173_Tolle Typen

Hat mich doch heute nicht prompt die Bauwerkskunst für meine flapsige Formulierungsweise im Artikel über die Alex Fraser Bridge nachhaltig gerügt! Damals war ich so begeistert von der gewaltigen Hängekonstruktion, die mich aus Vancouver herausgeführt hat, dass ich im Übereifer doch tatsächlich die Fachwerke schlecht gemacht habe. Später ist mir das aufgefallen und ich habe ernsthaft überlegt, ob ich das nicht korrigieren und stattdessen die simplen, unkreativen Balkenbrücken als Sündenböcke für unspektakuläre Überbrückungsmanöver heranziehen sollte. Doch gut, dass ich das nicht gemacht habe! Die ganze Mühe wäre nämlich für die Katz´ gewesen.

Denn heute bin ich sage und schreibe Sieben Kilometer lang auf einer Brücke über das Meer gebraust. Ach was sage ich: Auf Drei Brücken! Alle an einem Stück: Erst ein paar eiserne Fachwerkbögen, dann der (wirklich alles andere als langweilige) Balken und am Ende ein Anstieg auf rund Einhundertdreißig Meter hinauf unter den gigantischen Katzenbuckel einer weiteren Fachwerkkonstruktion. Bis ich oben auf dem Gipfel der Ingenieurskunst stand, verging gut eine Dreiviertelstunde! Und dann ging´s hinab und in einem kreisrunden Abschwung dockte der längste Luftweg der Welt in Astoria auf – wie ein spannungsvoller Linienzug, der sein Ende in einem schwungvollen Kringelschwänzchen findet. Ich bin begeistert! Und nehme alles Böse, was ich über Brücken je gesagt und geschrieben habe, schleunigst und demütig zurück! Sogar über die Balkenbrücken. Denn wo sonst hat man einmal die Gelegenheit, das Wasser links UND rechts ganz nah bei sich zu haben und während der Fahrt einen völlig ungestörten, freien Blick ohne Hängeseile, Pfosten und Zugbänder genießen zu können?

Und weil ich gerade so in Fahrt bin und mir die positiven Worte nur so von den Lippen prasseln, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um noch jemanden zu belorbeeren: Den Bauingenieur! Beziehungsweise sie alle: Die Bauingenieure! Sie sind es nämlich, die sich diese fantastischen Konstrukte ausdenken, sie zu Papier bringen, entwerfen und planen, sie durch (und durch) rechnen, kalkulieren und vorausstudieren, im Bau begleiten und –streiten, sie inspizieren, sanieren und renovieren. Liebe Bauingenieure, dieser Artikel und die unvergessliche Fahrt heute über das Wasser sei euch gewidmet – euch und eurem tagtäglichen Wirken! Ein Hoch auf den Ingenieur! Als Dank für ein paar wirklich große Momente auf meiner Reise!

Und beim weiteren Dahinfliegen kommt mir plötzlich ins Bewusstsein, dass alle Angehörige dieser Berufsgattung auch noch wirklich erstklassige Erdenbürger sind – Männer wie Frauen. Nein, wirklich! Mir fiele nicht ein/e einzige/r ein, den ich kennengelernt und nicht von Anfang an gemocht hätte. Ist das nicht unglaublich? Sagt also ein Beruf doch etwas über den Charakter von Menschen aus? Der Bauingenieur als Garant für einen bombigen Wesensgesellen. Für einen Typus, der mir (bisher zumindest) ausnahmslos gefällt. Ich sag´s euch: Da ist was dran! Das meine ich Ernst jetzt! Ihr Bauingenieure, ihr seid allesamt toll! Soda. …muss doch mal gesagt sein!

Dann gäbe es da abschließend nur noch ein klitzekleines Frägelchen in den Luftraum zu bauen: Wo um alles in der Welt kommen eigentlich die ganzen, vielen, langweiligen Brücken her?

 

Cannon Beach (Zelt)

Tages-Km: 74,16km / -Zeit: 4:33h / -Höhenmeter: 351m

Gesamt-Km: 10.091km / -Zeit: 705:06h / -Höhenmeter: 90.703m

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172_Jetzt rauscht´s aber!

Hurra, hurra, jetzt bin ich da! Ein paar Mal schon konnte ich das große Wasser schnuppern. In ein paar salzigen Nieselfahnen, die mir in die Nase fegten oder wenn ich an Austernfabriken vorbeiradelte und man das Fischige (ich weiß, Austern sind ja keine Fische. Aber trotzdem fischeln sie!) einfach nicht überriechen kann. Doch in Wirklichkeit war ich noch nicht wirklich da, an der großen Küste, wo ich eigentlich hin will. Auf den famosen Highway Nr. 101. Bisher führte mich die Straße immer wieder ein bisschen ins Hinterland. Ins wunderschöne, muss wohl dazugesagt werden! Es schlängelte sich der Asphalt seinen Weg durch Wälder, herrlich bunte und saftig nach Moos und Weihnachtsbäumen duftende. Durch Grüne, hügelige Felder mit schwarzen Rindviechern drauf. Vorbei an kleinen, größeren und richtig großen Ranchen. Und heute eine ganze Zeit lang am Schlammrand eines Meeresarms entlang – das Wasser war nämlich gerade weg.

Aber dafür war die Sonne wieder da. Nochmal hurra! Denn auf der Stelle macht´s dann wieder unglaublich viel Spaß. So ganz ohne Zeitdruck und Zwänge durch die Gefilde Nordamerikas zu pedalen. Man empfindet sie tatsächlich: Die große Freiheit! Es ist so schwer in Worte zu fassen. Plötzlich sind alle schweren Gedanken wie weggeblasen und man hält nur noch die Nasenspitze dem Fahrtwind entgegen. Und grinst vor sich hin.

Und als der Tacho Feierabend anzeigte hatte ich die Wahl zwischen 1. Links abbiegen Richtung Süden oder 2. Geradeaus weiterfahren Richtung Wasser. Ich entschied mich für den Umweg, also 2., also das Wasser. Und was habe ich gefunden? Den, dem ich so lange und so neugierig entgegengejagt bin: Den großen, den beeindruckenden, den energiegeladenen und kraftprotzenden Pazifik. Und wie er mich empfing! Ein Strand, so weit die Augen reichten, tosende Wellen und dichte Gischtfahnen, die den Horizont ganz sanft in ihrem Weiß ausblendeten. Dahinter ein nur noch zu erahnender Sonnenball – nichts, als eine helle Scheibe irgendwo da oben im Blaugrau des Ozeanhimmels. Und genau da hab ich heute mein Revier markiert. Ich bin endlich da, wo man beim Einschlafen plötzlich nicht mehr das Meeresrauschen vermisst. Nein, hier rauscht es dich in den Schlaf hinein und sogar wieder aus dem Schlaf hinaus. Und mittendrin macht es nicht für auch nur einen Atemzug lang eine Pause.

 

Seaview (Zelt)

Tages-Km: 75,33km / -Zeit: 4:36h / -Höhenmeter: 437m

Gesamt-Km: 10.017km / -Zeit: 700:32h / -Höhenmeter: 90.352m

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171_Nah am Wasser gebaut

Was für ein Hohn! Kaum hatte ich den Blog abgesetzt und mich wieder auf den Sattel geschwungen, holte mich ein Tropfen ein. Und noch einer. Und noch einer! Ganz feine zwar nur, aber nach und nach machen auch die Nieselsprüher nass. Also: Regenhose raus. Leuchtjacke an, Kaputze drüber. Musik rein. Der kleine Wassermann, Teil 2.

Bis auf ein kleines Wolkenloch, das den feuchten Himmelsgruß gerade für die kurze Pause eines Avocado-Salami-Brotes zurückhielt, wurde es bis heute Abend nicht mehr besser. Nun, immerhin: Es hörte tatsächlich auf zu pieseln. Aber mein Schlafplätzchen war heute in einer Art Yacht-Werft mit Campingangebot für Wohnmobile auf dem Parkplatz: Irgendwo hinten im knöchelhohen Gras, wo man mich nicht so leicht sieht und alles vom Regen natürlich patschnass ist. Aber wer um diese Jahreszeit auf Reisen geht, sollte sich darüber nicht beschweren…

Und darum tu ich das auch nicht. Ich erzähle es euch nur. Damit ihr einen Eindruck kriegt, was eine Fahrradtour genau bedeutet: Man kommt nicht von einem nass-kalten Herbstspaziergang mit feuchten Klamotten und klammen Händen nach Hause zurück ins Trockene, schürt den Ofen an oder legt sich in die Wanne. Nein, das Heimkommen fehlt! Man ist müde vom Radeln und jetzt geht das Abenteuer aber weiter! Zelt aufbauen und Abendessen stehen noch an. Es ist schon langsam dämmrig. Und – wie gesagt – alles ist klamm. Und es wird langsam kalt. Also schnell sein! Alles hinein in die Schlafkabine und die Reißverschlüsse dicht, damit die abweichende Körperwärme die Luftschicht zwischen Innen- und Außenzelt wärmt, anstatt in die Prärie zu entfleuchen. Und dann da drin irgendwie noch eine Brotzeit zimmern…Herrgott ist das immer unbequem! Dann werden die Füße im Vorzelt langsam genauso kalt wie die Finger und die einzige Rettung ist der Schlafsack. Dann ist Schicht im Schacht. Um halb Acht! Es bleibt nichts, als wie in Kinderzeiten sich brav hinzulegen und auf den Sandmann zu warten. Und am nächsten Morgen aufzuwachen und alles noch genauso feucht und klamm vorzufinden, wie am Abend. Mit Ausnahme des Zeltes: Das war gestern Abend nämlich noch trocken. Und ist jetzt pitsche, patsche nass. Innen wie außen. Weil ich erstens kein Holzhäuschen über mir hatte, das mir die böse, kalte Globalstrahlung der Nacht abgeschirmt hätte und zudem noch in nächster Nähe eines kleinen Flüsschens war. Da ist es nun mal dampfig.

…und das ist eine Radreise im Herbst.

 

South Bend (Zelt)

Tages-Km: 70,66km / -Zeit: 4:38h / -Höhenmeter: 543m

Gesamt-Km: 9.941km / -Zeit: 695:56h / -Höhenmeter: 89.914m

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170_The Little Aquarius

I´m back on the bike for almost one week now and I think it´s time to tell you something about the conditions here. Well, I started with beautiful sunshine and brilliant fall weather. But then step by step it got a bit cooler and a bit greyer and a bit less fun bringing. And yesterday rain finally caught me! Or let´s say: almost! Because I was – as usual – lucky to find Steve who offered me his carport to build up my tent. So everything stayed dry. For the night!

But then of course the moment came in which I had to face the day and leave the protecting roof above me. So I pulled out my rain cloths and jumped into the dark and grey and wet day. But then I remembered that my sister gave me 3 audiobooks…actually stories for little children. But one of them was perfect for this morning! It´s about a little aquarius living in a small lake. Of course everything in and aquarius´ life is quite wet and with the weather conditions of that morning I could easily dive into the story and life of that little boy. And I only came back into real life when the little aquarius had decided to leave the ground of the lake and climb up to the shore in order to know Mr. Rain. When he was up there he tried to find him and started shouting: “Hey, Mr. Rain? Heeeey, … Rain, where are youuuu?” Yes, where is the rain? In that moment I realised that the rain had gone and the sun was trying to win against the heavy, grey sky.

Some pedalings later sun had won and I found myself in the most perfect cycling conditions you can imagine: bright and colourful shining trees with yellow and red and orange leafs, freezy fresh air, a magic lake, forests and nobody out on the streets! It´s so, so beautiful here and I actually found in America what I did expect from India: A lot of nature and nobody to keep your thoughts from flying far away. In the evening I found one of the State parks which offer you restrooms and picknick-areas. I can build up my tent right in these little open picknick houses that keep me warm during the night and the tent dry. And I have fresh water and a toilet…America, I love you! Life is beautiful!

 

Schafer State Park (Zelt)

Tages-Km: 77,73km / -Zeit: 4:42h / -Höhenmeter: 491m

Gesamt-Km: 9.871km / -Zeit: 691:17h / -Höhenmeter: 89.371m

 

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170_Der kleine Wassermann

Zeit, mal über die Bedingungen hier zu sprechen. Ich habe eigentlich großes Glück, denn das Wetter spielt gut mit bisher! Bin bei strahlendem Sonnenschein und hellblauem, wolkenlosem Himmel gestartet. Doch dann wurde es langsam ein bisschen herbstiger: Neblig, dick bedeckter Himmel, aber noch kein Regen. Doch der hat mich heute Nacht erreicht. Naja, nicht ganz: Ich durfte bei Steve unter´m Carport mein Zelt aufschlagen. Also ist alles trocken geblieben. Aber zum ersten Mal habe ich die Regenhose und die Leuchtjacke rausgezogen, als es dann in die Welt hinaus ging. Iiiiiigittigittigittigitti… 1A Schmuddelwetter! Nieselregen und um halb elf, als ich erst so richtig los kam, war es noch so dunkel wie sonst in der Früh um Acht! Ich müsste euch schon sehr dreist in die Zeilen lügen, wenn ich behauptete, dass bei solchen Bedingungen die Radlerei noch richtig Spaß macht!

Aber dafür habe ich ja eine Traumschwester, die mir in weiser Voraussicht für solche Situationen die Rettung in die Taschen gesteckt hat: Der kleine Wassermann. Vor Otfried Preussler, aber als Hörbuch. Es war perfekt, sag ich euch! Die Straße war so ruhig, um mich herum alles neblig, links von mir ein geheimnisvoller Seitenarm des Pazifik, rechts Wald. Es war buchstäblich Mächenhaft! Ich hörte der Lesung von Florian Lukas so gespannt zu, dass ich nicht einen Augenblick mehr an das Wetter dachte. Erst als der kleine Wassermann das erste Mal den Regen kennenlernen will, ans Ufer steigt um ihn zu suchen und schließlich beginnt zu rufen: „Regen? Regen…wo biiiist duuu?“ Ja, richtig, wo ist er eigentlich? Weg war er! Und man konnte sogar schon die Bemühungen der Sonne spüren, die dicke Wolkendecke aufzusprengen.

Das dauerte noch ein paar Ritzel, doch schließlich siegte sie – yeaah! Der Rest des Tages war fantastisch! Bunte, knisternde Blätter, Wälder, ein See und total ruhige Straßen. Amerika ist damit das, was ich mir eher von Indien erwartet hätte. Für einen Moment hatte ich mir vorgestellt, es würden jetzt überall vor mir – links und rechts am Straßenrand – wuselige Inder ihren Tagesgeschäften nachgehen… nein, lieber nicht. Hier ist es so herrlich ruhig. Hier ist es, wie man es sich zum Radeln wünscht. Hier ist alles gut!

Den krönenden Abschluss des Tages gab mir der Schafer State Park. Solche State Parks gibt´s hier bald wie Sand am Meer! Und man muss sich die so vorstellen wie einen Stadtpark, bloß draußen in der Prärie. Wanderwege und das große Plus für mich: Picknick-Plätze mit Toilettenhäuschen (und Klopapier!), Mülleimer, Feuerstellen, fest installierte Grillplätze und die offizielle Erlaubnis zu campen. Manchmal gibt es sogar Duschen. Die kosten dann allerdings. Aber für mich sind im Moment die Picknick-Häuschen Gold wert. Da stelle ich nämlich mein Zelt direkt in das Häuschen und habe erstens ein bisschen wärmer während der Nacht und zweitens in der Früh kein nasses Zelt. Ach, Amerika, ich glaube ich bin verliebt! Das Leben ist schön!

 

Schafer State Park (Zelt)

Tages-Km: 77,73km / -Zeit: 4:42h / -Höhenmeter: 491m

Gesamt-Km: 9.871km / -Zeit: 691:17h / -Höhenmeter: 89.371m

 

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168_No Burger!

Nun bin ich seit gut einer Woche hier und mittlerweile in Amerika und habe zu meiner großen Überraschung eins noch nicht annähernd gefunden: Einen ordentlichen Supermarkt! Ich lebe seither von einem Pack Vollkornbrot, Kräuter-Philadelphia und ein paar Salamistangen, die ich mir – dem Himmel sei Dank – als Reiseproviant in Vancouver noch zugelegt habe. Mir wär aber so langsam mal nach etwas „Grünem“! Aber heute Früh wird daraus wohl nichts mehr. Ich habe einen netten Campingplatz gefunden, dessen Tankstelle mein einziger Hoffnungspunkt ist: Vielleicht gibt´s dort im Café ja Veggie-Bagels?

Es gibt nicht einmal Kaffee im Café! Ich überlebe also durch Tee und einen fluffigen süßen Kringel, der sich Zimt-Rolle nennt und eigentlich nichts anderes ist als ein Krapfen mit einem Loch. Ohne Marmelade. Klar: Die ist im Loch. Das Ding ist so süß, dass ich mir noch eins davon auf gar keinen Fall zumuten kann. Obwohl ich mich mengenmäßig noch nicht gerade überfressen habe… Und so kommt es, wie es kommen musste: Eine Stunde später knurrt mich mein Magen auf den Abbiegestreifen und lenkt mich direktamente zum McBurgerladen. Erst habe ich schon ein bisschen gezögert. Aber dann hab ich mir gedacht: Was soll´s! Wer schon beim Frühstück sündigt, braucht eine Stunde später nicht so anständig tun. Geben wir dem Ernährungsbewusstsein mal richtig eins auf den Latz; diesem immerzu mosernden, langweiligen, prüden Typen, der keine Ahnung hat von La Dolce Vita! Ran an´s Burgerbuffet!

Schwungvoll ziehe ich die Eingangstür auf und schreite entschlossen an den Bestelltresen. Wie sich das gehört, blicke ich erst mal voller Vorfreude auf das bunte Bildertableau über den wartenden Damen. …doch…Moment…was ist denn das? Dort, wo sich sonst die Mäc Menüs gegenseitig übertrumpfen hängt hier irgendwie alles voller dampfender Kaffeetassen und Frühstückseier! Ich trete erst mal zurück und lasse ein paar McVersiertere vortreten. Ich studiere gründlich den Aushang…Und da, endlich! Im Kleingedruckten finde ich mein zweites Frühstück: „Einen Double-Cheseburger und kleine Pommes bitte!“ – „Ahhhm, eigentlich sind wir auf Frühstück…“ Ja wunderbar, denke ich mir, auf Frühstück bin ich auch aus! …oder… das soll wohl heißen: „No burgers?“ – „No burgers!“ – […] – „Und Pommes?“ – „No fries!“ … nicht vor Elf jedenfalls!

Ich erinnere mich dunkel an einen uralten TV-Schinken mit Michael Douglas. „Falling down“. Da steht er wie ich an der Kasse und – in seinem Falle umgekehrt – will noch kurz vor Elf ein Frühstück. Doch ehe er bestellen kann, schlägt die Uhr Eins nach und er kriegt nichts als das Nachsehen. Der Film wird ab da erst richtig gut. Doch ich muss mich jetzt erst mal völlig neu organisieren… Wer hätte das je für möglich gehalten: Man geht zum Goldenen „M“ und kriegt weder einen anständigen Burger noch Pommes! Ja ist das denn zu fassen?

Jedenfalls trotte ich etwas verdattert wieder zurück zum Rad, krame mir eine Scheibe Vollkornbrot aus meinen Plastikbeuteln, etwas Philadelphia drauf und einen Apfel dazu. Dann setze ich mich auf den Randstein vom Drive-Through und nage mich missmutig zum Butzen vor. Und ich brauche nicht mal zur Seite sehen um zu wissen, dass dort mittlerweile auch schon der prüde Langweiler hockt und mir selbstgefällig den Stinkefinger zeigt…

 

Port Hadlock (Zelt)

Tages-Km: 62,81km / -Zeit: 4:00h / -Höhenmeter: 473m

Gesamt-Km: 9.727km / -Zeit: 681:51h / -Höhenmeter: 88.135m

 

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165_Alex Fraser Bridge

Es ist sowas um die Sieben Uhr am Morgen. Frühstück gibt´s ab Acht. Oooch, wie lange denn noch? Siebenuhreinundzwanzig: Wenn ich jetzt eine ausgedehnte Dusche – eine zum Abschied für lange Zeit vom Duschen – anfange, könnte ich vor dem Frühstück vielleicht noch eine E-Mail schreiben, dann auf die Muffins und Bagels stürzen, bevor die anderen es tun und dann gleich losstarten. Klingt nach einem Plan? War ein Plan! Und zwar ein guter!

Die Sonne strahlt schon seit der Früh. Endlich wieder im Sattel! Frische Luft, blauer Himmel und nur gute gelaunte Leute, genauso viel braucht´s zum reinen Glück! Ich kaufe noch ein paar Notfall-Schrauben. Bzw. beeindrucke die Männer im Radladen so sehr mit meinem Vorhaben, dass sie mir diese schenken und mir obendrein den Tip des Tages zustecken: Die Alex Fraser Bridge. Das ist die einzige Möglichkeit, über den Fluss zu kommen, südlich von Vancouver. Die anderen Überquerungen sind nämlich ein Tunnel (für Fahrräder nicht passierbar. Bzw. nur mittels einem Bus-Shuttle – pfuipfui!) oder gerade gesperrt wegen Umbauarbeiten. Von den Drei auf der Karte eingetragenen Möglichkeiten bleibt mir also in Wirklichkeit genau noch eine, um auf zwei Rädern aus der Stadt raus zu kommen! Und da ist es wieder: Das berühmte Nadelöhr, das ich finden muss!

Meine Karte hat einen Maßstab von 1:750.000. Also besten Falls ein grober Überblick! Mein Smartphone ist da schon besser. Aber nicht gut genug! Denn im Stress daheim hab ich vergessen, mir die Kanada-Karte runterzuladen. Ich klammere mich also irgendwann an den rettenden Ast, den mir die Jungs vom Radladen auch noch mitgegeben haben: Wenn du unter dem Skytrain bleibst, solltest du eigentlich genau hinkommen! Und so behalte ich immer schon den Zug über, neben, mal unter, mal rechts und manchmal links von mir im Auge. Aber bloß nicht verlieren! Und dann sehe ich da was… ein geiles Teil! Wie schade nur, dass die nicht meine Brücke sein wird, denke ich mir. Menno! Die richtig spektakulären Dinger gehören immer den Autofahrern! Warum vergessen die Brückenbauer immer uns Radler? Wir kriegen immer die rostigen, uralten, krachigen Fachwerke…

Dann endet der Radweg. Was nun? Ich lese die Karte. Bin nicht wirklich schlauer. Smartphone an, es sagt links. Okay. Ich drehe um, schiebe kurz zurück und fahre also links. Doch da fährt meine Intuition nicht lange mit. Naaa guuut, dann eben doch, wo ich anfangs runter wollte. Und kaum hab ich die Schleife fertig gezogen, erscheint da ein Pfeil! Er zeigt ein Fahrradzeichen und eine Richtung. Und er sagt: Alex Fraser Bridge. Brücke! Das klingt doch gut! Dem Pfeil folge ich. Ein bisschen heiß geht es schon her, über die ganzen Highwayauf- und –abfahrten, das kann ich euch sagen! Aber die Kanadier haben ja ein ausgezeichnetes und überaus vorbildliches Radwegenetz. Damit kann man arbeiten! Und kaum das Lob ausgesprochen, geht´s auf einen Holperpfad. Er wird schmaler und enger. Und noch holpriger. Ooohje! Doch noch gibt es Asphalt unter meinem Profil. Das beruhigt mich. Und rechts von mir jetzt plötzlich eine sechsspurige Autobahn – Drei Spuren hin, Drei Spuren her! Mich trennt von dem Wahnsinn nur so ein schmales Betonmäucherchen. …wird schon halten! Und es wird ja nicht einer dieser Mega-Trucks mit Zweihundert Baumstämmen hinten drauf gerade jetzt die Kurve nicht kriegen! Es geht bergauf. Moment: Bergauf? Ich fasse es nicht! Und da kommt mir ein Gedanke….umd ein Blick nach vorne bestätigt, was ich nicht zu träumen gewagt hätte: Ich fahre geradewegs auf die Brücke zu. Die mit dem großen Bogen, der an den Zwei Pylonen hängt. Und die uns Radfahrer und Fußgänger nicht vergessen hat! Die Alex Fraser Bridge!

Ich bin total aus dem Häuschen. Es ist immer wieder derart beeindruckend, so ein Meisterbauwerk zu überqueren! Bis ich merke – an der Stelle, wo die Straßenlaternen meine Fahrbahn durchstechen – dass es da zwischen Radweg und Laternenmast immer eine kleine Fuge gibt. An diesen Stellen sieht man, dass mich nicht mehr und nicht weniger als genau ein einziger Zentimeter Stahlplatte von Fünfzig bis Hundert Metern Absturzhöhe trennen! Mir wird ganz flau bei dem Gedanken, dass dieser nachträglich angeschraubte Fahrbalkon brechen könnte. Verdammt, geht´s da weit runter! Ich steige mal lieber an und schiebe. Das fühlt sich irgendwie sicherer an. Keine Ahnung: Bin ich im Gesamtsystem dann vielleicht leichter? Weil ich ja nicht auf dem Rad sitze? Bestimmt! Meine blassen Erinnerungen an Physikunterricht und Tragwerkslehre unterschreiben das zwar nicht. Aber mein weibliches Bauchgefühl unterstützt das voll und ganz! Es hat eben doch Vorteile, eine Frau zu sein! Und so habe ich die traumhafte Alex Fraser Bridge mit der denkbar simpelsten Methode ausgetrickst und vor dem Einsturz bewahrt. Das hat Ding gehalten und ich habe den schönsten ersten Radltag gehabt, den man sich denken kann!

 

White Rock (Zelt)

Tages-Km: 54,05km / -Zeit: 4:16h / -Höhenmeter: 535m

Gesamt-Km: 9.538km / -Zeit: 669:31h / -Höhenmeter: 86.694m

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