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266_Vom Winde verweht!

Was soll ich sagen: „El Norte“! Gestern hatte ich mich schon zu dem Gedanken hinreißen lassen, er sei überstanden. …dem Irrgedanken! Die Nacht dort am Fluss mit den betrunkenen Mexikanern war total windstill und friedlich. Nachdem auch der runzlige Nachtwächter kapiert hatte, dass ich mit ihm jetzt bitte nicht „quatschen“ möchte!

Doch so idyllisch und romantisch mich der Tag empfangen hat, dort unten am stillen Wasser, so gemein hat mich die letzte Nacht fast auflaufen lassen! Ich hatte heute die Wahl: Entweder schon nach gut Dreißig Kilometern abbiegen Richtung San Cristobal oder erst nach Siebzig. Die Entscheidung war nicht einfach! Sie war naiv. Der Punkt ist der: San Cristobal liegt ziemlich oben im Gebirge. Und als heute der Wind wieder eingesetzt hatte und ich an der ersten Abzweigung stand, war mir schlicht nicht nach bergauf mit Gegenwind. Ich habe die schlaue Version gewählt: Den Umweg von Zwanzig Kilometern über Arriaga in Kauf nehmen und dafür mit fast so etwas wie Wind von schräg hinten und ebener Fahrbahn mich gemütlich auf der Ebene dahintreiben lassen. Und von Arriaga – so haben mir die grünen Engel gestern erzählt – gibt es dann eine Autobahn hoch in die Berge. Die sei deutlich weniger lang und auch viel weniger steil. Doch diese bequemere Variante sollte sich sehr bald als Odyssee herausstellen!

Der seitliche Fast-Rückenwind verwandelte sich nach ein paar Kilometern schon wieder in strammen Seitenwind. Und je näher ich Arriaga kam, umso stürmischer und heimtückischer wurde er. Wieder fand ich mich schiebend auf der Ebene! Anstatt – wie gestern – gegen Abend hin abzuflauen, baute sich der Sturmwind immer mehr auf! Ich gelangte gerade noch bis zur großen Tankstelle am Ortseingang, dann war Sense. Ein Weiterschieben undenkbar! Doch jetzt saß ich natürlich in der Falle. Wo zum Teufel sollte ich schlafen? Wo würde mein Zelt den immer mehr auffrischenden Böen standhalten? Ich nahm mir fast eine Stunde lang Zeit, das Gelände abzugehen, um nach windgeschützten Ecken zu suchen. Windstill? Gab es nicht! Aber schließlich hatte ich eine für die Beste befunden. Dort, neben dem Duschhäuschen, ganz eng hinter dem Mäuerchen, das mir ein bisschen wenigstens Windschatten spendete. Wo die Windwirbel einen Blätterhaufen angesammelt hatten und die Klodame, von der ich freundlicherweise den Laubrechen ausleihen durfte, um mir mein lager freizukehren, mich fragte: „Und die Ameischen?“ Las formi-quit-as. Die lieben Kleinen, ja, ja. Pa! Die größten Mistviecher sind das! Freßen mir jede Nacht von meinen Haferflocken und Keksen runter. Alle, aber gar alle würde ich sie anpinkeln, wenn ich könnte!

Doch in dieser Nacht kratzten mich die nicht! Ich zurrte mit allen verfügbaren Häringen, Leinen und Stricken mein Zelt an den Untergrund, das Eisengeländer auf dem Mäuerchen, Baumstämme und meinen Fahrradrahmen. Beim Einstieg kam ich mir ein bisschen so vor wie in dieser Filmszene – wo war das noch gleich? Oceans 11? Herr Mauser? – als sich da einer vom Dach abseilt und sich akrobatisch um, über und unter den alarmauslösenden Laserlichtschranken herum- und hindurchwindet. Nur, dass meine Laserstrahlen feste Stricke waren. Ich hab´s ohne „Zwischenfall“ geschafft. Und dann brach die Nacht über mich herein…

Ich hatte seit langem wieder einmal gebetet: Lieber Gott, bitte lass mein Zelt und mein Fahrrad und mich diese Nacht ohne Schäden überleben! Kaum das Kreuzzeichen getan, rauschte schon wieder eine Kokosnuss hinter mir in den Erdboden. Über dem Zaun! Doch wer weiß, ob diese Palme ihren Puschelkopf nicht bis hier herüber beugen würde, wenn wieder so ein „Bollen Wind“ kommt? Schlicht und einfach: Schlafen war nicht! Immer wieder hielt ich zur Verstärkung auch noch händisch meine Zeltstangen oben am Kreuzungspunkt fest. Oder kontrollierte, ob draußen mein Rad noch nicht davongeweht worden war. Oder umgefallen. Aber nichts: Bei jedem Kontrollblick war alles wie ursprünglich. Da wurde ich nach und nach ein bisschen entspannter. Aber zum Tiefschlaf hat es bei Weitem nicht gereicht! So hat mich das Morgengrauen auch nicht geweckt, denn wach war ich eigentlich die ganze Zeit schon. Und aus dem Zelt getrieben hat mich schließlich die Ablöse des Nachtgrauens: Wind, Wind, Wind, immer noch Wind!

 

Arriaga, Mexiko (Zelt an der Tanke)

Tages-Km: 76,87km / -Zeit: 4:41h / -Höhenmeter: 381m / Starkwind

Gesamt-Km: 16.539km / -Zeit: 1.115h / -Höhenmeter: 147.139m

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