295_Schön, schön, schön!

Nach einer sicher verbrachten Nacht war ich neugierig, ob dieses Land auch halten würde, was es mir gestern bei der Ankunft und auf den paar Kilometern nach der Grenze versprochen hatte. Es zeigte sich total entspannt. Die Natur nicht zu überflutet von Menschensiedlungen und im Vergleich zu den Vorgängern blitzsauber…

Und so ging es weiter! Die ersten Kilometer führten mich durch ein Naturschutzgebiet. Was für eine Strecke! Seit Langem habe ich mich nicht mehr so gut gefühlt auf der Straße. Sie ist die einzige Verbindung von dieser Grenze zur Hauptstadt, aber vermutlich spielte mir heute ein bisschen das bevorstehende Osterwochenende in die Karten: Es waren kaum Fahrzeuge unterwegs. Und so konnte ich die schmale Überlandstraße fast ganz für mich allein genießen. Links und Rechts standen Bäume, deren Astwerk bisweilen einen Tunnel über der Fahrbahn bildeten. Wenn nicht gerade der heißeste Monat im Jahr wäre, hätten sie vermutlich auch noch ein dichtes Blätterkleid und würden mir frischen Schatten spenden. Aber auch so schirmen sie die grelle Sonne ein bisschen ab. Kein Grund also, hier zu meckern!

So komme ich endlich wieder in das Genußgefühl! Der Tag wird besser und besser: Die Landschaft ist herrlich, die Flüsse sauber und die Farben! Manchmal rauschen trockene, versteppte Felder neben der Straße, dann wieder steht alles in vollem Saft. Ein Baum hat gerade neue Blätter bekommen, wie es aussieht: Giftgrün! Und dort die Blüten auf dem blattlosen Baumgestell: G

rellgelb! So gut meine Kamera auch ist, aber diese Leuchtkraft kann sie nicht annähernd auf´s Bild bringen. Ich bin überwältigt! Die Blüten fluoreszieren fast im Sonnenlicht! Und kein Mensch oder Gebäude oder Müllhaufen stört das Bild. Was für ein Tag, was für ein Land! Costa Rica, du bist im Rennen um die aller ersten Plätze im Ranking!

 

So ein Tag verdient einen gebührenden Abschluß. Und den suche ich bei einem Fluß mit Wasserfall. Ich komme zur Sperrstunde an. Und natürlich ist oben der Parkplatz in heller Aufruhr. Aber alle Semana-Santa-Ausflügler sind Gott sei Dank in Aufbruchstimmung. Ich setze mich also erst einmal gemütlich auf einen Felsbrocken und schnipsle mir mein Abendessen in die Müslischüssel während ich darauf warte, dass langsam die Dämmerung über den staubigen Platz hereinbricht. Denn dann werde ich dort mein Zelt aufschlagen und hinunter zum Wasser schauen, das mir schon aus den Tiefen des Tals lecker entgegenplätschert.

Doch so recht will hier keine Ruhe einkehren. Es ist schon fast dunkel und ich muss mein Häuschen bauen, sonst kommen möglicherweise noch Mücken – in Wassernähe weiß man ja nie! Doch wenn jetzt noch immer Leute unterwegs sind, sollte ich mich vielleicht doch VORHER wenigstens kurz abwaschen, damit nicht alles wie ein Sonderangebot zum Stehlen in der Auslage aufgebaut dasteht. Also schließe ich mein Rad an einen Baum und bitte die Kokosnussverkäufer, für einen Moment ein Auge drauf zu haben. Ich kenne sie jetzt seit fast einer Stunde und vertraue ihnen soweit. Dann klettere ich den Fußpfad hinunter und endlich: Frisches, kühles Bergwasser im Gesicht, im Nacken, unter den Achseln, an Armen und Beinen – ich bin wieder frisch! Dann klettere ich glücklich wieder hinauf und mache mich an mein Lager…

Schlüssel weg! Das darf nicht wahr sein! Schon wieder. Doch es ist mir unerklärlich, wie der wegkommen hätte können! Ich klipse ihn immer mit dem Alukarabiner an meinen BH-Träger und zur doppelten Absicherung stecke ich dann den daran hängenden Schlüssel noch IN den BH. Aber da ist er nicht mehr! Dann kann er jetzt nur im Wasser liegen… denn da – so erinnere ich mich – habe ich den Schlüssel einmal klimpern gehört. Aber wenn er mir dort, wenn auch auf unerklärliche Weise, ins Wasser gefallen wäre, als ich vorn über gebeugt mein Gesicht gewaschen habe, hätte ich ihn doch im Wasser sehen müssen! Es ist ganz seicht und nur Knöcheltief! Egal, jetzt ist er jedenfalls weg und ich muss nochmal runter. Mittlerweile ist es dunkel. Das erhöht nicht gerade die Chance auf eine erfolgreiche Suche. Doch alle Dauerbader, die heute auch über Nacht bleiben, helfen mir sofort beim Suchen. Wie cool! Wenn sie ihn dadurch nur nicht weiter in den Sand treten…

Wir werden nicht fündig. Dann bedanke ich mich bei allen für ihre sofortige Mithilfe und versuche, erst mal zu schlafen. Ein Glück, dass ich noch den Ersatzschlüssel habe! Aber wenn der jetzt mein einziger sein soll für die ganze restliche Reisezeit… nein, das kann ich nicht machen. Da werde ich mich wohl darauf einstellen müssen, diese Schlüssel nachmachen zu lassen. Wieder ein lästiges To-Do… Dabei war ich so vorsichtig und nicht schlampig diesmal!

Als ich schon im Zelt liege, kommt der junge Wachtmann von unten nochmal rauf und meint, ich solle mir keine Sorgen machen. Morgen gleich in der Früh schauen wir nochmal! Und heute Nacht brauche ich keine Angst zu haben: Er wird ein paar Mal raufschauen, ob alles in Ordnung ist. Er ist ein cooler Typ! Und ich komme tatsächlich gut zur Ruhe. Und er hat Recht: Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

 

Vor Bagaces, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 48,59km / -Zeit: 4:55h / -Höhenmeter: 438m

Gesamt-Km: 18.422km / -Zeit: 1.252h / -Höhenmeter: 166.443m

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294_Energetisch praktisch gut

Immerhin: Diese Nacht war fast friedlich, was mein Wanzenthema anging. Keine neuen Stiche! Wenn auch Zwei Getiere auf frischer Tat ertappt. …und noch am Tatort zertappt! Vielleicht komme ich ja auf diese Weise meinem Ziel der Wanzenfreiheit nach und nach etwas näher. Ich bin jedenfalls guter Dinge heute beim Aufstehen!

Bis ich eine Nachricht von Davide lese, in der er mich wieder mal ankeift, weil er offenbar meine Nachricht, die ich ihm zuvor geschrieben hatte, in den falschen Hals gekriegt hat. Dabei habe ich nur einen Spaß gemacht! Er scherzt auch auf diese Weise! Doch im Austeilen wie ein Schmied, im Einstecken wie ein Zwerghäschen… Himmel, wie mich das ärgert, dieses Auf und Ab! Mit ihm kehrt einfach keine Ruhe ein! Ich will das nicht mehr! Ich will in Frieden Fahrrad fahren! Ist denn das so viel verlangt?

Aber schon ein paar Kilometer weiter bläst mir der Wind am „Lago Nicaragua“ gehörig die Meinung! Ich soll endlich lernen, nicht zuzulassen, dass der mich so beeinflusst! Und mir vor allem nicht die Stimmung und die Freude am Reisen vermiesen lassen. Ich nehme ja von Land und Leuten nichts mehr wahr, wenn der Italiener in der Nähe ist!

Da hat er Recht, der Wind! Es gefällt mir, wie er mir heute mein verwirrtes, verknotetes Hirn durchbläst und mir wieder zu klarer Sicht verhilft: Ich bin jetzt wieder gut drauf! Ich muss jetzt wieder gut drauf sein! Das beschließe ich aktiv unter dem Zeugentum von hunderten von Windgeneratoren. Es ist eine anstrengende Fahrt gegen den Luftstrom. Aber mir geht´s gut damit! Ich genieße die steppig-strohige Landschaft und ihr stetiges „Schschschschsch…!“ von der Flanke, den aufgewühlten See zu meiner Linken und die Wattewolken, die über mir buchstäblich in „Windeseile“ über den Himmel fahren. Und ich lasse mich ein bisschen an den See Genezareth in Israel erinnern von dieser Stimmung. Da war´s ähnlich! Ach, apropos See Genezareth: Ratet mal, wer mir neulich über Facebook wieder eine Freundschaftsanfrage geschickt hat! Richtig: Samir. Ist-ja-nicht-zu-fassen-Samier! Ich hab bisher noch nicht reagiert. Nicht, weil ich mit dem eventuell jemals noch befreundet sein könnte! Aber weil ich ihm vielleicht noch eine saftige Nachricht schreiben möchte. Aber ich glaube, ich lasse ihn einfach nur abfahren. Keine Energie aufwenden für dieses Pack, das es nicht verdient!

Ich fliege nahezu dahin, wenn auch der Wind von schräg vorne kommt! Und unversehens bin ich schon an der Grenze zu Costa Rica! Zum ersten Mal ist mir etwas mulmig an einer Grenze. Ich erinnere mich daran, wie alles angefangen hatte. Hier, in Nicaragua… Ich muss es wieder auf meine Weise tun heute! Und das geht so: Ich fahre ganz langsam. Dann kann ich alles Geschehen am Straßenrand besser aufnehmen. Ich verstehe, was abgeht. Und so arbeite ich mich Stück für Stück von einem Schalter zum nächsten vor. Und ohne Probleme komme ich durch! Es helfen mir andere Touristen mit einem 1-Dollar-Schein aus, wenn die Dame im Glashäuschen kein Wechselgeld hat. Und ein netter Herr hinter mir in der Schlange wechselt mir meinen Schein, weil der Beamte auf einen Zwanziger nicht rausgeben kann. So läuft das normalerweise! Aber dazu braucht´s ein gutes Energiefeld!

Ihr könnt jetzt glauben, was ihr wollt. Dieses Thema mag für den Ein- oder Anderen vielleicht etwas zu spirituell sein. Aber mein Saxophon-Lehrer hat mir damals vor meiner Abreise gesagt, dass jeder Mensch ein Energiefeld hat. Eine Aura. Und je nachdem, ob die positiv oder negativ ist, ziehst du positive oder negative Energiefelder an. Energie sucht immer ihresgleichen. Und dein Umfeld ist Spiegel deiner selbst. Es hängt also an dir, auf wen du triffst! Und seit ich dieser Theorie bewusst Aufmerksamkeit schenke, beobachte und wahrnehme, in wie weit sie sich bestätigt, merke ich: Da ist was dran! Wenn ich rein und unbeschmutzt und frei von Flecken bestehend aus Ärgernis, Zorn, Wut, … schlicht: Negativem bin, habe ich eine unglaublich gute Erfahrung nach der Anderen. Es jagt ein schönes Erlebnis das nächste und die guten Eindrücke geben sich geradezu die Klinke in die Hand! So bin ich heute nach erfolgreich bezahlter Ausreise ohne Scannen meiner Fahrradtaschen durch die Einreisekontrolle gekommen und habe danach am Schlagbaum zur Fahrzeugkontrolle die nettesten Grenzbeamten der Welt kennengelernt! Ich wollte ihnen nur meinen Ausweis zeigen. Doch sie meinten: „Du darfst so durch!“ Und nachdem ich dann erst Mal rechts ran musste, Helm und Handschuhe anziehen, kamen wir ein bisschen ins Plaudern… am ende waren es fast eineinhalb Stunden, die ich bei den beiden zum Kaffeetrinken und Semana-Santa-Kekse-Essen war. Alles selbst gemacht! Und zum Abschied hatte mir der Eine noch eine perfekte Mango geschenkt, die er extra mit dem Fahrrad aus dem anderen Kontrollhäuschen geholt hatte!

Das ist es, was meine Reise ausmacht! Diese vielen, kleinen Besonderheiten, Aufmerksamkeiten, Gesten. Das liebe ich so! Aber es begegnet mir nur, wenn ich allein unterwegs bin. Und heute bestätigt es mir vor allem eins: Mein Energiefeld ist praktisch wieder in Ordnung! Aber es ist unheimlich schwierig, sich durch andere nicht darin stören zu lassen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Und es tut mir ehrlich leid, dass ich Davide das nicht erklären kann. Ich meine: Er ist ja kein Unmensch. Im Gegenteil: Er hat einen unglaublich feinsinnigen und guten Humor. Und auch sonst ist der ganze Kerl einfach recht, so wie er ist. Nur eins hat er noch nicht verstanden: Ruhe zu bewahren. Er setzt sich immer irgendwelche Ziele – ganz unbewusst zum Teil – und wenn ihn auf seinem zielstrebigen Weg dorthin etwas stört, ärgert er sich.

Er ärgert sich, wenn er spät am Abend und klitsch nass sein gesetztes Tagesziel erreicht. Weil es deutlich mehr Steigungen gab, als er einkalkuliert hatte. Und weil es zu regnen angefangen hat. Ich setze mir deshalb keine fixen Tagesziele. Oder zumindest bin ich so flexibel, früher aufzuhören, wenn es nur bergauf geht. Oder es zu regnen beginnt. So einfach wär´s! Das ist zum Beispiel der Grund, warum ich diese Warmshowers-Plattform kaum nutze. Denn die Gastgeber muss man natürlich vorbereiten auf seine Ankunft. Das heißt ein paar Tage mindestens vorausplanen. Doch das lehne ich kategorisch ab! Ich fahre lieber ins Blaue hinein und verlasse mich jeden Tag darauf, dass ich schon ein Plätzchen für die Nacht finden werde. Oder zur Not ein Hotel, wenn ich in einer Stadt lande. Und bis jetzt klappt das wunderbar! Ich vermeide es bewusst, mir Vorstellungen und Erwartungen von Orten, Leuten, Städten, Ländern, Stränden und so weiter zu machen. Alles bleibt offen. Klingt so einfach. Habe ich aber auch erst lernen müssen. Doch wenn man das mal kapiert hat, ist´s einfach großartig. Denn was kann dir dann noch den Tag versauen, wenn du keine Erwartungen hast, die enttäuscht werden könnten?

 

Hinter La Cruz, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 59,88km / -Zeit: 4:29h / -Höhenmeter: 559m

Gesamt-Km: 18.344km / -Zeit: 1.247h / -Höhenmeter: 166.004m

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293_Klassische Jagd

Bettwanzen: Nicht erledigt! Die letzte Nacht im Hotel hat mir durch Zwei juckende, geschwollene Stiche schon eine grausige Vorahnung gegeben. Doch seit vergangener Nacht ist es sicher: Dieses Thema ist noch nicht ausgestanden! Vier neue Stiche zähle ich an meinem linken Bein, damit Sechs insgesamt. Das kann ich auf gar keinen Fall ignorieren!

Nur habe ich jetzt alles andere als eine gute Ausgangsposition! Ich hocke in der freien Natur. Und da findet sich weder eine Waschmaschine, um nochmal heiß zu waschen, noch habe ich Zeit, mich für Stunden in die Hitze zu setzen, um darauf zu warten, dass den Wanzen in meinen Säcken endlich das Lebenslicht ausginge! Ich habe genau eine Möglichkeit: Ich jage von Hand!

Dazu ziehe ich zuerst die Matratze ans Tageslicht, besprühe sie mit meinem Wanzenmittel, das ihnen laut Produktbeschreibung nicht schmeckt und sie dazu bringt, ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Und dann lege ich mich auf die Lauer. Nichts. Auch nicht nach Zehn Minuten. Also ziehe ich halt nochmal das Laken ab und bürste jedes Stäubchen aus den Matratzenvertiefungen aus. Doch da! Ein Tier! Ob es tatsächlich eine Wanze ist, kann ich nicht sagen. Ich kenne bisher kein Bild! Doch noch eine! Und noch eine! Wow, es scheint tatsächlich zu funktionieren. Vielleicht auch in Kombination mit dem warmen Sonnenlicht. Egal, jedenfalls zerquetsche ich die nächsten Zwei Stunden gute Zwanzig Insektentierchen. Sie krabbeln aus der Matratze, aus dem Seidenschlafsack, aus meiner Kleidung. Und erst, als wirklich keins mehr fliehen will, packe ich alles wieder ein. Ich will es mal als Erfolg sehen…

Nur den Daunenschlafsack, vor dem graut mir noch! Der steckt seither in separater Quarantäne, dreifach eingewickelt in Foliensäcke. Eigentlich müsste ich auch den jetzt dann noch auf diese Weise angreifen. Ich hatte so sehr gehofft, die letzten Drei Tage der wirklich ungnädigen Hitze in Managua hätten schon zum Erfolg geführt. Aber wenn ein Tier zäh ist, dann ist es eine Bettwanze! Ich sage euch nochmal: Hütet euch davor, diese mit nach Hause zu nehmen! Lasst euch eine Nacht lang böse beißen, aber nie, nie, niemals flüchtet euch vor ihnen in euren Schlafsack!

 

Rivas, Nicaragua (Zelt)

Tages-Km: 70,77km / -Zeit: 4:25h / -Höhenmeter: 169m

Gesamt-Km: 18.284km / -Zeit: 1.243h / -Höhenmeter: 165.445m

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292_…und es geht weiter!

Gestern Nachmittag also noch(mal) schnell den Hinterreifen verarztet, Zwei Interviews gegeben und dann fertig machen für den Rest von Zentralamerika!

…und es geht weiter!

Heute entscheide ich mich gegen die flache und ebene Autobahn und für die Panoramic-Route über das kleine Gebirge. Da ist es deutlich angenehmer hinsichtlich Verkehr. Aber bei der Schwüle sind die Höhenmeter spürbar anstrengender, also oben auf den kühlen Gipfeln von Guatemala zum Beispiel! Ich denke andauernd an frische Bäche, Wasserfälle, eisgekühlte Getränke! Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich bei diesem Stand nicht „Nein“ sagen kann: Ananas-Saft! Ich kaufe gleich mal knappe Zwei Liter…

…krampfsauren Obstessig! Verdammt, die Weiber haben mich reingelegt! …Saftladen! Gut, ich hätte mir das ja auch fertig- anstatt nur andenken können. Mir war noch: Wird der denn nicht schlecht, wenn der so lange in der Sonne steht? Aber gut, jetzt hab ich ihn schon. Und wenn es tatsächlich stimmt, dass: Je saurer ein Obst, umso vitaminreicher ist es, dann werde ich unter Garantie Hundertzwanzig Jahre alt. Und lustig werden wir´s bis dahin auch haben!

 

Niquinohomo, Nicaragua (Zelt)

Tages-Km: 52,16km / -Zeit: 4:51h / -Höhenmeter: 934m

Gesamt-Km: 18.213km / -Zeit: 1.238h / -Höhenmeter: 165.276m

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…der Mama!

…und dem Papa für die technische Unterstützung aller unterschiedlichster Art, meiner Schwester für den ständigen Hotline-Dienst, meinem Bruder für die Mitträgerschaft der Initialzündung und dem gesamten Team von „Radsport Schaich“ in Sonthofen – sie alle unterstützen dieses Projekt tatkräftig im Hintergrund!

 

Grüß dich Angela,

jetzt scheinen die Sachen doch wieder mal zu laufen – einschließlich deiner Räder.

Hat sich das Riskieren des Express-Versandes doch gelohnt.

War schon weniger lustig. 16.3. Mittags:

2 Briefe der Consors in der Post: Pin in dem einen, Karte im anderen – SMS an AB –  Fri sagte er käme früh – Essen beaugäpfeln, damits Bobbele nix Verkohltes runterschlingen muss – Post anrufen, fragen wg. Gebühr und Sendungsdauer für Päckchen oder Brief (nur Karte)bei Expressversand – Tel. gibt es in Sonthofen nicht mehr, nur zentral über Hotline – Hotline anrufen, Warteschleife, – Essen schauen-SMS nachschauen – nix von AB – Fri müsste bald da sein – Post-Hotline anrufen, Warteschleife, Warteschleife – in der Zeit hätte ich zur Post radeln können! – Also alles einpacken: Karte, Kuvert, Adressaufkleber mehrfach ausdrucken, Tesa groß, Tesa klein, Schere, dicken Stift f. Aufschrift…. – Essen rühren – Stadttaugliches Häs anziehen – Essen ausschalten – Rad herrichten – Fri biegt ums Eck – Frage: „weißt du braucht AB besondere Schläuche an ihrem Rad?  ich will ihr Schläuche mitschicken.“  „I weiß it, da misst i nochluage – wieso Schläuch? Schick’r it so viel, uina reicht, des muss se doch alls mitschleife.“ –  alte SMS durchforsten, da war doch deine Bestellung drauf, ok, Reifengröße hab ich. Keine sms von AB – Fris Essen auf den Tisch (Essen tut er noch selber) incl. Anweisung: wenn AB sich meldet, dann ruf mich an (warum sollte AB Fri ansmsen, wenns bei mir nicht klappt – könnte ja sein). Los zur Ulli, welches Ventil braucht AB? – Fri anrufen: welches Ventil hatte der damals bestellte Schlauch? „Muss i nochluage – i ruf di nocha a.“ Ulli blättert deine Webseite durch, sieht den Karton mit den alten Schläuchen und ist sicher: „französisches Ventil“ (mir ist klar, sie muss mehr als Adleraugen haben – ich kenne den Haufen, konnte mich nicht sicher erinnern, dass da  ein Ventil genau zu erkennen gewesen wäre). – denk, denk, denk: wenn AB in der Pampa Plattfuß fährt, ist kaum eine Tanke neben dran – also muss sie irgendwie anders pumpen können – Fri ruft an – „hab nix gfunde – do misst i die alte Reachnunga durluage – abr die hot doch sicher an Adaptar drbei….“ – Also:“ Ulli i muass schnellstens zur Post, damit des no nauskutt. Ka i die Dinger zruckbringe, wenns mit Schicke it klappt – hosch du zufällig an kleine Karton?“ – keine sms von AB – rein zur Post – 15Uhr 40 (16 Uhr ist die Deadline). – Warten – keine sms von AB – endlich dran – klären, ob  ein Päckchen genauso sicher pünktlich ankommt, wie ein Brief alleine – was kostet ein Päckchen mehr – alles wiegen – zahlen – ich bekomme eine Tüte – beschriften, einpacken – abgeben. Fertig – das Lustige: damit die Dinger wirklich mit der Post abgehen, ist die Sendung registriert zum Mitfahren bevor sie in der Tüte ist – ist also eigentlich schon auf der Strecke eh sie eingepackt ist. – Zurück zu Ulli, Schläuche  bezahlen – So-Preis gesponsert von Schaichs: 3 Schläuche € 10,00 – Karton hab ich nicht gebraucht – nimm ihn lieber wortlos mit heim – aufräumen. Hoffen, dass es stimmt, dass die Sendung sicher in 2 Tagen, also am 18. In Italien abgeliefert wird. – Restl. Essen abräumen – sms von AB: nicht schicken!!! – schei…

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…dem Doppel-D!

Sorry, aber der musste jetzt sein! Natürlich ist Dino ein Ausnahmeitaliener und absolut zuverlässig! Er hatte nicht nur meine Kreditkarte und einen Schlauch, sondern gleich noch Zwei weitere Schläuche dabei! Ich war im Himmel: Was für ein Mann!

Und was für eine Mama! Wenn ihr erfahren wollt, welche Odyssee sie hinter sich gebracht hat, bis das Zeug auf dem Weg über die Alpen war, dann empfehle ich euch wärmstens den nächsten Blog. Ich habe daran nur folgenden Anteil: Copy, paste. Ich musste mir wirklich den Bauch halten vor lachen – das ist O-Ton Mutti.

Und diesen Blog möchte ich dem italienischen Double für das In-die-Wege-leiten und Hierher-Verfrachten widmen: Davide und Dino. Und dem Anschein nach haben sich die beiden, als ihnen das erzählt und sie gebeten habe, mir ein passendes Titelbild zu schicken, vor lauter Begeisterung über diese Ehre glatt in die Hosen gepinkelt….

Comunque: Grazie Davide e grazie Dino!

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

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Wühlereien

Und während wir das tun, widme ich mich wieder einmal meinen Bettwanzen. Es sind nicht mehr ganz so viele jetzt. Aber ich will auf Nummer sicher gehen und packe während der Drei heißen Wartetage alles in schwarze Müllsäcke und lasse die Mistviecher in der sängenden Hitze braten. Werden doch sehen, ob wir denen nicht endlich den Garaus machen können… Und ich erledige Schreibkram. Und ich gehe zur Post. Und ich packe Mamas Post aus: Endlich! …Käse und Schokolade – die ist so cool! Felgenbänder, Flickzeug, ein Schlauch und Zwei neue Mäntel. Das führt gleich zum nächsten Tagesordnungspunkt: Fahrradunterhalt! Einen halben Tag dreht sich hier alles um die Reifen, Bremsen und Kette. Und als endlich alles verrichtet ist, schiebe ich stolz mein wie neugeboren glänzendes Traumvelo zur Tanke und hauche ihm noch die nötige Luft ein. Und am Abend bin ich tatsächlich bei Davide und seinen Gastgebern zum Nudeln Essen eingeladen – sieh an, sieh an! Aber nicht, dass ihr jetzt glaubt, eine Einladung wäre für mich kostenfrei! Ich war für Eis und Cola zuständig – organisations- sowie zahlungstechnisch. Aber gerne, denn es war ein wirklich netter Abend mit der WG! Am nächsten Tag sollte endlich Dino eintreffen und dann wären alle Bremsfaktoren für eine befreite Weiterreise erledigt: Neue Kreditkarte, Blog erledigt, Postgang erledigt, Wanzen erledigt, Fahrradpflege erledigt. Toll, toll, toll!

…Fahrradpflege nicht erledigt! Ich wache auf und die Luft ist raus. Hinten. Da hatte ich den alten, bereits hundert Mal geflickten Schwalbe-Schlauch aufgezogen, damit ich an diesem einzig mir verbliebenen Autoventil in meinem ganzen Schlauch-Sammelsurium den Druck messen könnte. Das geht an keiner anderen Ventilart. Nun, jetzt, da kein Druck mehr drin ist lese ich auf meinem Messgerätchen ganz klar ab: Offenbar zu hoch wird dieser gewesen sein. Oder was auch immer. Aber was für ein Glück, dass ich im Blog immer anständig über meine Guatemaltekischen Schläuche geklagt habe: Ohne eine Anregung meinerseits hat meine Mama auch noch einen Schlauch mit nach Italien geschickt! Jetzt warte ich also ganz gelassen Dinos Ankunft ab und dann sind meine Reifen endlich wieder brauchbar ausgestattet – kein Grund zur Panik also!

Und dann ist endlich der große Moment gekommen: Dino ist da! …und hat im Stress alle meine Sachen in Italien liegen lassen.

[…]

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

 

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Hühnereien

Was ich euch bisher verschwiegen habe: Am Tag nach meinem berühmten Grenzübertritt bin ich nicht, wie Davide es mir wohl aufgetragen hätte, direkt zur Hölle, sondern direkt zum Supermarkt gefahren. Natürlich war ich noch immer auf Konfrontationskurs: Hab mich gleich mal mit dem Wachp(f)osten angelegt. Aber auch ein bisschen zu Recht, wie ich mich verteidigen darf: Er bestand darauf, dass ich mein Fahrrad drüben am Fahrradplatz abstelle. In der prallen Sonne! Und als er auf mein freundliches Bitten, es wegen meiner Getriebeschaltung in den Schatten stellen zu dürfen, damit ich nicht unnötig Öl verliere, nicht im Geringsten mit Verständnis reagiert hat, musste ich eben mit der Brechstange parken: „Ja, ja, [du lächerlicher Gummiknüppelgorilla], no entiendo!“ Aber mir ist durchaus bewusst, dass all diese Gefechtereien nicht nötig wären, wenn ich ein gutes Innenleben hätte. Dann würde mein Charme alles konfliktfrei regeln. Aber es steckt mir einfach das italienische Treatment noch wie ein Knödel im Hals!

Jedenfalls komme ich nach gewonnenem Krieg gegen die beiden Geldautomaten endlich zu ein bisschen Geld und nach schließlich doch noch erfolgreich erledigtem Einkauf wieder raus zum Fahrrad und beschließe, den Stunk-Regler ab sofort auf Null runter zu drehen. So mache ich mir ja selbst keinen Spaß. Davide ist Vergangenheit und ab jetzt geht´s wieder lustig zu im Hause Holario! Schalten wir gleich mal das Telefon an und sehen, was wir für tolle Nachrichten im Postfach haben. Aha, die Mama. Was schreibt sie denn…? „Hallo Angela, schnell, schnell, ich brauche deine Entscheidung: Die neue Kreditkarte ist schon eingetroffen! Wenn ich sie sofort nach Italien weiterschicke zu Davides Freund, dann kommt sie noch rechtzeitig an mit Expressversand. Soll ich?“ Nächste Nachricht: „ANGELA, aufwachen! Es eilt!“ Ich schreibe sofort zurück: „Hallo Mama, nein, nein, bitte nicht schicken. Davide hat mich zum erneuten und diesmal endgültig letzten Mal in die Wüste geschickt. Ich komme ohne ihn klar!“ …die Nachricht kann nicht gesendet werden. Auch nicht die nächsten Zehn Male des erneuten Versuchens. Ja Herrschaft! Da leite ich alles über ein anderes Kommunikationsmedium an meine Schwester in Wien und bitte sie, es an die Mama in Deutschland zu übermitteln. Das haut Gott sei Dank hin! Doch nützt alles nichts, denn ein paar Minuten später kommt folgende Nachricht von meiner Schwester: „Hallo Angi, hab wirklich gleich alles an die Mama geschickt aber die Post ist schon weg…“

So war das. Es will einfach kein Ende finden! Na, jedenfalls habe ich dann wieder den ersten Schritt machen müssen. Der hat ein Glück! Aus diesem Schlamassel hätte er sich selbst nie befreien können! Der Ofen war nämlich aus! Aber gut, jetzt hilft´s ja nicht. Ich erkläre ihm per Nachricht, dass ich ihm eigentlich nicht mehr schreibe. …aber aufgrund der Situation nun mal dazu gezwungen bin! Dann schildere ich ihm kurz die Tatschen und er meint zu allem „Ok, kein Problem.“ Ich vermute, er war heil froh, dass ich jetzt wieder was von ihm brauch. Ich lasse sozusagen vor ihm – wie man einer Henne ein Korn hinwirft – einen satten Pluspunkt auf den Boden fallen. Doch immerhin, dazu ist er Henne genug: Er pickt ihn auch auf! Und verbucht ihn natürlich prompt auf seinem Punktekonto – dazu ist er Italiener genug! So sind wir also wieder in Kontakt geraten. Und jetzt warten wir beide hier in Managua sehnlichst auf Dino, seinen Freund aus Italien. Doch in anständig räumlicher Trennung voneinander: Er bei „Warmduschern“ und ich im Hostal.

Ach und übrigens: Frohe Oktern!

 

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

 

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Familie José

Bevor in Managua der Rundlauf beginnt, lehne ich mich ein bisschen zurück und verbringe einen herrlichen Tag mit der Familie von José. Er ist ein Freund von mir in Deutschland und hat mir eine postalische Anlaufstelle in Managua organisiert. Dorthin hat meine Mama vor ein paar Wochen schon Zwei Päckchen geschickt, die mir die Mama von José heute Vormittag im Hostal vorbeibringt. Dann fragt sie mich ganz lässig: „Hast du Zeit?“ Ich nicke. Und schon finde ich mich in einer privaten Tour durch die wichtigsten Stadtviertel von Managua wieder. Wir schauen uns die Lagunen an, die ehemalige Vulkankrater hinterlassen haben. Und wir besuchen die Ausstellung von Sandino, dem Volksheld der Nicaraguaner! Er war ein einfacher Bauer, der dem Voranschreiten der „Gringos“ seinerzeit mutig entgegengetreten ist und heute als Sinnbild für Patriotismus seinen Status hat.

Übrigens ist von der Altstadt von Managua kaum noch was übrig. Ach, was sage ich: Nichts! Alles ist beim letzten Erdbeben 1972 eingestürzt und leider nie wieder rekonstruiert worden. „Daher!“, denke ich mir. Daher fehlt es dieser Stadt an urbanität, am richtigen Maßstab, an Proportion, an Athmosphäre, an allem einfach, was eine Stadt ausmachen könnte! Ich erinnere mich, wie ich gestern Abend bei meiner Ankunft zu aller Erst ans Wasser runter bin. Doch mein erster Eindruck war haaresträubend: Eine sechsspurige Autoschneise mitten durch die Stadt, endend in einer randlosen, überdimensionalen Plaza (wir Architekten würden das als „urban void“ bezeichnen) vor dem ekelhaft dreckigen Wasser des „Lago de Managua“. Doch klar: So ein Erdbeben und der oftmals struktur- und visionslose Wiederaufbau erklären dieses Debakel. Dabei würde mich wirklich interessieren, wie es hier vorher ausgesehen hat. Die halb eingestürzte Kathedrale und noch ein kleines Gebäude, das jetzt im Militärviertel steht und leider nicht fotografiert werden darf, lassen nämlich erahnen, dass ich eine Gaumenfreude an Architektur verpasse: Diese beiden Fassaden haben perfekte Proportionen und wirken – so schmucklos und heruntergekommen sie auch dastehen mögen heute – schlicht und einfach noch magisch!

Dann bringt mich Maria zu ihrem Mann, der im Häuschen etwas außerhalb von Managua schon ganz neugierig auf meinen Besuch ist. Wir sitzen im Garten, trinken seinen eigenen Kaffee und visionieren ein bisschen über Weltverbesserei im braunen Bohnenwesen: Wie man die Anbauer besser bezahlen könnte und dabei gleichzeitig das Endprodukt günstiger vermarkten könnte. Oder das Öko-Bewusstsein hier in Zentralamerika mit der richtigen Strategie verbessern könnte… es gefällt mir! Mit Jose´s Papa kann man Ideen kriegen!

Dann geht ein herrlicher Tag zu Ende. Ich bin platt! Aber glücklich. Besser könnte Nicaragua nicht vertreten werden als durch Maria und José (und natürlich José Jr. in München nicht zu vergessen!) Ich danke euch von Herzen für diesen Tag, für eure Gastfreundschaft, eure Zeit, eure Essenseinladungen und den Kaffee! Und wenn ihr das nächste Mal José in Bayern besucht, fühlt euch herzlich Willkommen, auf einen Kaffee bei mir (oder meiner Mama) zu kommen (weil die ihn sicher besser kocht, als ich das je können werde).

Danke einfach!

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291_Weltkulturerbe

Nicaragua gefällt mir! Nicht so sehr die Leute bisher, aber die Landschaft: Die Straße hat beiderseits einen ausgedehnt breiten „Grün“streifen mit ein paar mageren, ein paar fetteren Bäumen, wo die Leute in einem Trampelpfad ins Nachbardorf gehen, reiten oder mit dem Fahrrad fahren. Dann erst kommen die Zäune, die die privaten Grundstücke und Ackerfelder abgrenzen. Man empfindet das irgendwie als ein bisschen mehr Freiraum, mehr Luft, wenn man so will. Aber die Leute sind ziemlich ernst. Bisweilen denke ich an Indien zurück. Auch begegnen mir hier zum ersten Mal seit Langem wieder Pferdegespanne: Schwere Karren mit Vollholzrädern oder Autoreifen. Die klapprigen Tierchen müssen alles geben, um diese Konstruktionen – meistens ja auch noch schwer beladen – zu bewegen. Und alle leiden sie ganz böse an Hüftverkrümmungen. Geschunden werden sie! Aber es ist nicht so, dass sich die Besitzer selbst schonen: Auch sie ackern und rackern! Man könnte ihnen also nicht vorwerfen, dass sie ihre Tiere misshandeln während sie sich selbst einen schlauen Lenz machen. Wahrscheinlich kommt dieser Umgang mit den Arbeitstieren daher, dass sie ihren Frust über das herbe Leben in irgendeiner Form an irgendjemandem auslassen müssen.

Und wenn gerade kein Pferd oder Esel in der Nähe ist, dann tut´s auch ein Tourist! Als ich gestern nach León hineinfahre, um mir ein Stück Weltkulturerbe in Form einer Kathedrale anzusehen, werde ich schon auf dem Weg dorthin „schräg von der Seite“ angemacht. Na gut, lassen wir den Dummkopf quatschen. Ich steige ab, schiebe über das holprige Kopfsteinpflaster und lasse noch ein, zwei dumme Sprüche auf mich wirken. Bis ich schließlich an dem Platz mit der Kathedrale ankomme. „Etwas mickrig!“, denke ich mir. Und keine Hinweistafel, kein Wachposten. Dafür ein schönes Sprayer-Tattoo an der uralten Steinmauer. Das passt! Kein Verständnis für alte, erhaltenswürdige Baukultur. Geschweige denn, dass hier einer das Prädikat „Weltkulturerbe“ schätzen würde! Ich bin enttäuscht. Ich suche mir auf der sandstaubigen Plaza ein Schattenplätzchen und kaufe mir ein Mineralwasser am Kiosk. Doch auch hier ist die Wirtin nicht gerade redselig. Sie brummelt gerade mal das Nötigste, das es braucht, um den Kaufvorgang abzuschließen. Danach gehe ich noch schnell auf´s Klo, bevor ich mir den Rest des Stadtzentrums ansehe. Ich soll dafür Fünf Cordoba bezahlen – ein normaler Preis. Aber dafür bekomme ich keinesfalls ein sauber gewischtes Toilettenhäuschen! Nur ein Bündel Klopapier, wovon ich selbst Zwei ganze Rollen dabei hätte! Die Klofrau hockt draußen im Schatten und schmatz ihr Picknick in sich hinein. Die ganze Familie scheint irgendwie da zu sein. Doch was weit und breit fehlt ist ein Eimer mit Wasser, einem Putzlappen, ein Besen, ein Schäufelchen, Gummihandschuhe, ein Schwamm, … nichts, aber auch gar nichts, was auf einen Ansatz eines Arbeitswillens hinweisen würde! Und das Waschbecken hängt dementsprechend versifft und dreckversprenkelt von der Wand…

Na gut, denke ich mir. Ist hier eben so. Vergiß die Fünf Cordoba, ist doch egal. Ich wasche meine Hände. Und dann erlaube ich mir auch noch, meine Füße im Waschbecken zu waschen. Doch oho! Was denkt ihr, wie die mich angefahren hat! Das sei ein Handwaschbecken, da kann man keine Füße drin waschen! Ich soll gefälligst raus gehen, ich Schmutzfink, und meine staubigen Treter dort am Schlauch waschen. Na gut, auch das lasse ich mir noch eingehen. Doch als ich Zehn Meter gegangen bin und noch immer nicht erkennen kann, an welcher Stelle am Horizont genau das Ende dieser dubiosen Wasserleitung liegen könnte, mache ich kehrt und setze gerade dazu an, meinen rechten Fuß auch noch im Becken zu waschen. Da kommt sie wieder, dreht mir den Hahn ab und schiebt mich mit ihrem vollen Körpergewicht aus dem Vorraum. Und da endet mein Verständnis! Ich lasse sie zwar gewinnen, zeige ihr aber im Abflug noch gehörig den Vogel. Ich meine, was glaubt die Pute denn? Hat noch nie in ihrem Leben eine Vorstellung von einem auch nur ansatzweise sauberen Waschbecken bekommen, aber muckt sich hier zum Hygieneapostel auf!

Mir reicht´s hier. Ich verschwinde. Und genehmige mir noch ein paar Idiotensprüche, bis ich endlich wieder hinter den Stadtpforten und in der Wildnis bin. Was für ein Irrtritt, dieses León! Und diese schwindlige Kathedrale, ein Witz!

Doch aus ausreichend weiter Entfernung formt sich mir nach und nach ein blasser Gedanke: Was, wenn es gar nicht die richtige Kathedrale war? Auf diese Idee bin ich nicht mal annähernd gekommen vorher. Aber irgendwie entwickelt sich dieser Geistesblitz zu einer handfesten Annahme. Und Google bestätigt mir meine Befürchtung: Vor lauter Kiosktanten- und Kloweibermissmut habe ich glatt den zentralen Punkt verpasst gestern! Was für eine Schande.

Naja, dann seht hier eben die kleine Schwester der großen, weltberühmten Kathedrale von León, der sonst sowieso keiner auch nur einen Funken Aufmerksamkeit schenkt, weil ja gleich nebenan ein Stück Weltkulturerbe steht!

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

Tages-Km: 79,08km / -Zeit: 5:31h / -Höhenmeter: 391m

Gesamt-Km: 18.161km / -Zeit: 1.234h / -Höhenmeter: 164.342m

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