nahm, umfasste er mit seiner kalten Hand meine Fingerspitzen. Ich stutzte ein bisschen und zog dann mit einem energischen Ruck meine Hand aus der seinen. Da sah ich über den Tresenrand, dass seine andere Hand bereits lüstern seine Nudel knetete! Also echt! Ich zeigte ihm nur meinen Mittelfinger aber er schloss genüsslich seine Augen und hauchte nur ein „Aaaah, beautiful!“ in meine Richtung. Aha, ein Kompliment also. Dann kam zum Glück ein weiterer Kunde – woher auch immer! Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und schob schnell mein Rad weiter des Wegs. Doch als der andere Gast abgefertigt war, dauerte es keinen Atemzug mehr, bis sich hinter dem Kioskhäuschen die Hintertür auftat und mir der Heißblütige hinterher pfiff. Ich war ja schon weit genug weg und konnte mich also auch umdrehen. Da zog er vorne seine Hose runter und schaukelte mit entspanntem Grinsen seinen nackigen Pimmel im warmen Wüstenwind auf und ab. …welcome to Jordan!

 

Amman International Airport (Zelt)

Tages-Km: 102,63km / -Zeit: 6:55h / -Höhenmeter: 674m

Gesamt-Km: 8.042km / -Zeit: 561:09h / -Höhenmeter: 78.178m

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139_Träumelieschen

Zum zweiten Frühstück gab es heute gleich mal einen satten Anstieg von rund Achthundert Höhenmetern. Das zieht sich! Und an was man da so alles denkt, wenn man nur stur den Berg hinauf strampelt: Kaiserschmarr´n mit Apfelmus, Schnitzel mit Kartoffelsalat, Rindsroulade mit Kartoffelbrei, Kaiserschmarr´n mit Apfelmus, Schupfnudeln, Kässpatzen, Sauerkraut mit Blut- und Leberwurst und Petersilienkartoffeln, Apfelstrudel mit Vanille-Soße, nein: Heute lieber Kaiserschmarr´n. Mit Apfelmus, nicht mit Zwetschgen. Oder doch Linsen mit Spätzle und Wienerle…oder Kassler, Weißwurst mit Breze und süßem Senf, Obatzda mit Zwiebelringen, Wursttopf mit Wienerle, Debreziner, Käskrainer, Schweinsbratwürstle, Kalbswürstle, oder den Klassiker von unserer „Tante Pepi“: Zwei knusprige Wollwürst? Oder Kaiserschmarr´n! In dicken, fluffigen Brocken mit zentimeterdick Puderzucker drüber. Oder lieber die knusprigere Variante mit karamellisierten Mandelblättchen und abgelöscht mit Amaretto? Eieieieiei, qualvolle Entscheidung! Ach was, Entscheidung: Beide her! Zamschütten, umrühren, nochmal dick einschneien mit Staubzucker, damit keiner den Bluff merkt und rein damit. Den ganzen Haufen! Ich hätte heute schier durchdrehen können, wenn ich nur an all die guten Sachen und speziell an Kaiserschmarr´n dachte!

…ach, irgendwie freu ich mich auch schon wieder auf daheim!

 

Kurz vor Karak (Zelt)

Tages-Km: 32,40km / -Zeit: 3:33h / -Höhenmeter: 869m

Gesamt-Km: 7.939km / -Zeit: 5540:14h / -Höhenmeter: 77.504m

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