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391_Final Countdown: 10

Gestern war ein leichter Tag irgendwie. Und weil es mir so gut gegangen war, hatte ich wieder einmal nicht das rechtzeitige Ende gefunden. Irgendwann war es fast dunkel und ein Zelten am Straßenrand unmöglich. Also musste ich mich bis zur nächsten Stadt durcharbeiten. Doch ich hatte natürlich zuvor gefragt, ob es dort ein Hotel geben würde. Das gab es. Und weil ich dort ziemlich spät eingetroffen bin, habe ich mir heute ein Stündchen länger zum Ausschlafen gegönnt. Und weil ich gestern ziemlich viele Kilometer gemacht habe, hätte ich mir heute ein paar Kilometer weniger gegönnt.

Ich bin also später los und habe mir einen lockeren Tag gegönnt. Und das war er! Ich hörte gute Musik und nach nicht einmal einer Stunde kam meine geliebte, warme, strahlende Sonne zurück. Die Straße führte mich mitten durch Bananenplantagen, bevor sie wieder zur Autobahn wurde. Herrlich war es dort! Und am Nachmittag war es nun endlich so weit: Ich bog auch von dieser Autobahn wieder ab, holperte im rechten Winkel dazu ein paar Hundert Meter über Pflasterbelag und dann war er da. Der große Ozean. Der Atlantik diesmal. Was für ein Gefühl, endlich wieder am Wasser zu stehen! Was für ein Gefühl, endlich wieder dieses energetische Rauschen an meiner Seite zu haben. Wie lange hatte ich dieses jetzt entbehren müssen? Drei Monate?

Ab jetzt erst wurde dieser Tag zu einem richtigen Sonntag. Diese Parallele zum Ufer ist hier nicht sehr gut ausgebaut. Es herrschte also kaum Verkehr. Und so konnte ich verträumt den Nachmittag verbummeln. Rechts neben mir standen im Abstand von Hundert Metern Kioskbuden. Die einen verkauften Säfte, die anderen Kaffee und Kuchen und wiederum andere Bier. Und es war eine bunt gemischte Gesellschaft am Strand unterwegs: Alte und junge, Kinder und Coolies, Frauen in bunten Kleidern und Bikinis, Jungs, die Volleyball spielten oder auf der Slag-Line turnten. Andere saßen in laut lachenden Gruppen auf Plastikstühlen vor einem der Kiosks und vergnügten sich am reinen Dasein von Freunden oder Bekannten. Ein paar Hundchen wälzten sich im Sand in der Sonne. Es war schön, wieder einmal unter Leuten zu sein!

Nur, dass es hier kein Hotel gab. Das wurde mir erst am späteren Nachmittag so richtig bewusst, als ich mir gedacht hatte, ich könnte für heute schon aufhören. Nichts da! Aufhören war heute nicht. Denn es gab schlicht und einfach keine Bleibe. Und draußen bleiben war bei aller Liebe zu den vielen, bunten, bestimmt netten Leuten keine gute Idee in dieser Region. Es war hier einfach zu besiedelt, als dass man sich das trauen könnte. Wenn auch am Strand Platz genug für mich und mein Zelt gewesen wäre. Aber nein: Mein Instinkt hat heute angeschlagen. Und so wurden es Fünfundsiebzig, Achtzig, Fünfundachtzig, Neunzig, Fünfundneunzig Kilometer auf dem Tacho und noch immer konnte ich bis zum Horizont kein „Hotel“ blinken sehen. Es war mittlerweile wieder Nacht geworden. Und zum ersten Mal seit Langem wurde ich tatsächlich ein bisschen nervös. Wo ich mir sonst immer gesagt hatte: „Zur Not kannst du ja zelten“ hatte ich heute schlicht keine Alternative zum Hotel. Nicht einmal bei jemandem fragen hätte ich können, ob ich mein Zelt im Vorgarten aufstellen dürfte. Denn es gab keine Vorgärten! Es gab nur Hochhäuser. Mit dicken Eisenzäunen, Überwachungskamera und Securityservice gesichert. Oder um Abriss bereit. Und dann gab es noch ein paar zwielichtige Baracken in Feldern. Aber alles nichts, um mich gemütlich in die Nachtruhe zu begeben.

Da kam endlich ein Schild. Auf dieses hätte ich niemals reagiert, wenn ich nicht gestern doch bis zum Städtchen gefahren wäre. Es stand auf diesem Schild „Posada…“ Und erst seit gestern weiß ich, dass sich hinter diesem Begriff eine Unterkunft verbirgt! Was für ein Glück, denn sie war meine Rettung für heute. Ich durfte zwar nicht gleich dort einchecken, wo ich das Schild gesehen hatte, doch nach noch einem weiteren Kilometer durch dunkle Gassen und etwas unangenehme Atmosphäre war ich endlich im anderen Haus von Frau Marilú. Dass ich dieses gefunden habe, grenzt schon fast an ein Wunder. Denn die Wegbeschreibung war – wenn auch außerordentlich freundlich und geduldig von der Besitzerin – auf Portugiesisch. Doch ich habe es gefunden und ich wurde schon erwartet. Die Brasilianer sind überhaupt alle unheimlich freundliche Leute bis jetzt! Ich hoffe, dieses Urteil werde ich nicht mehr revidieren müssen. Aber jetzt genieße ich erst einmal mein Zimmer mit großem Bett für mich ganz allein, violetten Bettlaken, Pizza und Cola vom Lieferservice und das Schönste an allem: Mein Fahrrad durfte mit ins Zimmer!

 

 

Praia Grande, Brasilien (Pousada Marilú)

Tages-Km: 97,76km / -Zeit: 5:49h / -Höhenmeter: 156m

Gesamt-Km: 25.146km / -Zeit: 1.707 / -Höhenmeter: 215.483m

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