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269_Reising high

Was genau „es geht Vierzig Kilometer bergauf“ bedeutet, wurde mir heute erst unterwegs bewusst! Die ersten Fünfzehn Kilometer rollte ich erst einmal gemütlich hinunter und raus aus Tuxtla. Dann kam wieder die berühmte Cuota-Tafel und das Mauthäuschen. Die letzte Toilettenanlage. Von jetzt an stieg die Straße. Und stieg und stieg und stieg. Nach Fünf Kilometern, legte ich eine erste kleine Trinkpause ein. Nach weiteren Fünf einen Apfel und ein paar Kekse. Mittagspause wollte ich nicht vor der Hälfte der Strecke machen. Also weitere Fünf Kilometer mindestens! Dann hockte ich mich an den Straßenrand in den Schatten und bastelte mir ein Sandwich mit italienischer Salami und Avocado. Nochmal Fünf und ich mache nochmal einen Stopp unter dem Sonnenschirm eines kleinen Getränkestandes. Insgesamt steht der Tacho jetzt bei Fünfunddreißig. Und die Tafeln auf der Straße, die die Kilometer ab dem Mauthäuschen zählen zeigen mir Zwanzig. Wahnsinn, das ist ja gerade mal die Hälfte der ganzen Steigung! Und die Uhr? Die Uhr zeigt schon Drei! Um Sechs wird´s dunkel. Ich habe also noch gute Drei Stunden für verbleibende Fünfundzwanzig Kilometer, davon mindestens Zwanzig bergauf. Wenn nicht gar alle Fünfundzwanzig!

Ich fahre eine Geschwindigkeit von Sechs bis Acht Km/h. Wer schnell rechnen kann, wird bestimmt schon festgestellt haben: Schaffbar ist es noch! Drei (Stunden) x Sieben (km/h) = Einundzwanzig Kilometer. Aber Pausen sind ab sofort tabu!

Ich setze mir ein Streckenziel: Schätze die Kilometer bis zur letzten, sichtbaren Kurve. Fünf bis Sieben. Also nach Fünf bis Sieben Kilometern darf ich kurz stehen bleiben. Für Fünf Minuten, nicht länger! Das funktioniert Zwei Mal gut. Dann werden mir die Fünf-Kilometer-Abschnitte schlicht zu lange! Ich setze mir kürzere Ziele, je nachdem, was gerade den kürzesten Abschnitt darstellt: Bis zur nächsten vollen oder halben Stunde, bis zur nächsten runden Zahl auf dem Tacho, bis zum nächsten Fünfer auf den Straßenschildern. Am Ende bis zum nächsten Kilometer auf den Straßenschildern! Ich kann nicht mehr. Kein Mensch weiß genau, wo dieses San Cristóbal liegt: Geht es bis zum Stadteingang bergauf? Oder überwinde ich vorher eine Kuppe, von der es noch ein bisschen bergab geht?

Die Sonne verschwindet hinter den Bäumen. Der Wind wird eisig. Ich muss mir was langärmliges anziehen. Und meine Windjacke, die ich seit Kalifornien nicht mehr gebraucht habe! Die Straßentäfelchen weisen jetzt Achtunddreißig Kilometer aus. Also noch Zwei, dann sollte die Steigung endlich überwunden sein. Wenn Davide Recht und exakt geschrieben hat! …Neununddreißig. …Vierzig. …Einundvierzig: Es geht bergauf! …Zweiundvierzig: Es geht bergauf!

Ich kann nicht mehr! Mein Rücken tut weh, meine Schultern- und Nackenmuskeln krampfen schon seit Stunden! Langsam beginnt der Kopf zu schmerzen. Ich schalte mein GPS ein: Fünf Kilometer bis zum Zentrum von Cristóbal. Klingt easy. Aber wenn es noch Fünf Kilometer bergauf geht, habe ich keine Chance, das zu schaffen! Es ist schon dämmrig. Ich schalte mein Licht an. Und spähe am Straßenrand schon Campingplätze aus. Aber wirklich sicher scheint mir hier keiner: Die Zivilisation hat schon begonnen. Irgendetwas lässt mich stoisch weiterkurbeln. Bis zum Letzten! Ziehen wir´s durch!

Und dem Himmel sei Dank: Die Erlösung bei Zweiundvierzigeinhalb: Ich fahre über den höchsten Punkt und sehe San Cristóbal unten im Kessel liegen. Ich hab´s geschafft! Nur Schlafplatz habe ich noch keinen. Egal, erst mal runter, dann sehen wir weiter.

Unten am Ortseingang stoppe ich an der Tankstelle. Hier versuche ich nochmal, eine Verbindung mit dem Internet zu bekommen, um nach meinen Couchsurfing-Angeboten zu sehen. Mittlerweile haben ein paar geantwortet: Absagen. Nur zwei habe ich noch im Petto: Einer hat sogar zugesagt! Doch er kann erst um Neun oder Zehn Feierabend machen! Ich checke noch die Andere. Doch die reagiert nicht sofort. Ich erwäge in meiner Erschöpfung, diese Nacht hier an der Tanke zu verbringen. Oder doch im Hotel dahinter? Ich frage, was es kostet. Hmm, erschwinglich, aber was mache ich denn hier am Rand der Stadt? Sollte ich hier nur duschen und dann irgendwo da hinten in den Hügeln zelten? Keine Ahnung. Wer mag für mich entscheiden? Ich kann nicht mehr!

Ich frage den Rezeptionisten, ob er eine Unterkunft im Zentrum kennt, die etwas günstiger ist als das Hotel. Und er kennt eine! Er schickt mich auf den Punkt genau zum „Hostal Maria Chamula“. Dieses liegt mitten in der Fußgängerzone, neben an die Bibliothek mit freiem W-LAN, eine Chocolateria für morgen, ein Schnellimbiss für heute, ein kleines Käselädchen, ein Café-Restaurant mit Cappuccino… Es ist stockfinster und frostig kalt, als ich im Hostal ankomme. Hoffentlich haben die noch ein Zimmer frei! …es liegt gleich im Erdgeschoss. Ein Einzelzimmer. Ich darf mein Rad mit hineinnehmen und dann erst mal duschen. Dampfend heiß und ausgiebig duschen, bis ich wieder aufgewärmt bin und sich die Muskelverspannungen anfangen zu lösen. Und morgen habe ich frei! Ich fühle mich wie an dem Tag einer Projektabgabe. Alle Last fällt ab, man hat gekämpft, alles gegeben und es hat sich auch noch ausbezahlt! Glücklicher könnte ich nicht sein! Nur schade, dass ich es mit niemandem teilen kann…

 

San Cristóbal de las Casas, Mexiko (Hostal Maria Chamula)

Tages-Km: 64,25km / -Zeit: 7:03h / -Höhenmeter: 1.879m / 2.100 m.ü.N.N.!

Gesamt-Km: 16.740km / -Zeit: 1.133h / -Höhenmeter: 151.112m

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3 Gedanken zu „269_Reising high“

  1. Hallöle!
    Du kannst dein Glück mit niemandem teilen. Das würd ich so nicht sagen. Ich freu mich immer wieder an deinen Berichten, hast du schon mal an ein Buch gedacht? So zwischen Haushalt, Familie und Arbeit sind deine Erlebnisse oft eine kleine Auszeit zum Träumen in meinem Alltag! Oder meine cubanische Kollegin strahlte als ich von Dir erzählte („jetzt ist sie fast in meiner Heimat“). Weiterhin alles Gute !!
    Liebe Grüße, Renate

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