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399_Hola Rio!

Jetzt ist er da, der große, langersehnte, harterkämpfte aber auch ein bisschen gefürchtete Moment: Ich bin da.

Diesen Tag habe ich mit einem gemütlichen Strandspaziergang begonnen. Begleitet von Edson und Miriam, den beiden Voluntären, die ich im Hostal kennengelernt habe. Der Himmel war wieder grau. Aber auf die Stimmung konnte das heute nicht abfärben. Sie war transparent und klar. Ich fühlte mich ausgeglichen… unbeschwert… zufrieden… erfüllt… glücklich. Und so ging ich die letzte Etappe schließlich an. Ich schwebte fast reibungsfrei an den grünblauen Wellen entlang. Zunächst leitete mich ein Radweg immer näher ans Zentrum von Rio. Unterwegs begegneten mir Athleten, die auf ihren Rennrädern letzte Trainingseinheiten fuhren. Dann irgendwann spuckte mich die Privatpiste aus in den hektischen Verkehr von Rio de Janeiro. Die Radwege waren geschlossen, denn es wurden die letzten Farbanstriche noch erledigt: Mittelstreifen und Seitenstreifen in Gelb und Weiß! Da musste ich wohl nochmal auf die Fahrspur der Großen. Stadtautobahn! Es gab hier nicht einen Zentimeter Seitenstreifen. Und ein paar Tunnels, die mich ein letztes Mal ein paar Kreuzzeichen und ein Stoßgebet machen ließen, denn zu respektlos ist hier die Fahrweise der Busse und Kleintransporter gegenüber einem Fahrradfahrer: Lieber Gott, lass mich jetzt auf den letzten paar Metern nicht im Stich!

Und das tat er nicht. Nach einer letzten Stunde Adrenalin landete ich schließlich auf der Strandpromenade der beiden ganz großen Namen von Rio: Ipanema und Copacabana. Und jetzt füllte sich die Luft langsam mit dem Spirit, der mich schon vor Wochen ergriffen und gejagt hatte: Olympia! Hier konnte keiner mehr entkommen: Kiosk an Kiosk wartete mit Fähnchen und Fernsehübertragungen auf die bereits in Scharen anreisenden Besucher. Die Stadt war voll von Sportlern, TV-Leuten, Kameras, Souvenir-Verkäufern, Sicherheitspersonal und freiwilligen Helfern. Alles stand in den letzten Vorbereitungen. Und jeder konnte sie spüren, die Vorfreude auf die großen, aufregenden Spiele. Ich saugte alles genüsslich in mich hinein wie ein fetter Schwamm. Was für ein Gefühl: Ich werde dabei sein!

Dann endete die quirlige Zone der Tribünen, Riesenbildschirme und Touristenscharen und es wurde wieder ruhig. Noch immer führte mich der Radweg am Wasser entlang. Und da plötzlich konnte ich ein weißes, kleines, schaukelndes Dreieck am Horizont erspähen. Und noch eins. Und noch eins. Ich wusste zwar nicht, zu wem dieses Lasersegel gehörte, aber ich wusste: Da muss er irgendwo sein! Mein „kleiner“ Bruder. Der wilde Vogel, der sich hier gerade seinen Kindheitstraum erfüllt. Der entscheidende Grund bei der Wahl meines Endpunktes. Mein Mit-Motivator. Ich wusste, er würde heute keine Zeit für mich haben. Aber trotzdem musste ich bis zum Hafengelände fahren, um wenigstens einmal wie ein Groupie am Absperrzaun zu hängen und hineinzuspähen, ob ich ihn vielleicht nicht doch zufällig dort vorbeischlendern sehen könnte. Daraus wurde nichts. Aber ich spürte seine Energie. Und das reichte mir. Jetzt war ich da. Ich war angekommen. Wir haben uns zwar noch nicht getroffen. Aber wir waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Die Mission war erfüllt: Holario ist gelungen.

Und dann hielt mich nichts mehr, endlich meinen Papa und meine Schwester fest in die Arme zu schließen. Ich wusste, sie warten nicht weit vom Hafen auf mich. Mama war leider daheim geblieben. Sie will lieber von allen gedrückt werden, wenn wir uns dann daheim in Deutschland wieder sehen. Ich lotste mich noch ein aller-, allerletztes Mal durch den Stadtverkehr. Wie üblich: GPS läuft und ich folge. Und wenn´s braucht, biege ich dort ab, wo ich es für besser halte. Und so lande ich schließlich – durch Zufall oder Schicksal, jedenfalls gegen den Willen meiner Navigation – genau auf der kleinen Seitenstraße, an deren Ende ein Plakat mit „Holario, Welcome Angi“ auf mich wartet. Links Coletta, rechts Papa, die die Fahne aufspannen und mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht empfangen. Als ich sie sehe, kann ich plötzlich nichts anderes mehr wahrnehmen. Und so verpasse ich glatt das selbstinstallierte Verkehrsleitsystem, das Coletta mir in Form von leuchtend pinken Schleifen an allerlei Straßenlaternen und Pfosten der Straße gebunden hatte. Was für ein Gefühl! Nach all den gesammelten Erfahrungen und Fünfundzwanzigtausend gefahrenen Kilometern am anderen Ende der Weltkugel anzukommen und von deinem Zuhause empfangen zu werden. Ich war einfach nur glücklich!

Und heute Früh erwartete ich noch ungeduldig die Komplettierung des Projektes: Philipp würde vorbeikommen! Jetzt haben wir uns also tatsächlich in Rio getroffen. So, wie unsere Verabredung gelautet hatte. Und an dieser Stelle übergebe ich nun das Feuer der Leidenschaft für persönliche Träume an meinen Bruder. Philipp: Mach fertig!

 

Rio de Janeiro, Centro, Brasilien (im Himmel)

Tages-Km: 47,48km / -Zeit: 3:16h / -Höhenmeter: 101m

Gesamt-Km: 25.753km / -Zeit: 1.749h / -Höhenmeter: 220.314m

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20 Gedanken zu „399_Hola Rio!“

  1. Juhuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu, das isch der Sieger Blues, Sieger isch was ma haba muss ;=) Soooooooooooooo cooooooooooool ;=) Einen dicken Äffle und Pferdle Glückwunsch für die tolle tolle Radlwelttourleistung!!!!!!!!!!!!!!
    Wünsch Euch allen eine feine Zeit in Rio und natürlich ein paar Medallien vom kleinen Bruder, auf geht’s Phillip, hehehehehe…
    Und frei mi Angi, wennd ma uns wiedersehen ;=)
    Der Steffling

  2. Liebe Angela,
    herzlichen Glückwunsch!! Riesen Respekt für deine Leistung. Ich wünsch dir eine tolle Zeit in Rio und drücke deinem Bruder die Daumen.
    Liebe Grüße
    Susanne

  3. Liebe Angela, du bist die allererste Siegerin in Rio !!! Herzlichen Glückwunsch !!! Als ich heute morgen deine Seite geöffnet hatte und das Foto mit dir, deinem Papa und Coletta gesehen habe, da kamen mir die Tränen. Es ist tatsächlich gut gegangen, du bist heil angekommen. Ich wünsche euch nun eine gemeinsame tolle Zeit dort und für Philipp fiebern wir jetzt natürlich mit. Erika und Ulli

  4. Liebe Angi,
    herzlichen Glückwunsch!
    Ich habe jeden Tag deinen Blog verfolgt und gespannt deine Erzählungen gelesen. Respekt vor deiner Leisung!
    Wir drücken jetzt natürlich deinem Bruder die Daumen!
    Ich freue mich auf unser Sektfrühstück an der Münchner Freiheit 😉 – Dann wird gefeiert!
    Liebe Grüße und eine schöne Zeit in Rio!
    Andrea&Franz

  5. Hallo Angela, herzlichen Glückwunsch zum erreichten Ziel und eine tiefe Verbeugung vor deiner Leistung. Eigentlich hättest du dafür auch eine Goldmedaille verdient. Wünsche dir eine schöne Zeit in Rio!!! Annegrit

  6. Meinen allgergrößten Respekt vor dieser, deiner Leisitung. Ich wünsche dir einen krönenden Abschluss in Rio, in dem dein Bruder eine Medaille holt. Welche, ist egal. Wie sagtest du so schön, dabei sein ist alles. Ich freue mich auf ein Wiedersehen in München. Es ist schön dich zu kennen.

  7. bravo, du bist für mich die erste olympiasiegerin. ich hoffe dein bruder schafft das auch. ich würde ihm das auch von herzen gönnen. aber du warst mich meine heldin in den letzten eineinhalb jahren. ich kenne dich nicht persönlich, trotzdem bin total begeistert von den berichten welche ich immer regelmässig verfolgt habe. danke und ich wünsche dir nur das beste für deine zukunft. lghj

    1. Habe nichts gegen Waffenbesitzer,aber mal im Ernst : Bewaffnete Bürger gegen Armee ?Erinnere an das Wiki Video als der Apache loschoss.Kein Waffenträger hätte sein Eisen auch nur ansetzen können.

  8. Herzlichen Glückwunsch, Angi! Ich freue mich riesig für dich und würde sagen, du hast dir ebenfalls eine Goldmedaille verdient nach so viel Durchhaltevermögen! Genieß Olympia in Rio zusammen mit Coletta, Philipp und deinem Papa! Wir drücken natürlich zu Hause die Daumen, dass es für Philipp ebenso gut klappt wie für dich!
    Ganz liebe Grüße aus dem Urlaub in Barcelona
    Maria mit José

  9. Chapeau bas, tous les cyclotouristes devant l’arrivée chez les Cariocas de la princesse algovienne !
    Bravo, félicitations et respect devant ta performance, chère Angi. Et heureux d’avoir eu la chance de te croiser dans les longues montées péruviennes.
    Je t’embrasse, toi et toute ta famille !
    Pierre

  10. Super. Gesetzes Ziel trotz Höhen und Tiefen mit Bravour erreicht. Genießt alle den Spirit und das drumherum von Olympia. Drück die Daumen für Philipp, das ihm das Glück gegönnt ist um seinen Traum zu erfüllen. Liebe Grüße an euch alle. Bleibt gesund.

  11. Hallo Angela, nun hast du’s geschafft!!! Herzlichen Glückwunsch !! Ich kann nur sagen. „RESPEKT, ein WAHNSINN !!!!! “ Freue mich für dich, dass alles so gut geklappt hat und du gesundheitlich fit bist! Genieße die Zeit in Rio, das olympische Flair und all die kommenden Eindrücke. Phillip wird die Sache schon rocken (so hoffe ich jedenfalls)! Alles Gute, eine schöne Zeit in Rio und gute Heimkehr nach Berghofen.

  12. Liebe Angela,
    allerherzlichsten Glückwunsch . Du hast es geschafft! Einfach super! Genieße die Ereignisse, die dich jetzt erwarten. Deinem Bruder wünschen wir optimale Bedingungen .
    LG Daniela

  13. Liebe Angi,
    da kommen mir die Tränen… tiefsten Respekt vor deiner Leistung und jetzt eine unvergessliche Zeit in Rio mit deiner Familie (die Mama ist ja in Gedanken auch da).

    Für deinen Bruder halte ich jetzt natürlich die Daumen.

    Bis (hoffentlich) bald mal wieder in München und viele liebe Grüße aus selbigem.
    Astrid

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