Acapulco

Nun bin ich seit Drei Tagen hier und habe mich von Acapulco noch lange nicht sattgelebt: Diese Stadt gefällt mir! Sie liegt traumhaft schön um eine Bucht herum, die mir vorkommt, wie ein gigantischer, gemeinsamer Pool inmitten einer überdimensionalen Hotelanlage. Ich fühle mich hier irgendwie geborgen. Und gleichzeitig schubst einen die langgestreckte Strandkurve immer wieder an, dem Ziel entgegenzugehen, das man am Ende der Bucht ausmacht. Und wenn man dort angelangt ist, will man wieder zurück. Kennt ihr das? Es ist eine ganz bestimmte, auch irgendwie unsinnige Art von Neugier, die die andere Poolseite immer interessanter macht als die, auf der man sich befindet. Und das macht wohl den Puls von Acapulco aus…

Oder macht es vielleicht die herausragende Gastfreundschaft von Ana aus, dass ich hier eigentlich noch gar nicht bereit bin, wieder aufzubrechen: Sie ist – wie ich – Architektin und kennt die Situation nur zu gut, dass man auch mit guter Berufsausbildung sich doch nur eine einfache Bude leisten kann. Wir wohnen in einem offenen Zwei-Zimmer-Appartment ohne Festverglasung, mit offenem Bad und WC und einem Milionenheer von Ameisen. Der Eine mag sich vielleicht veräppelt vorkommen, wenn er über die „Warmshowers“-Plattform – einem Forum von Radreisenden für Radreisende, die sich gegenseitig eine warme Dusche und ein Bett für die Nacht für lau anbieten – bei ihr zu Hause ankommt. Wenn man die Tür beim Pinkeln oder Duschen nicht zumachen kann und die ganze Wohnung nur so klein und hellhörig ist, dass sogar der Nachbar hören kann, wenn du dir deine Haare einschäumst. Aber ich finde, man kann das auch anders herum sehen: Wer von uns würde bei solchen Wohnverhältnissen einem Fremden Unterschlupf gewähren? Wohl keiner, oder? Ich finde diese Einstellung bemerkenswert und fühle mich bei Ana außerordentlich wohl!

Und ich glaube, sie fühlt sich mit mir auch wohl. Denn sie hat mir gleich am ersten Tag angeboten, dass ich gerne auch mehr als die eine Nacht bleiben darf, die eigentlich stillschweigend unter den Mitgliedern und Nutzern dieses Forums als vereinbart gilt. Und mehr noch: Sie nimmt mich bei der Hand und zeigt mir ein bisschen die Stadt. Wir sehen die Festung mit der besten Aussicht über die ganze Bucht, den zentralen Hauptplatz, essen einmal mitten im einfachen Markt, schlemmen beim Italiener oder gönnen uns am Abend bei einem Cocktail im legendären „Hotel Mirador“ auf der Logenterasse mit bestem Blick auf die jungen Mexikaner, die sich furchtlos aus Fünfunddreißig Metern Höhe in die Tiefen des Pazifik stürzen. Das ist die Tradition des Hauses: Los Clavados! Und während ich mir fast ins Höschen pinkle vor Aufregung, wenn die Jungs da oben noch ein letztes Mal die Madonnenstatue küssen, erzählt mir Ana, dass hier schon Elvis seine Show gehabt habe. Es ist pure Magie!

Am nächsten Morgen kickt sie mich um halb Sieben aus den Federn: Wir gehen schnorcheln mit ihrem Freund Ricardo. Doch nicht etwa mit einer dieser klapprigen, Touristenkisten, deren qualmende Motoren das ganze Wasser versäuchen – Ricardo holt uns mit dem Kajak ab! Und er paddelt uns wie zwei Königinnen von einer Minibucht zur nächsten. Wir müssen einfach nur genießen und unsere Flossen ins Wasser hängen, den Rest hat er auf dem Plan. So kann ein Morgen beginnen! Ich hatte schon fast wieder vergessen, wie schön es ist, den bunt schimmernden Fischchen unter Wasser zuzuschauen. Es ist zu tiefst entspannend! Wir besuchen auch die berühmte Madonna unter Wasser, paddeln dann an einen romantischen Badestrand und sehen uns ein paar exklusive Hotels von der Seeseite aus an. Es sind Eindrücke, die ich ohne Ana niemals bekommen hätte! Und ich bereue keinen Augenblick, den ich länger als ursprünglich geplant, verbracht habe.

Und ihr: Wenn ihr mal nicht wisst wohin des Winters: Acapulco ist immer einen Besuch wert!

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Acapulco

It´s already 3 days that I´m here in Acapulco and I still don´t feel ready to go back on my bike tomorrow. So much is still undiscovered! For example the thousand little bays and beaches right next to the city centre and all around the “Bahía of Acapulco” with their clear, blue water and the soft sand. But I just didn´t have enough time to see or live them! Because Ana had some other plans with me that were absolutely worth to be seen and visited!

We enjoyed the beautiful evening view from the old Fort, walked up to the famous and legendary “Hotel Mirador” to enjoy the sunset and the incredible jumps into the water which is the unbeaten show of the Hotel since years and years! I could hardly breathe when the joung guys climbed up the rocks, up to a height of 35m above the water, kissing the Madonna for a last time before flying down into the rough water of the Pacific Ocean. It was incredibly impressing! For me these are the true heros of our times!

But not enough: Early the next morning Ana took me on a snorkelling trip with her good friend Ricardo who picked us up with 2 kajaks and showed us around in the amazing water world of Acapulco: We watched the colourful fish, paddled to a romantic little beach and visited the best and most exclusive hotels from their seaside. Moments and impressions I will never forget!

Thank you Ana for your amazing hospitality! And feel welcome to my home whenever you need a place to stay in Germany! Muchisimas gracias!

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254_Acapulco Crowne Plaza

Heute bin ich ein bisschen aufgeregt. Acapulco ist ja nicht gerade ein Dorf. Und diesmal habe ich mir noch nichts zum Übernachten organisiert. Hätte ich aber womöglich, wenn das nicht Davide von Manzanillo aus gemacht hätte. Er hat bei „Warmshowers“ und „Couchsurfing“ ein paar Leute angeschrieben und die Rüchmeldung bekommen, er könne bei ihnen bleiben. Und einmal die Zusage erhalten, wollte Davide nach ein paar Tagen noch anfragen, ob auch noch eine zweite Person – ich – mitkommen dürfte. Tja, das hat sich jetzt wohl erledigt…

Oder wobei: Ich weiß es ja noch nicht. Ich habe ihm am Abend, nachdem wir uns verloren hatte, eine Nachricht geschrieben. Und er hat sie gelesen. Aber geantwortet hat er nicht. Bis jetzt nicht. Wobei ich danach bis jetzt kein Internet mehr hatte. Ich fahre jetzt also erst mal bis Mittag, dann muss ich mich organisieren.

Ich halte gute Vierzig Kilometer bei einem Minimarkt an und kümmere mich um diesen Kram. Bin am meisten gespannt, ob mir Davide noch geantwortet hat. Denn wenn nicht, das wäre schon eine ziemliche Enttäuschung! Als ich mein Telefon anschalte, zeigt mir das Display eine Aktivität im „Messenger“, über den wir immer kommuniziert haben. Doch der will nur, dass ich mein Internetguthaben auflade, damit er wieder hinter meinem Rücken Daten laden kann, der Bär! Mich interessiert aber viel mehr: Hat Davide geantwortet? Hat er eine Unterkunft? Kann ich da auch hinkommen?

Er hat geschrieben! Ziemlich nett sogar. Jetzt geht´s mir schon mal besser. Und noch viel besser geht´s mir, als er mir einen seiner Kontakte weiterleitet, die ihm zugesagt hatten und mich diese Ana zum „Crowne Plaza“ bestellt! Sie arbeitet da nämlich. Ja die wird doch nicht…?

Nein, leider nicht. Aber auf dem Weg dahin habe ich immerhin schön davon geträumt! Wir essen erst Mal gemeinsam im Markt nebenan und dann fahren wir gute Sieben Kilometer zurück zu ihrer Bude. Die Wohnung ist ziemlich simpel, aber viel braucht man ja eigentlich auch nicht. Und zweifelsfrei besticht sie mit einer Paradeaussicht über einen der Strände von Acapulco. Und eine Dusche gibt´s auch. Ich habe also für Zwei, Drei Tage mein Zuhause gefunden – danke an Ana und danke an David.

 

Acapulco , Mexiko (“Warmshowers” bei Ana)

Tages-Km: 80,63km / -Zeit: 4:45h / -Höhenmeter: 432m

Gesamt-Km: 15.697km / -Zeit: 1.060h / -Höhenmeter: 139.764m

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253_Kokosregen

Es trennen mich heute Morgen noch genau Einhundertachtzig Kilometer von der Stadt mit dem heißblütigsten Namen der Welt. Das heißt mit anderen Worten: Noch Zwei Mal Neunzig bis Acapulco. Und damit ich morgen ein bisschen weniger Strecke schrubben muss und mehr Zeit zum Unterkunft suchen habe, gebe ich lieber heute ein bisschen Gas.

Ich schaue nicht viel Rechts und nicht viel links. Ich konzentriere mich auf meinen Energiehaushalt, mache rechtzeitig Pausen, versorge mich mit Nüssen und getrockneten Cranberries, Brot und Honig-Tortillas. Und natürlich mit Wasser. Und so schaffe ich es tatsächlich über die Hunderter-Marke! Doch dann überholt mich eine Polizei-Karre: Blaulicht, sie halten vor mir an, steigen aus, winken mich rechts ran. „Mist, was wollen denn die jetzt?“, frage ich mich. Doch sehr schnell habe ich darüber Klarheit! Erst mal fragen sie mich das Obligatorium: Aus welchem Land ich komme. Und was ich hier mache. Das sind irgendwie immer die Einstiegsfragen, wenn sie sonst nichts Besseres zu fragen haben, kommt es mir langsam so vor. Aber das ist ja auch beruhigend, denn offenbar habe ich nichts Schlimmes angestellt, wenn sie nichts Wichtiges zu sagen oder zu fragen haben. Dann kommen die nächsten Fragen: Wo ich denn hin will heute noch. Es wird ja schon gleich Nacht. Und hier ist es gefährlich. Hier kann ich nicht bleiben. „…ach?“, denke ich mir. Ich höre ein erstes, fiepsiges Summen in der Luft. Stechmücken! Das ist der Alarm dafür, dass es höchste Zeit ist, mir einen Zeltplatz zu suchen. Doch die Uniformierten sind noch nicht fertig. Wie ich heiße. Und ob ich alleine reise. Ob ich denn nicht verheiratet sei. Und auch keine Kinder habe? Ich schlage bereits wild um mich, um mir die Stechviecher so gut es geht vom Leibe zu halten. Doch keine Chance. Da unterbreche ich das Verhör und drehe kurzerhand den Spieß um: Ob er noch ein paar wichtigere Dinge über mich erfahren müsste als meinen Familienstand, will ich wissen. Weil ich nämlich langsam ein bisschen Zeitdruck der einbrechenden Nacht wegen verspüre…

Den Zaunpfahl kann er ganz gut interpretieren. Er meint nochmal, dass ich hier nicht bleiben könne. Sicher ist es nur in Acapulco. Er würde mich auch gerne begleiten mit dem Auto. „Begleiten?“, will ich wissen, „ja wohin denn?“. Wohin ich will! …ich will nicht! Ich will jetzt auf der Stelle mein Zelt aufstellen und vor der Stechattacke sicher sein. Das ist die einzige Gefahr, die mich hier nämlich fast umzubringen scheint.

…nicht ganz! Das weiß ich, als meine mobile Sauna endlich steht, ich in meinen Regenhosen und Daunenjacke mit übergezogener Kapuze drinhocke und nicht weiß, welchen Schweißbach ich zuerst trocken legen soll. Aber das war die einzige Chance, meine Haut zu retten, solange ich noch nicht das Zeltnetz aufgespannt hatte! Doch kaum ist drin alles organisiert und draußen die Dunkelheit einngebrochen, tut es einen Schlag! zzzzZZZZZZZ(Zischelt es zuerst ganz leise und dann immer lauter durch viele trockene Blätter hindurch)rrrrrrummmms(schlägt es am harten Boden auf)! Ich habe euch womöglich ein wichtiges Detail zu meinem heutigen Zeltplatz unterschlagen. Es musste ja schnell gehen. Und da schien mir dieses Feld gute Zwei- bis Dreihundert Meter weg von der Hauptstraße ganz brauchbar: Gut versteckt, eingezäunt, mit einigermaßen ebenem Terrain und vielen hübschen Palmen. Kokospalmen! Verdammt, das ist ein völlig neuer Faktor, den es bei der Wahl des Zeltplatzes ab sofort auch noch zu berücksichtigen gilt. Das wird mir nach diesem Aufprall keine Zehn Meter von mir weg deutlich bewusst! Na gut, das war jetzt eine. Eigentlich kommt es ziemlich selten vor, dass so ein Ding von selbst runter fällt, meine ich mich zu erinnern. Als Davide nämlich einmal eine Kokosnuss vom Boden aufgesammelt hat und sie Abend knacken wollte, hat ihm ein Mexikaner erklärt: Junge, da musst du schon zuuuufällig sehen, wie die von selbst runter fällt. Wenn die erst mal eine Zeit lang liegt, kannst du sie vergessen!

…zzzzZZZZZZZZrrrrrrummmms. Ok, ziemlich hohe Trefferwahrscheinlichkeit heute!

Was hilft´s: Ich muss mich nochmal in Schale schmeißen und draußen sehen, ob ich aus der Gefahrzone von fallenden Nüssen weit genug heraus bin. Ich leuchte in die eine Palme: Hmm, da bin ich schon ziemlich nah dran. Aber wenn eine fällt, dann landet sie normalerweise nicht auf, sonder so Zwei Meter neben dem Zelt. Und die andere Palme: Scheint auch sicher zu sein. Etwa gleicher Abstand. Dann gehe ich wieder schlafen. Aber ich befinde, dass ein kleines Gute-Nacht-Gebet heute nicht schaden könnte! Jetzt fühle ich mich sicher. Es wird ja nicht ausgerechnet aus einer von diesen beiden Palmen eine Bombe platzen!

zzzzZZZZZZZZrrrrrrummmms. Doch! Aber es war keine Nuss, sondern ein trockener Ast. Und der hat einen ganz anderen Gefahrenradius, als die Frucht! Ich hatte nur Glück, dass er trotzdem schön brav neben mir gelandet ist. Diese Dinger sind nämlich gut und gerne Vier Meter lang und ich möchte nicht wissen, was sie wiegen! Das wird mir jetzt doch zu heiß – trotz Nachtgebet! Ich ziehe mich nochmal an, Stirnlampe auf und verschiebe mein Zelt unter den schützenden Baum, unter dem bereits mein Fahrrad steht. Dann geht mir das Licht aus. Also, der Stirnlampe meine ich. Ich knipse es wieder an. Es geht wieder aus. Nach guten Fünfzig Anknips-Ausgeh-Wiederholungen krame ich Papas Taschenlampe hervor. Sie flackert, wird ganz schwach. Ja das gibt´s doch nicht! Einmal, wenn mir das Licht das Leben retten soll… Es bleibt mir nur, das Zelt im Dunkeln neu zu positionieren, denn mein Luci-Licht habe ich vor ein paar Tagen verloren und der Vollmond ist noch nicht aus dem Loch gekrochen. Da kann ich jetzt gleich nochmal beten, dass ich mein Zelt jetzt nicht versehentlich auf einen der Dornbüsche oder ein kleines Baumpflänzchen stelle, das mir in die Luftmatratze stechen könnte.

Ich scheine Glück gehabt zu haben, denn als ich von drinnen meinen Zeltboden abtaste, kann ich nichts Spitziges oder Hervorstehendes spüren. Na bitte, Palmenplantage im Griff! Dann kann ja endlich die Nacht kommen! Ist ja nicht so, dass ich nicht ein bisschen müde wäre, nach den fast Hundertzwölf Kilometern heute! Ich nicke gerade weg, da höre ich, wie draußen jemand durch die trockenen Büsche und Blätter am Boden streicht. Die Schritte kommen näher. Es sind mindestens Zwei Leute! Doch sie reden nicht. Vielleicht sehen sie mich ja nicht. Sie haben keine Taschenlampen. Doch sie kommen näher. Genau in meine Richtung! Jetzt werden die Schritte langsamer und zaghafter. Ganz vorsichtig tasten sie sich an mein Zelt heran. Sie bleiben stehen. Und ich spüre die Energie von ihren Körpern! Doch sie reden noch immer nicht. Ich muss mich umdrehen und schauen, was sie da tun…

Es sind Zwei Pferde! Ein großes und ein Fohlen. Die schieben hier die Nachwache und schauen mich mit neugierigen Augen und gespitzten Ohren ganz überrascht an. Doch sie lassen mich bleiben. Puuuuuuh, was für eine Strapaze, bis man hier endlich einschlafen darf!

 

Höhe Atoyac de Alvarez , Mexiko (Zelt)

Tages-Km: 111,88km / -Zeit: 6:04h / -Höhenmeter: 498m

Gesamt-Km: 15.617km / -Zeit: 1.055h / -Höhenmeter: 139.332m

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252_Sierra Madre del Sur

Wieder ein Tag geschafft. Es ist brutzelheiß mittlerweile! Heute Früh hatte ich noch Grund zur Hoffnung auf einen kühlen Tag: Bauschige Wolken hingen schon seit dem frühen Abend am Himmel! Doch so gegen Zwei Uhr am Nachmittag – das ist die heißeste Zeit am Tag – hat es mich heute dahingestreckt. Ich konnte einfach nicht mehr. Da hab ich meinen Truck in einen kleinen Kiosk gelenkt und mir bei einer Zitronenlimo und einer Cola eine Stunde Hitzefrei genommen. Die haben sich nicht schlecht gewundert, als ich dort mit dem Kopf auf verschränkten Armen ein Siesta-Nickerchen am Tisch gemacht habe! Aber als sie mich danach angeschmunzelt haben, wusste ich, dass das schon in Ordnung ging.

Die Pause hat gut getan! Gut Dreißig Kilometer habe ich danach noch geschafft – und zwar lockerleicht. Und als ich endlich mein Kreuzchen auf meiner Straßenkarte setzen durfte am Ende des Tages und den pinken Leuchtmarker ansetze, um meine zurückgelegte Strecke zu markieren, habe ich so eine Art Aha-Erlebnis: Ich zelte heute am Fuße der „Sierra Madre del Sur“! Ja ist das zu fassen? Ihr kennt es alle: DAS Lied der Schürzenjäger, ohne das kein Festzeltabend zu Ende geht. Das wir alle schon einmal mit dem Feuerzeug in der Hand, mit ein paar unbekannten Bierbanknachbarn im Arm und ein, Zwei Bierchen im Blut schmachtvoll mitgejohlt haben. Ja aber habt ihr gewusst, dass diese „Sierra Madre del Sur“ hier in Mexiko steht? Kommt, seid ehrlich! Ich nicht. Aber ich frage mich warum? Also, ich meine: Warum singen die Schürzenjäger von einem Gebirge in Mexiko? Wo es bei uns daheim doch nicht weniger imposante Gebirge gibt? Die Allgäuer Alpen zum Beispiel…

Vielleicht ist sich das mit der Silbenzahl und den verfügbaren Taktschlägen nicht so recht ausgegangen. Ganz bestimmt sogar! Und vielleicht haben die dann die Sierra hier als Art Platzhalter hergenommen. Wenn man das mal ganz emotionslos übersetzt, dann heißt das ja nix Anderes als „Gebirge, Mutter des Südens“. Damit könnte ja nun unser einzigartiges Alpenmassiv im Süden Deutschlands genauso gemeint sein. Oder waren die Schürzenjäger etwa schon mal hier in Mexiko und haben sich von den Steinen der Sierra zu diesem Kassenschlager inspirieren lassen? Hmmm, dann müssen die wohl was können, diese Sierra-Berge! Ich glaube, ich werde dem mal auf die Spur gehen. Bisher habe ich nur ein paar ziemlich hohe Gipfel in blaßblau ausmachen können. Aber wer weiß, wer weiß…?

…ja, ja, ich weiß, nicht so lang labern. Bitteschön, ihr wollt es ja nicht anders! Jetzt könnt ihr euch noch eine Runde die Daumenspitzen verbrennen:

Die Schürzenjäger – Sierra Madre del Sur

 

Santa Rosa , Mexiko (Zelt)

Tages-Km: 86,33km / -Zeit: 4:55h / -Höhenmeter: 859m

Gesamt-Km: 15.505km / -Zeit: 1.049h / -Höhenmeter: 138.833m

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251_Adiós muchacho!

Natürlich sind wir genau in den Feierabendverkehr geraten gestern! Und die Fahrerin an meiner Seite war ein Inbegriff von Kulanz im Straßenverkehr! Mir zog es schon bis in den Schritt, weil ich das Bein nicht aufstellen konnte und sie wartet in erster Position bei Rot, während noch Drei weitere Autos links und rechts an uns vorbei über die Kreuzung fahren. Aber ich will mich nicht beschweren: Ich bin ja heilfroh, dass sie überhaupt da ist und mit mir zum Arzt fährt.

Dieser sitzt im Hinterzimmer einer Apotheke. Aber natürlich müssen wir erst mal vorne fragen, ob er hinten überhaupt Zeit hat. Und uns anstellen! Dann sind wir hinten und immerhin gleich dran. Erst Mal die Daten: Name, Heimatland, irgendwelche Allergien? Alles auf Spanisch natürlich. Gott sei Dank hat ihm die Frau schon erklärt, was passiert ist. Doch ich muss das natürlich wiederholen – auch auf Spanisch! Dann schreibt er etwas auf seinen Rezeptblock und schickt mich mit dem Zettel wieder vor an den Apothekenschalter. Da kaufe ich jetzt die Medizin – mit angewinkeltem Knie und sandigen Füßen – und dann hüpfe ich auf einem Bein wieder zurück nach Hinten zum Herrn Doktor. Er zieht aus den kleinen Glasfläschchen eine Spritze auf und will mir an den Hintern. …unter diesen Umständen lasse ich ihn natürlich! Tut auch nicht weh. Oder vielleicht schon, aber der Schmerz in der Ferse vermag es definitiv, den Fokus des Empfindens zu Hundert Prozent auf sich zu ziehen. Dann sagt der junge Mann hinter mir etwas. Ich verstehe nicht. Stammel, stammel, „…listo!“ Hä? Was? Aaaah, ach so, ja: Fertig!

Jetzt tupft er mir noch ein bisschen mit seinem alkoholisierten Wattebausch den Sand von den Füßen. Ist irgendwie niedlich. Ich meine: Ich könnte ja einfach schnell meine Treter unter den Wasserhahn da hinten halten. So gelenkig bin ich noch! Aber: Lassen wir ihn. Er wir schon wissen, was er da tut…

Das Vieh war wohl ein Rochen und vor allem nicht giftig. Überhaupt gibt es hier in Mexiko keine giftigen Meeresgetiere erfahre ich vom Dottore. Dann bringt mich die Frau, die im übrigen auch noch „Sani“ heißt, zurück zum Strand. Unterwegs zahle ich ihr eine volle Tankfüllung als Dankeschön und Entschuldigung für den versauten Romantikabend. Und dann empfängt mich Davide ganz fürsorglich. Gegessen hat er auch noch nicht und seine Go-Pro konnte er nicht aufstellen, weil ihn der Typ die ganze Zeit zugelabert hat, er solle jetzt endlich Wasser warm machen für mich, damit ich darin meine schmerzende Ferse baden kann. Das war der Rat vom Onkel Doc und Sani hat das gleich direkt an die Männer weitergeleitet. Ist doch einwandfrei organisiert, oder? Nur, dass Davide sich gedacht hat: Ja, ja, jetzt lass die doch erst mal kommen! Wie ich ihn einschätze, wollte er einfach seinen noch neuen Topf nicht dreckig machen. Aber es ging ja auch mit der Spritze schon gleich viel, viel besser. Und gut geschlafen habe ich nach dieser ganzen Aufregung auch ohne Fußbad!

Am Morgen war alles schon wieder vergessen. Davide kroch noch früher aus dem Zelt als sonst und war erst mal weg. Bis ich dann gemütlich ausgeschlafen und ein bisschen Gymnastik gemacht hatte, kam er wieder mit Sechs Kokosnüssen in den Armen. „Hilf doch mal!“, rief er mir von Weitem schon entgegen. Na, nur gut, dass Rochenstiche nur kurzzeitig weh tun! Dann hat er alle Nüsse geknackt und Zwei Filmchen für seinen Sponsor gedreht. Ich hockte derweil im Zelt und wartete, nachdem ich schon eine weitere Runde Gymnastik eingelegt hatte. Dann endlich begannen wir, unsere Räder zurück zur Straße zu verfrachten – gar nicht so leicht auf dem weichen Sand! Und natürlich mussten wir danach die Mäntel auf verbliebene Stachelblumen prüfen, bevor es losging. Und die Kette putzen von Sand. Und neu einölen. Und dann…. Handy suchen. Seins, nicht meins. Und als es endlich, endlich los ging, konnte das übliche Spiel wieder beginnen: Jetzt aber Vollgas!

Wir kamen bald zur Stadt. Und ich hatte Davide gebeten, ein offenes Auge für einen Elektroladen zu haben: Seit seiner Plattenflick-Einlage stand nämlich auch fest, dass ich neue Batterien für mein Luftdruckmessgerät brauchte. Doch er meckerte nur zurück, dass ich die doch auch in Acapulco kaufen könnte! Damit wir nicht hier so viel Zeit für die Suche verlieren würden. Ich erkläre ihm, dass ich ja nur meine, wenn er zufällig einen Laden sieht, soll er es mir sagen… (meine Güte!).

Dann kommen wir an eine Kreuzung. Es führe Vier Straßen weg und wir haben keine Ahnung, welche wir nehmen müssen. Davide hat sein GPS schon zur Hand und übernimmt die Navigation. Während er die Karte liest, stelle ich einen Elektroladen fest. Genau gegenüber der Kreuzung! Doch ich traue mich nicht, ihn zu fragen, ob wir da kurz reinschauen können…. Wir müssen geradeaus! Na gut, fahren wir gerade aus. Doch nach Fünfzig Metern kehrt er um: Wir hätten doch rechts müssen. Wir kommen wieder an dem Laden vorbei. Doch ich verkneife mir wieder die Frage. Dann biegen wir ab und nach wieder Fünfzig Metern kehrt Davide wieder um: Doch in die andere Richtung! Da nervt es mich langsam: Wir haben keine Zeit für meine Batterien aber Zeit, Drei mal in die falsche Richtung zu steuern bevor wir einmal die Karte richtig lesen? Ich bremse und will jetzt selbst sehen, wo wir sind. Doch Davide fährt weiter. Da stehe ich jetzt. Direkt vor dem Laden. Und eins ist für mich klar: Diesmal fahre ich nicht dran vorbei. Jetzt gehe ich schnell rein und frage. Doch Davide kann ich nicht mehr stoppen, er ist schon zu weit weg. Himmel, wie ich das hasse! Sollte ich jetzt etwa erst ihm hinterherjagen um ihm zu sagen, dass ich schnell in diesen Laden hier will? Oder lasse ich ihn fahren und es drauf ankommen, ob wir uns dann im wummseligen Stadtverkehr wiederfinden?

Ich lasse ihn fahren…

Und heute Abend schlage ich mein Zelt alleine auf: Ich habe ihn nämlich nicht mehr wiedergefunden. Meine Batterien habe ich bekommen. Und ich habe auch dieselbe Straße genommen, die er zuletzt vorgeschlagen hatte. Aber er war weg! Unterwegs am Nachmittag erfahre ich an einem Saftstand, dass er vor Zwei Stunden hier vorbeigekommen ist. Dann habe ich wenigstens Klarheit, dass er nicht noch irgendwo auf mich wartet. Ich bin schon ein bisschen angefressen. Für seine Dinge ist schon immer Zeit, aber wehe ich brauche mal was… Ich könnte ihn in der Luft zerreißen! Doch bis zum Abend bin ich wieder klar im Kopf: Unsere unterschiedliche Reiseweise lässt sich einfach nicht vereinen. Und seine Nörgeleien kann ich auch auf Dauer nicht ertragen. Das ändert aber nichts daran, dass er ja tief in seinem Herzen ein guter Typ ist. Und ich schreibe ihm eine Nachricht. Ich schreibe ihm, dass es mir gut geht und wünsche ihm eine gute Weiterreise bis Acapulco. Wo wir uns vielleicht trotzdem wiedersehen wollen…

Vor dem Einschlafen sehe ich noch, dass er die Nachricht gelesen hat. Doch ich habe keine Antwort bekommen.

 

Strand von , Mexiko (Zelt)

Tages-Km: 89,21km / -Zeit: 4:55h / -Höhenmeter: 488m

Gesamt-Km: 15.418km / -Zeit: 1.044h / -Höhenmeter: 137.974m

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250_Meerunfall

Heute Früh ging die Bombe hoch! Doch ich muss ein bisschen weiter ausholen:

Gestern hat Davide gegen Mittag plötzlich die Fahrt verlangsamt und mich gebeten, kurz mal sein Rad zu halten – es hat nämlich keinen Ständer. Dann hat er sein schwedisches Messer ausgepackt und ist im Gebüsch verschwunden. Wieder kam er mit einer selbstgeernteten Kokosnuss. Erinnert ihr euch, wie ich euch schon mal von Katern erzählt habe, die gerade eine fette Feldmaus gefangen haben? Genau: Er strahlte mich an als wäre ich ein Christbaum und er ein kleiner Bub von Drei Jahren. Dabei dachte ich, wir hätten Zeitdruck! Doch er definiert diese Einlage als Abenteuer, für das es sich lohnt, die Uhr anzuhalten. Aha. Nun gut, ich definiere das ein bisschen anders: Männer!

Die Szene war nicht schlecht. Hatte ein bisschen was von dem Trailer von „Ice Age“… Doch die Nuss, die letztenendes ich geknackt habe, nachdem er sie mühevoll freigelegt hatte, war tatsächlich die beste, die ich bisher gegessen habe. Doch ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich kann man die Dinger ja zu einem echt fairen Preis von einem einheimischen „Cocodero“ kaufen. Und wir haben sie nichts illegaleres als gestohlen! Aber Davide konnte diesen Gedanken nicht nachvollziehen. Und dafür hat er postwenden eine himmlische Belehrung bekommen: Einen platten Reifen. Aus dem Nichts heraus! Das Rad hatte ich ja die ganze Zeit stillgehalten. Und als er losfahren wollte, war keine Luft mehr drin. Unerklärlich! Doch irgendwie freute mich das ein bisschen: Jetzt konnte er ja mal zeigen, wie er innerhalb von Drei Sätzen eine Platten flicken kann. (Hihi)

Als hätte ich es vorhergesehen, dass es wohl doch ein bisschen länger dauern könnte, habe ich mir Gott sei Dank schon gleich zu Beginn an die Stätte der Reparatur einen Lasterreifen hergerollt. Dann zerlegte der Super-flick-man erst mal seine Karre. Und ich nutzte die Zeit, ein bisschen an meinen Taschen rumzubasteln, die immer öfter aus der Halterung rutschten. Dann war ich fertig. Und lehnte mich ein bisschen in den Reifen im Schatten. Wie man sich in einem kühlen Pool in den Schwimmreifen legt. Und Italien pumpte. Und pumpte und pumpte und pumpte. Doch als ich tatsächlich mit meinem deutschen Luftdruckmesser (natürlich „del cactus“) kontrollieren durfte, war bald klar: Da geht und geht und geht nicht mehr Luft rein. Dann pumpte Italien noch einmal bis tief in die Lungenflügel und begann, den frisch fertig reparierten Reifen… wieder zu zerlegen. (Hihi)

Ich schälte mir erst mal eine Mandarine. Und ihm auch. Und dann noch eine für beide. Und brachte der Schlauch die Wahrheit ans Licht. Oder eigentlich Zwei Wahrheiten! Erstens: Selbstklebende Flicken funktionieren einfach nicht. Das stemple ich persönlich jetzt endgültig als Faktum ab. Und zweitens: Der italienische Großkotz hat die Dinger verwendet, weil er noch nie einen Reifen geflickt hat und daher von „erstens“ keine Ahnung hatte. Und im Übrigen auch nicht wüsste, wie man mit dem guten alten Vulkanisierungskleber umgeht.

Jetzt war mein Moment! Natürlich brannte mir eine wichtige, wenn auch rhetorische Frage auf der Zunge: Ob er immer noch der Überzeugung sei, dass man einen Platten innerhalb von Drei gesprochenen Sätzen längst hätte flicken können. Ich bekam keine Antwort. Doch die war auch eine. Ich lehnte mich wieder in meinen Reifen. Und dann erklärte ich ihm in aller Seelenruhe und mit einem tiefzufriedenen, inneren Lächeln, wie er einen Platten flicken muss, damit die Luft auch drin bleibt im Schlauch.

Das hat gesessen! Doch ihn hat es wohl gewurmt. Und so kommt jetzt der Kurzschluss zur heutigen Frühstücks-Explosion zu Stande: Ich packte meine Müslisachen aus. Unter anderem die Tüte mit den restlichen Mandarinen, in der auch die Schalen von gestern drin waren. Da packte er das Ding, fuchtelte damit vor meiner Nase rum und fragte mich, ob ich denn die Schalen nicht gestern in die Büsche dort hätte schmeißen können. Ich erklärte ihm, dass meine Mama mir daheim immer sagt: „Mandarinenschalen gehören nicht in den Kompost!“ Die sind gespritzt und verrotten ewig nicht. Und wenn die ewig nicht verrotten, sieht es dort im Schatten ewig aus wie die Sau, wenn ich die Schalen einfach dort liegen lasse. Doch das ist alles Müll! Das, was ich da sage und die Schalen auch. Die wandern jetzt nämlich mit dem Plastikmüll auf die Deponie und durch irgendeinen mir unerklärlichen Prozess kreiere ich damit nur noch mehr Plastik. Da habe ich kaum meine Augen auf, sehe den paradiesischen Strand, die Sonne, die Palmen, unter denen ich mein Zelt aufgeschlagen habe und das erste was ich höre: Ich bin eine ganz gewaltige Umweltsau! Ja hakt´s bei dem? Ich kann nicht anders: Packe seinen Orangenen Plastikteller und halte ihn auch ihm vor die Nase: Und das sagt mir einer, der seinen Plastikteller bei jeder Mahlzeit mit einer neuen Plastiktüte überzieht, damit er ihn nicht waschen muss???

Das hat auch gesessen. Zumindest war dann erst mal stillschweigen, bis wir all unseren Kram eingepackt hatten. Dann standen wir abfahrbereit nebeneinander. Ich habe zu ihm rübergeschaut. Und er zu mir. Und beide haben wir uns ein Lächeln nicht verkneifen können. (Hihi)

Unglaublich, aber solche stimmungstechnischen Gewitterstürme klären offenbar genauso die Luft wie die meteorologischen. Jedenfalls war der Tag bis zum späten Nachmittag geradezu bedrohlich harmonisch! Schon um Vier bogen wir in einen verlassenen Strand ein, bevor wir in die nächste große Stadt kamen. Davide meinte, er will da heute die Go-Pro aufstellen und eine Nacht-Serienbildaufnahme machen. Und ich will Blogschreiben! Und beide sind wir uns einig: Heute essen wir mal im Hellen!

Heute essen wir erst mal überhaupt nicht! Weil ich nämlich als aller erstes schnell den Tagesschweiß bei einem Bad im Meer abwaschen wollte. Doch ich bin keine Drei Minuten im Wasser, haut mir da irgend so ein Seevieh einen Stachel in die Ferse! Ich schreie laut auf. Doch keiner hört mich. Es tut so höllisch weh, dass ich gleich weiß: Ich muss schnellstens wieder an Land! Doch ich kann kaum auftreten. Ich humple und hinke über den flachen Sandstrand zurück zu unserer Schilfhütte, unter der wir (Gott sei Dank schon) unsere Zelte aufgebaut haben und setze mich da auf ein Holzbrett. Ich versuche, die Wunde zu reinigen. Doch ich kann kaum die Haut berühren, so schmerzt es! Es brennt und es wandert langsam nach oben. Mittlerweile ist schon die ganze Knöchelregion geschwollen und rot und schon bei minimalem Druck zucke ich zusammen. Mir stehen die Schmerztränen in den Augen. Das Schlimme ist: Mit den ganzen Gift-Schlangen- und Gift-Spinnen-Geschichten weiß ich jetzt nicht, ob nicht da im Wasser auch was Giftiges haust! Und keiner weiß das: Davide nicht und auch nicht das Pärchen, dem die Hütte hier gehört und das mittlerweile für ein romantisches Abendessen hier herausgekommen ist. Tja, ich hab´s ja erwähnt: Essen is nicht! Und so fahre ich mit der Frau jetzt schleunigst ins nächste Krankenhaus…

 

Lázaro Cárdenas, Mexiko (Zelt mit Davide)

Tages-Km: 66,25km / -Zeit: 4:02h / -Höhenmeter: 532m

Gesamt-Km: 15.329km / -Zeit: 1.039h / -Höhenmeter: 137.485m

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249_Moorhuhn auf Mexikanisch

Das einzige, was mir heute Früh die Stimmung gehoben hat, war eine kleine, nette Moorhuhngeschichte:

Wir haben – wie erwähnt – auf der Terrasse einer Familie in einem kleinen Dorf übernachten dürfen. Im Haus nebenan saßen am Abend Sechs, Sieben Polizisten beim Karteln. Oberkörperfrei! Und etwas auf der Seite stand ziemlich traurig ein einsamer Korbsessel, der wohl vom Spiel ausgeschlossen war. Er musste auf die Sechs, Sieben Gewehre aufpassen, die gegen die Stuhllehne gestellt waren. Generell konnte man beim Anblick dieser ganzen Szene den Eindruck bekommen, dass es bei der mexikanischen Polizei ziemlich lustig zugeht!

Jedenfalls haben wir uns in der Früh – nach einer sicheren Nacht – von der Familie verabschiedet. Und jetzt stehen da die Mama und die Tochter und Davide, der von seinen Reiseerfahrungen berichtet. Gerade erzählt er, wie er immer wieder einen ganz bestimmten Satz hört: „Hier ist es sicher, aber wenn du erst mal über die Grenze kommst, da pass bloß auf! Da erschießen sie dich!“ Doch Davide erklärt, dass er jedes Mal, wenn er über die Grenze gekommen ist, genau denselben Satz wieder hört. Nur diesmal sind es die Nachbarn noch ein Land weiter südlich, die ihn erschießen werden. Ich drifte ein bisschen ab mit meinen Gedanken, denn auch ich habe ihn das schon ein paar Mal erzählen hören…

Ich sehe der Hennen zu, die im Hundhüttchen brütet und den anderen, die vor dem Haus friedlich im Sand scharren und picken. Ich höre von Davide: „Wenn du in Alaska bist, sagen sie dir: In Kanada erschießen sie dich. Doch das ist nicht so! Wenn du in Kanada bist, sagen sie dir: In Amerika erschieen sie dich. Doch das ist nich so! Und wenn du erst in Amerika bist, sagen sie dir wieder: In Mexiko erschießen sie dich! Doch das ist…

Peng, wir zucken alle zusammen. Ein scharfer Schuß, wildes Gegackere, Zwei Hennen sprinten im Halbflug über die Straße und retten sich drüben ins Gebüsch. Und nebenan hocken Sechs Polizisten, die sich schier kaputtlachen!

Es war einfach zu gut!

 

Caleta de Campos, Mexiko (Zelt mit Davide)

Tages-Km: 59,36km / -Zeit: 3:58h / -Höhenmeter: 795m

Gesamt-Km: 15.263km / -Zeit: 1.035h / -Höhenmeter: 136.953m

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248_…del cactus!!!

Als ich gestern Davide noch gefragt hatte, ob er denn nun mit der Tagesleistung zufrieden sei, bekam ich folgende Antwort: „Naja, wir hätten schon noch ein paar Kilometer machen können.“ Bis dahin war ich eigentlich ganz stolz auf meine Neunzig. Doch jetzt waren sie etwas verwässert. Und der Druck auf heute noch mehr gesteigert! Denn wenn er nicht mal mit Neunzig Kilometern gestern zufrieden war, was erwartet er denn dann heute von mir? Nicht, dass er es aussprechen würde, aber ich spüre ganz deutlich die Erwartungshaltung. Und obwohl ich ihm mehrfach gesagt habe, dass mein Limit bei Achtzig, maximal Neunzig liegt und ich nicht weit über diese Grenze hinausgehen werde, weil mir sonst am nächsten Tag die Kraft fehlt, versuche ich natürlich, es ihm Recht zu machen. Er hat sich zwar eigentlich selbst eingeladen, mit mir zu reisen. Aber wenn er jetzt schon mal mitfährt, dann ist es irgendwie selbstverständlich, dass ich wenigstens versuche, ihm so gut es geht entgegenzukommen.

Doch es bringt mich erneut an meine persönliche Grenze. Und darüber hinaus! Immer öfter passiert es, dass er schon weit voraus ist und ich es nicht bis zur nächsten von ihm anberaumten Pause schaffe. Ich muss einfach vorher kurz stehenbleiben, was trinken, mich strecken, ein bisschen den Rücken geradebiegen, ein paar Nüsse oder Weinbeeren essen… Kraft tanken eben. Doch jedes Mal habe ich dabei Zeitdruck, weil ich weiß, dass er weiter vorne währenddessen auf mich warten muss. So fahren wir zum Beispiel an Zwei netten Plätzchen für unser Mittagessen vorbei und ich habe schon richtig Hunger – ein Gefühl, das ich, wenn ich alleine Reise, niemals ignoriere, denn es bedeutet schlicht und einfach, dass der Körper Energienachschub braucht. Wenn man autofährt und der Tank auf Reserve blinkt, fährt man ja auch nicht noch an Zwei Tankstellen vorbei, oder? Na gut, unser Papa vielleicht…

Beim Dritten Plätzchen jedoch kann er machen, was er will: Ich esse da was! Und siehe da, als ob er meine Gedanken lesen könnte, bleibt er von selbst stehen und fragt, ob wir hier essen wollen. Diese Pause tut gut und ist für mich wie ein Reset für meine Laune. Doch kaum fahren wir Fünf Kilometer weiter und kommen nach längerer Zeit wieder direkt ans Wasser, höre ich: „Hier hätten wir essen sollen!“

Ich bin sicher, er meint das gar nicht so, wie ich es interpretiere. Aber irgendwie ruft das wieder das Gefühl in mir hervor, ich habe es nicht bis zum eigentlichen Ziel geschafft und vorher aufgegeben. Dabei war für mich der Ort unserer Mittagspause perfekt! Und so geht das in einer Tour. Immer wieder hätten wir noch ein bisschen weiterfahren sollen, einen schöneren Platz für die Nacht oder einen kleinen Laden mit eisgekühlter Cola anstatt nur einen Baumstumpf im Schatten für unsere Verschnaufpause finden können. „Wenn“ und „Hätte“ und „Würde“… ja kann es denn nicht einmal gut genug sein, so wie es tatsächlich ist oder war?! Wie hätten wir am Abend wissen sollen, dass wir nur noch Zwei Kilometer weiter einen Traumstrand finden würden? Es war schon fast dunkel und wir hatten das Angebot, auf der Terrasse einer Familie zu zelten, sicher eingezäunt, mit Frischwasser zum Waschen und die örtliche Polizei nebenan – ja kann es denn besser kommen?

Und noch was geht mir langsam aber sicher etwas an die Nieren: Dass alles immer „del cactus“ ist. Seine Ortliebtaschen, die kaputt gegangen sind: „Diese Ortlieb del Cactus!“ Sind natürlich deutsche Produkte „del cactus“! Wenn ich ihm sein T-Shirt mitwasche und ihm empfehle, es bei jeder Gelegenheit zu waschen, die sich ihm bietet, damit es länger schön bleibt und keine dauerhaften Flecken bekommt, glaubt ihr ich ernte dafür ein „Hey, danke!“? Dieses T-Shirt und ob es schön ist interessiert ihn einen „cactus“. Und wenn es Flecken hat, die nicht mehr rausgehen, dann schmeißt er es halt weg. Oder als er es von meiner Wäscheleine abnimmt und ich ihn frage, ob er denn jetzt den Knoten aufgekriegt hätte, meint er nur: „Du und deine Knoten del Cactus“. Dai cactus, vai cactus, mi stai sul cactus… ich kann´s nicht mehr hören!

 

Tupitina, Mexiko (Zelt mit Davide, auf der Terrasse von …)

Tages-Km: 77,40km / -Zeit: 5:34h / -Höhenmeter: 1.273m

Gesamt-Km: 15.204km / -Zeit: 1.031h / -Höhenmeter: 136.158m

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247_Del cactus, del cactus, …

Ich habe nicht viel und nicht gut. In dieser Stimmung kann ich einfach nicht ruhen! Es kam also der Morgen wieder einmal viel zu früh. Doch Davide hatte sich offenbar beruhigt und mich mit einem freundlichen „Buon giorno!“ vom Zelt nebenan begrüßt. Also gut: Er bekommt noch eine Chance. Ich stehe also lieber gleich auf, damit wir nicht wieder zu spät loskommen. Und ich pumpe als allererstes meine Reifen an der Tankstelle auf. Dann packe ich alles wieder auf und wir schaffen es in Frieden bis zum Frühstück. Ja eigentlich noch viel weiter, denn beide reißen wir uns ordentlich zusammen. Aber es hängt schon noch ein bisschen Stunk von gestern in der Luft. Das Gespräch konnte das nicht wirklich bereinigen, sondern allenfalls ein bisschen freundlicher parfümieren.

Und eins ist ohnehin klar: Heute wird Strecke gemacht! Daran gibt es keinen Zweifel. Also stelle ich mich gleich mal drauf ein. Wir reden nicht viel. Und wir haben nicht viel Spaß zusammen. Wir fahren hintereinander her und haben nichts, was diesen Teil der Reise als „gemeinsame Reise“ kennzeichnen würde. Das einzige was für uns anders ist, als wenn wir alleine reisen: Wir fahren nicht unseren eigenen Rhythmus. Ich nicht und er auch nicht. Wir machen nicht die Pausen, wenn wir sie brauchen, wir essen nicht, wenn wir hungrig sind. Wir vergewaltigen uns beide auf einen Kompromiss. Doch wozu, wenn wir dann nicht zum Ausgleich ein paar herausragende Erlebnisse bekommen? Immer und immer wieder komme ich an diesen Punkt in dem ich mich frage: Warum? Warum tun wir uns das an?

Davide ist jetzt schon ein bisschen voraus. Aber ich brauche jetzt eine Pause! Egal, heute habe ich mir zum Ziel gesetzt, reisen wir einmal exakt nach seiner Ansage. Also weiterkämpfen. Da sehe ich ihn, wie er auf mich wartet. Am Straßenrand stehen ein paar Holzhüttchen mit Bänken. Ich will gerade vorschlagen, dass wir uns da für Zehn Minuten hinsetzen. Doch er ist schon wieder im Tritt. Also gut, dann eben noch ein bisschen. Er meint, im nächsten Dorf kriege ich eine Cola! Dann zieht er wieder ein bisschen an. Doch beim nächsten Anstieg haue ich die Bremsen rein. Ich kann nicht mehr! Vorher hätte ich mich setzen sollen! Das geht so nicht. Ich muss es ihm sagen, dass wir uns trennen müssen. So arbeite ich mich auf! Und gerade, als ich das fest beschlossen habe, steht er am Straßenrand vor einem kleinen Laden, strahlt mich aufmunternd an und sagt: „Du hast jetzt Zwei Optionen: Cola oder Radler.“ Ich will Cola. Aber ich weiß, dass ich mich mehr für das Radler begeistern sollte…

Ich erkläre ihm, dass ich jetzt keinen Alkohol trinken will, wenn wir noch weiterfahren wollen. Ich brauche Süßstoff, keinen Schwips. Da ist er enttäuscht. Er meint, er könnte ja eine leichte Mischung für mich machen. Ich sage nichts. Dann verschwindet er im Laden. Und ich höre ihn ein bisschen diskutieren. Ich gehe rein und frage, was los ist. Es gibt keine Zitronenlimonade! „Na gut, dann ist der Käs´ ja gegessen. Eben doch Cola“, denke ich. Doch er ist so trotzig und kauft sich jetzt das Bier ohne Limo. Und zwar die große Literflasche. Ich bekomme auch ein Becherchen. Und Kopfweh. Und er kippt sich aus Frust den Rest hinter die Mandeln.

Dann ist er ein bisschen betrunken und stänkert mich bei jedem Satz, den ich noch nicht einmal sagen muss, an. Doch ich ignoriere das und beschäftige mich lieber mit den mexikanischen Jungs, die dort auf der Terrasse im Schatten hocken. Dann schlägt einer von ihnen vor, wir könnten doch an dem Dorfstrand schlafen heute Nacht. Und Davide fragt, ob wir das tun wollen. Naja, von mir aus gerne! Doch ich weiß ja nicht, wieviele Kilometer er noch machen wollte heute. Er gibt seinem Herz einen Ruck oder dem anrollenden Brummschädel den Vorrang und mir jedenfalls für heute frei. Wir bleiben am Strand, lautet die Ansage. Und schon scheint er etwas gelassener.

Doch das hält gerade so lange an, bis wir bei dem großen Restaurant unten am Wasser fragen, ob wir unsere Zelte ganz hinten im Feld aufschlagen dürfen für eine Nacht. „Si, Si, claro!“, meint die schon ziemlich angerunzelte alte Dame. Doch als wir total glücklich uns daran machen, unsere Räder zu parken meint sie noch: „Sind halt Fünfzig Pesos. …pro Person!“ Da schlägt die Stimmung schon wieder um: „Diese Mexikaner del Cactus!“ zischelt es aus Italien. „Die können mich mal, dann fahren wir eben weiter!“ [brummelraunzmaunz] Na prima, das hat´s ja jetzt gebraucht. Ich sehe schon die Wellen und den herrlichen Strand und nur weil der Herr Stinkelaune hat, sollen wir hier nicht bleiben? Fünfzig Pesos sind zwar ziemlich unverschämt für hiesige Verhältnisse, aber andererseits: Warum sollen wir nicht ein bisschen Geld hier lassen. Herrgott nochmal, zahlen wir halt einmal, wenn es nicht anders geht.

Doch es geht immer anders. Weiterfahren kommt für mich nicht in die Tüte, den Standpunkt mache ich gleich mal klar. Aber wir müssen ja auch nicht gleich aufgeben. Fragen wir mal da drüben auf der Baustelle! Und ein paar Meter später dürfen wir unsere Zelte bei Davíd unter dem Dach eines halbfertigen Kiosks aufschlagen, machen ein paar schöne Fotos im Sonnenuntergang, gehen in den mannshohen Wellen baden und später auf der Baustelle duschen. Und als wir gegessen haben bringt uns Davíd von seinem Ausflug ins Dorf was mit: Zwei eiskalte, herrlich frische Bierchen.

Und jetzt läuft´s!

 

Ein Strand, Mexiko (Zelt mit Davide, Baustelle von Davíd)

Tages-Km: 90,19km / -Zeit: 5:26h / -Höhenmeter: 700m

Gesamt-Km: 15.126km / -Zeit: 1.026h / -Höhenmeter: 134.884m

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