337_Pudelstark

Bis zum Lattenrost war sie durchgeritten, die Matratze der letzten Nacht. Da hatte nichts mehr gefedert. Und so war ich irgendwie extrem verspannt im Nacken und in den Schultern. Eigentlich am ganzen Körper, denn der Regen hatte mich zu rapide abgekühlt. Ich hatte die ganze Nacht über schlimme Kopfschmerzen, die erst gegen Morgen langsam nachließen, als ich mich wieder einer normalen Körpertemperatur annäherte und etwas lockerer in meiner Matratze hing. Ich hatte mir diese Zeit zur Erholung einfach mal gegönnt. Warum nicht? Bin um Zehn erst aus den Federn und habe mich dann gegenüber der Unterkunft an den kleinen Straßenkarren mit den Frühstückssäften in die Sonne gesetzt. Und dann bin ich in aller Ruhe und Gelassenheit in einen unbeschreiblichen Tag gestartet.

Heute blieb es trocken. Und ich fuhr den ganzen, lieben, langen Tag durch die Hochebene. Es ging wirklich nur flach dahin. Und während ich gute Musik hörte und ohne viel Anstrengung Richtung Süden strampelte, guckte ich in die Luft und die Landschaft. Es war ein Dreihundertsechzig-Grad-Programm: Hinter mir: Regen. Vor mir: Sonne. Links: Dicke, weiße, bauschige Wolken. Rechts: Graue Zauswolken. Ein bisschen Wind, der über die goldgelben Strohfelder streifte. Sonne, die manchmal die weißen Wolken mit strahlenden Rändern versah, manchmal flitzende Wolkenschatten auf dem Boden abzeichnete. Es war kein Moment wie der andere. Immer war was geboten. Es war einer der schönsten Tage hier in Peru!

 

 

 

Pukará, Peru (Zelt)

Tages-Km: 69,06km / -Zeit: 3:34h / -Höhenmeter: 109m

Gesamt-Km: 20.816km / -Zeit: 1.425h / -Höhenmeter: 190.634m

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336_Jetzt Abra La Raya!

Bin ich also gestern ein bisschen zu früh von der Piste geholt worden. Doch einen Teufel werde ich tun, mich darüber zu ärgern! Denn so hatte ich heute den letzten Pass gegen Mittag erreicht. Und was für eine tolle Landschaft ich jetzt wieder um mich hatte – sagenhaft! Es ging ganz sachte hinauf. Neben mir immer die Gleise des peruanischen Tuckerzuges. Und etwas weiter seitlich hohe Gipfel. Zum Teil oben mit einer kleinen Schneehaube vom gestrigen Niederschlag. Doch unten war es noch sonnig und warm. Die Farben reichten von Ocker bis zu einem strohigen Gelb, in dem die verdorrten Gräser standen und ein paar Alpaca-Herden weideten. Hier war es wieder friedlich! Hellblauer Himmel, Sonne, weiße Wolken. Und nichts, das den Frieden und die Idylle trübt. Hier oben vergesse ich immer alle meine Sorgen. Soll sich doch der Hund drum kümmern, ich bin in der Hüpfburg!

Oben angekommen habe ich mich vor lauter Übermut gleich noch das Fell über die Ohren ziehen lassen: Schlappe Achtzig Soles habe ich hingelegt für ein astreine Pudelmütze. Eigentlich hätte ich gewusst, dass ich diese auch für Vierzig oder gar Dreißig bekommen könnte. Doch ich war einfach zu gut drauf. Na ja, am Ende sind es ja doch nur Zwanzig Euro für mich und das kleine Alpaca, das daran hat glauben müssen. Doch die Dame war glücklich. Und ich auch. Vielleicht gibt´s ja mal noch Gelegenheit, euch den Fang vorzustellen…

Danach ging der Abwärtsritt los. Und der Himmel vergraute sich. Als ich im nächsten Dorf eintrudelte, um dort was zu essen, schob sich da ein anderer Tagesordnungspunkt ganz an die Spitze der To-Do-Liste: Regenklamotten anziehen. Und gleich darauf: Rad auf den Sattel stellen und Platten flicken. Lange nicht gehabt. Aber ich weiß noch immer, wie´s geht. Und was für ein Glück, dass ich mein Schicksal so demütig getragen habe und mich nicht bei Petrus über die dicken Tropfen während der Flickarbeit beschwert habe. Denn danach hat er es erst richtig laufen lassen! Krasses Pferd, in Strömen hat es geregnet und gehagelt! Das erste Mal habe ich mich gerade noch unter das Vordach von einem Kiosk retten können. Doch beim Zweiten Wolkenbruch hatte ich die Schnauze voll: Mein Rad stand in einem kleinen Laden an der Ecke und draußen platschte das Wasser nur so vom Himmel und vom Dach. Kalt war es zudem geworden! Da ließ ich mich von dem kleinen Buben einmal um die Baustelle herumführen bis zu einer Unterkunft. Ich hatte da nur ein kleines Problemchen: Der Flauschehelm, den ich mir zu Mittag geleistet hatte, kam mich jetzt erst richtig teuer zu stehen. Ich hatte nämlich für (kein) Mittagessen, ein Abendessen, eine Übernachtung, ein Frühstück und ein Mittagessen nur noch Zwanzig Soles zur Verfügung. Dann erst konnte ich einen nächsten Geldautomaten erreichen. Doch in Peru lässt sich damit ja zum Glück auskommen: Mittagessen war wie gesagt der Reparatur zum Opfer gefallen, zu Abend aß ich nur den Hauptgang ohne Suppe für Dreifünfzig, zum Frühstück Zwei alte Brotfladen mit Marmelade, gekauft nur ein Glas Quinoa-Brühe für einen Sol und die Unterkunft kostete gerade Mal Zehn. Check!

 

 

Santa Rosa, Peru (Hospedaje)

Tages-Km: 45,36km / -Zeit: 3:21h / -Höhenmeter: 456m

Gesamt-Km: 20.747km / -Zeit: 1.422h / -Höhenmeter: 190.525m

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335_Potz Blitz

Was für eine Nacht: Da hatte ich Schlauberger mir gedacht, nehme ich mir nochmal ein Zimmer, damit ich mal so richtig ausschlafen kann, denn die Nächte hier sind schon ziemlich frisch im Zelt. Doch im Nachbardorf ist Party. Und da wollen alle hin. Oder – wer schon da ist – kommt des nachts zurück, hämmert voll beduselt eine Viertelstunde lang gegen das eiserne Garagentor des Hotels, um noch ein Bettchen zu bekommen, das es nicht mehr gibt, weil bereits alles ausgebucht ist. Doch bis sich der liebe Herr Eigentümer des Ladens dazu bequemt, dem Suffkopf draußen das zu erklären, bin ich längst auch wieder wach, kriege Hunger und kann nicht mehr einschlafen. Das ist endgültig das Signal: Ich brauche Wildnis!

Und heute bekomme ich sie auch. Wenn auch etwas früher als erwartet: Ein schauriges Gewitter zieht nämlich auf. Der Himmel schwarz, Blitze zischen schon vom Tal nebenan über die Bergkette. Da flüchte ich mich im letzten Moment und mit dem wirklich letzten Atemzug unter das Vordach einer Kirche, bevor es losprasselt. Krass, wie lange habe ich jetzt schon keinen Regen mehr erlebt? Ich kann mich nicht erinnern. Doch ich genieße mein trockenes Plätzchen, das mir der liebe Gott heute wie durch ein Wunder genau zum richtigen Moment an die richtige Stelle erbaut hat. So geht´s mir doch gleich viel besser!

 

Vor dem Pass „Abra La Raya“, Peru (Zelt)

Tages-Km: 56,29km / -Zeit: 3:34h / -Höhenmeter: 543m

Gesamt-Km: 20.701km / -Zeit: 1.418h / -Höhenmeter: 190.068m

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333_Bloß weg!

Zwei Mal Sieben Stunden Busfahrt, über zu ausgelatschte Schuhe klagende Füße und einen bomben Muskelkater in den Haxen: Ich hab wieder genug von Ausflügen! Was für ein Glück, dass ich heute wieder in den Sattel darf. Ohnehin hielt mich jetzt in Cusco nichts mehr. Alle die Leute, denen ich mich schon angenähert hatte, waren weg. Außer die beiden Franzosen, deren Namen ich nicht einmal weiß. Mit denen wäre es bestimmt auch noch lustig geworden, aber ich war froh, dass ich all den anderen nicht nochmal meine Geschichte von vorne erzählen musste. Irgendwie herrschte Abreisestimmung. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, rührte diese eher von innen als von außen her.

Alle waren weg, nur eine war wieder da: Die Chinesin, die schon in einer der Nächte vor meinem Machu Picchu-Ritt mit in meinem Zimmer war. Nicht, dass das an sich ein Problem wäre. Sie war ein nettes Mädel! Sie war offen und redete gern. Sie redete fast etwas zu gern für einen Allgäuer. Und das in der Nacht um Elf: Ich war schon seit einer Stunde in Mumienstellung und sie rumpelte eine Stunde vor Mitternacht bei der Tür herein, schaltete natürlich erst Mal das Licht an, um sich anschließend sofort dafür zu entschuldigen. Diese Entschuldigung mündete nahtlos in eine Art Selbstgespräch, während sie eine Stunde lang ihren Reiserucksack in eine Kompaktversion für den Machu Picchu kleiner packte. Das alles natürlich bei hellster Beleuchtung – so sorry!

Diesmal war ich es gewesen, die später ins Zimmer gekommen war. Aber ich habe mich anständig verhalten, das Licht, das sie vergessen hatte, auszuschalten, bevor sie eingeschlafen war, ausgelöscht und bin dann auf Samtpfoten in die Heija geschlichen. Am nächsten Morgen wachten wir diesmal gleichzeitig auf. Nicht – wie beim letzten Mal – ich durch sie. Sie war total begeistert, mich wiederzusehen. Ich selbstverständlich auch: Hurra, hurra. Es dauerte nicht lange, da bat sie mich um einen Gefallen: Ob sie meinen Computer ausleihen könnte, um ihren Flug nach La Paz zu buchen. Sie wüsste auch schon ganz genau, welches Ticket. Dauere also nur ganz, ganz kurz. Na klar, sagte ich. Aber bitte mach das gleich, während ich meine Sachen waschen muss, mich dusche und frühstücke. Denn danach will ich noch einen Blog schreiben, bevor ich aufbreche und für ein paar Tage ohne Internet sein werde. Und bitte lass den Computer am Strom angesteckt, dass ich volle Batterie habe, wenn ich losfahre!

Ok, geht klar meinte sie. Und hockte nachdem ich das erste Mal von der Wäscherei drüben zurückgekommen war, im Schlafanzug und Schneidersitz auf der Bettkante uns studierte die Bibel. Ich erinnerte sie, dass ich den Computer dann selbst bräuchte. Ok, geht klar. Ich raffte also hurtig alle Sachen für die Wäscherei zusammen, brachte es über die Straße in den Waschsalon, kam zurück und fand sie noch immer in Schlafanzug und Schneidersitz mit Bibel. Ich erklärte ihr nochmal ganz sanft, dass ich jetzt noch schnell duschen werde, dann frühstücken und dann… Ja, ja, meinte sie. Sie wisse es. Ich kam aus der Dusche: Schlafanzug, Schneidersitz. Da hätte ich sie schon schütteln können! Doch sie hat es im Stummen verstanden und ist mit dem Bildschirm unter dem Arm nach unten in Routernähe verschwunden – das Kabel hing selbstverständlich noch von der Steckdose. Ich frühstückte, da rief sie mich. Ob ich ihr kurz helfen könne, die Seite der Airline zu übersetzen. Sie kann das Spanische nicht so gut verstehen. Das wiederum verstehe ich, denn sie spricht schon Drei Sprachen mit Drei unterschiedlichen Schriftzeichen. Also setzte ich mich „kurz“ neben sie, um ihr zu erklären, wo sie im Buchungsvorgang Name, Nachname, Dokumentnummer und so weiter einzugeben hatte. Dann war das Ticket gebucht. Und sie sollte nur noch schnell kontrollieren, ob die Bestätigungsmail auch angekommen war. Doch wie war jetzt noch gleich das Passwort?

Ich trippelte schon mit den Fingern. Da sagte sie endlich, dass wohl alles gut gegangen sei mit der Bucherei. Ich atmete durch: Konnte ich dann wohl endlich an mein Gerät? Sie klammerte aber noch fest daran. Und zur Erklärung bekam ich, dass sie gerade überlege, ob sie nicht auch noch gleich den Weiterflug von La Paz bis Uyuni buchen solle…

Ich bin wirklich zu gut für diese Welt. Denn ich habe ihr auch noch angeboten, ihr wieder zu helfen! Bis sie sich aber so weit vorangeklickt hatte, wollte ich wenigstens alle meine Sachen fertig gepackt haben. Die Sachen aus der Wäscherei waren auch schon fertig und abholbereit – nach Zweieinhalb Stunden. Ich kam zurück und da trällerte sie schon aus der Küche. Also: Nochmal schnell die Onlinemaske ausfüllen, letzter Check vor Abschluß des Buchungsvorgangs, doch halt! Die haben jetzt ihre beiden Vornamen ohne Zwischenraum angegeben im Vorschauticket. Ich erklärte ihr, dass ich beim Eintippen gesehen habe, dass sie den Zwischenraum gegeben hat. Was hätte ich auch sonst tun sollen, als ihr beim Tippen zuzusehen. Es musste sich also um einen Automatismus handeln. Meine Vornamen stehen auch immer ohne Leerzeichen auf dem Ticket. Doch sie wollte lieber auf Nummer sicher gehen und das korrigieren. Nur: Einen Korrekturbutton gab es nirgends. Am Ende klickte sie oben links auf den hellblauen Pfeil, der nach links zeigt und im Browserverlauf eine Stufe zurück geht. Im Klartext: Sie komplett aus der Eingabemaske wirft. „Die Sitzung ist abgelaufen!“… Da war ich aber auf Hundertachtzig! Diesmal kann sie ihre (Sch…) allein machen, hab ich ihr gesagt. Bis sie das erledigt hatte, verging nochmal eine gute, eine sehr gute halbe Stunde und am Ende zischte ich ohne auch nur einen einzigen Klick getan zu haben, aus dem Hostal. Es war jetzt Mittag und ich bedient, als wäre es Mitternacht!

Das wirklich Schönste an diesem Tag war, dass mir alle vom Hof aus ein fröhliches „Good-bye, buen viaje, Angela!“ zuposaunt haben, als ich die Rampe hoch zur Straße geschoben habe. Das hat mir einen richtigen Anschupser gegeben, bevor es für den Rest des Tages mit leichtem Tröpfeln aus der Stadt zurück in die Natur rollte. Aber ich frage mich natürlich, was sich solche Leute wie die liebe Chinesin eigentlich denken…

 

Urcos, Peru (Hospedaje „El Amigo“)

Tages-Km: 47,70km / -Zeit: 2:23h / -Höhenmeter: 278m

Gesamt-Km: 20.579km / -Zeit: 1.411h / -Höhenmeter: 188.754m

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Machu-Picchu-Scheid

Das Ende der Busfahrt hat mir bestätigt, dass ich hier tatsächlich niemals mit dem Fahrrad hätte herkommen wollen: Steine, Staub und Steil! Die pure Hölle für mein pinkes Fräulein wäre das geworden. Doch um den Pass ist es elend schade. Ihn durch die Karosserie des Tourbusses zu sehen, hat mir schier das Herz gebrochen. Wie gerne wäre ich da draußen gewesen, die Nasenspitze in die kühle Höhenluft, uneingeschränkter Rundumblick, ein fast unendlicher Aufstieg gefolgt von einer noch viel unendlicheren Abfahrt. Von Viertausenddreihundert runter auf Eintausendachthundert… irgendwann Mal! Vielleicht ja mit Papa…

Kaum angekommen an der Endhaltestelle, hat mich schier der Schlag getroffen. Ich war in Sieben Stunden von Cusco bis zum Münchner Stacchus gekommen! So viele bunte und schräge Leute auf einem Haufen hatte ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und eigentlich hätte ich mir das auch problemlos noch eine Weile verkneifen können! Doch jetzt waren sie ja schon mal da. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: Hinter ihren vollgestopften Rucksäcken hertrippeln oder überholen. Ich überholte. Aber so eine gute Idee war das vielleicht auch wieder nicht. Denn: Im Zentrum der Bayrischen Hauptstadt war gerade Viehscheid gewesen! Und die freigelassenen Rindviecher trotteten jetzt in einer kilometerlangen Herde Richtung Aguas Calientes, dem Örtchen des Eingangs zum Machu Picchu. Bis ich die alle überholt hatte, war ich am Ziel. Oder mit anderen Worten: Es war dies mein längster Überholvorgang aller Zeiten. Zweieinviertel Stunden hat er gedauert. Exakt so lange, wie mein Marsch von der Bushaltestelle bis zum Hotel. Erst als ich meine Hotelzimmertür in den Anschlag haute, konnte wieder Ruhe einkehren.

Ich habe gut geschlafen. Doch für den großen Tag heute musste ich mir was anderes überlegen, um dem Rummel auszuweichen. Ihr meint jetzt vielleicht, ich sollte in aller Hergotts Frühe aufstehen und bei Tagesanbruch schon wieder auf dem Heimweg sein, wenn die meisten Langschläfer erst den Aufstieg antreten? Nein, denn das tun hier alle. Um Sechs, um Fünf, um Vier gar schon schnüren sie ihre Bergschuhe und hächeln wie die Blöden Richtung Ruinen. Oder kämpfen um den ersten Bus. Und ich? Ich habe mich da noch Fünf Mal umgedreht. Dann in aller Gemächlichkeit der Dusche eine Zweite Chance gegeben, mich in Aguas Calientes auch tatsächlich mit warmem Wasser zu versorgen. Haare gewaschen, fein gemacht, frühstücken im Ort. Dort habe ich mich noch ein bisschen über lokale Interessantheiten aufschlauen lassen und dann gegen Zehn den Aufstieg begonnen. Mitten in der größten Mittagshitze. Doch wozu habe ich schließlich die ganze Zeit in der zentralamerikanischen Saune trainiert? Heute war Zahltag, denn ich war tatsächlich die Einzige auf weiter Flur, die nach oben unterwegs war. Aller Gegenverkehr bedauerte mich, dass ich noch so viel vor mir hatte. Aber ich hab´s einfach nur genossen. Eine geschlagene Stunde lang Treppenlaufen ohne irgendwelche an Rucksäcken baumelnde Aluflaschen vor der Nase – Geilomatik!

Und dann war es so weit: Ich war drin – der Turbolader zur Geilomatik. Der Anblick raubte mir schlicht den Verstand! Was hatten die für ein Verständnis für funktionierenden Städtebau damals. Dabei so simpel: Es wurde gebaut mit dem, was an Materialien in der Nähe verfügbar war. Klar, wie sollte fremdes Baugut dort hinauf geraten. Und wieso sollte man sich so eine Schlepperei antun? Nein, nein, es gab genügend Naturstein und Holz vor Ort, um sich ein Städtchen zu bauen. Und wenn man so pragmatisch und simpel denkt, errichtet man eine Siedlung, die sich ganz von selbst in die Landschaft einfügt, als wäre sie dort aus dem Boden gewachsen. Diese Stadt, ihr Wegesystem, ihre öffentlichen Plätze, ihre Häuser und deren Erschließung, alles liegt einfach so derart auf der Hand, dass es eine pure Freude ist, sich durch die Gassen und Pfade und Natursteinstufen leiten zu lassen. Aber was rede ich lange: Genießt die Bilder und urteilt selbst!

Jetzt ist es schon wieder einen Tag zurück. Ich hatte einen großartigen Tag dort oben. Klar, waren auch dort ganze Horden anderer Touristen unterwegs. Doch dort störten sie nicht mehr so stark, wie auf einem engen Fußpfad entlang der Zugschienen. Im Gegenteil: Fast hauchten sie dem Ruinenstädtchen so etwas wie Leben ein. Und trotzdem fand ich am Nachmittag ein kleines Feld, in dem ich ungestört für eine Stunde Schäfchen zählen konnte. Ich blieb so lange, bis die Wächter mich aus der Stätte pfiffen. Und dann huschte ich flugs ein letztes Mal vorbei an all denjenigen, die sich am Ausgang wieder um die letzten Busse keilten und spurtete dem Tal entgegen. Unterwegs erklärten mich sicherlich die paar wenigen ehrgeizigen Fußgänger für irre, als ich sie überholte. Aber wenn ich nach Zwanzigtausend Kilometern nicht die Kraft in den Oberschenkeln habe, hier die paar Stufen auch wieder federleicht hinunterzuhüpfen, dann weiß ich auch nicht. Es war die reine Freude. Fünfundzwanzig Minuten – ein absolut befriedigender Abschluß eines einzigartigen, unvergesslichen Tages!

Genauso wie der Rückweg der Viehscheidstrecke, denn heute war ich so früh dran, dass ich wirklich die meiste Zeit die Gleise für mich alleine hatte. Eine ganze Stunde länger habe ich die Wanderung genossen. Und nichts getan als in die Luft geguckt und sinniert. Es wartet jetzt der Siebenstündige Rücktransport von München nach Cusco auf mich. Doch das Fazit ist positiv. Ich bereue es nicht, hergekommen zu sein!

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332_Tag 17: Der Desillusionierende

Ich habe eine Entscheidung getroffen: Ich fahre auf jeden Fall bis Ollantaytambo. Dieser Ort liegt in etwa auf halber Strecke zwischen Cusco und Machu Picchu. Von da aus werde ich entweder den billigen Zug nehmen oder – wenn ich den nicht billig kriege – mit dem Rad doch noch den Weg ins Tal antreten, den letzten, hohen Pass fahren und dann eben rauswärts den teuren Zug nehmen. …soweit der Plan. Nach Zwei Kilometern Fahrt habe ich Sam und Jack aus England getroffen. Die beiden sind mir entgegen gekommen und haben mir ein bisschen von der Strecke erzählt. Nun, die Essenz: Da hinten im Tal, nein, da will ich nicht mit dem Fahrrad fahren. Und in Ollantaytamnbo will ich genauso wenig meine Basisstation haben: Um dort anzukommen, dürfte ich zwar heute einige Kilometer bergab fahren, aber die müsste ich nach meinem Inca-Ausflug wieder hinaufreiten. Fazit: Ich fahre lieber gleich nach Cusco und organisiere mich von dort aus. Und eine Bleibe weiß ich dank Sam und Jack nun auch schon!

Es geht an noch ein paar Höhenmeter hinauf bis kurz vor Cusco die Straße erneut einen Hochpunkt erreicht und mich dann hinunter in den Stadtkessel saugt. Kaum bin ich an diesem Wendepunkt, zieht der Himmel den Wolkenvorhang zu. Es beginnt zu regnen. Und es wird richtig kühl, fast schon kalt. Mir stellt sich eine Gänsehaut auf. Aber ich könnte nicht exakt beziffern, ob die temperaturbedingt ist oder vom erschreckenden Anblick der so hochgelobten Stadt kommt: Es ist grauenvoll hier! Eine völlig überdimensionierte Straße windet sich hinunter in Zentrum. Ihre Ränder verschwinden unter Bergen von Müll und alten Schrottkarren, die garantiert niemand jemals wieder auf Vordermann bringt. Ganze Rudel von reudigen Kötern schnüffeln und wühlen sich durch die Abfallsäcke. Oder bekeifen sich gegenseitig, rennen wie ferngesteuerte Straßenbanden durch den fließenden Verkehr, bringen Autos zum Ausweichen oder Anhalten. Auf dem Bürgersteig hocken wie auf einer Kette aufgefädelt übergewichtige Peruanerinnen auf einer Decke auf dem Boden, wo sie Obst oder Gemüse oder irgendwelchen Krimskrams verkaufen. Das soll wohl so eine Art Markt sein…

Ich will nicht hier sein! Die Athmosphäre ist grauenvoll, die Leute schauen grimmig und gestresst, es stinkt nach Straßendreck und Abgasen. Ein paar Bläsergruppen tröten schräg auf irgendwelchen Hinterhöfen, wo ein paar große, mit Glitzerfolie überzogene Kreuze mit angepinnten Heiligenbildern gegen eine Mauer lehnen. Das nennen die hier „Fest“. Den oder dem Stadtheiligen zu Ehren. Doch wenn man mal ganz ehrlich und nicht allzu wohlwollend urteilt, handelt es sich hierbei um nichts als legalisierte Lärmbelästigung der Anwohnerschaft. Es ist einfahc nicht auszuhalten, wie die ihre Instrumente plagen! Ich setze mich an die Einfahrt zu einem Parkplatz, um mein GPS zu konsulltieren, wo die empfohlene Biker-Herberge wohl sein mag. Doch mein idiotisches Gerät (oder die App) verweigern die Suchfunktion. Ich müsste zuerst das geeignete Kartenmaterial erwerben, um mir den Straßennamen anzeigen lassen zu können. Derweil sind alle Straßennamen vorhanden, wenn ich in die Karte zoome. Warum nur habe ich es immer mit der schlimmsten Delinquenz zu operieren, die der Markt an Elektrogeräten hergibt? Während ich das Gerät zweimal neu starte, hupen mir ein paar Verrückte direkt in die Ohrmuschel. Sie wollen alle auf den Parkplatz, der aber leider voll ist. Jetzt hupen die hier ein paar lücken frei, oder was?

Ich geb den Kampf auf. Navigiere mich manuell an den Ort, der es vielleicht sein könnte. Und tatsächllich finde ich die Straße! Doch als ich am Ende der Avenida ankomme, weiß ich, dass ich das Hostel nicht gefunden habe. Es war also der ganze Aufwand für die Katz. Ich muss mir was Neues suchen. Gut, es gibt hier genügend Unterkünfte! Doch so günstig, wie „La Estrellita“ scheinen mir die hier nicht. Und andere Radler werde ich da vermutlich auch nicht antreffen. Cusco ist Kacko! Und ich will hier eigentlich nur wieder weg aus dieser Höllenstadt.

„Looking for the place where all the bikers are?“, fragt mich ein blonder junger Typ vom Gehsteig. “Ja!”, sage ich. “Na dann komm! Ich wohne auch dort und bin grad auf dem Weg. Ist gleich da vorne!“ Und möglicherweise nimmt der Tagesverlauf jetzt eine Wendung…

 

 

Cusco, Peru (Hospedaje „La Estrellita“)

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331_Tag 16: Der brillante Vierte

Zum Schluß noch ein echter Hammer. Oder besser sollte ich schreiben „zum vorläufigen Schluß“, denn noch immer habe ich mich nicht ganz endgültig entschieden, wo mich morgen die Straße hinführen soll: Direkt nach Cusco, von wo aus ich einen teuren Bus oder Zug in die Gefilde des Machu Picchu nehmen müsste. Das Rad würde ich solange in der Stadt lassen. Oder fahre ich dem wunderbaren Inka-Relikt mit dem Rad entgegen. Je nachdem, wie weit ich das tun würde, kostete mich das gut eine Woche. Und noch einen sicherlich atemberaubenden Pass. Im Moment wäre mir danach. Ich könnte hier noch ewig die Berge rauf und wieder runter gurken. Ich krieg nicht genug davon!

Geregnet hat es gestern nicht. Aber dennoch war es eine gute Entscheidung, mich in Limatambo in das kleine Familienhostel einzuquartieren. Es war irgendwie ein süßes Zimmerchen: knarzender Holzbretterboden, ein großes Bett mit vielen, warmen Decken und fester Matratze, ein Stuhl und ein Holzgestell für einen Fernseher, den ich um Himmels Willen nicht angeschaltet habe! Ich habe zwei Mal gut geschlafen, in diesem Nestchen: Einmal vor und einmal nach dem Abendessen. Und das war eine gute Grundlage für die Fortsetzung des gestern schon angetretenen vierten Passes. Dieser war der zweit längste und tatsächlich hat er mich einigermaßen erschöpft! Es ging gestern schon los, ganz dort unten am Fluss, als plötzlich die Steigung etwas anzog. Es ist unglaublich, aber nur ein paar wenige Neigungsprozente entscheiden darüber, ob du durchziehst oder durchhängst. Nun, durchhängen ginge noch anders. Aber so locker wie bei Nummer Drei ging´s mir heute auch nicht. Der letzte Pass hatte einfach das perfekte Gefälle, das dich in kaum spürbarem Bergauf wie in einem Lift Richtung Passhöhe zieht. Da war heute und gestern schon deutlich mehr Beinarbeit nötig! Für die Kenner meiner Heimat war der dritte Pass etwa das Oberjoch (nur viel länger) und der heute eher vergleichbar mit der Rettenberger Steig, dem Adelharz oder einer Fahrt von Oberstdorf ins Kleinwalsertal. Ebenfalls viel länger, versteht sich. Jedenfalls habe ich den ersten körperlichen Pausepunkt nach knappen Zwölf Kilometern einlegen müssen. Fast hätte es mir da schon gereicht. Aber meine Karte, mein Tacho und mein Höhenmeter waren sich leider zu einig: Das ist erst die Hälfte, liebes Fräulein!

So habe ich mich nach ein bisschen Obst und Zwei Pancitos mit Bremsgummi-Käse wieder in den Sattel gehievt. Die Beine taten noch, wenn auch schon ein bisschen schwerer. Da gönnte ich mir wieder ein bisschen Musik. Nicht, weil die Landschaft eine Übertünchung nötig gehabt hätte, aber eher deshalb vielleicht, dass ich mich selber nicht atmen hören musste und so dauernd daran erinnert wurde, welche schwere Arbeit ich gerade und noch zu verrichten habe. Es beschwingt mich einfach immer und ich denke dann nicht an meine immer träger und lahmer werdenden Oberschenkelmuskeln. Tatsächlich lag dort heute der Fokus des Geschehens. Während es bei flacheren Stücken meist an die Lungen geht. Nun, ich habe mich also artig zusammengerissen und Umdrehung für Umdrehung die zweite Hälfte des Passes absolviert.

…fast, muss ich sagen. Denn irgendwann – und das war noch nicht der höchste Punkt – konnte ich nicht mehr. Da habe ich das Angebot einer bekiesten Fläche am Straßenrand wahrgenommen und mich für ein halbes Stündchen ins Gras in die Sonne gelegt und powergenickert. Dann noch mein letztes Stück Apfelstrudel, noch ein Semmelchen mit BG und ein paar Kekse. Bevor ich mich dann wieder aufraffte – und diesmal grenzte es wirklich schon fast an Folter, sich aus dem weichen Gras wieder zu erheben und sich noch einmal zu motivieren! Bevor ich mich also an das letzte Stück zwang, war ich neugierig, wie viele Höhenmeter mir denn jetzt noch fehlten. Ich war bei Stand 1000 abgebogen. Und hatte folglich kaum mehr was vor mir, wenn Karte und Tacho noch immer stimmten. Und deshalb genehmigte ich mir ein bisschen Zeit zum Fotografieren.

Wie soll ich euch das nun wieder beschreiben? Wenn es doch schlicht und einfach unbeschreiblich ist hier! Schon bis kurz vor meinem Schläfchen kletterte ich durch –zig Haarnadelkurven zwischen grünen Wiesen, Mais- und Zuckerrohrfeldern, zwischen Gärten und kleinen Lehmhäuschen hinauf. Am Straßenrand grasten zumeist angebunden aber mit zutiefst glücklichem Gesichtsausdruck Kühe, Esel und viele, schwarze, haarige Schweinchen. Die waren heute die putzigsten, wie sie dort vor dieser bomben Aussicht ins Tal in aller Seelenruhe vor sich hin grunzten. Sogar die Hunde haben hier oben ihre Aggressivität abgelegt: Sie lagen zumeist faul an einem sonnigen Plätzchen und ließen sich ihre Pelze aufheizen. Die Katzen ja sowieso. Dazwischen scharrten immer wieder ein paar Hennen vor einem kleinen Einfahrtshof. Die Häuschen hier sind sehr bescheiden. Eigentlich nie verputzt und wie gesagt: Aus Lehmsteinen gemauert. Dann gibt es ein paar Holztüren, eine Art Balkon ohne Geländer als Zugangssteg zu den Türen im Obergeschoss, Ziegeldeckung und fertig. Wenige Fenster, denn Glas kann man sich nicht leisten. Und vor dem Haus steht immer irgendwo ein Waschbrunnen und es hängen ein paar Kleider zum Trocknen an einer Leine. Manchmal passiere ich ein paar alte Peruanerinnen, die im Schneidersitz am Straßenrand hocken und in ein ausgebreitetes Tuch Maiskörner schälen. Während die Männer eher auf den Feldern buddeln oder mit ein paar Handwerklichkeiten beschäftigt sind. Es geschieht hier schon was auf den Gipfeln der Anden. Aber es geschieht mit Ruhe und Bedacht!

Und dann fahre ich irgendwann um einen Felsvorsprung und bemerke, dass ich nun Abschied nehmen muss von diesem Tal. Es tut sich der Blick in ein anderes auf. Doch ich bin schon zu hoch, um noch richtig durch die bewohnten Gefilde zu kommen. Hier zieht plötzlich etwas anderes die Aufmerksamkeit auf sich: Die Berge! Ich bin etwa auf gleicher Höhe, wie die meisten Gipfel hier. Sie reihen sich ganz weit hinten am Horizont zu einer langen, spitzigen Kette. Über ihnen blauer Himmel, weißes Sonnenlicht und etwas näher bei mir ein paar dicke, pauschige Wolken. Doch plötzlich bewegen diese sich und es bohrt sich ein einzelner Gipfel in die Lüfte empor. Das ist der Kaiser dieser Region! Mit seinem schneeweißen Haupt steht er plötzlich da wie ein Wächter und lässt alle Drei- und Viertausender Gipfelchen neben sich wie Zwerge erscheinen. Was für ein beeindruckender Anblick! Schon wieder konnte ich nicht genug davon bekommen und habe fast eine ganze Stunde damit zugebracht, ihn in allen möglichen Momentaufnahmen mit meiner Kamera einzufangen. Ich hätte noch stundenlang zusehen können, wie sich die Wolken ihm wieder um den Kragen legen, ihn bis zur Unsichtbarkeit einhüllen und dann sich wieder verflüchtigen, bis seine Silhouette wieder den Horizont dominiert. Ein spektakuläres Schauspiel!

Doch dann wurde es Zeit, auch dieses Tal hinter sich zu lassen. Ich stieg noch die letzten Fünfzig Höhenmeter hinauf, drehte mich ein letztes Mal um und tauchte dann hinein in ein anderes Bilderbuch: Es fiel diesmal nicht in gleicher Manier in Serpentinen und Haarnadelkurven hinab in ein weiteres Tal! Nein, die Straße führe mich in einem Mikrogefälle und schnurgerade hinein in eine weite, flache Suppenschüssel. Kein V-Tal, eine Art Hochebene lag jetzt vor mir! Und hier liege ich jetzt im Zelt, nach einem knappen Stündchen des Rollenlassens und Tretens auf flachem Terrain. Und bevor ich morgen auf den anderen, nicht allzu hohen Rand der Schüssel wieder hinauffahre, muss ich mir darüber klar werden, wie es weiter gehen soll…

 

 

Kurz vor Anta, Peru (Zelt)

Tages-Km: 52,53km / -Zeit: 5:12h / -Höhenmeter: 1.113m / ~3.300 müNN

Gesamt-Km: 20.500km / -Zeit: 1.406h / -Höhenmeter: 188.081m

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330_Tag 15: Der Leidende

Der Titel des heutigen Blogs ist eigentlich weniger dem Tag selbst, als vielmehr einem anderen Radfahrer gewidmet, der mir heute des Weges gekommen ist. Zunächst habe ich nur sein Rad am Straßenrand gesehen und ich dachte mir – wie man das unter Artgenossen eben so macht: Ich sag mal kurz „Hallo!“. Doch als ich den Fahrzeughalter vom Bachbett herauf schleichen sah, wurde daraus ein spontanes „Um Himmels willen, ist alles in Ordnung mit dir?“ Es stellte sich heraus, dass eigentlich alles bestens war. Er erfand nur schnell eine Ausrede: Wasser würde ihm dringend fehlen. Da erinnerte ich den knapp am Verdurstenden, dass er gerade noch an einem reißenden Fluss gestanden haben muss. Und wenn ihn das Flusswasser nicht vor dem Sterben retten kann, gibt´s da gleich ein paar Läden, wo er sich davon kaufen kann. In weniger als einem Kilometer in seiner Fahrtrichtung und bestimmt ausreichend, dass er noch ein paar Höhenmeter machen kann, bevor der Sensenmann ihn das nächste Mal in Form von Flüssigkeitsmangel heimsuchen kann. In Wirklichkeit hat diesem Typen überhaupt nichts gefehlt! Außer vielleicht ein anständiger Gesichtsausdruck. Also wirklich wahr. Ihr denkt jetzt bestimmt, ich bin heute ein bisschen penibel. Mir sei womöglich eine Laus über die Leber gelaufen oder ich hätte meine Tage oder so. Aber nein, nein, nein: So ist es nicht. Ich kann nur solche Schleicher ums Teufelholen nicht ausstehen! Leute, die mitten im Paradies hocken und dort Fahrradfahren zum Beruf haben und gleichzeitig eine Fresse ziehen, als wäre dies die schlimmste Strafarbeit. Wie kann man nur in so einem herrlichen Tal so ein grausig griesgrämiges Gesicht machen? Die Mundwinkel streng nach unten, die Augenlieder auf Halbmast gezogen, Schultern und Kopf hängen wie an schlaffen Marionettenfäden und wenn es den Mund auftut, dann spricht es nicht, es haucht. Aber dann durch die Rolle des armen, schwerst leidenden Tschechen versucht er mir, gratis ein paar Landkarten abzuknöpfen. Dafür ist er ja nicht zu schwach! Während im Hintergrund ein Fahrrad mit teuerster und hochwertigster Ausstattung – zumindest was die Taschen angeht – glänzt! Aber einen Teufel kriegt so einer von mir, der eine solch verlogene, geheuchelte, stinkende Energie verbreitet. Alles was der von mir kriegt, ist ein Pseudonym: Der Wandler! …oder doch besser: Der Winsler?

Naja, ich weiß ich bin ein bisschen hart mit dieser lumpigen Erscheinung. Aber wenn heute einer Jammern darf, dann bin ja wohl ich das! Ich habe nämlich gestern ein an sich tolles Zeltplätzchen gefunden. Mitten in einem Kreis von Dornbüschen, wo mich so schnell keiner überfällt. Dass ich mir dafür die Waden ordentlich zerkratzen habe lassen von den widerborstigen Stauden, ist ja wohl selbsterklärend. Was tut man nicht alles für die eigene Sicherheit. Doch Sicherheit schützt vor einer Bescherung nicht! Heute Früh waren nämlich meine Beine nicht nur über und über (und nochmal über) zerkratzt, sondern zudem auch noch dick angeschwollen, rot und gnadenlos zerstochen. Und nicht nur die Beine: Diesmal haben mich die Wanzen auch am Handgelenk, Ellbogen, Hals, der Stirn und den Schläfen erwischt. Die Bügelaktion hat also rein gar nichts gebracht. Außer vielleicht, dass ich durch die künstliche Wärme ein paar Eier vorzeitig ausgebrütet und den Schlüpfvorgang beschleunigt habe. Was für ein Drama, diese Bettwanzen! Ich bin wirklich ratlos. Das einzige, was mir einen Hauch von Trost spendet, ist die Aussage einer Französin, die mir heute Vormittag – noch vor Dem Wandler – begegnet ist: In Cusco starten so viele Touristen mit Trekkingtouren, da kannst du bestimmt einen neuen Schlafsack kaufen. Das werde ich! Und wenn es einen gibt, der mir zusagt und mich nicht in eine persönliche Finanzkrise schlittern lässt, wenn ich also tatsächlich einen neunen in meine Arme schließen können sollte, dann werde ich als nächstes einen riesigen Scheiterhaufen Brennholz zusammenklauben und die Wanzen samt Daunengehäuse den Flammen übergeben. Das ist der Umgang, der ihrem nun mehr monatelangen Un-Tun gebührt. Das ist es, was sie verdienen! …gut, vielleicht sagen wir dem Tierschutz trotzdem lieber nichts davon. Wir lassen das einfach als „Angrillen“ laufen.

Sonst war es ein sehr schöner Tag heute! Es ging erst Mal die toskanischen Hügel hinunter bis zu einem beeindruckenden Fluss. Bis auf etwas unter Zweitausend Meter über NN. Und von da an wieder rauf. Zunächst ganz sachte entgegen den Lauf eines Zweiten Baches. Dann kam für eine kurze Strecke ein etwas steilerer Anstieg, bevor es sich wieder für eine halbe Stunde sanft nach oben arbeitete. Wolkig war es heute. Und nach dem ersten steileren Stück eröffnete sich mir ein etwas „schauriger“ Blick auf das Nachmittagswetter: Regen! Doch zunächst hatte ich noch Glück und konnte in ein Seitental entweichen, wo die Wolken etwas weniger dicht hingen. Natürlich: Hinter mir war hellblauer Himmel mit ein paar weißen Schäfchenwolken spielten im warmen Sonnenschein. Das dürfte etwa dort gewesen sein, wo Der Wandler auf Garantie noch immer ein Gesicht zog wie Zehn Tage Regenwetter. Aber haken wir den Typen endlich ab. Es gab nämlich noch eine weitere Begegnung heute. Kurz vor meinem spontan angesetzten Tagesziel namens „Limatambo“, wo ich mir Unterschlupf vor dem anrollenden Regenschauer suchen wollte. Ich musste es gleich erreicht haben und knetete mich hochmotiviert noch die letzten Meter hinauf ins Dorf, da überholt mich ein blauer Bus. Ein blauer Bus, den ich schon vorgestern getroffen habe und der außen wie innendrin der mit Abstand Schönste von allen Bussen ist: Der Bus von Claudia und Martin! Schon im Vorbeifahren winkte sie fröhlich aus der Beifahrertür heraus. Und Martin zog gleich vor mir einen flotten Schwung auf die Kiesfläche neben der Straße. Dann sprangen beide voller Schweizer Energie heraus und empfingen mich mit ausgebreiteten Armen. Wie schön war es, die beiden heute nochmal zu treffen! Ach hat das gut getan, nochmal ein bisschen gut gelaunten Wind unter die Flügel zu bekommen!

Und so bin ich nach diesem unserem zweiten Treffen ziemlich müde zwar vom beschwinten Heraufeseln aber ziemlich entspannt und zufrieden im warmen und sauberen Hostelbett eingeknackt. Noch immer juckten meine Beine zum Verrücktwerden. Aber es gibt zu diesem Thema vielleicht doch so etwas wie einen winzigen Hoffnungsschimmer: Auch bei Martin und Claudia habe ich ein, zwei winzige Stiche dieser Art gesehen. Und als ich mit der Frau vom Hostel noch kurz geredet habe, meinte sie plötzlich von sich aus: „Aaah, da haben dich die Mücken aber böse erwischt!“ – „Die Mücken?“, fragte ich zurück. „Ja, da unten im Tal! Aber du kannst beruhigt sein: Hier gibt es keine!“ und sie zeigte mit ausgestrecktem Finger in die Richtung, aus der ich gekommen war. Vielleicht sind die Beulen ja doch keine Wanzenbisse. Sondern Mückenstiche. Das würde zumindest erklären, warum ich die – wenn ich einmal ganz genau überlege – gestern Abend schon vor dem Schlafengehen mit meinem Leuchtmarker kennzeichnen konnte. Vielleicht bin ich doch überfallen worden, dort oben, hinter meiner Dornenhecke…

Wir werden es ja sehen. Möglicherweise schon morgen, wenn ich den Schlafsack schon wieder brauche. In Wirklichkeit hat es heute Nachmittag nämlich geschneit, als es da oben geregnet hat! Und morgen muss ich genau dort über den vorletzten Viertausender Pass vor entweder „Cusco“ oder „Macchu Picchu“ – je nachdem für welche Abzweigung ich mich entscheiden werde.

 

 

Limatambo, Peru (Zelt)

Tages-Km: 42,11km / -Zeit: 3:49h / -Höhenmeter: 843m / ~2.500 müNN

Gesamt-Km: 20.448km / -Zeit: 1.400h / -Höhenmeter: 186.967m

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329_Tag 14: Der Wandelbare

Alles war ein bisschen anders heute beim Aufstehen. Zum ersten Mal hatte ich im Zelt abgrundtief und gut geschlafen. Ich bin zwar wie sonst mit aufkommender Helligkeit aufgewacht, war aber wie aus dem Tiefschlaf gerissen. Das erklärt sich vermutlich damit, dass ich mich gestern körperlich nicht gerade verausgabt habe. Natürlich konnte ich deshalb nicht gleich einschlafen. Die Dunkelheit hatte mich zwar auf die Matratze gezwungen, aber von Müdigkeit war noch keine Spur. Da habe ich ein bisschen Musik gehört. Und schon war es nach Elf. Eine Uhrzeit, zu der ich sonst schon gut und gerne Drei bis Vier Stunden schlafe. Ich war also nicht gerade voller Power, als es heute los ging.

Dann war noch etwas anders: Seit ich weiß nicht wie vielen Tagen hat mich heute nicht die Sonne geweckt! Dicke Wolken und Nebel umhüllten mich auf meiner Fahrt in die Höhe. Manchmal konnte ich kaum sehen, was um mich herum geschah. Alles konzentrierte sich ziemlich auf den sportlichen Aspekt: Richtigen Gang finden, immer wieder entsprechend der wechselnden Straßensteigung anpassen, damit die Atmung gleichmäßig bleibt, einen Schluck trinken oder mal ein paar Minuten an den Straßenrand stehen. Dann weiter! Ich wurde von nichts abgelenkt: Keine Leute im Blumengras, keine außergewöhnlichen Tiere, nichts zu fotografieren. Einfach nur Radfahren. Das hatte durchaus was! Doch bei Dreitausenddreihundert spürte ich langsam die Lungenarbeit. Nicht, dass es merklich schwieriger wurde, aber ich wusste, dass ich ab jetzt am besten keine luftraubenden Spirenzchen mehr machen sollte, wenn es gemütlich bleiben wollte. Nicht Singen, nicht während der Fahrt trinken. Jede kleinste Bewegung warf mich da schon aus dem Atemrhythmus und es kostete mich viele Tritte, bis sich dieser wieder einspielte.

Trotzdem: So schön es war, sich einmal ganz auf das Radeln zu konzentrieren, so vermisste ich schon das Strahlen der Sonne. Dieser graue Wolkenhimmel drückt einfach auf´s Gemüt. So angenehm er auch Schatten spendet! Und so war mir heute nicht so zum Jubeln, wie beim ersten und zweiten Pass. Das große Triumpfgefühl wich einem spröden Pragmatismus: Aha, gleich oben. Gut. Überhaupt war es hier nicht so schön. Ziemlich öde Vegetation, alles halb vertrocknet, ausgerissene Bäume und ein paar brandgerodete Felder, in denen ein paar Peruaner herumstocherten. Ich habe bei Gott schon Schöneres gesehen! Bis ich oben an der allerletzten Kurve ankam: Da riß plötzlich für ein paar Minuten der Himmel auf und die Sonne setzte ein Spotlight auf Abancay, die Stadt, aus der ich gestern aufgebrochen war. Sie lag jetzt weit unten im Kessel und gerade für Dauer eines Abschiedsfotos erstrahlte sie im hellen Sonnenlicht. Dann zog alles wieder zu und ich fuhr die letzten Fünfzig Höhenmeter. Oben war gar nichts. Nicht mal ein lumpiges Schild oder gar eine Bucht, auf die man hätte hinausfahren können. Ich stand auf ungefähr Viertausend Meter über NN und kein Garnnichts wies darauf hin. Die Straße wölbte sich kurz auf und von nun sollte es bergab gehen. Am Straßenrand im Straßengraben zog ich mich um: Warme Strumpfhose, Daunenjacke. Dann ging die Abfahrt los. Es war richtig kühl! Während der anstrengenden Herauffahrt hatte ich das nicht bemerkt. Aber jetzt, da ich nur noch auf dem Rad zu sitzen brauchte und es hinunterrollen lassen konnte ohne jegliche Beinarbeit, jetzt wurde es winterlich frisch. Gegenüber auf den Berggipfeln hatte es sogar frisch geschneit!

Doch bald wurde es wieder wärmer. Und schöner! Es dauerte nicht lange, da hatten sich die Wolken fast ganz verzogen und die Andenlandschaft glich dem Schweizer Alpenland. Ich fuhr wieder in eine Art Bergkessel hinab und um mich herum lagen jetzt viele, kleine Ackerparzellen, in denen die Leute entweder pflanzten oder ernteten. Wieder wie im Wimmelbuch, wieder pure Idylle! Hier wälzte sich ein Hundchen im Staub, dort kauerten Schäfchen in der Sonne, Zwei alte Peruanerinnen ratschten an einer wärmenden Hauswand und eine Gruppe junger Männer kletterten auf einem Laster voller Maiskolben herum. Ich brauchte noch immer nicht zu pedalen. Ich ließ es einfach nur langsam dahinrollen und guckte in die Lüfte. So ging das, bis ich unten war im nächsten Ort namens Curahuasi. Ich hatte ein bisschen Hunger angesammelt und so setzte ich mich am Ortseingang in ein Café. Und es ist nicht zu glauben, aber es gab tatsächlich Apfelstrudel! Beim Herunterlenken durch die Schweizer Felder hatte ich von einem Apfelkuchen und Milchkaffe geträumt. Und jetzt stand beides vor mir auf dem Tischchen! Es scheint doch zu funktionieren, das mit dem „Wunsch ans Universum“…

Während des süßen Teilchens blätterte in mir langsam die Kraft von den Muskeln. Jetzt merkte ich, wie matt ich war. Klar, eigentlich. Seit Früh um Acht hatte ich nur Zwei kurze Pausen und Tausend Höhenmeter gemacht. Und gleichzeitig war ich am Tagessoll angekommen. Wie immer, wenn der Druck abfällt, wird man müde. Seeeeehr müde! Da beschloß ich, noch schnell Wasser und ein paar Chinesische Nudeln zum Mitnehmen zu organisieren und dann nur noch aus dem Ort raus zu fahren und mich bald auf´s Ohr zu legen.

Und kaum hatte ich die Häuser hinter mir gelassen, bekam ich noch eine letzte Überraschung für diesen Tag: Es tat sich nämlich am Ende der Siedlung nochmal ein Tal auf. Mit einer gigantischen Fernsicht und Blick bis weit hinunter in die Talsohle, in der wieder ein Bach auf mich warten wird. Davon hatte ich ja keine Ahnung! Oben lag frischer Schnee auf ein paar Bergspitzen und die vor mir liegende Landschaftsschüssel wirkte jetzt im warmen Abendlicht wie die Toskana: Ein Tal voller Weinberge und eine Straße, die sich in vielen Serpentinen dem schon im Schatten liegenden Tal entgegenwindet. Ein paar letzte Lehmhäuschen leuchteten in der warmen Sonne. Manche von ihnen ganz nach Italienischem Vorbild mit Mönch und Nonne eingedeckt. Es war wie damals auf unserer Studienfahrt ins Piemont. Nur, dass hier kein Wein angebaut wird, sondern Zuckerrohr und Mais. Und, dass es nicht ganz so saulustig zuging wie damals…

Aber kein Grund, sentimental oder gar melancholisch zu werden. Dieser Tag war das strahlend weiße Schäfchen im grauen Wolfspelz: Er ist besser und besser geworden und hat sich gen Abend von seiner flauschigsten Seite gezeigt. So müde ich jetzt auch bin, aber ich freue mich schon auf morgen, wenn ich wieder in den Sattel darf. Ich freue mich auf eine völlig unerwartete, zweite Hälfte Talabfahrt!

 

 

Curahuasi, Peru (Zelt)

Tages-Km: 66,02km / -Zeit:5:23h / -Höhenmeter: 1.004m / ~2.500 müNN

Gesamt-Km: 20.406km / -Zeit: 1.397h / -Höhenmeter: 186.123m

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