317_Komische Flieger

Jetzt ist es wieder so weit: Ich fliege! Der Morgen ist strahlend klar, der Himmel hellblau, niemand und nichts hat mich in meinem Schlaf gestört, alles ist perfekt! Heute muss ich Nasca erreichen. Das ist die nächste Stadt. Und dort endlich scheiden sich die Pfade: Einer führt weiter durch die Ebene, mehr oder weniger parallel zur Küstenlinie. Das wird hoffentlich derjenige sein, den die großen Reisebusse und LKW wählen. Und der andere zweigt nach links ab und führt schnurstracks in die höchsten Gefielde dieser Erde: Die Anden!

Meine Ziele dort oben sind die Stadt Cusco und die ehemalige Inka-Stadt Macchu Picchu. Für mich persönlich ist das einer der Höhepunkte der ganzen Reise. Nicht allein wegen der Sehenswürdigkeiten, sondern eher wegen des Weges dort hin: Sage und schreibe Fünf Pässe warten auf mich in den nächsten Zwei Wochen, die ich bis zur Ankunft in Cusco veranschlagt habe:

Pass 1:  4.390 müNN

Pass 2:  4.100 müNN

Pass 3:  4.300 müNN

Pass 4:  3.970 müNN

Pass 5:  3.715 müNN

Cusco:  3.400 müNN

Die Einheimischen warnen mich vor Kälte und dünner Luft. Andere meinen sogar, das könne ich niemals mit dem Fahrrad fahren, viel zu gefährlich! Wenn mir dort schwindlig wird… Es gäbe nicht so viele Leute, die mir dort oben helfen könnten. Doch ich will genau das natürlich wissen! Ich will wissen, wie knapp die Luft tatsächlich wird. Und ich freue mich auf ein bisschen frische Luft, wenngleich mich das auch wirklich etwas besorgt. Denn meine Schlafsäcke halten mich bis zu Temperaturen um den Nullpunkt gut warm. Doch wenn es weiter runter geht – und das soll es angeblich – wird es frostig! Die Suche nach einem Schlafsack habe ich hier aufgegeben. Doch ich hoffe, dass mir nochmal ein kleiner, runzeliger Peruaner versuchen wird, seine Alpaca-Wolldecken anzudrehen!

All das geht mir durch den Kopf, während ich heute wieder eine weite Ebene durchfahre: Anthrazitgraues Geröll, dunkel braune Hügel und stahlblauer Himmel. Kein Wölkchen am Himmel stört das regelmäßige Blau. Nur ein paar hektische Flieger kreiseln da jetzt plötzlich über mir. Aber sie scheinen nicht zufrieden mit der herrlichen Aussicht: Als ob sie etwas suchen würden. Oder einer Flugstunden nimmt! Sie ziehen einen Rechts-Kreisel, schwenken um, Links-Kreisel, ein Stück geradeaus, nächster Flieger: Rechts, Links, zieht wieder ab. Dann kommt der erste zurück, quert meine Fahrtrichtung, zieht wieder ein paar Kurven und gibt schließlich auch dieses Programm an seinen Verfolger ab, bevor er am Horizont verblasst. Was fliegen die denn da? Ich würde ja schon zu gern wissen, was es von da oben zu sehen gibt! Meine Karte „sprach“ immerhin von einer Sehenswürdigkeit. „Lineas de Nasca“ stand dann auch mal auf einem Schild am Straßenrand. Doch ich bin mir sicher: Um „Linien“ kann es sich bestimmt nicht handeln. Wer würde denn schon Linien anschauen? Doch wie könnte man denn „Lineas“ wohl noch übersetzen? Hmm… ich werde das nachschlagen müssen! Doch zunächst tröste ich mich damit, dass mir zwar die Sicht aus dem Flieger verwehrt ist, aber die da oben ganz bestimmt gerne wissen würden, wie das alles von hier unten aussieht, ha!

Dann erreiche ich endlich das Ende der langen Geraden. Mental sind solche Strecken die Schwierigsten! Denn man bekommt immer das Gefühl, dass man auf der Stelle tritt und keinen Meter vorwärts kommt. Aber ich erreiche das Tor auf dem geschrieben steht „Bienvenidos a Nasca“. Und hier gönne ich mir an der nächsten Tankstelle noch einen kurzen Pit-Stop, bevor es an die Suche nach einer Unterkunft geht. Ein bisschen Luft für die Reifen und ein bisschen Sprudelwasser für meine Kehle. Dann geht´s in die letzte Runde.

Es gibt viele hundert, ach, was sage ich: Tausend Unterkünfte und Hotels und Herbergen. Doch wie finde ich hier das Passende für mich? Gar nicht. Denn wir haben ja schon gelernt: Es findet mich! Diesmal heißt „es“ Jeffrey und arbeitet als Touristen-Mädchen-für-Alles. Im Klartext: Er fischt mich am Kreisel der Stadt aus dem Verkehr mit einer kleinen Visitenkarte und dem Schlagwort „Hostal?“ Klar, genau was ich brauche. Ich gebe ihm also eine Chance. Und keine Zehn Minuten später beschließe ich, dort einzuchecken. Nicht gerade eine Luxusbude, doch mein Luxus ist derzeit die Freiheit, nicht die Marmorfliese! Also freue ich mich darüber, dass das Zimmer ein Fenster hat, die Bettwäsche frisch gewaschen und sonnengelb ist und ich dafür nur Vier Euro bezahle. Da kann die Dusche gerne ein paar Schritte den Gang hinunter liegen!

Außerdem habe ich längst einen Plan im Hinterköpfchen. Jeffrey ist natürlich ein Fachmann nach Fünfzehn Jahren Arbeit mit Touristen. Das spüre ich gleich! Doch ich lasse ihn erst einmal gelassen sein Fischerwerkzeug auswerfen und gehe ihm dann sogar gerne ins Netz: Ich buche einer seiner Touren, die er mir natürlich auf dem Weg ins Hostal und in der Rezeption schmackhaft gemacht hat. Doch das weiß er noch nicht. Erst noch ein bisschen handeln. Denn der Preis ist schon mehr als sportlich! Oder eigentlich mehr als unsportlich, denn als Radreisender hat man es ja so dicke auch wieder nicht. Und weil er meinen hellblauen Augen am Ende nichts abschlagen kann, einigen wir uns auf einen bezahlbaren Preis. Für? Für die Linien von Nasca. Und es sind tatsächlich Linien! Doch erzählen werde ich euch davon, wenn ich sie tatsächlich gesehen habe. Jetzt lasse ich mich von Jeffrey erst mal in die Wüste kutschen und auf ein Gläschen Traubensekt einladen… hasta la vista!

 

 

Nasca, Peru (Hotel „El Mirador“)

Tages-Km: 46,62km / -Zeit: 3:33h / -Höhenmeter: 535m

Gesamt-Km: 19.848km / -Zeit: 1.348h / -Höhenmeter: 177.305m

6,320 total views, no views today

316_Mitten in der Wüste…

Es geht weiter, wie es aufgehört hat: Einsam, verlassen, nur Wüste und meine Straße. Ich habe großes Glück, dass ziemlich bald nach meinem Aufbruch ein Minikiosk am Straßenrand stand. Denn dort konnte ich mich für die nächste Etappe mit Wasser versorgen: Drei Liter müssen für´s Erste reichen, denke ich mir. Doch es war knapp kalkuliert! Denn heute wird es hier verdammt heiß. Das merke ich daran, dass ich trotz einigermaßen flacher Geografie und deutlich schwacherem Gegenwind nicht nennenswert schneller vorankomme, als gestern Abend. Etwas erschöpft mich. Und ich schiebe das einfach auf die grelle Sonne, die mir hier aggressiv auf den Helm brennt.

Es ist noch nicht Zeit für eine Mittagspause! Aber als da mitten im Niemandsland eine Bushaltestelle auftaucht, kann ich nicht anders: Ich muss einen Schlenker machen und mich kurz in den schmalen Schatten setzen, der hier nur von der Tragkonstruktion gespendet wird: Dach gibt es keins! Doch ich erfreue mich an ein paar großen Steinkugeln, die als meine Sitzbank fungieren. Und ein Pfosten wirft einen schattigen Strich quer über mein Gesicht. Ich gruschle eins der Zwei Oliven-Semmelchen aus meinen Taschen, die mir der Wachmann der Powerstation heute Früh zum Abschied mit auf den Weg gegeben hat. Doch ein paar süße Kekse wären auch nicht schlecht jetzt, denke ich mir.

Ich schwenke gedanklich ein bisschen ab. Schaue mir die schier endlose Weite dieser kargen Ebene an. Wieder umrandet von kaum erkennbaren Hügeln. Ich beobachte den vorbeifahrenden Verkehr. Einen Tourbus, der jetzt langsamer wird. Und noch langsamer. Da komme ich in die Wirklichkeit zurück und mein Hirn koppelt sich wieder in die gerade nur im Unbewussten Elektronenströme ein: Der wird doch hier nicht halten! Ich meine: Warum würde ein Bus hier halten? Hier ist nichts! Gar nichts! Doch er hält. Und ein Mann steigt aus. Dann fährt der Bus weiter und der Mann kommt zu mir auf die andere Straßenseite herüber. Er hat einen Korb dabei. Voll mit Keksen! Und schon hält er mir einen davon zum Probieren hin.

So ist das manchmal! Wir hatten ein herrliches Pläuschchen dort im Nirvana von Peru. Und ich habe ihm noch Vier weitere Kekse abgekauft. Alfajores – hat er selbst gebacken! Früher hat das seine Frau gemacht, doch jetzt ist sie schwer krank. Dann reden wir noch über gesunde Ernährung und deutsche Autos. Er meint, ich könnte ihm jedes X-beliebige Bild eines Mercedes schicken; er würde auf Anhieb das Model erkennen können! Das macht für mich das Reisen aus. Einfach herrlich ist das! Mal ganz abgesehen, dass hier der Hintergrund des Bildes endlich wieder passt. Ich will´s noch nicht verschreien, aber ich spreize bereits meine Schwingen! Es ist wirklich so, so, so schön hier!

Gegen Abend erreiche ich ein paar Dörfer. Dort decke ich mich mit frischem Obst ein. Und ich trinke einen Becher Sternfruchtsaft. Zuerst hatte ich überlegt, mir hier ein Zimmer zu nehmen. Aber als ich beim Obststand auch noch die Toilette benützen darf und mir dort am Duschkopf Arme, Beine, Kopf und Nacken Blitzwaschen kann, tendiere ich doch wieder zum Zelten. Und bei der Ausfahrt aus dem letzten Dorf kommt mir da der etwas hinten im Feld gelegene Friedhof mit seiner großzügigen, weißen Mauer gerade recht. Dahinter kann ich mich wunderbar verstecken. Und einsperren kann mich auch keiner, weil diese Mauer nämlich nur eine einzelne Scheibe ohne Seitenwände ist. Und Angst? Nun: Ich denke, von denen hier wird mir wohl keiner mehr etwas antun. Und die Einheimischen glauben tatsächlich an Geister. Also werden die vermutlich des Nachts auch nicht gerne hier aufschlagen. Ich lege mich hier also auf´s Ohr und hoffe auf die baldige, nicht ganz so unendliche aber doch tieferholsame Ruhe.

 

 

Llipata, Peru (Zelt auf Friedhof)

Tages-Km: 55,06km / -Zeit: 4:04h / -Höhenmeter: 428m

Gesamt-Km: 19.801km / -Zeit: 1.344h / -Höhenmeter: 176.769m

6,886 total views, no views today

315_Es geht los!

Mir sind noch ein paar Kleinigkeiten eingefallen, in denen ich den Geldbeutel etwas weiter aufgemacht habe, als mein kolumbianischer Freund. Aber lassen wir das. Was viel wichtiger ist: Ich bin ja jetzt wieder auf Singlespur und komme so viel näher an die Leute ran, als mit einem Begleiter – egal welchen Charakters. Ich plaudere mit dem Mann im Kiosk, als ich mir nach einer Stunde Fahrt einen Milchkaffee und Zwei Frühstücksmuffins gönne. Bevor ich weiterfahre, zeigt er mir sein Fotoalbum aus jungen, wilden Zeiten und ein paar Bilder von Macchu Picchu. Und er schenkt mir eine Flasche Wasser für die Fahrt. Heute bekomme ich in einem kleinen Laden ein Päckchen Kaugummis geschenkt. Und so eine Begegnung mit den Einheimischen habe ich eigentlich jeden Tag. Es ist mir wichtig, diesen guten Eindruck zu hinterlassen. Für diese Leute bin ich so etwas wie ein Botschafter für Deutschland. Die merken sich das, woher die Leute kommen! Aber wenn so ein Zappelphilipp dabei ist, der auch noch bis auf die Knochen um jeden halben Centimo feilscht, sind die Leute immer heilfroh, wenn wir wieder aus´s Rad steigen. Das ist nicht meine Art. Darum lieber Solo.

Aber jetzt muss ich zu einem anderen Thema schwenken. Ihr braucht keine Angst zu haben, etwas vom Land zu verpassen, während ihr über Allerweltsthemen lest wie „Hühner“ oder „Mitreisende“. Ich hole euch schon rechtzeitig zurück, wenn´s auf der Strecke interessant wird! Und dieser Moment ist jetzt: Endlich, endlich, endlich verlasse ich die unschöne Autobahn und die Zivilisation. Heute bin ich erst gegen Mittag losgekommen aus Ica. Aber danach wurde es ziemlich bald deutlich dünner was die Besiedlungsdichte angeht. Und Drei Stunden später war es endlich so weit: Das letzte Dorf lag hinter mir! Vor mir jetzt nur noch Wüste. Der Wind hat wieder aufgefrischt. Er weht feine Sandschlieren von schräg rechts vorne über den schwarzen, vor Hitze flimmernden Asphalt. Und als ich die letzten Stallbaracken auch noch mühselig passiert habe, bin ich endlich wieder draußen. In der Wildnis, in der Freiheit. Die Stimmung ist hervorragend: In blassen Pasteltönen zeichnen sich die ersten, kleinen Hügel am Horizont ab. Kaum sichtbar vor dickem Dunst, aber doch erahnbar.

Ich habe Mühe, einen Zeltplatz zu finden. Denn es gibt wirklich nur die Straße und einen Seitenstreifen. Gleich daneben gibt es nur Sand, so weit das Auge reicht! Keine Leitplanke, keine Beschilderung, keine Straßenpfähle, nichts. Aber dort kann ich unmöglich bleiben. Mein Fahrrad könnte ich keinen Meter weit vom Straßenrand schieben auf dem losen Untergrund. Ganz zu schweigen von dem Wind, der mein Zelt nicht überleben lassen würde. Als ich auf die Uhr sehe, stelle ich fest: Schon halb Fünf! Oha, da habe ich aber vor lauter Begeisterung die Zeit ein bisschen zu sehr vergessen, denn um Sechs ist es hier bereits stock finster! Mir bleibt also gut eine halbe, maximal eine Stunde, um hier draußen eine windgeschützte, befestigte Stelle zu finden. Doch es gibt nichts!

Einziger Grund, jetzt nicht nervös zu werden, ist mein fester Glaube daran, dass ich rechtzeitig was finden werde. Ich sage mir: Bisher hast du immer was gefunden! Also wird es auch heute so sein.

Da sehe ich hinter dem nächsten Hügel ein paar Turmspitzen von Sendemasten. Und mir kommt in den Sinn, dass diese bestimmt bewacht und gewartet werden müssen; also bestimmt eine befestigte Zufahrt haben. Und vielleicht gibt es dort auch ein Gebäude, das mir Windschatten spendet. Ich beiße nochmal die Zähne zusammen und überwinde meine aufkommende Müdigkeit. Der Wind zehrt einfach unsaglich! Und zudem geht es jetzt noch diesen besagten Hügel hinauf, der mir bislang noch die Sicht auf meine Hoffungsmasten verstellt.

Doch da, endlich die Kuppe! Und oben: Prompt, wie ich es mir besser nicht hätte wünschen können. Eine herrliche Ebene, alles befahrbar und ein unbewachtes, abgesperrtes Gebäude, das mir Sicht- und Windschutz bietet. Hier werde ich bleiben, hier fühle ich mich sicher. Dann nehme ich mir die verbleibende Stunde Zeit für ein paar Dehnübungen, den Zeltaufbau und eine Schüssel Salat zum Abendessen. Und als alles erledigt ist, lege ich mich erschöpft auf meine Matratze, werfe einen Blick auf die sich immer stärker abzeichnende Milchstraße und den aufgehenden Mond und habe einen letzten Gedanken, bevor ich einschlafe: Wie es wohl ab jetzt weitergeht? Ich bin tatsächlich ein bisschen aufgeregt…

 

 

Nach Ica, Peru (Zelt hinter Stromstation)

Tages-Km: 46,27km / -Zeit: 3:17h / -Höhenmeter: 172m

Gesamt-Km: 19.746km / -Zeit: 1.340h / -Höhenmeter: 176.341m

6,400 total views, no views today

314_…ein Kiosk?

Ist es, weil ich eine Frau bin? Oder ist es, weil ich alleine reise? Oder warum ist es um alles in der Welt so schwierig zu verstehen, dass ich gerne Zeit mit mir selber verbringe? Ohne ein nerviges Anhängsel, ohne ein „Schwanzteil“ an meinem Hinterreifen. Wenn ich ein Mann wäre, würde das jeder verstehen. Männer sind von Natur aus eher Einzelgänger als Frauen. Aber gut, vielleicht wäre ich als Mann auch ganz anders. …nun, klar wäre ich anders. Vielleicht wäre ich dann an ein „Schwanzteil“ gewöhnt… Also ich meine, vielleicht würde ich dann lieber Gesellschaft von fremden Leuten haben. Und noch viel lieber die von fremden Frauen. Und noch, noch viel, viel lieber die von fremden Frauen, die alleine reisen. Doch genau hier beißt sich jetzt der Hund in sein eigenes „Schwanzteil“, weil Frauen nämlich nicht alleine reisen können, wenn man sie nicht alleine reisen lässt! Versteht ihr, was ich sagen will? Ich meine: Man kann natürlich großen Gefallen und auch Interesse haben an jemandem, der alleine sein will. Aber man muss ihn dann auch trotzdem weiterhin alleine sein Ding drehen lassen. Und sich nicht einfach an ihn dranhängen, weil einem der- oder diejenige eben so gefällt.

Also jedenfalls bin ich ziemlich müde geworden, seit Beginn meiner langen Reise. Müde des Kennenlernens. Man steht ja doch immer wieder am Anfang und startet von Null, wenn ein neuer Mensch ins Leben tritt. Und ich hab ein bisschen den Kragen voll davon. Es bewegt sich am Anfang immer alles ziemlich an der Oberfläche. Immer dieselben Fragen, immer dieselben Antworten. Und wenn man sich dann einmal vorankämpft bis zum Grund einer Seele, wird´s schwierig. Wir haben´s ja mit Davide gesehen. Es war einfach der falsche Moment, eine Frau mit einem Mann zu kombinieren. Weil wir eben beide Alleinreiser sind!

Ich habe also Alejandro gleich von Anfang an gewarnt, dass ich mit ihm sicherlich nicht bis Rio fahren werde – wenn wir auch noch so dieselben Streckenpunkte haben! Vielleicht ein, Zwei Tage, aber nicht mehr. Aber um ehrlich zu sein hat er mich schon nach einem halben Tag genervt… Ich nehme an, das liegt an mir. Ich bin einfach nicht offen. Ich will einfach nur meine Ruhe haben und mein Fahrrad genießen.

Wobei: Ein bisschen liegt das vielleicht doch auch an Alejandro. Ich muss ja nicht immer alle Schuld auf meine Schultern schultern. Es ist nämlich so: Er schlawinert sich so ein bisschen durch an meiner Seite. Das macht er natürlich ganz charmant und unauffällig. Meint er! Doch mir entgeht nichts! Ich bin zwar enorm gutmütig, doch blöd ist anders. Er hilft mir zum Beispiel aus, als ich eine Cola nicht mit einem Hunderter bezahlen kann, weil die Kioskfrau kein Wechselgeld hat. Er legt Zwei Sol für mich aus. Doch er fragt mich tatsächlich danach, als ich am nächsten Morgen offiziell meine alleinige Weiterreise einfordere. Ich meine, wir reden hier von Sechzig Cent! Aber gut, er ist sicherlich ein armer Schlucker ohne viel Geld. Ich gebe ihm – weil ich natürlich noch immer nur den Hunderter habe – eine Dollar. Der Wert: Mindestens Drei Sol. Aber glaubt ihr, ich höre dafür ein Danke? Geschweige denn, dass ich dafür einen Sol zurück bekommen würde. Später, treffe ich ihn zufällig wieder und habe jetzt Fünf Sol. Daraufhin gibt er mir den Dollar zurück und nimmt die Fünf Sol. Doch bekomme ich jetzt Drei zurück? Natürlich nicht!

Es ist klar lächerlich. Aber mir geht´s hier langsma um´s Prizip. Es ist immer noch das Prizip „Gringo“. Wenn ich mit meinem Geld großzügig umgehe, ist das eine Sache. Aber wenn andere Leute plötzlich anfangen, großzügig über mein Geld zu verfügen, werde ich langsam zickig. Ich bezahle Fünfundzwanzig für´s gemeinsame Hotelzimmer, in dem wir heute zufällig wieder gelandet sind, und er Zwanzig. Ich esse in einem Restaurant zu Abend und er setzt sich dazu, stibitzt aber Pommes von meinem Teller. Ich bezahle Drei Sol für Zwei Liter aus der Sieben-Liter-Bottel und er Vier für den Rest. Und er fragt tatsächlich, ob ich ihm ein paar Fahrradflicken schenken könnte, weil er nicht so viele in Reserve dabei hat… Ich meine: Er hat genügend, um seinen Platten zu reparieren. Und wenn das seine Reserve aufbraucht, soll er sich gefälligst bald neue zulegen. …ich habe ihm trotzdem einen gegeben. Einen guten deutschen Flicken!

Doch ich habe mich wirklich gesträubt diesmal. Denn wenn ich sehe, dass er seinen Hinterreifen nicht mal ausbaut, den Schlauch einfach rauszieht und dabei zwischen die Speichen und die Bremsscheibe klemmt, dann den Schlauch weiterzieht (an dieser Stelle noch immer eingeklemmt), bis er das Loch findet. Das alles im feinen, dreckigen Staubboden. Die offene Klebertube landet auch im Sand. Genauso die Luftpumpe. Und wie viel Dreck bei dieser Aktion in den Mantel gelangt und im demnächst seinen Schlauch nach und nach aufarbeitet, will ich gar nicht wissen.

Ich helfe gerne und ich helfe immer und jedem! Aber nicht, wenn ich die Art und Weise nicht unterstütze, auf die mein Hilfsartikel eingesetzt wird. Wenn der so mit seinem Zeug umspringt, kann der wirklich nicht arm sein. Das ist meine ehrliche Meinung und die erkläre ich ihm auch! Aber ob er das wirklich versteht… ich glaube nicht. Er nickt zwar, doch als ich erwähne, dass mein Großvater auch arm war und deshalb ganz besonders gut auf die Sachen, die er hatte, aufgepasst hat, damit sie ihm nur nicht kaputt gehen, meint er: „Ja siehst du, aber ich hatte keinen Großvater, der mir das erklärt hat.“ Bitte? Braucht´s wirklich jemanden, der einem erklärt: „Pass auf dein Zeug auf, dann hält es länger!“ Ich kann´s nicht glauben! Aber es ist vermutlich tatsächlich so…

Ich sponsere den armen, etwas gehirngelähmten Kolumbianer noch mit Fünfzig Sol (das sind ca. Zwei bis Drei Hostal-Aufenthalte!) für Zehn seiner für Rio gedruckten Armbänder. Das ist eine gute Idee, die er sich da überlegt hat, wie ich finde. Dafür gebe ich auch gerne großzügig Geld aus. Auch, wenn ich es selbst im Moment gut gebrauchen kann. Doch auch hier höre ich wieder kein „Danke“, denn ich bin ja ein reicher Gringo, der´s einfach hat. …lassen wir´s gut sein. Mir kommt jetzt gerade ein nettes Lied in den Sinn und mit ihm auf den Lippen fahre ich von Dannen. Endlich wieder in Freiheit!

Rumpelstilz – Kiosk

Und ganz speziell für meine lieben Schweizer Freunde:

Rumpelstilz – Kiosk (Slang-Verion)

Und während ihr dieses Lied hört, widmet einen wertschätzenden Gedanken an all diejenigen Kipperfahrer, die nach dem Sandabladen ihre Ladefläche zurück in die Horizontale zurückfahren, ohne, dass dabei auch nur ein einziges Mal die Heckklappe gegen die Kippmulde schlägt. Ihr seid die wahren Helden des Alltags! Und ihr begeistert mich, wenn ihr so sanft mit diesen mächtigen Maschinen umgeht! Es ist jedes Mal eine Augenweide, einem guten Lastwagen-, Kipper-, Baggerahrer oder Hubschrauberflieger zuzuschauen!

 

 

Laguna de Huacachina, Peru (Hostal “Sunset” allein!)

Tages-Km: 73,27km / -Zeit: 4:21h / -Höhenmeter: 412m

Gesamt-Km: 19.700km / -Zeit: 1.337h / -Höhenmeter: 176.169m

764 total views, no views today

313_Hähnchen oder Ei?

Seit meinem Aufbruch aus Lima bin ich auf ziemlich scheußlicher Piste daheim: Zuerst musste ich mich durch den verrückten Stadtverkehr der Hauptstadt bugsieren und war dann tatsächlich so etwas wie froh, als ich endlich die Autobahn unter meinen Reifen hatte – immerhin ging´s hier ein bisschen geordneter zu. Immer noch nicht, was man als Fahrradreisender sucht, aber dafür hatte ich sage und schreibe einen ganzen Tag lang gekämpft, um dem Maximalübel des Stadtverkehrs zu entkommen! Doch jetzt sind es schon Drei Tage dieser Autobahn, so langsam wird´s Zeit, dass ich in die Berge komme. Ich brauche Natur!

Wobei: Eine wirklich interessante Passage hat mir die Küstenstraße heute geboten! Ich bin für einen Abschnitt von ungefähr Zwanzig Kilometer ganz nah am Wasser gefahren. Rechts neben mir nur Strand. In so etwas wie einer Art Urzustand. Es fanden sich dort keine Sonnenschirme, Plastikliegen, keine Touristen auf schön ausgebreiteten Handtüchern. Und es roch auch nicht nach Strandparfüm und Sonnencreme, sondern – auch etwas süßlich, aber ganz natürlich – nach Mist. Hennenpuh. Es reiht sich hier nämlich eine Geflügelfarm an die andere.

Ich passiere lange, flache Barackenbauten mit Palmwedeln als Dachdeckung. Die Wände sind offen. Und so sehe ich in den ersten Ställen, wenn man so will, zunächst nur tief hängende Wärmelampen und einen schönen, lockeren Sandboden. Aber keine Tiere. Ich werde neugierig. Als ein Arbeiter an ein paar Folien herumzupft, frage ich ihn prompt, was hier denn „kultiviert“ wird. „Pollo!“, ruft er mir zu. Hähnchen also. Mich würde ja nur zu brennend interessieren, wie viele genau in so einem Gehege gehalten werden. Ob es stimmt, dass sie sich schier gegenseitig zu Tode treten oder ob sie tatsächlich ein bisschen Freilauf haben. Ich fahre weiter.

Es hört nicht auf: Baracke an Baracke an Baracke an Baracke! Doch die hier sind an den Seiten zugehängt. Mit dicker, schwarzer Folie. …gefällt mir schon mal nicht so gut! Denn wie heiß wird es unter dem dunklen, auch mit Folie unterspannten Dach wohl werden, wenn an den Seitenfronten kein Wind reinkommt? Doch da, da hängt eine Ecke offen. Und als ich passiere, sehe ich, was sich hinter dieser Stallung verbirgt: Hier sind die Hennen daheim. Es geht also nicht um´s Fleisch, sondern um´s Ei. Doch was ich hier sehe, bricht mir schlicht das Herz!

Die armen Tiere stehen in Metallkäfigen. Vier Hühner nebeneinander pro Gitter. Und ohne Chance, sich zu bewegen. Sie stehen unbequem auf einem Metallrost – alles billigste Machart, damit es auch ja nichts kostet! Ihre Hälse sind federlos und wundgeschabt. Und die Schnabelspitzen abgeknipst. Machmal etwas zu weit hinten, sodass man von vorne schon das Loch der Mundhöhle erkennen kann. Anderen ist bereits ein böses Geschwür gewachsen. Das „muss“ sicherlich sein, damit sich die Damen nicht gegenseitig die Augen auspicken. Obwohl sie sich ohnehin kaum bewegen können. Mit den verwundeten Schnäbeln erreichen sie gerade die Wasserrinne. Und so besteht ihr Tagesinhalt im Körner und Wasser aus der Rinne picken, Mist absetzen und klar, dem Wichtigsten natürlich: Eier legen. Diese plumpsen hinten aus der Henne und rollen dann automatisch unter dem Standgitter auch nach vorne, wo der Eierbauer sie bequem einsammeln kann, während er den Tieren zu Fressen gibt. Ich habe schon mehrfach Berichte über solch hochproduktive Eierlegereien gesehen, doch wenn man Auge in Auge mit dem Tier steht, wächst einem die Traurigkeit in die Endlosigkeit. Wie man nur so mit einem Lebewesen umgehen kann?

Ein paar Ställe weiter sehe ich endlich noch eine Hähnchenfarm. Die Vögel sitzen tatsächlich eng! Aber nach dem Anblick ihrer Frauen, möchte ich fast schreiben, dass sie es sind, die hier das Glückslos gezogen haben. Sie rücken sich auf die Pelle, springen übereinander, hocken eng an eng. Doch immerhin: Sie hocken! Und sie hocken im Sand. Und es gibt auch noch ein bisschen Platz, um darin zu scharren. Oder einen kurzen Sprint einzulegen, dabei die Flügel ein bisschen zu spreizen, den Körper um ein Minimum zu bewegen. Artgerecht wäre nochmal anders! Aber die Männchen werden immerhin auf dem Boden gehalten. Die Weibchen schlicht und einfach verbrecherisch.

Ich lerne mehr und mehr Leute kennen, die mir erzählen, sie haben ihren Fleischkonsum reduziert. Und wenn ich das hier sehe, finde ich das die einzig wahre und angemessene Reaktion, die man als Konsument haben kann. Ich selbst esse kaum noch Fleisch. Nicht Null, aber sehr, sehr wenig. Und in Deutschland bin ich längst dazu übergegangen, die Qualität von gutem Fleisch zu schätzen – von einem Bauern (oder besser gesagt: Dessen Tieren natürlich), den man kennt oder einer Fleischfarm, bei der man wenigstens auf die Zertifizierung vertrauen mag, auch, wenn man persönlich noch nicht im Stall war. Es ist viel teurer, aber wenn man weniger oft davon isst, gleicht es sich ja wieder aus. Außerdem schmeckt es doppelt besser, weil erstens das Fleisch mehr Geschmack hat und man zweitens eben nicht so oft davon hat. Und ich bin mit dieser Lösung eigentlich sehr glücklich. Man kann so leckere vegetarische Sachen kochen, da muss es nicht immer vom Tier sein. Nur eins werde ich jetzt sicherlich nochmal anpassen: Meinen Eierkonsum! Auch hier habe ich immer aus Freilandhaltung gekauft. Gott sei Dank, denke ich mir im Nachhinein! Ob die Hühner wirklich glücklich waren, kann ich nicht sagen. Doch alles ist besser als billigste Käfighaltung! Aber es ist heutzutage wirklich schwierig, sich richtig zu verhalten. Viel zu weit ist der Mensch schon gegangen! Ich freue mich nur auf die Zeit, wenn ich endlich raus aus der Stadt bin und meine Lebensmittel endlich direkt vom Bauern kaufen oder selbst anpflanzen (aus Mamas Garten stibitzen) kann!

 

 

Pisco, Peru (Hostal “Villasol” mit Alejandro & Django)

Tages-Km: 69,66km / -Zeit: 4:06h / -Höhenmeter: 317m

Gesamt-Km: 19.627km / -Zeit: 1.332h / -Höhenmeter: 175.756m

6,374 total views, 1 views today

312_So ein Früchtchen!

Tada, darf ich vorstellen: Alejandro & Django (der Hund) aus Kolumbien. Die beiden sind – wie ich – auf ihrem Weg zu „Rio 2016“ mit fast identischen Zwischenzielen.

Doch eigentlich gilt die Aufmerksamkeit des heutigen Blogs nicht ihnen. Sie gilt ganz unspektakulär, ganz tatsächlich und buchstäblich einem Früchtchen. Oder besser gesagt dem Obst im Allgemeinen. Und darunter einem bis Drei neuen Angehörigen, die ich heute zum ersten Mal in meinem Leben probiert habe. Das wiederum verdanke ich Alejandro (nicht der Hund), der mich zum Mittagessen einmal quer durch einen Obststand am Straßenrand ge-degustiert hat. Das müsst ihr euch ungefähr folgendermaßen vorstellen: Ich nährere mich zaghaft den vielen, bunten Obstkisten. Und werde von Ale überholt. Er greif in eine der Holzboxen, holt eine kleine, rote Kugel heraus, hält sie mir hin und frag mich: „Kennst du die?“ – „Nein, nie gesehen.“ – „Na da, probier!“ Ciruela, heißt das Ding. Und schmeckt fantastisch! Ich erinnere mich jetzt, dass mir die beiden Grenzer bei der Ankunft in Costa Rica eine Tüte davon geschenkt haben. Aber damals waren die Kugeln noch grün, steinhart, bitter und sauer. Grün eben, wie man so schön sagt im Volksmund. Grün im Sinne von „nicht reif“. Doch jetzt, außen dunkel rot und innen süß und gelb sind sie ein wahres Gedicht.

Ich schaue neugierig in die nächste Kiste: Gelbe Kugeln. Etwa Tennisball-Größe. Ale studiert wieder meinen Blick, folgt seiner Richtung, greift in genau diese Kiste und holt auch hier ein Teil heraus. Dann hält er es mir wieder hin und fragt wieder, ob ich es probieren will. Ich nicke. Dann schält er mir die Granadilla und ich führe sie etwas skeptisch zum Mund: Die gelbe Schale war hart. Sie hat beim Eindrücken mit dem Daumen geknackt. Doch drin kommt eine zweite, ganz weiche, fast flauschige Schale in Weiß hervor. „Die kannst du mitessen“, höre ich. Und in ihr verbirgt sich die eigentliche Frucht: Lauter kleine, flutschige, glitschig umhüllte Kerne. Wie Maracuja. Nur viel, viel süßer und nicht so herb. Ich bin noch viel begeisterter als von der „kleinen Roten“.

Dann schnabulieren wir zwischendurch was Bekanntes: Eine Minibanane, eine Orange, eine Mango – darf natürlich nicht fehlen. Und dann, ja dann wage ich einen Blick zu dem komisch verformten grünen Teil. Ein bisschen kleiner als ein Handball. …ohne Luft! Sie ist ein zerknautscht und weich. Ale erklärt, die schmecke wie Guanábana. Und von Guanábana kenne ich ja schon den Saft – das Allerbeste, was es gibt auf der Welt! Doch seit ich einen Literbecher davon in Mexiko gekostet habe, ist mir nie wieder eine Guanábana begegnet. Ich kenne also weder die feste noch die äußere Form der Frucht. Und natürlich bin ich jetzt neugierig. Wenn diese grüne Beule tatsächlich wie Guanábana schmeckt…

Da halte ich schon eine Hälfte in der Hand. Ale zeigt mir wieder, wie man das isst. Ganz einfach: Man beisst einfach rein und schlürft den Saft mit raus. „Wir sind ja schließlich nicht im Sternelokal!“ Ist auch gut so, denn ich schaue mittlerweile aus wie eine kleine Saftsau: Pappige Finger und klebrige Mundwinkel. Doch was hilfts: Forschung verlangt eben manchmal nach Opfern. Und jetzt gilt´s: Das besagte Teil nennt sich Chirimoya. Innen ist es wie ein weißer Schaumstoff mit ein paar schwarzen Kernen. Ich bin nicht sehr überzeugt vom Anblick. Sieht irgendwie trocken aus… Doch als ich den ersten Bissen im Mund habe, kennt mein Glück keine Grenzen mehr! Es ist mein absolut neues Lieblingsobst! Unbeschreiblich, leider. Es ist einfach nur W-A-H-N-S-I-N-N ! Dass ich fast Vierunddreißig Jahre auf dieser Erde bin und noch niemals das Glück in Obstform erkannt habe. Ach wie schön bereichernd ist doch eine Reise machmal!

Hoch sollen sie leben, die Drei Neuen: Granadilla, Ciruela und Chirimoya!

 

 

San Vicente de Canete, Peru (Zelt mit Alejandro & Django)

Tages-Km: 59,42km / -Zeit: 4:04h / -Höhenmeter: 447m

Gesamt-Km: 19.557km / -Zeit: 1.328h / -Höhenmeter: 175.439m

 

…aber eins sollte ich vielleicht noch klarstellen: Ich bin eigentlich wirklich schön gebräunt im Gesicht. Es ist nur Alejandro in Wirklichkeit fast schwarz!

6,444 total views, no views today

311_Einsturz Fahrradpiste in Rio

Ein unscheinbarer Tag. In Peru! Aber schockierend in Rio de Janeiro. Ich hatte einen kleinen Stopp in einer Tankstelle eingelegt, als eine der beiden Mitarbeiterinnen den Fernseher andrehte und just in diesem Moment das hier gezeigt wurde:

https://www.youtube.com/watch?v=10YTPKspoBw

http://www.skysports.com/more-sports/olympics/news/14935/10252802/two-die-in-collapse-of-cycle-lane-built-for-rio-olympics

Die gerade erst eröffnete und mit großem Lob für ihre spektakuläre Sicht auf das Meer ausgezeichnete Fahrradpiste in Rio de Janeiro ist in einem Streckenabschnitt eingestürzt. Wenn ich die spärlichen Berichte richtig verstanden habe, hat eine Welle den Träger von unten aus dem Auflager gehoben/gerissen. Zwei Menschen sind gestorben, weitere Zehn wurden verletzt aus dem Meer geborgen…

Erinnert ihr euch an die Alex Fraser Bridge in Vancouver? Als mir unterwegs ein bisschen schummrig wurde, weil der Fahrradsteg nur eine dünne Eisenplatte war? Ist wohl nie ganz unberechtigt, seine Zweifel am Untergrund zu haben. Komm, da schrauben wir noch schnell so einen Steg ran an die große Autobahn. Fahrräder wiegen ja nichts. „So ein Spielzeugbau!“, werden sich die Ingenieure wohl denken, wenn sie kurz vorher eine richtige Straße für richtige Fahrzeuge berechnet und dimensioniert haben. Oder welch andere Gründe könnte es für so ein Malheur geben? Schwache Ausführung? Falsches Material? Dann wären wir wieder mal beim Klassiker, wenn das letzte Wort nicht der Ingenieur hat…

Jedenfalls wird sich der große Oscar Niemeyer, der Entwerfer der Hauptstadt „Brasilia“ und Namenspatron des Radweges, bestimmt herzlich bedanken für den Klecks auf seiner weißen Karriereweste.

 

 

El Rosario, Peru (Hospedaje)

Tages-Km: 85,07km / -Zeit: 4:50h / -Höhenmeter: 440m

Gesamt-Km: 19.498km / -Zeit: 1.324h / -Höhenmeter: 174.991m

6,469 total views, no views today

310_I´m on my way

Habe ich es nicht schon mal erwähnt: Ich hasse Fliegen! Und wieder einmal hat sich bestätigt, warum. Das Drama geht ja schon immer Tage vor Abflug los: Karton für das Rad suchen! Diesmal waren es schlappe Zehn Kilometer vom Stadtrand ins Zentrum von Panama City, erster über Google recherchierter Laden: Eine Art Minimall mit kleiner Fahrrad(ramsch)abteilung. Vor den Eingangstüren: Lauter seltsame Leute. Hier werde ich einen Teufel tun und mein Fahrrad draußen stehen lassen. Nicht einmal angekettet! Nächster Laden: Unauffindbar. Zunächst! Denn dann erinnert sich doch einer der Fünf gefragten Direktnachbarn, dass nebenan einer Fahrräder verkauft. Doch zu spezielles Material wird hier vertickert und Kisten gibt´s keine. Doch immerhin: Er schickt mich dort hin, wo ich letzendlich fündig werde. Ein Nachmittag ist ins Land gegangen, jetzt muss ich nur noch zurück zum Stadtrand finden – ohne Navigation, denn die Batterie des smarten Telefons ist längst erschöpft. Und es beginnt mittlerweile zu dämmern…

Schritt Zwei: Ich muss irgendwie die beiden reservierten Kartons zum Hostel schaffen. Ein Taxi? Eher nicht, denn es gibt in ganz Panama City kein Taxi mit großem Kofferraum, geschweige denn einen Van. Mit dem Bus? […] Aber ich habe ja Johan! Und Johan hat einen seiner wichtigsten Arbeiter hier: Kim. Und Kim wiederum hat einen dunkelblauen Volvo mit viel Platz hinter dem Fahrer- und Beifahrersitz. Die beiden holen am nächsten Tag die Kisten für mich ab und bringen sie mir bis vor die Haustür – was für ein Glücksfall! Ich kann also mit dem Packen beginnen: Aus Zwei Kisten mach eine vergrößerte, bleibt eine halbe übrig. Die kommt mir gerade recht, da stopfe ich Drei meiner Fahrrataschen hinein. Die Vierte zerre ich als Handgepäck neben dem Saxophon und der pinken Holzkiste in den Flieger. Und mit dieser Ausstattung holt mich Kim am Sonntagmorgen auch wieder ab – um kurz vor Acht.Der Flug geht um Viertel vor Zwölf. Drei Stunden eher da sein macht Viertel vor Neun. Eine Viertel Stunde Fahrzeit vom Hostal zum Flughafen macht halb Neun: Ich gönne Kim also einen schnellen Kaffee, bevor es spannend wird.

Wir brauchen knapp eine halbe Stunde, denn erst mal nehmen wir die falsche Auffahrt auf die Brücke und fahren ein bisschen Richtung Zentrum. Dann – endlich auf Spur – finden wir den Flughafen nicht. Ich weiß nur, dass es sich um einen ehemaligen Militärflughafen handelt. Doch dass dieser so groß ist wie ein üppiges Wohnzimmer, weiß ich erst, als wir Zwei mal daran vorbeigefahren sind. Es gibt praktisch nur Zwei „Hallen“: Eine Wartehalle mit Check-In und eine Wartehalle nach dem Security-Check. Kim will noch bleiben, bis er mich im Zweten Wartebereich sieht – zum Glück! Denn ich kann die kleine Kiste so nicht mitnehmen. Sie muss vollständig verschlossen sein und meine ist bis jetzt noch oben offen, denn ich hatte eigentlich nie vor, mit dieser zu fliegen. Ich wollte nur meine Taschen auf diese Weise besser handhaben können, bis ich sie am Flughafen in Folie packen lasse. In Folie… äääh, ja! Gibt´s nicht! Und dummerweise habe ich mir auch keine Folie gekauft, was ich noch machen wollte. Jetzt steh ich da. Mit Tickets um knapp über Fünfhundert Euro und kann meine Taschen nicht packen. Ich kann die Drei Dinger auch nicht einzeln einchecken. Nicht mal gegen Aufpreis!

Da hat Kim die rettende Idee. Er ist mittlerweile wieder zurück von seiner privaten Personenkontrolle – er wird immer, aber gar immer, immer kontrolliert, hat er mir auf der Herfahrt erzählt – und hat eine Hand voll Kabelbinder dabei. Dann stapelt er die Taschen ein bisschen anders in die Box und schon geht der Karton oben zu. Was für eine Würgerei, aber das wäre geschafft! Eincheck-Vorgang, die Fortsetzung. Doch diesmal geht´s wieder nicht: Die Dame muss nämlich in die große Kiste mit dem Rad reinschauen. Diese habe ich vorher schön verschlossen. Und jetzt muss sie was natürlich? Auf voller Länge wieder aufgerissen werden! Kim wirft mir einen vielsagenden Blick zu, dann ist die Sichtkontrolle auch bestanden und wir schließen auch diese Kiste mit seinen Kabelbindern. Er gibt mir jetzt den Rest mit auf den Weg: „Sicher ist sicher, die wirst du bestimmt brauchen!“, meint er. Dann verabschieden wir uns und ich schreite zur Sicherheitskontrolle.

Darf nicht wahr sein: Ich habe in der Vierten Fahrradtasche mein Besteck drin! Messer: Abgeben. Gabel: Abgeben. Schweizer Taschenmesser: Abgeben. Nur den Löffel nicht, ob das ein gutes Zeichen ist? Dann sehen sie die Kabelbinder: Richtig, auch abgeben. Ich bin den Tränen nahe. Das heißt, eigentlich kullern sie mir schon über die Backen. Denn die Trulla, die mir meine Gefahrengegenstände abgenommen hat, kann diese natürlich nicht nebenan in mein eingechecktes Gepäck hineinstopfen, das ist die Regel. Auch an einem Flughafen, von dem nur ein einziger Flug geht und an dem nur ein einziges Fahrrad direkt hinter ihr auf den Abtransport in den Flieger wartet. Aber ich versuche, es nicht so schwer zu nehmen. War ja schließlich mein eigener Fehler.

Ich lande in Bogotá. Jetzt heißt es „Lauf´, Angi, lauf!“, denn das aufgegebene Gepäck konnte nicht durchgecheckt werden. Ich fliege zwar mit derselben Airline weiter, aber es ging eben nicht. Das bedeutet: Ich muss durch die Einreisekontrolle, eine mega lange Schlange. Ich frage, ob ich mich vorne einreihen darf. Dann zum Gepäckschalter, warten bis das Sperrgepäck kommt. Raus aus dem Gebäude, ein Stockwerk nach oben und wieder rein zum Check-In. Gott sei Dank bin ich frühzeitig dran. Doch trotz der beiden Riesenschachteln auf meinem Kofferkuli darf ich nicht geradewegs zum freien Schalter, denn dieser ist für den Schnell-Check-In gedacht, den man vorher gegen Aufpreis hätte buchen müssen. Hätte ich gemacht, wenn ich gewusst hätte, dass das Gepäck nicht automatisch weitergeleitet wird. Also schlängle ich mich mit all den anderen Fluggästen Richtung Check-In Nummer Zwei. Solange, bis mir die Zeit schon wieder knapp wird und die Dame mir am Ende des Zick-Zack-Kurses eröffnet: Fahrrad und die andere Kiste müssen da hinten zum Sperrgepäckschalter!

Ist auch geschafft, jetzt nochmal die Sicherheitskontrolle, dann bin ich frei! Sollte ja kein Ding sein, denn dieses Gepäck ist ja schon mal geprüft worden. Doch natürlich finden sie wieder was: Mein Feuerzeug: Abgeben. Und meine Mineralstofftabletten…dürfen bleiben. Na wenigstens! Jetzt nur noch einmal hoch in die Luft und für den Rest der Reise habe ich meine Ruhe von derlei Torturen. Endlich im Flieger nicke ich gleich ein, anstatt die Aussicht über Kolumbien zu genießen. Dann landen wir. Ich bin total entspannt, schlendere gemütlich durch die Einreisekontrolle und warte am Gepäckfließband. Es ist mittlerweile Sieben Uhr abends. Um Fünf bin ich aufgestanden und daher nicht schlecht müde jetzt. Da kommt auch schon meine halbe Kiste… Und ich verlasse augenblicklich den Zustand der Entspannung!

Der Karton ist oben aufgerissen, mein Sachen hängen lose heraus. Vorher waren sie alle fein säuberlich in meine Drei Fahrradtaschen verstaut. Ich kriege schier einen Anfall, denn das, was meinem Gepäck offensichtlich widerfahren ist, hat mit Sicherheitskontrolle nichts mehr zu tun: Das ist eine Unverschämtheit! Ich muss direkt am Flughafen alles durchsehen, ob nichts fehlt. Eine Stunde später sind die Taschen wieder im Originalzustand. Dann erst mache ich mich an die Fahrradkiste, die dort am Boden liegt und mit fetten Lettern „bitte nicht hinlegen, aufrecht transportieren!“ beschrifet ist. Sie ist oben noch zu und scheinbar unbeschädigt. Nur an einem Seitenteil ist ein Stück aufgerissen: Dort haben sie offenbar auch noch ihre Schnüffelnasen reinhängen müssen, ob auch wirklich ein Fahrrad transportiert wird. Doch ich bin wieder ruhig: Wenigstens ist das Fahrrad heil angekommen!

Jetzt brauch ich nur noch frisches Geld und ein Taxi. Und davon gibt es ganze Schwärme! Am Ende fahre ich mit einem schwarzen Van, einem Privattaxi und bitte den Fahrer nicht weniger als Zehn mal, mich nicht zu einem Hotel, sondern zu einem HoStel zu fahren. Er will einfach nicht kapieren, dass mir Drießig Dollar für ein günstiges Hotel schon zu viel sind. Dann endlich lenkt er ein und bringt mich, wo ich hin will. Ich schaue das Zimmer an: Sehr sauber, Preis stimmt auch, nehme ich. Meine Sachen sind oben, doch es wird diskutiert. Ja was gibt´s denn hier noch zu diskutieren, frage ich mich. Bis einer der Angestellten schließlich meint: Die will doch nur schlafen! – Ja genau, nur schlafen! Ich soll natürlich noch vorher bezahlen. Und da wird mir klar, warum die Rezeption so seltsam verspiegelt ist und es nur ein kleines Mauseloch zum Hindurchreichen der Kreditkarte gibt: Es ist ein Stundenhotel. Und rings um mich herum, im ganzen Stadtviertel gibt es nur Stundenhotels, die sich zur Tarnung „Hostal“ nennen. Darum wollte der Taxifahrer mich nicht in ein Hostal bringen! Doch ich kann eine Sondervereinbarung treffen und endlich schlafen. Und mein Chauffeur ist auch beruhigt und verabschiedet mich mit einem erleichterten: Welcome to Lima!

Es ist jetzt Montag und ich will schnell mein Fahrrad flott kriegen, damit ich spätestens morgen, am Dienstag, endlich wieder Fahrradfahren kann. Ich mache die große Kiste auf: Fahrrad ganz, Helm kaputt. Als ich ihn genauer unter die Lupe nehme, sehe ich Spuren wie von einem Hammer. Die haben in Bogota meinen Helm absichtlich zertrümmert, weil irgend so ein paranoider Drogenschnüffler beim Sicherheitscheck offenbar noch nie einen Fahrradhelm gesehen hat – diese verdammten Idioten! Ich könnte schon wieder heulen. Doch diesmal mache ich es nicht. Es hilft ja doch nichts! Stattdessen mache ich mich lieber an mein Rad, montiere Vorderreifen und Pedale, drehe den Lenker wieder gerade und spanne noch die…. PENG! Schraube abgedreht. Dort am zentralsten Punkt der Fahrrades, wo das ganze Pedalsystem vom Rahmen gehalten wird, fällt mir jetzt ein Schraubenkopf entgegen. Und der Rest des Gewindes steckt im Gewindehals des Rahmens. Na gut, denke ich mir: Habe ja meine süße, gelbe Zange, um das Gewindestückchen aus dem Loch im Rahmen herauszudrehen. Doch irgendwie will das nicht raus!

Es ist mittlerweile Dienstag und das Ding steckt immer noch verteufelt fest. Da hilft alles nichts: Ich nehme mir ein Taxi, lasse mich zu einem Eisenwarenhändler bringen und kaufe mir eine Metallsäge. Nein, besser, wie mir unterwegs einfällt: Ich kaufe mir eine Feile! Denn bestimmt steht auf der abgerissenen Seite ein kleiner Krater hervor, den ich besser abfeile als absäge. Doch ich komme damit keine Drei Millimeter weiter. Als ich jetzt die zweite, die noch heile Schraube zu Inspektionszwecken herausdrehe, stelle ich fest, dass diese durch das häufige und starke Anziehen am Kopfende etwas gedehnt ist: Das Gewinde ist sichtbar weiter! Und aus diesem Grund will das abgebrochene Teil jetzt auch nicht das Loch verlassen! Meine Zange dreht schon seit einer Stunde durch und ich bin langsam mit meinen Kräften am Ende. Da hilft nur eins: Mittagspause! Doch auch frisch gestärkt dreht sich das verkeilte Stück keinen Deut. Ich überlege, ob ich vielleicht am herausstehenden Ende zwei flache Stellen anfeilen sollte, damit ich mit einem Gabelschlüssel leichter – griffiger – drehen könnte. Doch so kleine Gabelschlüssel…gibtt´s die überhaupt? Oder sollte ich es irgendwo ausbohren lassen? Mir wird schon beim Gedanken daran leicht schummrig, denn wenn dabei was schief geht, dann habe ich meine Kettenspannung gesehen!

Ohne einen wirklichen Plan beschließe ich, mal runter zu der Eisenwerkstatt zu gehen, die ich vorher durch Zufall entdeckt habe, als der Besitzer für einen Moment die Tür offenstehen hat lassen. Ich klopfe und erkläre ihm mit schwarzen Fingern, dass ich ein Problem mit meinem Fahrrad habe. Ob er mir eine Eisensäge borgen könnte. Da fragt er, ob er nicht lieber mitkommen solle. Ich meine, ja klar, wenn er Zeit hat, kann er sich das gerne mal ansehen. Ist ja gleich um die Ecke. Aber die Säge soll er mitnehme, darauf bestehe ich. Zum Glück, denn sonst hätte mich die Dame an der Rezeption wohl nicht so ohne weiteres zurück auf mein Zimmer gelassen – in Begleitung eines Mannes! Nur seine öligen Hände und die Säge ließen es tatsächlich nach einem offiziellen Besuch aussehen. Oben bat ich ihn, mir unten in den Boden des Gewindestummels einen Schlitz hinein zu sägen, damit ich mit einem Schraubenzieher besser drehen könnte. Das tat er. Und dann nahm er den Schraubenzieher, ich die Zange und mit Vier Händen würgten wir Viertelumdrehung um Viertelumdrehung das Ding aus dem Rahmen! Hurra, nur noch die Zwei neuen Schrauben reindrehen, die ich mit der Feile gekauft hatte und SCHON kann´s weitergehen!

Es ist Mittwoch mittlerweile. Ich habe nach langer, langer Zeit wieder einen Sattel unter dem Sitzfleisch und freue mich unbeschreiblich, dass endlich alle Hürden genommen sind und ich wieder beginnen kann, eine Radfahr-Routine aufzubauen. Nur noch schnell zum Campingladen, einen dicken Schlafsack und einen neuen Helm kaufen, dann ist alles erledigt. Post schicke ich von unterwegs mal nach Hause. Doch der Camping-store ist keine Dreißig Quadratmeter groß. Es gibt genau einen Schlafsack. …und genau keinen Helm. Und auch der nächste Laden hat nicht viel mehr zur Auswahl. Ich lasse es am Ende bleiben, mir einen Schlafsack für die anstehenden, kalten Bergfahrten zu erstehen und nehme in Kauf, dass ich dafür umsonst Drei Stunden Irrfahrt durch die Stadt investiert habe. Jetzt ist wieder mal meine Batterie des Navigations-Telefons leer und ich muss mich kurz in ein kleines Bistro setzen, damit diese sich für eine paar Minuten aufladen und mich noch vollends aus der Stadt lotsen kann.

Als ich rauskomme, ist der Hinterreifen platt. Diesmal kann ich nicht anders: Ich flenne einfach los. Hänge mein Telefon wieder rein an das Stromnetz und beginne draußen auf dem Gehsteig die Reparatur. Immerhin, wieder habe ich Glück im Unglück und gegenüber ist eine Tankstelle, an der ich richtig gut Druck in den geflickten Reifen pusten kann. Dann schnell, schnell raus aus der Stadt, denn bald schon wird es wieder dunkel. Es geht jetzt gut voran, seit ich auf der Zubringerautobahn bin. Dann kommt endlich so etwas wie ein Stadtrand! Ich kann mein Glück kaum glauben: Nach einem vollen Tag im Verkehrsdschungel von Lima hab ich es endlich hinter mir! Jetzt fahre ich noch ein paar Kilometer und kann wenigstens morgen frisch und fröhlich meine Weiterreise fortsetzen.

Doch vorher tut es noch einen Schlag! Es bricht die linke Aufhängung des vorderen Gepäckträgers. Ihr lieben Leser, wenn es euch jetzt langsam nervt, dann kann ich das wirklich gut verstehen!

Ich fahre noch ein paar Kilometer im Schneckentempo. Übersehe natürlich trotzdem ein kleines Schlaglöchlein und es wurstelt mir auch noch die Aufhängung vom Schutzblech in die Speichen. Dann habe ich endgültig die Schnauze voll. Ich bettle mich in ein Restaurant mit Zimmervermietung: Die Wirtin ist eigentlich zu faul, mir ein Zimmer herzurichten und schickt mich weiter. Doch als ich zurückkomme und ihr erzähle, dass erstens dieser andere Laden geschlossen hat und ich zweitens nicht weiterfahren kann, bevor ich nicht mein Fahrrad in Ordnung bringe und drittens das so lange dauern wird, bis die Nacht herein bricht, hat ihr Mann ein Einsehen: Ich darf hinten im Garten zelten. Und mein Fahrrad reparieren. Und als das erledigt ist, habe ich endlich das Gefühl, wieder auf Spur zu sein.

Morgen geht die Reise weiter. Morgen klappt´s. Ich weiß es. I´m on my way!

 

The Proclaimers – I´m on my way

 

 

Lima, Peru (Zelt im Wasserpark “Venecia”)

Tages-Km: 38,52km / -Zeit: 3:08h / -Höhenmeter: 115m

Gesamt-Km: 19.413km / -Zeit: 1.319h / -Höhenmeter: 174.551m

6,744 total views, no views today

Wo der Rauch aufsteigt

Ich habe gebucht! Doch ich lasse euch noch ein bisschen zappeln…

Und erzähle euch derweil vom brennenden Busch. Von den letzten Flecken Regenwald in Panama, von dem innerlichen Zwiespalt zwischen gewinnbringender Wiederaufforstung und dazu vorher notwendiger Brandrodung, von Teak-Plantagen und kal(t)kuliertem Business, Indianern und Investoren.

Es war der zweite Abend in Panama und ich ging auf Schnüffeltour. In den nagegelegenen Hafen von Balboa hat es mich gezogen, um ein bisschen Schiffsluft zu schnuppern. Da laufe ich Johan über den Weg. Er wird jetzt für eine gute Woche hier sein und sich um sein panamesisches Geschäft kümmern: Teakholz Plantagen. Und während wir nun beide eine schnelle Minipizza an der Ecke zum Abendessen haben, erzählt er mir von seinem Business. Und vermutlich weil ich ihm ein bisschen von meiner Reise erzähle, die ihn an einen seiner eigenen, noch offenen Träume erinnert, bekomme ich vor unserer Verabschiedung die Einladung, ihn in den nächsten Tagen auf seine Reise ans Ende der Welt zu begleiten. Er wird für Zwei Tage nach Darien fahren, wo seine Bäume stehen und von außer Kontrolle geratenen Bränden hoffentlich nicht allzu schwer verletzt worden sind. Und nachdem ich ohnehin etwas mehr Zeit brauche, mich hier auf den Flug vorzubereiten, sage ich ihm am Ende schlicht und einfach zu.

Wir fahren mit dem Auto aus Panama City heraus und nach Osten. So lange, bis die Straße im Urwald endet. Oder sagen wir besser: In so einer Art Urwald, denn richtig ur-originalen Wald gibt es hier kaum noch, erklären mir Johan und Omar, der Fahrer, auf dem Weg dorthin. Schon auf dem Hinweg deutet Omar immer wieder in die umliegenden Hügel, wo an mehreren Stellen Rauch aufsteigt – wie wir es bei Janosch gelernt haben. Ich denke mir: Was will er denn? Das habe ich die letzten paar Monate immer wieder gesehen. Die Leute verbrennen gefallenes Laub und Äste sozusagen auf niedriger Flamme, damit das Land anschließend aufgeräumt und neu bepflanzbar ist. Und wenn der Brand nicht außer Kontrolle gerät, düngt die Asche sogar den Boden. Doch als wir am See vorbeikommen, erklärt Omar, dass man all die Inseln, die hier das Wasser wie ein Feld mit vielen Maulwurfshaufen erscheinen lassen, normalerweise gar nicht sieht. Nur ein, zwei vielleicht. Der Rest ist sonst immer unter Wasser! Und auch Johan lärmt wieder und wieder, dass er Panama noch nie so dürr und trocken gesehen habe. Der Klimawandel ist eben überall…

Dann kommen wir zur ersten Plantage. Für mich steht ein Pferd bereit. Wobei… eigentlich war es für Omar gedacht. Aber er lässt mir den Vor(t)ritt. Und so (sch)reiten wir nun gemeinsam durch die ungefähr Acht Jahre alten Baumreihen. Der Boden ist verkohlt und nur wenige, nach dem Feuer gefallene Blätter liegen zwischen den manchmal knie-, manchmal mannshoch verkokelten Stämmen. Johan zieht sein Taschenmesser und schnitzt an ein paar Stellen freiliegende Wurzeln an, um zu sehen, wie dick die verbrannte Schicht wirklich ist. Gott sei Dank: Es ist wohl nicht so schlimm und die Bäume werden mehr oder weniger unbeschadet weiterwachsen. Doch allein die Tatsache, dass dieses Feuer nicht absichtlich von seinen Arbeitern, sondern von einem der Nachbarn angezündet worden war und wenn man so will „versehentlich“ auf seinem Grundstück gelandet ist, beunruhigt ihn natürlich. „Ja wissen denn die Leute nicht um den Ausnahmezustand des Landes, um die außergewöhnliche Trockenheit?“, will ich wissen. Doch, doch, meint Omar. Es ist mittlerweile von offizieller Seite untersagt, diese „Aufräumfeuer“ anzustecken. Doch die einen tun es trotzdem. Und die anderen, die tun es gerade mit Absicht! Zum Beispiel gibt es in näherer Nachbarschaft ein paar kriminelle Typen, die auf diese Weise an Land kommen wollen. Sie fällen und stehlen Holz von den Plantagen fremder Investoren oder legen Brände, um diese so lange zu vergraulen, bis sie die weiße Fahne ziehen und das Land verlassen. Doch natürlich wird das keiner tun, denn es steckt in so einer Plantage jede Menge Geld von privaten Langzeitanlegern. Johan muss um seinen Stand hier kämpfen. Doch wie man mit solchen Typen umgeht, das wird er sich in den nächsten Tagen gut überlegen müssen…

Wir fahren nach und nach alle seine Plantagen ab. Unterwegs passieren wir einen Hügel, der in lodernden Flammen steht. Ein hilfloser Bauarbeiter versucht das Feuer am Rand mit ein paar Besenhieben aufzuhalten. Doch er hat keine Chance: Es zieht, wohin es der Wind weht! Und die Bäume, die hier in der Nähe stehen, sehen deutlich mitgenommener aus, als die des ersten Pflanzgebietes. Es ist kein guter Tag für Johan und Omar, der unter dem Jahr die Plantagen in seiner Obhut hat. Sie entscheiden, das zur Anzeige zu bringen. Doch als wir in Yaviza, dem allerletzten Dorf, bevor der für mich unpassierbare Wald zwischen Panama und Kolumbien beginnt, auf der Polizeiwache ankommen, beginnen diese fast zu lächeln: Leute, wir haben jetzt wirklich keine Zeit für eure Privatprobleme, denn es brennt seit heute Früh ein Teil des Naturschutzgebietes! Alle verfügbaren Kräfte sind jetzt dort eingesetzt, um mit erster Priorität diesen Flecken Regenwald zu retten.

Das ist überhaupt ein gutes Stichwort. Wie Johan zum Regenwald und dessen immer noch fortschreitender Abholzung steht, würde mich brennend interessieren. Und die Art, in der er mir antwortet und auch von selbst immer wieder dieses Thema auf den Tisch bringt, überzeugt mich. Wie ich ihn einschätze, kann er ein ziemlich strikter und auch harter Geschäftsmann sein. Aber in Wirklichkeit ist er jemand, den es schmerzt, das Land so trocken und verdorrt zu sehen. Man spürt das, wenn man hinter ihm durch die Felder und Hügel schreitet. Er erzählt immer wieder, dass diese Trockenheit auf die Abholzung des Regenwaldes zurückzuführen ist. Vorher hat der Wald selbst die Feuchtigkeit gespeichert und den Regen für das Land erzeugt. Jetzt gibt es schlicht nichts mehr, was den Boden vor der aggressiven Sonne schützt. Breite Risse haben sich aufgetan in der Erde, Bäche und Sümpfe sind ausgetrocknet und die darin lebenden Schildkröten und Aligatoren sind entweder schon gestorben oder dümpeln in einer letzten, lächerlich mickrigen Pfütze und hoffen auf baldigen Regen. Johan kann sich selbst noch an das Land hier erinnern, wie es vor guten Zehn Jahren Grün und in vollem Saft stand. Er wirkt ehrlich bestürzt, hilflos und traurig über die Tatsache, dass man die Leute nicht aufhalten kann, immer weiter und weiter Bäume zu fällen.

Es ist offiziell verboten, den Wald zu schneiden. Doch als Omar es mir in diesen Worten mitteilt, entweicht Johan ein belächelndes „Tsss!“. Es ist verboten, doch es gibt natürlich Ausnahmen. Und es gibt selbstverständlich Korruption. Eine Ausnahme, wenn ich das richtig verstanden habe, könnte zum Beispiel ein Privatmann haben, der sagt, dass er einen Regenwaldbaum dringend für seine Hüttte zum Bauen braucht. Schon kann er die Säge ansetzen. Hingegen kann kein reicher, ausländischer Investor kommen und den Wald beseitigen, um eine gewinnbringende Plantage anzulegen. Doch natürlich gibt es ein paar schwerreiche Großfäller, die schon seit Vierzig und mehr Jahren Bäume schneiden und verkaufen und sogar eine Ausnahmeregelung bekommen haben, als das Gesetz des Schnittverbots in Kraft getreten ist: Sie dürfen noch ein paar (ich meine Zwanzig) Jahre lang weiterschneiden. Und wenn ihr wüsstet, was Johan mir von seinen Kollegen, von anderen Investoren und deren Umgangsmethoden erzählt hat, wie die mit Schusswaffen und Drogen spielen, dann kann ich mir nur zu gut denken, dass hier auch nach Ablauf des vereinbarten Ultimatums keiner es wagen würde, sich so einem „Guru“ in den Weg zu stellen. Es würde ihn schlicht Kopf und Kragen kosten. So einfach ist das in der Wirklichkeit!

Außerdem gilt dieses Gesetz natürlich nur für staatlichen Grund. Es gibt aber indigene Grundbesitzer, die sich neben dieser Regelung natürlich ins Fäustchen lachen. Sie plündern munter weiter und fällen und brandroden auf Hochtouren! Um zum Beispiel später Bananen anzupflanzen – ein schnelles und bequemes Business. Als wir uns zurück auf den Weg nach Panama City machen, steht vor uns ein Laster mit ein paar Stücken Riesenbaum auf der Ladefläche. „Da schau, das ist mit Sicherheit ein Urwaldbaum!“, meint Johan zu mir. Aber wie kann man das denn jetzt aufhalten? Schlicht und einfach kein Tropenholz mehr kaufen? Das ist zumindest ein Anfang. Eine Grundregel. Aber man muss sich ein bisschen einarbeiten. Denn wenn man zum Beispiel Teakholz von Johans Plantage kaufen würde, dann hätte man damit eine Art Wiederaufforstung unterstützt. Natürlich keine Wiederaufforstung des Regenwaldes. Aber immerhin: Er hat den Grund gekauft, als dort schon kein Wald mehr war. Und er hat Bäume gepflanzt. Die jetzt gute Zwanzig Jahre lang wachsen, bevor sie geschnitten werden. Und dann wird möglicherweise die nächste Generation wieder anpflanzen. Klar, es handelt sich um eine Monokultur, die den Boden auch auf eine Art Einseitigkeit ausbeutet. Es werden immer dieselben Mineral- und Nährstoffe aus der Erde gezogen. Aber um die Situation hier zu retten, müsste man schlicht und einfach Strg+Z drücken können. Es war nämlich von der Natur schon perfekt eingerichtet! Und jegliche Art unseren menschlichen Agierens ist dagegen einfach nur lächerlich und hilflos. Eine Wiederherstellung eines gesundes Gleichgewichtes für Natur und Boden wird es in unserer profitorientierten Gesellschaft nie mehr geben. Das wage sogar ich in meiner pinkfarbenen Naivität vorherzusagen.

Was also, wenn man unbedingt Teakholz braucht? Dann könnte man es tatsächlich aus panamesischen Plantagen kaufen, denn eins steht fest: Aus dem Urwald können diese Bäume nicht geschnitten sein, weil Teakholz in Zentralamerika nicht wächst – es ist in Asien zu Hause. Es ist also von Natur aus gesichert, dass es von einer Plantage kommt. Und die nächste Absicherung könnte sein, dass für eine Plantage kein Wald gefällt werden darf. Er war also schon gefällt, als jemand eine Teakpflanzung angefangen hat. Aber das ist schon etwas wackliger, wie wir gelernt haben. Am Ende hilft nur eins: Sich den Besitzer, Eigentümer, Betreiber des Geschäftes ansehen und ihn persönlich kennenlernen. Mit ihm nach Panama reisen und ihn und seine Leute kennenlernen. Bei Johan zum Beispiel hatte ich jetzt nach diesen Zwei Tagen das Gefühl gewonnen, dass er sich seinen Herzschlag für unberührte Natur bewahrt hat. Es klingt absurd, ich weiß! Aber er schwärmt mir wieder und wieder von einer Wanderreise in die Wälder Schwedens – seiner Heimat – vor. Wie er dort irgendwann mal eine kleine Hütte im Niemandsland haben will, ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Einfach nur mit dem, was die Natur ihm spendet. Und gebaut mit seinen eigenen Händen und ohne Materialien, die in einem Wald nichts verloren haben. Und auch seine Ehrlichkeit in Bezug auf bestehende Zertifizierungsmethoden, die es im Holzhandel gibt – seiner Meinung nach schlicht Betrug und Geldmacherei ohne jegliche tatsächliche Garantie hinsichtlich Herkunft der Hölzer oder Arbeitsbedingungen der Arbeiter – überzeugen mich davon, dass in seiner harten Investorschale ein wirklich gutes Herz schlägt. Am Ende hilft möglicherweise wirklich nur, keine Tropenhölzer zu kaufen und auf einheimisches Holz zurückzugreifen. Aber ihr wisst ja bestimmt, dass auch unsere europäischen Fichtenwälder nichts als grausige Monokulturen sind, für die der Originalbestand an Wald schon dran glauben hat müssen…

Alles in allem habe ich leider keine Lösung für euch gefunden. Kein Rezept und auch irgendwie keine gute Nachricht. Aber ich habe ein paar wirklich hochinteressante Einblicke in die Machenschaften des Bananenlandes gewinnen können und ich hoffe, es war auch für euch – wenn auch nicht beruhigend – wenigstens informativ. Persönlich fühle ich mich jedenfalls enorm bereichert durch diese Zwei Tage und ich danke Johan und Omar von Herzen, dass sie mich ohne Geheimniskrämerei an ihrem Business teilhaben ließen. Danke und allzeit alles erdenklich Gute für euch und eure Bäume!

 

Balboa, Panamá (Zelt im Hostal Amador)

6,532 total views, 2 views today

Ein Architekt muss planen

Jetzt befinde ich mich an einem Punkt, an dem ich nicht mehr umhin komme, ein bisschen zu planen. Ich habe es natürlich nicht lassen können, dem Schiffstraum noch einen letzten Anlauf zu geben. Aber schon sehr bald stand fest: Der strahlend weiße Matrose vor ein paar Tagen war leider keine Reisevorschau! Doch mittlerweile bin ich immerhin schon so weit aus meinen Träumereien herausgereift, dass ich kaum mehr Zeit und Energie investiere. Klar, einen Funken der Hoffnung lasse erhalten ich am Glimmen. Aber ein Feuer entfache ich diesmal nicht mehr. Die Kontakte, die mir zugespielt werden, enden in einem buchbaren Segelboot, das mich von Kolon – der Stadt am Nordende des Panamakanals – in die Karibik und von dort irgendwann nach Cartagena – die Stadt in der Nord-West-Ecke von Kolumbien – bringen würde. Für teures Geld natürlich. Aber: Teures Geld habe ich derzeit nicht! Und wenn man ohne Schönmalerei die Fakten betrachtet, habe ich eigentlich nicht mal mehr die Zeit, von Cartagena aus zu starten. So viel kann ich noch rechnen, dass sich das mit Rio nicht mehr ausgehen würde. Also wohin denn jetzt?

Ich klemme mich einen Tag lang hinter meinen Bildschirm und lasse fast schon vergessene Gefühle wieder aufleben: Ich starte Excel! Und parallel switche ich zu Google maps, wo ich mir Stückweise die Distanzen zwischen verschiedenen Städten oder Meilensteinen meiner noch vor mir liegenden Reise ermittle. Dann errechne ich mir aus den bereits gefahrenen Strecken einen Faktor, um den sich Google im Allgemeinen vermisst. Ich komme auf gute Dreizehn Prozent Strecke, die ich auf die Google-Strecke noch aufschlagen muss, um einen einigermaßen realistischen Wert zu erhalten. Und aus meinen Aufzeichnungen weiß ich ungefähr, welchen Kilometerdurchschnitt ich am Tag und somit in den mir verbleibenden Dreieinhalb Monaten zu fahren im Stande bin. Den Startpunkt der zu berechnenden Route setze ich in Rio. Und von dort aus klicke ich mich rückwärts ein Stück weit südlich die Küste entlang, dann in die Hauptstadt von Paraguay, wo ein Drei gute Freunde von mir leben, die ich unterwegs gerne besuchen möchte. Dann geht´s weiter zum „Salar de Uyuni“, der wohl berühmtesten Salzebene dieser Erde. Sie liegt hoch oben in Bolivien. Als nächstes stellt sich mir „Machupicchu“ in den Weg, mindestens ebenso berühmt, aber eigentlich ein mehrtägiger Wanderpfad zu der ehemaligen Inkastadt. Ich werde meinen Sattel vermutlich nicht verlassen. Aber ich habe gehört, man kann da auch hinfahren… Richtig Zeit, um zu recherchieren, habe ich nicht – ich lasse es wieder einmal auf mich zukommen. Und dann…? Ja, dann werden mir die Kilometer schon langsam knapp! Ganz grob sprechen wir hier von Fünfeinhalb Tausend. Dafür muss ich schon fast die ganzen Drei Monate veranschlagen, denn es wird wieder steil! Ich habe also noch gut einen halben Monat zu vergeben.

Will ich da jetzt lieber nach Kolumbien, wo der Kaffee wächst? Oder ins schlaraffenartige Ecuador, das Heimatland von Dieter, der damals vor vielen Jahren auf demselben Stockwerk im Studentenheim gewohnt und mir von zu Hause vorgeschwärmt hat: Es gibt Berge, es gibt Meer, es gibt Wald und Bäche und Wasserfälle. Es gibt wilde Tiere und es gibt tropisches Obst. Es gibt einfach alles. Es ist das Paradies! Worauf setze ich jetzt den Fokus? Fest steht nur: Einen Teil der Strecke muss ich überbrücken. Aber welchen? Welcher wird´s? Und welcher nicht?

 

Balboa, Panamá (Zelt im Hostal Amador)

6,663 total views, 1 views today