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397_Final Countdown: 2

Als ich heute aufwache, ist Filipe schon aus dem Haus. Na gut, dann genieße ich eben erst mal die überwältigende Sicht von seiner Terrasse über die Stadt und die Bucht von Agra. Dann mache ich mich im aufgehenden Sonnenschein an meine Frühgymnastik, als er plötzlich zurückkommt. Für heute hat er seine Arbeit getan. Ab jetzt hat er einen freien Tag. Und den beginnt er damit, dass er Frühstück für mich macht. Es ist einfach unglaublich, welche Freude die Brasilianer daran haben, Gäste zu empfangen! Gestern Abend hat er für mich gekocht. Und nicht mal was bezahlen darf ich ihm für seine Ausgaben. Geschweige denn abwaschen. Ich soll mich erholen, hat er gemeint. Ist doch Wahnsinn, oder?

Als ich mich dann auf den Weg mache, beschließt er spontan, mir den Weg zurück zur Hauptstraße schlicht zu zeigen, anstatt ihn mir auf dem GPS-Schirm zu erklären. Und schon bumpert sein Mountainbike die Drei Stockwerke herunter und er fährt mir voraus. Er bringt mich bis zur Auffahrt auf die Autopista. Von jetzt finde ich den weg allein. Aber ich bin herzlich eingeladen, ihn und seine Traumterasse wieder zu besuchen. Was für ein Gastgeber!

Ab dann wird es angstrengend. Wie er es mir vorhergesagt hatte, kommt ein Berg am anderen, eine „Subida“, die die nächste jagt. Und es ist heiß heute! Ich muss wirklich kämpfen, um auf meine Fünfzig Mindestkilometer zu kommen. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich kann kaum noch Reserven aktivieren. Weil ich keine Reserven mehr habe! Die Oberschenkel sind heute wie aus Blei. Und die Schultern verspannt. Als ich nach Neunundvierzigkommanochwas vor der Entscheidung stehe: Hotel am Strand von Magaratiba oder noch eine Bergauffahrt bis ins nächste Dorf, steht die Enscheidung bald fest: Heute lasse ich den lieben Gott einen guten Mann sein. Und checke schnellstmöglich irgendwo ein.

Doch nix da! Ich fahre solange die Straße auf und ab, bis der Kilometerzähler schließlich doch Sechzig zeigt und habe noch immer nichts gefunden. Das ist nicht zu glauben! Es gibt im ganzen Ort kein Hostal oder eine Pousada. …bis ich schließlich dahinterkomme, dass der ganze Ort eigentlich hinter dem Felsenvorsprung liegt. Doch auch da ist es so einfach nicht! Die erste Unterkunft ist ein Zwergenhostel: Ich kann nur mit gebeugtem Kopf und eingeklappten Schultern den Flur entlang gehen. Der Preis dafür scheint mir eher üppig! Ich fahre also noch ein bisschen weiter und versuche mit nun schon fast verzweifeltem Suchblick, einen Hinweis auf eine Unterkunft zu finden: Hotel, Hostel, Pousada, wie auch immer. Hauptsache, ich bin heute Nachtt sicher!

Da ruft mir aus einem Restaurant eine Frauenstimme zu: Hey du! Ich habe was du brauchst! Es ist Ludmila. Und sie lädt mich ein, in ihrem Haus zu übernachten. Wenn es mir nichts ausmachen würde, noch Vierzig Minuten hier mit ihr zu sitzen und ein Bierchen zu trinken, weil das Haus gerade vom Hochwasser vor Zwei Tagen geputzt wird: Sie hatte das Wasser in allen Zimmern und nicht mehr die Kraft, das alleine wieder sauberzukriegen. Da hat sie sich lieber in das Restaurant ihrer Tante gesetzt und ihren schneidigen Nachbarn für ein paar Kröten Mitnachlass engagiert, den Besen zu schwingen.

So habe ich meine heutige Unterkunft gefunden. Und bis die Vierzig Minuten um waren, haben wir ungefähr Sechs Stunden verstreichen lassen, Fünf Flaschen Bier und ein paar unzählige Cachaca gekillt. Wir haben Lippenstifte getestet, ihr neues Strandkleid be-Modenschaut und mit schwarzen Männern zu brasilianischer Musik getanzt. Wir haben das ganze Städtchen kennengelernt und einen fetten Fetz gehabt. Und dann sind wir mit einer bomben Schlagseite in ihr Häuschen gewackelt.

 

 

Mangaratiba, Brasilien (Bei Ludmila)

Tages-Km: 60,39km / -Zeit: 4:41h / -Höhenmeter: 816m

Gesamt-Km: 25.626km / -Zeit: 1.740 / -Höhenmeter: 219.677m

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