198_Druckablass

Geweckt wurde ich wieder von wärmenden Sonnenstrahlen. Was habe ich nur für einen „Run“ zur Zeit! Es ist wirklich unglaublich! Anschließend fuhr ich durch Davenport und da fragte mich ein Einwohner, ob ich diesen Tag überhaupt richtig zu schätzen wüsste: Normalerweise ist es hier in dieser Gegend und in dieser Jahreszeit immer finster, grau, nass und vor allem windig. Bis zu Dreißig Meilen in der Stunde, das sind so gute Fünfzig Stundenkilometer hat dieser normalerweise immer drauf! Und heute pustete mich nur ein laues Lüftchen in Richtung Santa Cruz.

Es war wenig los heute auf der Straße und der Seitenstreifen breit genug, um meine neueste Errungenschaft einmal zu testen: Ich habe nämlich neue Kopfhörer. Der Preis war absolut böse! Doch nach den ersten Hörminuten weiß ich: Auch die Qualität ist verdammt böse… böse gut! Denn ab sofort muss ich regelmäßig in meinen Rückspiegel sehen, um den herannahenden Verkehr im Auge zu behalten. Mit den Dingern gibt es nämlich nur noch Musik. Und so tauche ich ab dem späteren Vormittag ganz tief ein in meine eigene, abgeschirmte Welt: Ich spüre die Sonne auf meiner Haut, rieche die salzige Luft und sehe das ruhige Meer an meiner Seite glitzern. Ich fliege weit, weit weg…

Bis da dieses eine Lied in meiner Zufallsliste kommt. Es reißt mich zurück auf den Boden der Realität. Bisher hat irgendwie jeder Song zum Vorgänger gepasst. Das Thema war Salsa, Latein Amerika, wenn man so will. Und jetzt kam der große Cut. Der schlechteste Übergang aller Zeiten, der jeden DJ auf der Stelle den Job kosten würde. Doch nicht, dass ihr jetzt glaubt, mir hätte das Stück nicht gefallen! Nein, keineswegs! Schließlich handelte es sich um kein Geringeres als mein absolut liebstes Lieblingslied meiner ersten Elf, Zwölf, … Lebensjahre! Und dass das jetzt kam, setzte dem ganzen Glanztag noch die Krone auf.

Dann baute sich tief in mir ein Druck auf. Etwas musste ganz dringend raus! Doch…nein, verdammt: Da hatte mich gerade ein anderer Radler überholt. Jetzt also nicht. Das wäre ja doch zu peinlich! Dann muss ich mir den eben noch ein bisschen verkneifen. Solange, bis der weit genug voraus war, dass er ihn nicht mehr hören konnte. Doch just als er das war und ich schon angesetzt hatte, parkte da ein Auto mit ausgestiegenem Fahrer am Straßenrand. Ja Herr….zeiten, was ist denn das? Jetzt ging´s aber wirklich nicht mehr. Ich musste einfach. Da half jetzt alles nichts mehr. Und peinlich oder nicht, ich ließ ihn einfach raus:

Jjjjjuuuuuuuuuuuuuuuuuuuhhhhhuuhhhhuuuhhhhuuuuiiiiiiiiiii!

 

Santa Cruz, Californien (Hostel)

Tages-Km: 65,18km / -Zeit: 3:45h / -Höhenmeter: 529m

Gesamt-Km: 11.592km / -Zeit: 812:41h / -Höhenmeter: 108.589m

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197_Radeln am Halbmond

Nach Zwei Tagen San Francisco war ich wieder startklar: Die Sachen gewaschen, ich bestens ausgeruht und der Eigentümer meines superweichen Leih-Bettes wieder im Anmarsch. Also wieder raus in die Welt!

Die Sonne ist mir nun schon seit mehreren Tagen treu. Ich fahre im T-Shirt und überlege, ob ich nicht auch noch die lange Hose abstreifen sollte. Es ist herrlich, bei solchen Bedingungen unterwegs zu sein! Und dann kam noch die Strecke entlang der „Half Moon Bay“, der sog. Halbmondbucht mit ihrem Küstenpfad dazu: Ich fuhr erst auf einem Radweg neben der Hauptstraße. Dann bog dieser langsam ab und schlängelte sich oberhalb der steilen Klippen entlang. Links und rechts von mir Steppengras. Dann wurde er schmaler und schmaler und war schließlich nur noch ein Trampelpfad. Aber bei Trockenheit kein Problem! Als dieser endete führte eine Verlängerung des Pfades mitten durch eine Golfhotelanlage – alles plötzlich ganz schnieke. Da konnte man so verschwitzt und müffelnd fast ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man die aufgebrezelten Golfkäppis und Anzug-Gäste „umfahren“ musste! Aber was solls`: „Coast Trail“ ist schließlich „Coast Trail“!

Abschließend zu diesem herrlichen Sonnentag fand ich gerade zur richtigen Zeit einen sog. „State Beach“. Dahinter verbirgt sich in der Regel ein Parkplatz mit Rastmöglichkeit und Toilettenhäuschen. Und ein Sonnenuntergang! Offiziell darf man da zwar nicht campen, aber ich bewege mich ja im Moment außerhalb jeglicher Regeln und so hat weder die Polizei, noch andere Parker oder der Parkwärter etwas gemosert, als ich mich dort im Windschatten des Klohäuschens niedergelassen habe. Und dann brach auch schon eine sichere Nacht herein über mich, denn ab Acht am Abend wurde der Parkplatz mit einem Gitter abgesperrt. Ab jetzt war ich ganz allein da drin. Und böse Autofahrer blieben brav draußen!

 

San Gregorio SB, Californien (Zelt)

Tages-Km: 58,19km / -Zeit: 4:11h / -Höhenmeter: 678m

Gesamt-Km: 11.527km / -Zeit: 808:56h / -Höhenmeter: 108.059m

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196_San Francisco & Santa Flora

The night was more a nightmare than a dream to be honest: The wind became so strong that at a certain point I wasn´t sure if the tent would be able to resist any longer. For a while I tried to hold against the sharp storm attacks by pushing and leaning against the “roof”. But finally I realised that the risk was simply too big and dismantled half of the tent: Basically I turned it into a flat Biwak-Sack because hiding from the wind was just impossible up there on the exposed rock! What a crazy night!

But I was payed already a few hours later with an unforgettable sunrise. I watched the sun coming up behind the hills of Oakland and San Francisco, illuminating inch by inch the big red steel construction with her golden light that finally gave the bridge it´s name: The Golden Gate.

After breakfast which was a delicious sourdough bread with blueberry jam and an extremely pleasant talk with the brilliant photographer Yishay from New York – as pleasant as the time with Tomek, Anna and Simon the evening before – time finally has come: Time to leave. Or let´s say it in a more positive way: To continue my way. Which today would lead me to Flora, the angel who appeared just a few days ago in my email folder: We knew each other in Jerusalem – when she had saved me already for the first time – and she just remembered me and invited me to stay with her in San Francisco. Flora: You´re the best! Thank you for everything you did and please come to visit me in Germany! You´ll always be best welcome! So there was not time for a big “good-bye” to the bridge. But who cares: What was expecting me was nothing but to cross it finally.

It felt fantastic!

 

San Francisco, Californien (bei Flora)

Tages-Km: 21,22km / -Zeit: 1:27h / -Höhenmeter: 185m

Gesamt-Km: 11.468km / -Zeit: 804:45h / -Höhenmeter: 107.381m

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196_San Francisco & Santa Flora

Was für eine Nacht! Ein Albtraum! Wenn´s nicht ein Traum gewesen wäre. Einer, der mir so viel bedeutet hat. Es herrscht ja immer ordentlich Wind dort in „Frisco“. Darum ist es dort auch im Sommer nicht so brennend heiß, wie man es vielleicht vermuten möchte, sondern immer angenehm frisch. Doch dass der mich da oben schier vom Felsen blasen würde, das hat mir keiner gesagt! Ich hatte ja insgeheim damit gerechnet. Aber einfach mal drauf ge…. Doch die Abrechnung kam prompt so kurz nach Mitternacht, als die Böen nämlich so straff wurden, dass ich mir langsam ernsthaft Sorgen um mein Zelt gemacht habe! Alles war bereits bestmöglich abgespannt. Und ich hatte mich hinter eine etwa hüfthohe Abstufung im Gelände gelegt. Doch es pfiff mir nur so um die Ohren. An Einschlafen war ja nicht zu denken! Obwohl ich zum Umfallen müde war. Vielleicht würde der Wind in der Nacht ja abflauen, hatte ich insgeheim gehofft. Doch nix da: Er frischte eher noch auf! Dann blieb mir irgendwann nur noch die Notlösung: Die oberen Haken aus dem Gestänge aushängen und die lockere Plane nun ganz fest nach unten zu ziehen. Gott sei Dank regnete es nicht. So war es eigentlich kein Problem, die Plane direkt auf dem Schlafsack liegen zu haben. Wie in einem Biwak.

Bis mich um Vier oder Fünf in der Früh eine Gruppe Jungs aus dem Traum gerissen hat. Das erste was ich kapiert habe: Ich hatte tatsächlich tief geschlafen! Und das Zweite: Die sind doch nicht ganz sauber! Die haben ein Video darüber gedreht wie man als Mann am besten eine Frau rumkriegt. Und das mitten in der Nacht, in meinem Schlafzimmer praktisch! Immer wieder und wieder und wieder sind sie auf und ab gegangen vor meinem Gemach und der Sprecher hat den gleichen Text verzapft. Leider sah der Plan es vor, dass sie, als er endlich zum Punkt kam, wie man es denn nun tatsächlich anstellen müsste, bereits zu weit weg war und der Sturmwind ihn schlicht unverständlich machte. Ich war kurz davor rauszugehen, und ihm zu sagen, dass er mich längst im Bett hätte, wenn er nicht so einen Stiefel über irgendwelche Bagger-Regeln oder Anmachtheorien daher quatschen würde. Noch dazu in dieser Herrgottsfrühe! …ich hab mich aber zusammengerissen.

Doch dann war ich wach und konnte es grad auch bleiben. Was mir letztendlich den Sonnenaufgang beschert hat: Ich war live dabei, als die ersten Strahlen hinter den Hügeln von Oakland und San Francisco hervor gekrochen sind und Zentimeter für Zentimeter den roten Giganten mit dem goldenen Licht getüncht hat, für das er so bekannt geworden ist. Ich machte Frühstück und war nach einer weiteren herausragend guten Bekanntschaft – ich hatte schon gestern Abend eine – ganz allein dort oben. Es wurde sehr romantisch zwischen uns… der Brücke und mir. Doch dann drängte schon ein bisschen die Zeit. Flora, die wie ein Engel gerade vor ein paar Tagen wieder in meine Erinnerung geschneit war, würde schon bald auf mich warten. Ich hatte sie in Jerusalem kennengelernt: Sie war eine von den Guten damals! Und sie hatte mich auf meine Anfrage hin sofort mit offenen Armen eingeladen, bei ihr zu bleiben. Und so war keine Zeit mehr für einen großen Abschied. Aber egal: Was mich jetzt erwartete, hatte ich ja ebenfalls schon sehnsüchtig erwartet…

Es war einfach herrlich!

 

San Francisco, Californien (bei Flora)

Tages-Km: 21,22km / -Zeit: 1:27h / -Höhenmeter: 185m

Gesamt-Km: 11.468km / -Zeit: 804:45h / -Höhenmeter: 107.381m

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195_The Golden Gate

Today´s a great day. It´s one of the most important days in my life maybe! It´s because I realise – by arriving on that simple vista point with that amazing view to the “Golden Gate Bridge” – that I really did it!

I had that dream 3 years ago for the first time: Me and my sister were visiting our brother and his sailing friends for the Youth America´s Cup taking place in San Francisco. On one sunny afternoon my we grabbed a bike and rode over the bridge to that vista point and back. But that was not enough for me! Of course it was a great feeling to cross the bridge! But actually we didn´t have to cross it. It was nothing but a voluntary exercise. But from that moment I wanted the bridge being a part of my way. I wanted it to be a real bridge! One that I had to cross if I wanted to continue my way. One that connected North with South. And now time has come: I arrived after more than 11.000 km and am ready to cross it!

Seeing this bridge in front of my tent entrance means that I really managed to realise my dream! And as it is part of a cycling tour around the world that I was dreaming of for much more than 3 years it also means that I didn´t lose that dream either! But it was sometimes hard to keep it. When I had great times at work with my colleagues (which I actually had every day!) or with my friends and family. Everything seemed to be perfect in my life (except from the fact that it appeared a bit difficult to find the right male part…): Nice job, best boss and best colleagues, healthy and well, a lovely apartment in the centre of Munich, amazing friends… But still I was not happy. Something deep inside always complained. My reasonable brain tried to fight against it! But finally my heart and my soul won. They made me decide to give up everything and to just try it. Because some things you must simply do. No matter if you fail. But then at least you know that you tried! Of course it was a risk. Would it really be as good as in my dreams? Would I find a way back if I had to give up? What if the result of that decision was to realise that I have lost everything?

But still something deep inside of me didn´t let me be in peace. Until finally I bought that beautiful bike and started riding. Through the winter, trough cold and heat, through storms and nights sometimes. It was quite a struggle sometimes, believe me! But now – right in that moment when I saw it again the famous red steel construction – I realise that all is forgotten. The balance that I draw today is just positive. All I feel is just light as a feather. I´m free! I followed my inner voice and I won. The bridge just let´s me know that I have taken the right decision(s). And all that before seemed to go wrong before now feels so right. Because if these things didn´t go “wrong” I would not be here today.

I´m happy!

 

Golden Gate Bridge, Californien (Zelt)

Tages-Km: 56,15km / -Zeit: 4:15h / -Höhenmeter: 921m

Gesamt-Km: 11.447km / -Zeit: 803:18h / -Höhenmeter: 107.195m

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195_Das Goldene Tor

Und heute ist noch einer. Noch so ein Tag. Und zwar ein noch viel größerer! Einer der ganz großen sogar! Da liegt es mir nun endlich zu Füßen, das „Goldene Tor“ – die wunderschöne, die unnachahmliche, die einzigartige „Golden Gate Bridge“. Wie lange habe ich von diesem Moment denn nun schon geträumt? Ich meine: Nicht so konkret von dem Moment, in dem ich tatsächlich mein Zelt hier oben am nördlichen Aussichtspunkt aufschlage und sie von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang direkt in meinem Vorgarten stehen habe. Ich meine es noch viel weitreichender!

Den Gedanken, hier noch mehr rauszuholen, hatte ich schätzungsweise vor gut Drei Jahren. Damals beim America´s Cup. Oder eigentlich beim Youth America´s Cup, ohne den wir – meine Schwester und ich – ja wohl niemals hier her gekommen wären. Und natürlich noch weniger ohne euch: Die Jungs, die ihr diese Mördermaschinen tatsächlich bedienen konntet! Ich habe heute oft an euch denken müssen: Wie ihr diese einmalige Chance nicht verstreichen habt lassen. Wie ihr um euren Traum gekämpft habt. Wie ihr alle Steine und Prügel, die euch – vor den Augen und Ohren der immer kritischen Öffentlichkeit – in den Weg gelegt worden sind, mit stoischer Willenskraft bei Seite geschafft habt. Wie ihr euch selbst den Weg hierher frei gemacht habt. Wie ihr euch einfach nicht abbringen habt lassen. …ich danke euch von ganzem Herzen, dass wir mit euch hier sein durften damals! Denn wer weiß, ob ich heute so schreiben würde, wie ich jetzt gleich schreiben werde, wenn ihr nicht gewesen wärt! (Ein Schluck auf euch – auf dass euch noch Großes erwartet!)

Damals hatten meine Schwester und ich uns ein Radl gemietet und haben uns an einem sonnigen Nachmittag die Brücke vorgenommen. Es war ein großartiges Gefühl. Doch etwas hat gefehlt. Und heute weiß ich, was: Wir waren bereits auf der Südseite in San Francisco. Wir sind über die Brücke auf den Aussichtspunkt im Norden und wieder zurück in die Stadt. Es war also eine reine Freiwilligenübung! Aber das hat mir nicht gereicht: Ich wollte die Brücke einmal überfahren MÜSSEN, um nach San Francisco zu kommen. Von dem Moment an wollte ich, dass dieses überwältigende Bauwerk einmal auf meinem Weg liegt. Und jetzt ist es so weit: Wenn sie nicht wäre – die Brücke – dann wäre hier Endstation. Jetzt erst ist sie also eine richtige Brücke. Eine, die das Nordufer mit dem Südufer verbindet. Sie wird mir morgen, wenn ich drüberfahre, der Boden unter den Reifen sein, mit dem es weitergeht!

Jetzt sind es gute Elfeinhalbtausend Kilometer, Achthundert Stunden und irgendwas um die Einhundertachttausend Höhenmeter, die ich auf dem Rad sitze. Ich habe geschwitzt und gefroren, mich gemütlich dahintreiben lassen, manchmal gelangweilt, manchmal geschunden, war nass bis auf die Knochen oder schier ohnmächtig vor Hitze. Manchmal war es schon zäh. Aber jetzt ist der Tag da, an dem ich endlich entlohnt werde! So richtig bewusst wird mir nämlich erst jetzt – just in diesem Augenblick – was da genau passiert ist, dass ich einmal in meinem Leben aus dem Zelt kriechen kann und auf die Golden Gate Bridge schauen kann: Es musste zuerst eine Idee geben. Sie hatte wachsen müssen zu einem Traum. Aber sie wollte auch zurückgestellt werden – es war eben noch nicht an der Zeit! Dann hieß es: Trotzdem dranbleiben! Denn die Dinge ändern sich im Leben und fangen an, dich zu fixieren: Ein fester Arbeitsplatz, ein guter Arbeitsplatz! Endlich nicht mehr die Knauserei wie im Studium, als man jeden Pfennig zweimal umdrehen muss. Die erste eigene Bude, das erste eigene motorisierte Fahrzeug – wenn auch nur ein Roller. Alles schien langsam Form anzunehmen. Aber ist das auch tatsächlich meine Form? Ist es das, was zu mir passt? Oder gibt es da noch etwas Anderes? Etwa einen Traum, der gelebt werden will…

Es gab ihn. So lange! Und ich habe ihn nicht aus den Augen verloren. Genau das bestätigt mir diese Brücke! Ich mache den Reißverschluss vom Außenzelt auf, sehe sie und weiß: Ich habe ihn tatsächlich gelebt. Er ist wahr geworden, mein Traum! Ich habe mich eben nicht in die perfekte Form pressen lassen. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen. Was sind für euch die großen Tage eures Lebens? Der Hochzeitstag? Die Geburt eines Kindes? Genau so ein Tag ist heute für mich. Ich habe weder einen Hochzeitstag noch einen Geburtstag eines Kindes zu feiern (bisher). Aber dafür feiere ich heute die Brücke und mich. Ich feiere, dass ich genau diese beiden Tage noch nicht feiern kann. Nicht, weil ich die nicht gerne feiern würde! Sondern weil bisher die Bedingungen einfach noch nicht gepasst haben und ich mich aber auch von keinem Gesellschaftszwang habe verbiegen lassen, nur um einen der beiden Tage eben doch feiern zu können! Ich werde sie erst dann feiern, wenn es sein soll. Und vorher nicht! Wenn es von ganz alleine kommt. So, als hätte es gar nicht anders kommen können. So, wie seit meinem Aufbruch alles von sich aus in mein Leben fliegt, als hätte da jemand einen großen Plan für mich… Und bis es so weit ist, wer weiß, welch weitere Feiertage ich noch finden werde?

Wenn ich heute Bilanz ziehe, dann fühlt es sich an wie der Tag, an dem man sein Abi bestanden hat. Oder sein Diplomzeugnis in die Hand bekommt. Man muss sich durch ganz schön viel Ballast durcharbeiten, man muss durchhalten und die Arschbacken zusammenkneifen, um nicht alles hinzuschmeißen! Aber dann, wenn man das gesteckte Ziel erreicht hat, fällt alle Last von einem ab. Wenn man endlich den verdammten Wisch in der Hand hat. Oder eben die Brücke. Man ist frei! Endlich frei! Immer wieder kommen solche Momente im Leben. Gott, was hat mich mein Leben Kraft gekostet. Was haben mich manche Regeln, Systeme, Maschinerien und auch Menschen enttäuscht in den vergangenen Jahren! Aber heute lasse ich sie zurück. Wer bis hier her nicht mitkommen wollte, der sei wohl dahin. Ich bin ohne euch an einem weiteren Meilenstein in meinem Leben angekommen, also komme ich ohne euch auch noch weiter! Und heute sehe ich nur noch die, die mich bis hierher begleitet haben. Die jetzt da sind. Die in den vergangenen Monaten neu dazugekommen sind und die, die irgendwie schon immer da gewesen sind und mich nie allein gelassen haben. Und ich stelle fest: Ihr genügt mir! Ihr seid mein Leben. Und heute wird gefiltert. Ich lasse die zurück, die nicht mitkommen wollten. Und es bleibt mir die wahre, die ehrliche, die echte Essenz zurück. Das seid ihr! Ihr seid die echten! Ihr seid Wirklichkeit und nicht Illusion. Und euch nehme ich mit auf meine weitere Reise durch das Leben! Und mit euch feiere ich heute ein mords Brückenfest hier oben! Einfach aus purem Glück. Weil scheinbar doch alles so kommen musste, wie es gekommen ist. Weil mir die Brücke heute gesagt hat, dass ich bisher einfach alles richtig gemacht habe.

 

Golden Gate Bridge, Californien (Zelt)

Tages-Km: 56,15km / -Zeit: 4:15h / -Höhenmeter: 921m

Gesamt-Km: 11.447km / -Zeit: 803:18h / -Höhenmeter: 107.195m

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194_Von Will Smith bis Fiesta Mexicana

Ein weiterer Sonnenstrahletag neigt sich langsam dem Ende. Ich bin ein bisschen platt von den vielen Hügeln, mein Gesicht spannt und meine Lippen sind es schon: Verbrannt. Doch wie schön! Dieses Kalifornien hält noch viel mehr, als es mir jemals versprochen hat. Gott, wie schön kann doch das Leben sein!

Ich starte in Jenner, komme keine Hundert Meter bis mich „Will Smith“ vom  Café Aquatica von hinter seinem Straßenverkaufsfenster vom Asphalt schreit. Er ist einer, der dir in der Früh die nötige Energie für einen guten Tag ins Gesicht strahlt und dich mit so viel Blödsinn kontaminiert, bis du selber strahlst. Und er lädt mich noch auf einen frischgebrühten Kaffee ein… Kann es noch einen schöneren Morgen geben? An einer ruhigen Meeresbucht aufgewacht, Gänse schnattern durch die Luft, ein paar kleine Robben plantschen im Wasser, die Sonne kriecht langsam über den Hügel, das hohe Gras am anderen Ufer fängt an zu dampfen, Wellen rauschen vom großen Wasser herüber, …

Dann geht´s dahin: An den senkrecht abfallenden Klippen entlang, die Brandung im Ohr, salzige Luft in der Nase, und das Strahlen der Sonne in den Augen.

Der Nachmittag bringt mich ein bisschen weg vom Wasser. Die Bodega Bay fühlt sich eher an wie ein Sonntag am See. Ein paar winzig kleine Dörfchen mit einem simplen Austern-Grill, wo sich alle Stadtflüchtlinge auf die rustikalen Holzbänke drängeln und wild durcheinander mischen, ein bisschen wie im Biergarten. Da paddeln welche über das ruhige Wasser, dort singt einer. Alles ist friedlich, die totale Idylle. Und nichts stört! Nichts!

Wie könnte dieser Tag noch schöner werden? Ganz einfach: Ich erreiche so gegen Vier Point Beyes, ein richtig süßes Örtchen. Es gibt einen super Supermarkt! Frisches, knackiges Gemüse und Obst, Naturprodukte, Seifen, Tortilla-Chips aus der Region, Delikatessenregale mit italienischem Schinken und Parmesan. Von wegen Amerika weiß nicht, was gutes Essen ist! Amerika isst gutes Essen! Zumindest hier. Ich kann schon wieder kaum raus, weil es mir auch in dem etwas größeren Dorfladen so gut gefällt. Doch es wird bald dunkel. Ich folge erst mal dem Schild zur öffentlichen Toilette: Blitzsauber, Klopapier genügend, Wasserhahn, Seife, Handfön, Trinkwasserspender. Nebenan ein kleiner Kinderspielplatz mit Holzschnitzelboden. Und die Nachbarn: Offenbar Mexikaner und einer von ihnen hat Geburtstag. Es wird gegrillt, Freunde eingeladen, Musik aufgedreht, die schmalzigen Liebesschnulzen, jeder kennt sie, alle johlen mit! …und genau hier schlage ich jetzt mein Zelt auf.

Da kommt noch Violet vorbei, heißt mich herzlich willkommen, meint, hier bräuchte ich keine Angst zu haben, segnet mich mit einem kurzen Gebet. Ich gestehe ihr, dass ich mich ohnehin nicht fürchte hier, weil ich nämlich eine gute Energie verspüre – sie solle mich dafür nicht für verrückt halten. Nein, nein, sagt sie, sie sieht nämlich, dass alle Energie, die mich umgibt, komplett rein ist. …weiß!

Was für ein Tag!

 

Point Beyes Station, Californien (Zelt)

Tages-Km: 71,43km / -Zeit: 4:51h / -Höhenmeter: 1.064m

Gesamt-Km: 11.391km / -Zeit: 799:03h / -Höhenmeter: 106.273m

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193_Dorflädele

Jetzt aber zurück auf die Straße. Genug der Exkurse in die Männerwelt. Man könnte ja fast meinen, ich wäre so eine alte Frustgurke. Derweil könnte ich nicht glücklicher sein im Moment. Dieser Highway No. 1 hat´s mir so was von angetan! Verliebt bin ich, jawohl! Ich schwör´s euch: Hier zu radeln, mit so viel Glück wie ich und Sonnenschein seit ein paar Tagen, das ist wie auf Wolke Nr. 7 zu schweben. Ich fang gar nicht erst an, euch das zu beschreiben – macht´s einfach mal! Flug buchen, Cabrio mieten, Dach auf und ab die Post. Vielleicht noch eine hübsche Blondine auf den Beifahrersitz (etwa auf Höhe Mendocino… Ja, ja, ja, ist ja gut. Ich hör schon auf jetzt!).

Es ist so reichhaltig, dass es euch nur eins kann: Bereichern! Es gibt allerhand Getier, die unterschiedlichsten Landschaften, wunderbare Leute, Gastfreundschaft, … Und noch etwas gibt es hier: Die guten, alten Dorfläden! Doch sie kommen in ganz frischem, neuem Design daher! Und sie versprühen eine derart gute Energie, dass man trotz Sonnenscheins gerne für ein paar Minuten das Radl an die Hauswand lehnt und einfach nur durch die Regalreihen flaniert. Warum gibt´s das bei uns nicht mehr? Wie konnten wir es nur so weit kommen lassen? Hier, seht selbst, was wir verloren haben!

 

Jenner, Californien (Zelt)

Tages-Km: 62,57km / -Zeit: 4:31h / -Höhenmeter: 979m

Gesamt-Km: 11.320km / -Zeit: 794:12h / -Höhenmeter: 105.209m

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192_Lupe, wer ist?

Um Himmels Willen! Nicht, dass ihr mich jetzt aber falsch versteht nach dem letzten Beitrag! Wenn ihr euch jetzt denkt: „Na gut, dann bin ich beim nächsten Mal eben ein bisschen schneller…“ dann seid das von mir aus. Glaubt aber bloß nicht, dass das schon die Lösung des Problems wäre! Nun gut, es kommt darauf an, wie genau euer Problem sich definiert… Aber angenommen ihr begegnet einem echt tollen Mann und nach wenigen Augenblicken seid ihr euch sicher: Der könnte es sein, der Mann für´s Leben. (Ja, ja, wir Frauen können das so schnell wissen!) Den will ich! Jetzt bloß nicht durch die Lappen gehen lassen! Und um ihn auf keinen Fall wie am Beispiel „Mendocino“ zu verlieren schei…t ihr einfach mal auf das mädchenhafte Gezierde, seid ganz Frau und folgt – anstatt jetzt anzufangen, mit dem Kopf zu lieben – einfach eurer weiblichen Intuition, eurem guten Bauchgefühl und stürzt euch ins Spiel.

„Woohoo, was für ein Superweib!“ ist sein erster Gedanke, ganz klar! Er ist im absoluten Männerhimmel: Endlich eine, die unkompliziert ist! Doch kaum kehren die ersten Tröpfchen seines roten Lebenssaftes in die Kopfgegend zurück, fängt dieser auch schon an zu arbeiten. Und schon steht sie im Raum, die gefährliche Frage: „Ja Moment, aber wenn die immer so unkompliziert ist… dann hat die womöglich schon Mal… und – oh Mein Gott: Wie oft macht die das wohl?“ …und schon habt ihr ihn in blinkend-roter Leuchtschrift auf der Stirn: Den Flittchen-Stempel! Und ihr mögt euch zwar vielleicht noch in seinem Bett befinden, doch in Wirklichkeit seid ihr damit raus. Aber so was von! Das war´s, ihr könnt einpacken. Von „Bed & Breakfast“ könnt ihr jetzt nur noch träumen. Wenn ihr noch Kaffee wollt, gibt´s da am Ende der Straße eine Bäckerei… „To go“ sozusagen! Das mögen Männer nämlich überhaupt nicht, wenn es da vor ihnen schon einen anderen gegeben haben könnte! Wir Frauen sollen unsere Fähigkeit, sie in ihre schönsten Höhepunkte zu reiten, nämlich gefälligst auch durch unsere weibliche Intuition erlangen. „Übung macht den Meister“ ist was für echte Kerle. Und NUR für die, verstanden?

Ja, aber wie sieht sie dann aus? Die Lösung? Wie verhalte ich mich jetzt richtig, wenn ich den Richtigen vor mir habe? …tja. Aber was fragt ihr mich das eigentlich? Woher soll ich das denn wissen? Zu schnell ist nix. Zu langsam auch nicht. Aber was es dann ist…? Ich bin hier leider mit meinem Latein am Ende. Aber dafür reicht mein Spanisch mittlerweile gerade so gut aus, um euch auf noch ein Lied zu verweisen: Die Melodie gestohlen, etwas billig-Beat darüber gelegt und der Text auch nicht gerade ein literarisches Meisterwerk, aber immerhin ein bisschen näher an der Realität, wie mir scheint. „Quien es Lupe“ – Wer ist Lupe? Da, hört selbst mal kurz rein:

Quien es Lupe – The Sacados

Kurzum: Lupe steht sozusagen als Platzhalter-Name für DIE oder DEN Einen. Er ist Lupe, Lupe ist Er! Lupe ist der Eine, der Wahre, der Richtige. Er ist gutaussehend, einfühlsam, intelligent (ok, ich geb´s ja zu: Das habe ich jetzt noch dazu getextet), … und ihr wisst, es gibt ihn. Überall glaubt ihr schon seine Spuren zu erkennen. Doch gefunden habt ihr ihn noch nicht. Und während ihr nächtelang wach liegt und von eurem Übermann träumt, er aber partout nicht auftauchen will, bleibt euch nur die eine Frage: Wer ist denn nun endliLupe (zefix)?

Aber bis ihr mit der Antwort auf diese Frage erleuchtet werdet, legt ihr euch besser auch erst mal so ein Nikolaussäckchen zu!

…es kann gern auch ein bisschen größer ausfallen, kein Problem. Verlasst euch drauf: Der füllt sich schon, der Sack!

 

Gualala Regional Park, Californien (Zelt)

Tages-Km: 58,97km / -Zeit: 4:02h / -Höhenmeter: 788m

Gesamt-Km: 11.257km / -Zeit: 789:41h / -Höhenmeter: 104.230m

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191_Mendocino, Mendocino…

…ich fahre jeden Tag nach Mendocino! Nein, natürlich nicht. Aber so heißt´s im Text von diesem uralten Schlagerschinken, der mir nun schon seit Tagen im Gehörgang hängt. Und ich kriege ihn einfach nicht aus dem Ohr! Ach Gott, wie war ich gespannt auf dieses Mendocino! Es klingt schon irgendwie gut. Und dann gibt´s´darüber noch dieses Lied von der großen Liebe des Lebens – was muss das für eine Wahnsinns Stadt sein!

Heute war es dann endlich so weit: Mendocino, ich komme! Wie aufregend! …ja. Also, wie soll ich sagen? …ja! Nun: Dieses Mendocino ist definitiv keine Wahnsinns Stadt, das steht soweit fest. Es ist mit viel Good-Will ein kleiner Ort. Eigentlich ein Nest. Winzig! Aber na gut: Schon ganz niedlich. Und – was schon sehr herausragend ist, vor allem angesichts der kleinen Größe: Es gibt einen Wahnsinns Schuhladen! Fast hätte ich wieder zugeschlagen. Aber dieses „Ja-Wort“ hätte mich wohl in eine mittelschwere Finanzkrise manövriert. Obwohl sie soooo schön waren…!

Aber nochmal zurück zu diesem Lied. Bitte, macht euch mal schnell textsicher:

Mendocino – Michael Holm

Da versucht also ein Mann, das Mädchen seiner Träume wiederzusehen und fährt dazu jeden Tag von neuem in diesen Ort, um sie endlich zu finden. Doch keiner weiß, wo sie steckt. Also, nochmal zur Erinnerung: Dieser Ort besteht aus ein paar wenigen Häuser und einem Schuhladen. In den Häusern ist sie nicht. Da bleibt die große Preisfrage: Ja wo wird die wohl sein, hm?

Und was aber noch viel fataler ist an diesem Text, ist die Tatsache, dass er schlicht falsche Erwartungen in uns Frauen schürt! Wir hören das Lied nur ein einziges Mal und trällern es dann wochenlang vor uns hin. Und wir sind ganz tief gerührt, weil darin ein Mann einfach alles tut, um sein Mädchen nur endlich wiederzusehen. Er gibt einfach nicht auf! Sie muss es sein, keine Andere! Das ist so romantisch! Wünschen wir uns nicht alle so Einen?

Tja, meine Damen, es tut mir leid, wenn ich euch nach meiner Durchreise in Mendocino jetzt leider restlos desillusionieren muss: Die Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus! In Wirklichkeit triffst du einen Typen, er gefällt dir. Und da: er sieht dich, kommt auf dich zu: „Sooo, Madl – (er klatscht einmal die Hände zusammen, reibt sie ein bisschen) – wie schau´mer aus, – (Verheißungsvoller Blick) – geht da was?“ – (er breitet die Arme aus wie ein Pfarrer). Du – (etwas überrumpelt): „Ja, hmmkmmm, ach so…, ja wollen wir vielleicht nicht erst mal…, also…, naja…, – (du reichst ihm die Hand zum Gruß) – also ich bin A…“ – „Na gut, dann nicht. Wenn du nicht willst, dann will eben eine Andere!“ – (offene Handfläche nach oben, Nikolaussäckchen-auf-den-Rücken-Geste, weg ist er!)

Von wegen „an jeder Tür klopf ich an“! Höchstens vielleicht, um zu fragen, ob da nicht eine der Anderen zufällig daheim ist. Eine von denen, die lässt… Da seht ihr mal, wie man in die Irre geführt werden kann, von solchen Ohrwürmern! Eigentlich hätte man gleich von Anfang an draufkommen können, dass dieser Text hochgradig unseriös ist! Denn so klein wie der Ort ist, wäre unser lieber Herr Holm schon mit seinen Haustüren durch gewesen, bevor er überhaupt erst den Bleistift auf sein Notenpapier setzen konnte, um dieses Lied zu schreiben! Warum tut er es also trotzdem? Warum singt der uns das Blaue vom Himmel runter? Ein Mann, der ganz genau weiß, was er will… und das für länger als Fünf Minuten… ha, ich lach mich tot! Was bewegt euch Männer? …ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins jetzt ganz sicher: Schlager sind gemein gefährlich – nehmt euch bloß in Acht, Mädels!

Elk, Californien (Zelt)

Tages-Km: 54,24km / -Zeit: 3:44h / -Höhenmeter: 640m

Gesamt-Km: 11.198km / -Zeit: 785:38h / -Höhenmeter: 103.442m

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