Kategorie-Archiv: holario

386_Final Countdown: 15

So, aus die Maus. Der Zauber ist vorbei. Ab heute ging´s wieder mit normaler Kraft vorwärts. Nur gut zu wissen, dass ich in den letzten beiden Tagen wenigstens ein winziges Polsterchen an Kilometern herausgefahren habe. Da schläft es sich doch gleich ein bisschen ruhiger…

 

 

Nach Palmeira, Brasilien (Zelt an Servicestation)

Tages-Km: 77,11km / -Zeit: 5:30h / -Höhenmeter: 1.179m

Gesamt-Km: 24.672km / -Zeit: 1.678 / -Höhenmeter: 211.667m

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385_Final Countdown: 16

Ich habe beim besten Willen keine Erklärung dafür, woher er kommt und warum ausgerechnet jetzt. Ich weiß nur eins: Er ist mir auf Herzlichste willkommen, mein unerwarteter Überraschungsgast. Ein Energieschub! Schon gestern ging´s mir fast beängstigend gut und ich habe mein ziemlich hochgestecktes Wunschziel mehr oder weniger problemlos erreicht. Dafür darf ich heute zum Ausgleich wieder bei Achtzig aufhören, habe ich mir vor dem Start gegönnt. Doch so wie der Nachmittag langsam älter wird und auch mein heutiges Wunschziel Irati in erreichbare Nähe rückt, spüre ich nichts, was mich aufhalten könnte. Keine lahmen Beine, keine verspannten Schultern, nur ein klitzekleines bisschen mein Sitzfleisch. Aber das ist normal. Ab Achtzig (Kilometer selbstverständlich!) fängt das nun einmal an.

Es wird langsam dämmrig. Es käme eine tolle Raststätte zum campen, doch ich will bis Irati. Dann kommt ein perfekter Servicepoint mit Toiletten und Kaffee und Wasser. Doch ich will bis Irati. Es ist jetzt fast dunkel. Irati lässt sich noch nicht blicken. Noch dunkler. Dann endlich: Die erste Abfahrt. Doch die scheint mir ein bisschen ins Hinterland des Städtchens zu führen. Ich entscheide mich dazu, bis zur Haupteinfahrt weiterzufahren. Doch die liegt noch Drei Kilometer weg. Schaffe ich das? Soll ich? Ich habe noch immer Power. Jetzt ist es dunkel. Und mit der vollen Dunkelheit fällt auch der Druck von mir ab, es noch vor der Dunkelheit zu schaffen. Ab jetzt wird´s eigentlich wieder gemütlich. Der Tacho zeigt bereits Einhundertsechs Kilometer, als ich an der Hauptzufahrt ankomme. Doch hier ist erstens und zu meiner Enttäuschung kein Hotel in der Nähe der Hauptstraße und zweitens die Zufahrt zum Zentrum nur noch viel länger, als sie es zuvor gewesen wäre. Außerdem führt sie zurück. Und ihr wisst ja…

Also folge ich stattdessen einem Megaposter: Hotel in Sechs Kilometern. Ich fühle mich stark und kein bisschen müde. Aber bitte erwartet von mir keine Erklärung dafür. Ich beschließe einfach nur, diese Welle der Kraft zu reiten, anstatt sie ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Und während ich in nun mehr völliger Dunkelheit durch die Nacht fahre, erinnere ich plötzlich wieder an die aller-, allererste Nacht meiner Reise. Es war stockfinster und klirrend kalt. Eine sternklare Winternacht. Ursprünglich hatte ich gedacht, ich würde die Nacht im Zelt verbringen. Doch Gott sei Dank habe ich am Ende noch eine Unterkunft gefunden. Der alte Mann dort erzählte mir am nächsten Morgen, dass wir in der vergangenen Nacht so etwas wie eine Jahrhundert-Tieftemperatur hatten: Minus Siebzehn! Auch heute ist es kalt. Aber bei weitem nicht so kalt natürlich. Ich versuche mich zu erinnern, wie ich mich damals gefühlt hatte. Es war eine der schwierigsten Etappen der ganzen Reise: Der Anfang. Ich hatte gerade mal Siebzehn Kilometer oder so geschafft. Aber immerhin: Ich war losgekommen. Es war zwar etwas seltsam, in einer Gegend, die ich wie meine Hosentasche kenne, plötzlich nach einer Pension zu suchen. Aber zurück gab´s auch damals schon nicht. Sonst hätte ich ja nochmal von vorne anfangen müssen! All die geliebten Sachen nochmal zurücklassen müssen. Mich nochmal verabschieden. Nochmal loseisen von meinem Zuhause. Nein, nein, das ging nicht. Der erste Schritt ist immer der schwierigste. Und den wird man ja nicht zweimal tun! Und ich weiß noch, wie ich mich damals und in den folgenden Wochen auf die Zeit gefreut habe, in der dann endlich eine Routine eingekehrt sein würde. In der endlich nicht mehr alles neu und aufregend und spannend und ungewiß war, sondern einfach ganz normal.

Jetzt ist es so weit. Es ist – ohne, dass ich genau beziffern könnte, wann der Punkt war – zum Alltag geworden. Das Meiste meiner Reise kenne ich jetzt. Die Ungewissheit ist einer Kollektion an Erlebnissen von unschätzbarem Wert gewichen. Jetzt ist es ist mein Leben geworden. Es ist genau das, worauf ich mich lange, lange gefreut habe. Schon über eineinhalb Jahre alt, aber immer noch gut. Immer noch freue ich mich am Morgen, nicht einen Computer hochfahren zu müssen, sondern meinen Kreislauf. Ich freue mich auf einen Tag im Freien. Und während dieser langsam verstreicht, wächst in mir die Freude auf ein hübsches Hotelzimmer, das ich mir bei diesen Extrem-Etappen einfach ohne schlechtes Gewissen gönne. Und gleichzeitig wächst aber schon die Vorfreude auf das Leben danach. Je näher ich Rio komme, umso öfter denke ich an ein paar hübsche Klamotten. Ich freue mich auf Stöckelschuhe und Schminkzeug. Auf meine Parfümfläschchen und Ohrringe und Handtaschen. Auf all den Kram, der eigentlich nicht glücklich macht. Und plötzlich tut er es doch…

 

 

Nach Irati, Brasilien (Hotel Anila)

Tages-Km: 113,49km / -Zeit: 7:28h / -Höhenmeter: 1.472m

Gesamt-Km: 24.595km / -Zeit: 1.672 / -Höhenmeter: 210.470m

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384_Final Countdown: 17

Zum ersten Mal klingelt er um halb Sieben. Das zweite Mal um Sieben. So weit bin ich noch im Plan. Doch als ich feststelle, dass heute Früh mein Zelt nusstrocken ist, drehe ich mich vergnügt nochmal um und gönne mir schnell noch ein Viertelstündchen des in-den-Tag-Hineinträumens. Und weil ich die Sonne schon hinter den Bäumen hervorblitzen hab sehen und der Himmel heute kein Wölkchen zählt, freue ich mich trotz des verschärften Programmes, das ich mir für heute vorgenommen habe (die fehlenden Fünfzehn Kilometer der letzten Drei Tage ausgleichen) auf den Tag. Ich bin ziemlich müde. Und nach wie vor so etwas wie generalschlapp. Doch gleichzeitig habe ich das Adrenalin des Endspurts in den Adern. Wie bei einem Vierhundertmeterlauf: Man ist schon seit einer halben Runde tot, aber legt trotzdem noch eine Kohle auf, wenn´s Richtung Zielgerade geht.

Es ist ein herrlicher Tag. Doch er hält, was die Nacht bereits versprochen hat: Es ist bitterkalt! Und lacht mich jetzt bitte nicht aus dafür, aber als ich mich heute selbst in der Verglasung des Tankstellenrestaurants, wo ich gestern Abend mein Zelt aufgeschlagen hatte, spiegle, schleicht sich mir ein Wurm ins Ohr, den ich so bald nicht mehr loswerde. Ich trage lange Hosen, Unterhemd, T-Shirt, Sportjacke und Daunenjacke! Zudem Schal, Stirnband und – kein Scherz jetzt: Meine fellenen Fäustlinge. Und es ist mir auch auf dem Rad damit keineswegs zu kalt!

…, eine Version von Michael Doublé

Ich verliere mich ein wenig in Gedanken. Schwelge in Erinnerungen. Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob sich im Moment alles Erlebte noch einmal ins Gedächtnis zurückrufen wollte: Einmal ist es heiß. Zwei Tage später ist es winterlich kalt. Gestern war der Tag so grau wie ein zweihundertjähriger Esel. Und heute strahlt die Sonne mit sich selbst um die Wette. Während die gestrige Nacht ungemütlich und pudelnass und einfach nur eklig war, so war die vergangene ein Exempel einer eisigen, sternklaren Winternacht. Und was die Wetter- und Temperaturkurve vorgibt, ahmt die Geographiekurve eifrig nach: Es geht gnadenlos rauf und runter. Heute auch ziemlich steil bisweilen! Das merke ich kurz vor meiner Mittagspause, etwa eine Stunde nachdem ich mir gedacht habe, dass meinen Beinen wohl so schnell nichts mehr was anhaben kann: Sie melden sich. Aber ist ja auch kein Wunder: Fünfzig Kilometer und schon Neunhundert Höhenmeter auf dem Tacho. Das ist einfach nur krass! Denn ich weiß ja: Die zweite Hälfte wird vermutlich nicht viel leichter…

Doch bleiben wir lieber bei den Erinnerungsmomenten. Fast hätte ich diesen Teil meiner Reiseerfahrungen nämlich tatsächlich schon vergessen! Derweil gehört der zu jedem Land dieser Erde, wie das Weihwasser zur Kirche. Die Geilos. Jedes Mal, wenn ich einen der vielen Hügel hochknete, hupt irgendwer hinter mir oder im Vorbeifahren. Und wenn ich es mir erlauben kann, eine Hand vom Lenker zu nehmen, winke ich auch in den Rückspiegel des Grüßenden. Doch als ich dann runterfahre, steht da nicht wieder mal einer am Straßenrand? Er hat seine Karre auf einem kleinen Weg seitlich der Hauptstraße abgestellt und sich selbst am rechten Rücklicht, vorfreudiger Blick in meine Richtung. Seine Sporthosen sind heruntergelassen bis in die Kniekehlen, sein T-Shirt hochgezogen bis kurz unter die Brustwarzen. Klar: Bauchi will ja auch was sehen! Und die eine Hand werkelt mit Hochfrequenz an seiner Nudel. Gott, ist das flach. Ich versteh das nur nicht! Ich erinnere nochmal: Ich trage lange Hosen, Daunenjacke, Halstuch bis zur Nase und – wegen der Abfahrt – sogar die Kapuze unter dem Helm. Und die Hände in Handschuhen. Einzig an meinen aufgearbeiteten Knien kann man ein bisschen nacktes Fleisch sehen. Wie hießhungrig muss man denn bitteschön drauf sein, wenn diese Michelin-Aufmachung einen antörnt? Irgendwie macht mich das ein bisschen ärgerlich heute. Ich verlangsame die Fahrt und bleibe stehen. Den hätte ich heute knallhart angeknipst und auch noch als Titelbild online gestellt. Samt Nummernschild. Doch so cool war er dann doch wieder nicht. Hat schnell die Hose hochgezogen und ist hinter seiner Karre verschwunden.

Auf meiner Weiterfahrt erinnere ich mich plötzlich wieder an einen Facebook-Post, den ich vor Jahren einmal zufällig in den Neuigkeiten gelesen habe. Das Foto zeigt einen Geldautomaten und darauf ein aufgerissenes Kondomtütchen. Und der Kommentar zum Bild lautete: „Wie dringend kann´s denn bitteschön sein?“ Damals konnte ich das Empfinden desjenigen, der das gepostet hatte, einigermaßen nachempfinden. Doch heute kenne ich dringlichere Fälle. Während sich mir der Anblick des Tütchens im Vorraum der Bank wie von selbst erklärt: Das gehörte ursprünglich vermutlich einem Argentinier, der einfach nur Geld abheben wollte. Doch als er vor sich schon jemanden am Automaten operieren sah, dachte er sich wohl: „Wenn´s mal wieder länger dauert… hol´ich halt mein´ Snickers raus!“ Wie konnte der auch ahnen, dass sich das mit dem Abheben binnen Drei Minuten hat in Deutschland?

…wobei sich natürlich die berechtigte Frage stellt, ob es sich nicht auch wegen Drei Minuten gelohnt hat, schnell den Riegel rauszuholen.

 

 

Guarapuava, Brasilien (Hotel Zanetti)

Tages-Km: 101,96km / -Zeit: 6:55h / -Höhenmeter: 1.554m

Gesamt-Km: 24.481km / -Zeit: 1.665 / -Höhenmeter: 208.998m

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383_Final Countdown: 18

Nasser als die vergangene Nacht kann man sich eine Nacht nicht vorstellen! In der Früh war mein Zelt trotzdem es unter der Hütte gestanden hatte, tropfnass. Ich möchte nicht wissen, wohin es uns beide geschwemmt hätte, wenn ich draußen unter freiem Himmel gezeltet hätte! Der Prozess des Aufbrechens zog sich also ein bisschen in die Länge, bis das Ding wenigstens halbwegs windtrocken im Sack war. Danach gönnte ich mir noch einen Milchkaffee und einen Maracujasaft oben im Restaurant. Und weil ich ohnehin schon hoffnungslos hinter der Zeit war, konnte es auch nicht mehr viel ausmachen, wenn ich noch schnell den Blog veröffentlichte. An dieser Stelle noch einmal ein mega „Obrigada!“ an die Jungs und Männer vom Saftladen für die großartige Gastfreundschaft!

Ich kann es nun drehen und wenden, wie ich will: Es hilft nichts. Ich muss es tun. Ich muss erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Am Ende des Tages fehlen mir jedes Mal die entscheidenden Minuten (oder gar Stunden), um auf mein errechnetes Tagesziel zu kommen. Das habe ich jetzt seit Drei Tagen ausprobiert und seit Drei Tagen versumpfe ich entweder bei knapp über Sechzig oder knapp unter Achtzig. Oder ich würge mich mit dem letzten Sonnenlicht haarscharf auf´s Minimum. Doch wenn ich so weitermache, werde ich nicht rechtzeitig ankommen! Und so bleibt mir nur eine Wahl: Ein Rhythmuswechsel. Auf dieser Reise habe ich eins immer besonders genossen, solange noch Zeit dafür war. Das Aufstehen mit der Sonne. Ich habe beobachtet, dass – egal in welcher Zeitzone ich mich auch immer befinde – mein Biorhythmus vom Feuerball abhängt. Meine innere Uhr ist eine Sonnenuhr! Wenn ich mir den Luxus erlauben kann, mit ihr aufzustehen, gibt es ausnahmslos irgendwann am Morgen den großartigen Moment, in dem mich die Energie packt und aus dem Bett hochschnellen lässt. Dann kann ich es plötzlich kaum mehr erwarten, einem neuen Tag entgegenzugehen. Hingegen wenn mich ein Wecker aus der Tiefschlafphase reißt, kommt mich dieses energetische Gefühl meistens nicht mehr besuchen während des Tages. Dann schleppe ich mich halt irgendwie Richtung Feierabend. Motiviert vom Bett, in das ich zurück darf. Das ist übrigens kein Phänomen, das nur auf Reisen zu beobachten ist! Das gilt eigentlich immer…

Wie dem auch sei: Jetzt habe ich ein Ziel zu erreichen. Und das bedeutet: Wecker stellen!

 

 

Vor Virmond, Brasilien (Zelt an Tanke)

Tages-Km: 77,19km / -Zeit: 5:32h / -Höhenmeter: 1.216m

Gesamt-Km: 24.379km / -Zeit: 1.658 / -Höhenmeter: 207.443m

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382_Final Countdown: 19

Es bleiben mir noch Neunzehn Tage. Und ich habe Lust, mit Euch über das ganz große Glück zu plaudern!

Als ich im Hotel aufwache, freue ich mich, dass ich in ein paar wenigen Schritten in einem richtigen Bad bin. Weiß gefließt, warmes Wasser. Alle meine Geräte hatten eine Steckdose gefunden. Dass der Computer trotzdem nicht vollgeladen ist, hängt mit meinem eigenen Versäumnis zusammen, die Stecker auch richtig in die Buchse zu drücken… Ich bin irgendwie noch müde. Aber ihr wisst ja: Ich muss trotzdem raus aus der gemütlichen, blitzsauberen Matratze. Den Rest wird schon der Frühstückskaffee erledigen, der im mehr als fairen Preis von Zwanzig Euro inkludiert ist. Ich werde mal schnell hinuntergehen. Und währenddessen überlege ich, ob ich anschließend wohl ein hübsches Café am Straßenrand entdecken werde, wo ich zum gehabten Kaffee auch noch was Nettes essen könnte. Da biege ich gerade einen Stock tiefer um die letzte Ecke vor dem Kaffee-Raum und sehe eine Art Fatamorgana: Semmeln, Schinken, Käse, Marmelade, Kuchen, Panettone, Toastbrot, frisches Obst, Obstsaft, Milch, Kaffee, Kakaopulver, Tee… ich bin im Himmel!

Drei Stunden zurück im Tagesverlauf regnet es wieder einmal, was die brasilianischen Wolken hergeben. Doch als ich mein Rad jetzt aus der Hotelgarage schiebe, ist es trocken. Ich fahre zufrieden Richtung Stadtzentrum und habe noch ein paar Pünktchen auf meiner Erledigungsliste: Eine Telefonkarte, Seife und Sonnencreme, ein bisschen Obst und Brot für unterwegs. Ich entdecke zuerst einen Telefonladen. Hier könnte man meinen, hätte mich das anfängliche Glück schon wieder im Stich gelassen, denn keiner der Zwei Chips will von meinem deutschen Telefon angenommen werden. Auch nicht, wenn ich schon bezahlt habe. Doch als es draußen wieder in Strömen zu regnen beginnt werde ich drin ein bisschen ruhiger: Jetzt sitze ich hier über eine Stunde und gehe am Ende mit leeren Händen hinaus. Aber immerhin mit trockenen Händen! Denn als ich nach hoffentlich erfolgreicher Stornierung der Kartenzahlung endlich die Weiterfahrt antrete, scheint fast die Sonne! Das ist das Stichwort: Sonnencreme! Als hätte das Universum wieder einmal meine Gedanken gelesen, stellt es mir jetzt einen Laden mit allerlei Naturprodukten in die Einkaufsmeile. Die Seifen sind spottbillig: Wo Argentinien Sieben Euro für eine wollte bekomme ich hier für die selbe Marke Zwei Stück für Zwei Euro. Sonnencreme gibt´s leider nur eine. Aber die ist im Angebot. Was will man da sagen: Nehm ich!

Jetzt hätte ich wieder ein bisschen Hunger. Und mein Schicksal schickt mich zum zweiten Mal in den Himmel: Ein super Supermarkt! Ich suche natürlich erst mal die Toilette auf: Blitzsauber auch hier und auch noch Papier. Und Seife. Unten im Laden entdecke ich zuerst ein kleines Töpfchen pures Gift. Doch weil es gar so klein und unschändlich wirkt, lasse ich mich heute einmal aller Vernunft zum Trotz von dem Irrglauben eingarnen, dass Schoko-Haselnusscreme auch glücklich macht. Und dann laufe ich schnell zu den Äpfeln, um wenigstens auch ein bisschen gutes Gewissen einzukaufen. Was wiederum in der Brotabteilung von ein paar süßen, kleinen Teigkugeln aufgewogen wird. Wenn ich noch ein bisschen mehr Glück habe heute, dann sind das kleine Minikrapfen!

Fertig bezahlt, Karte hat auf Anhieb funktioniert, das Fahrrad steht noch da. Es hatte überhaupt den perfekten Platz während meines Einkaufsbummels: Ein Geländer, an das ich es anlehnen und gleichzeitig ansperren konnte. In Eingangsnähe, wo keiner sich so schnell an einem Rad zu schaffen machen mag, unter Dach, falls noch ein Regenschauer kommen würde. Oder – wie im heutigen Fall: Von der prallen Sonne geschützt im Schatten. Dort wage ich mich an die Tüte der Teigkugeln und ich kann´s nicht glauben: Es sind tatsächlich Krapfen! Und die Äpfel schmecken herrlich saftig. Die alten Plastiktüten, die sich so angesammelt haben in meinen Taschen, werfe ich gleich mal in den Mülleimer. Und für diesen muss ich keinen halben Kilometer um´s Gebäude schleichen: Er steht nämlich direkt hinter mir!

Jetzt muss ich aber weiter. Ach, die Musik heute ist gut! Normalerweise muss ich mich mit halber Wahrscheinlichkeit fürchterlich über den grauenvollen Mix ärgern, den mir die Random-Taste beschert. Doch heute habe ich den Algorithmus auf meiner Seite! Es ist unerklärlich, aber manche Tage die wollen einfach nur. Die sperren sich nicht und die arbeiten auch nicht gegen sondern für dich. Mit Handkuss. So komme ich trotz der verlorenen Zeit am Vormittag fast trotzdem noch auf meine Achtzig Tageskilometer. Weil der Himmel jetzt schon wieder verdächtig grau ist, frage ich lieber doch schon jetzt den Herrn vom Straßenrestaurant, ob ich auf seinem Parkplatz zelten dürfte. Dann könnte ich bei ihm auch noch auf die Toilette gehen, mich dort ein bisschen waschen und anschließend bei ihm essen und einen frisch gepressten Saft trinken, denke ich mir. Das tue ich! Doch ich schlafe nicht auf seinem Parkplatz, ich schlafe unter einem kleinen Blechdach in seinem Garten. Und bevor ich das tue, darf ich in seinem Weinkeller duschen gehen. Warm! Und weil er solange nicht warten will, erklärt er mir, wo alle Lichtschalter sind, wie ich das Tor später abschließe und drückt mir die Schlüssel seines Kellers in die Hand. Bezahlt für meine Abendessen habe ich noch nicht. Das kann ich auch noch morgen, hat er gemeint. Ich werde nicht gehen, ohne zu bezahlen, habe ich ihm versichert. Da freut er sich merklich. Und dann verabschiedet er sich mit einem erleichterten Lachen und einem festen Händedruck in seinen Feierabend.

Was meint ihr: War das nicht ein purer Glückstag?

…draußen regnet es jetzt übrigens wieder. Aber wen stört´s. Ich hab ja Wellblech über mir.

 

 

 

Guaraniacu, Brasilien (Zelt/Zanatta, Salada de Frutas)

Tages-Km: 74,87km / -Zeit: 4:42h / -Höhenmeter: 707m

Gesamt-Km: 24.302km / -Zeit: 1.652 / -Höhenmeter: 206.227m

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381_Final Countdown: 20

Es ist ganz schön bucklig hier. Und so muss ich ganz schön buckeln, das kann ich euch sogar singen! Puuuh, aber jetzt nicht lockerlassen. Mindestens Einundachtzig. Das gilt. Ob es Kröten oder Mäuse hagelt, darunter bleiben gibt´s nicht! …außer gestern.

Mein Ziel ist heute eine Dusche. Und dafür muss ich ganz schön eseln! Diese kleinen Buckel, die an sich ganz leicht von der Kette gehen, haben´s in der Summe und gegen Ende des Tages dann doch ganz schön in sich. Sie werden zwar nicht höher oder steiler, aber meine Energiekurve wird deutlich flacher. Mit dem mittelstarken Wind, der heute zudem stetig an meinen Rockzipfeln zerrte, bin ich doch ziemlich erleichtert, als ich bei schon vollständiger Dunkelheit endlich in ein Hotel einchecke. Soll ich mich wieder fragen, warum ich das tue?

Nein! Ab heute gibt es kein „Warum?“ mehr. Ab heute gibt es das „Darum!“ Denn heute hatte ich die schönste Bestätigung im Postfach, die ich für die ganze Kämpferei kriegen könnte. Mein Bruder hat geschrieben: Angi, Coletta, … ihr habt Karten für die Eröffnungsfeier!

 

Cascavel, Brasilien (Zelt)

Tages-Km: 95,52km / -Zeit: 6:48h / -Höhenmeter: 1.269m

Gesamt-Km: 24.227km / -Zeit: 1.648 / -Höhenmeter: 205.520m

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380_Final Countdown: 21

Machen wir doch gleich weiter mit dem Thema „Grenzen“! Heute stand (ich) nämlich wieder (an) eine(r) an. An der allerletzten auf meiner großen, langen Reise. Leute, ich bin in Brasilien!

Ab sofort muss ich mich umgewöhnen. Wenn mich jemand fragt, wo ich hin will mit alle dem Gepäck, so habe ich bisher immer gesagt: „Nach Brasilien“. Heute ist mir das einmal so passiert. Dann hat mein Gegenüber etwas die Augenbrauen hochgezogen (und sich wohl gefragt, ob die noch ganz frisch ist unter´m Helm). „Also, ich meine natürlich: Jetzt geht´s nach Rio!“

 

 

Vor Medianeira, Brasilien (Zelt)

Tages-Km: 61,34km / -Zeit: 4:46h / -Höhenmeter: 829m

Gesamt-Km: 24.1320km / -Zeit: 1.641 / -Höhenmeter: 204.251m

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Am Limit

Ausgeschlafen hat die Welt doch gleich wieder ganz anders ausgesehen. Und so hat sich heute wieder einmal gezeigt, dass doch alles irgendwie aus einem bestimmten Grund passiert: Ich hatte nämlich einen fantastischen Tag an den Wasserfällen: Mit Grace und Marie aus Irland und Min aus Korea. Wir haben uns im Taxi von Darío kennengelernt und sind binnen eines Tages tatsächlich „Beste Freunde“ geworden. Nein, im Ernst: Es war ein wundervoller Ausflug. Einfach unvergesslich nässlich!

Und während ich in dieser Traum-Begleitung durch den Tag und die Anlage schlenderte, gingen mir ein paar schwere Gedanken leichtfüßig im Kopf um. Ich hatte gestern ein paar interessante Nachrichten im Posteingang. Es ging um Grenzen. Genauer gesagt: Um MEINE Grenzen. Um MEIN Limit. Von einem außerordentlich aufmerksamen Verfolger meines Blogs wurde mich gestern in einer Nachricht gefragt, warum ich mir das antue. Diesen Stress, diese Schufterei. Wem ich damit etwas beweisen wolle. Natürlich will ich damit niemandem etwas beweisen. Ich will nur ankommen. So ging das hin und so ging das her. Und nach ein paar Schriftwechseln kam dann: „Du hast überhaupt nichts gelernt! Du machst den gleichen Fehler wie früher offenbar. Lässt dich von der Zeit kommandieren. […]“ Und damit war ich erst Mal baff. Denn so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber so kann man das natürlich sehen!

Ist das wahr? Habe ich mich tatsächlich wieder abgewendet von meinem inneren Gefühl und meinem eigenen Rhythmus? Den zu finden war doch das ursprünglichste Ziel. Und für eine Zeit lang mal ausschließlich dessen Kommando zu gehorchen der Anlass für meine Reise. Und zwischendurch hat das doch so gut funktioniert. Zumindest, solange ich allein unterwegs war. Habe ich es jetzt tatsächlich soweit kommen lassen, mich wieder fernsteuern zu lassen? Das war eine gute Frage für Iguazú!

Was bedeutet es eigentlich genau? „An´s Limit gehen“? Nun: In meinem Fall waren es die „Hundert pro Tag“. Mehr als Hundert hatte ich so gut wie nie geschafft. Also war das mein Limit. Mein Kilometerlimit. Zumindest hatte ich das gedacht! Doch wenn ich ehrlich bin, liegt mein Limit eben doch nicht bei den Hundert. Es liegt drunter. Denn sonst könnte ich diese Marke ja locker und leicht dauerhaft durchhalten. Doch nach Zehn, Vierzehn Tagen Chaco bin ich nichts Geringeres als „im Sack“, um es mal in anständigem Deutsch auf den Punkt zu bringen. Nach Zehn, Vierzehn Tagen Chaco weiß ich, dass ich das nicht dauerhaft durchalten kann. Ich war also nicht im gesunden Rhythmus unterwegs. Meine Marke liegt weiter unten. Doch ich weiß es eben nur deshalb, weil ich es einmal versucht habe, oder nicht?

Vielleicht ist das die beste Antwort auf die Frage „warum?“. Zumindest die bessere Antwort, als die, die mir spontan eingefallen sind. Ich habe mich verausgabt. Nicht total. Aber ein bisschen schon. Aber ich habe mir – und das spricht nun wieder FÜR mich – auch ein Zeitlimit oder einen Endpunkt für diese Verausgabung gesetzt. Das ist wohl das Wichtigste, glaube ich, wenn man solche Experimente macht. Bis Asunción, dann ist Schluss. Und dann nochmal bis Ciudad del Este. Aber dann muss es wieder gemütlicher werden. Dann muss ich wieder im grünen Bereich fahren, wenn ich es bis Rio schaffen will. So war mein Plan. Und ich habe ihn bisher ganz gut eingehalten. Nach dem Wasserfällen, die das letzte Zwischenziel vor Rio waren, gilt jetzt eine neue, eine etwas gemäßigtere Regel: Mindestens Einundachtzig. Aber für volle Drei Wochen. Jeden Tag. Und kein Tag Pause. Das wollte ich mit der Powerfahrt durch den Chaco erreichen für den darauffolgenden Endspurt: Verlorene Zeit wieder gutmachen, damit eine normale Herausforderung, eine machbare, bleibt. Eine, die mich AN aber nicht ÜBER mein Limit führt. Nun, hier wird es nun wieder bergig! Das ist ganz anders, als in der flachen argentinischen Ebene. Doch ich glaube, dass ich die Achtzig dauerhaft durchhalten kann, ohne dabei meinen guten Rhythmus opfern zu müssen. Das bedeutet, ich werde mein Morgenritual mit Gymnastik und Frühstück haben, meine Keks- und Apfelpausen, meine Mittagsruhe und auch die Energie, jeden Abend noch den Blog zu tippen. Viel Zeit wird nach all dem freilich nicht mehr übrig bleiben! Aber ich glaube, dass dort mein wahres Limit liegen könnte. Bei den Achtzig. Schließlich habe ich das schon vor einem Jahr für Zwei Wochen durchgehalten, als ich mich mit Margarethe in Antalya treffen sollte. Doch wir werden es ja sehen. Ein Schlendergang wird es sicher nicht bis Rio, denn wie gesagt: Hier ist es wieder bergig! Aber ich denke, es wird ein angemessener und damit sportlicher Endspurt. Eine Herausforderung an den nun mehr in Form gebrachten Schweinehund – so wie ich es ja eigentlich mag!

Doch um es jetzt „gemütlicher“ zu haben, musste ich vorher ein bisschen klotzen. Und die Ebene in Argentinien war dafür wie geschaffen. Wo sonst, wenn nicht hier, konnte ich es versuchen, die Hundert dauerhaft als Tagesziel zu setzen? Doch ist das nun verwerflich, sich für ein gesetztes Ziel auch mal ein bisschen zu schinden? Sich den Hintern wund zu eiern auf dem Sattel? Die Kniegelenke zum Quietschen zu bringen und die Schultern in die Verspannung zu treiben, nur um das Endziel Rio noch nicht aufzugeben, solange es noch irgendwie erreichbar ist? Ich finde nicht. Ich finde, man muss dranbleiben bis zum Schluss. Kämpfen, solange es sich zu kämpfen lohnt. Und außerdem bringt so einem Kraftakt noch einen schönen Nebeneffekt mit sich: Man seine Grenze. Ich weiß jetzt, dass sie eben nicht bei Hundert liegt. Zumindest nicht dauerhaft. Für eine festgesetzte und nicht allzu lange Zeit auf flachem Terrain ist sie es. Aber sie ist nicht mein grüner Bereich. Der liegt weit drunter. Und genau dafür lohnt es sich schon, sich von Zeit zu Zeit mal richtig ranzunehmen. Man muss wissen, wo die eigenen Grenzen sind. Um dann, wenn man ein Ziel erreichen muss, innerhalb dieser Grenze bleiben zu können. Damit man sie dann, wenn´s drauf ankommt, eben gerade nicht aus Versehen überschreitet und kurz vor dem Zieleinlauf womöglich das Handtuch schmeißen muss. Ist das nicht genau das „saber llegar“? Das „Wissen, WIE ankommen“?

Doch natürlich muss ich meinem Leser Recht geben, dass man für nichts und niemanden, außer vielleicht sich selbst, einen Beweis antreten muss. Und ich sehe auch ein, dass es sich nie lohnt, wenn man für das Erreichen eines Zieles, die eigene Gesundheit auf´s Spiel setzt. Dass man eigentlich auf der Strecke geblieben ist, wenn man am Ziel ankommt aber unterwegs die Balance zwischen Körper und Geist verloren hat. Das ist es ja in Wirklichkeit, worum es hier und in unserer heutigen Zeit geht: Dieses innere Gleichgewicht. Essen, wenn man Hunger spürt und nicht, wenn man Zeit dafür hat. Schlafen, wenn man müde ist und der Körper Erholung braucht. Und nicht erst dann, wenn man den Haufen an Arbeit, der oft viel zu groß ist, erledigt hat. Das müssen wir wieder lernen, wenn wir gesund bleiben wollen. Glaube ich.

Ich denke, es ist verzeihbar, wenn ich manchmal ein bisschen über´s Limit hinausgehe und in den roten Bereich hineinschnuppere. Doch ich kann mittlerweile auch gut verstehen, dass jemand so einem Märchenbuch-Ziel nicht viel Bedeutung beimessen mag. Schließlich ist das hier ja alles nur eingefädelt. Es ist ein Spiel. Ein Spiel mit einem selbstgesteckten Ziel, mit selbstdefinierten Regeln und nichts als hausgemachten Problemchen und Abenteuerchen. Ich hätte ohne weiteres auch die Sicherheits-Variante fahren können in den letzten eineinhalb Jahren. Doch ich habe das Ungewisse gewählt. Ich habe es mir selbst ausgesucht und es nicht anders gewollt. Aber wenn ich es nicht schaffen würde, rechtzeitig in Rio anzukommen: Was juckt das die Welt? Es ändert doch im Grunde genommen rein gar nichts, ob ich einen Tag früher oder später oder gar nie ankomme. Dann habe ich persönlich zwar mein Ziel verpasst, aber das hat ja keinerlei Folgen.

Doch im wahren Leben, da sieht es ein bisschen anders aus! Dieser Gedanke ist mir damals auf den Zuggleisen in Bolivien schon gekommen, als ich dachte, was für ein wilder Vogel ich doch bin: Was für ein Hirnriss! Was ist denn eigentlich mit der Wirklichkeit? Wo war denn bei mir eigentlich das wahre Risiko? Gut, die Brücken… das hätte dann auch mal schiefgehen können. Aber dann hättet ihr zu Recht gesagt: Die ist ja selber Schuld. Hat´s ja nicht anders gewollt. Hat sich selbst in die Gefahr gebracht. Damals habe ich plötzlich an die Leute gedacht, die tagtäglich an und über ihr Limit gebracht werden, ohne es selber so gewollt zu haben. Und ohne, dass sie es so wählen würden.

Ich denke da jetzt zum Beispiel an Daniel, für den ich den Sticker positioniert habe im Salar, der als Grenzpolizist im Urwald zwischen Panama und Kolumbien bestimmt ein paar „grenzwertige“ Erfahrungen gemacht hat, dass es schon seinen guten Grund haben wird, warum er darüber nicht so gerne reden will. Ich denke an die Leute, die ich in Israel und Palästina kennengelernt habe. Die eigentlich nur in Frieden und Einklang ihr Leben leben wollen und dabei täglich um dasselbe fürchten müssen. Ich denke jetzt an diejenigen, die ihre Häuser, Familien und Freunde nicht aus eigenem Antrieb zurückgelassen haben, wie ich es getan habe, aus Jucks und Dollerei. Sondern aus purer Überlebensnot. Weil sie dazu gezwungen sind, wenn sie so etwas wie eine Zukunft haben wollen. Die sich des Nachts aus ihrer Heimat davonschleichen müssen wie Diebe, nur mit ein paar lumpigen Habseligkeiten und Drei sterbensmüden Kleinkindern auf den Schultern, sich über schwerbewaffnete Grenzen schmuggeln und in die Illegalität verstricken lassen müssen, über lebensgefährliche Odyssenen sich in sichere Gefilede retten, um den Traum von einer besseren Zukunft niemals aufzugeben? Was ist mit den Bomberos, den Feuerwehrleuten, den Rettungsfliegern, den Bombenentschärfern und Explosionsspezialisten, den Spezialeinheiten, die immer dann gerufen werden, ihre Köpfe hinzuhalten, wenn wir Normalbürger uns lieber schleunigst aus dem Staub machen. Den Ärzten und Krankenschwestern in Kriegs- und Kriesengebieten? Sie gehen an ganz andere Grenzen und weit darüber hinaus. Sind nicht sie die wahren Abenteurer? Die, mit den richtigen Geschichten? Die wahren Helden unserer Zeit?

Ich glaube, um sich das in Erinnerung zu rufen, tut es ganz gut, sich von Zeit zu Zeit selbst in eine Grenzerfahrung zu stürzen. Damit man wieder weiß, wo man selbst steht. Und damit man wieder weiß, wo die anderen stehen.

 

 

 

Puerto Iguazú, Argentinien (Hostal)

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379_Die Iguazú-Falle

Ihr habt es sicherlich gelesen: Die letzten Tage habe ich (fast) nichts geschrieben. Das liegt ganz einfach daran, dass ich noch immer etwas im Zeitplan hinterherhinke und einfach noch nicht die richtige Ruhe für einen straffen aber nicht stressigen Endspurt einkehren kann. Ein paar Tage musste ich mir ja schließlich Zeit nehmen für meine Freunde in Asunción. Aber dann drängelte schon wieder mein Schweinehund, der über die vergangenen Monate so eine Art Sportsköter geworden ist: Überwindung braucht er kaum mehr. Er läuft jetzt ganz von selbst!

Jedenfalls habe ich mir nach weiteren Viereinhalb von Drei veranschlagten Tempo-Tagen endlich wieder einen Argentinischen Stempel im Pass. Wie das? Nun, ich soll mir die Iguazú-Fälle besser von der Argentinischen Seite anschauen. Da sieht man mehr, hat mir Susana mit auf den Weg gegeben. Es fühlt sich zwar irgendwie wie ein Rückschritt an, doch ich bin heilfroh, heute endlich in Puerto Iguazú einzutreffen – mit dem Boot! Die letzten Tage waren noch mal knackig. Ich hatte mir so fest vorgenommen, noch Drei Mal Hundert zu machen. Nur noch Drei Mal! Doch es ging nicht. Beim besten Willen nicht. Klar, am Tag der Abfahrt war es für die Hundert natürlich schon zu spät, bevor ich überhaupt losgekommen bin. Aber die Zeit wollte ich mir gönnen, um wenigstens in Ruhe Aufwiederseh´n zu sagen. Doch dass ich die verlorenen Kilometer nicht mehr aufholen können würde, das hätte ich mir dann doch nicht gedacht. Es war einfach nicht mehr zu machen, als das, was ich gemacht habe. Und so habe ich gestern kurz vor dem Ziel – wir sprechen von Fünfzehn Kilometern vor der Triple-Grenze Paraguay/Argentinien/Brasilien – das Handtuch werfen und nochmal an einer Tanke nächtigen müssen. Doch ohnehin hätte ich es von dieser Grenze nicht mehr bis Puerto Iguazú geschafft, das nochmal gute Fünfundzwanzig Kilometer weit hinter der Grenze liegt und wo Susanas Feuerwehrfreunde schon auf mich warten. Und das Tuckerboot, das ich heute genommen habe, wäre gestern nicht gefahren: Sonntagsschlaf. Also nicht lange rumjammern, so viel Zeit habe ich ja gar nicht verloren. Und dafür bin ich heute ja zeitig genug dran, um schnell bei den Bomberos einzuchecken und dann – während der Kommandant noch seinem wahren Beruf nachkommen muss, bevor er seine Schicht bei der Feuerwehr beginnt – schon mal die Wasserfälle besuchen. Dann kann´s morgen endlich in den letzten, finalen, endgültigen Endspurt gehen!

…doch nein: Das kann es nicht! Es ist nämlich wieder einmal Zahlzeit in Argentinien. Als ich mich gegen Mittag schon frisch geduscht auf den Weg zum Bus mit Ziel Iguazú mache, fällt es mir wieder siedend heiß ein: Das Problem mit den Geldautomaten! Klar, ich brauche ja jetzt wieder ein paar Argentinische Pesos für meinen Besuch des Wasserwunders! Doch die erste Bank lässt in mir schaurige Befürchtungen wachsen: Bis raus auf die Straße stehen die Leute Schlange vor dem Automaten. Und sie bewegen sich nicht einen Meter. Denn wer einmal dran ist, hebt nicht schnell einen Fuffi ab. Nein: Wer das Glück hat, als erster vor einem vollen Automaten zu stehen, der räumt sein Konto! Und weil es ein Abhebe-Limit gibt, tut er dies auf Drei, Vier, Fünf, …. Anläufe: Karte rein, Pin-Eingabe, Betrag wählen, … es dauert jedes Mal eine halbe Ewigkeit! Und weil ich mir ohne besondere mathematische Talente bereits beim ersten Anblick der Schlange ausrechnen kann, dass ich es heute niemals mehr zum Wasser schaffe, wenn ich mich da jetzt hinten anstelle, wage ich einmal einen Versuch: Ich gehe ganz nach vorne und frage dort die Dame ganz freundlich, ob ich nicht vielleicht ausnahmsweise vordrängeln dürfte. Weil ich nur diesen einen Nachmittag Zeit habe, die Wasserfälle zu sehen. Und weil mein Abhebe-Vorgang ja viel schneller gehen würde, als der, der Einheimischen. Und zudem bräuchte auch niemand befürchten, dass ich den Automaten „knacke“, denn ich brauche ja nur den Betrag für den Bus und den Eintritt.

Doch bevor die Dame mir antworten kann, raunzt mich da ihr Hintermann an: Was ich mir eigentlich denke?! Mit so einer blöden Geschichte kann ja jeder kommen. Ich soll mich gefälligst hinten anstellen, wie er es auch gemacht hat. …und deswegen jetzt womöglich seinen Bus nach Rio verpasst, wenn das hier nicht bald weitergeht.

Ich bin erst einmal erstarrt. Dann frage ich vor lauter Verdatterung, welchen Bus er denn kriegen muss anstatt ihm einfach nur zu erklären, was er mir in diesem Falle hätte antworten können, wäre er ein anständiger und freundlicher Erdenbürger: Tut mir leid, aber ich hab´s auch furchtbar eilig. Ich muss nämlich einen Bus nach Rio erwischen. Also fragen Sie bitte meinen Hintermann. So ginge das doch auch! Und natürlich hätte ich nicht erwartet, gleich als allernächste dranzukommen, wenn da einer mit einem dringenden Termin steht. Aber halt irgendwann innerhalb der nächsten Viertelstunde hätte mir meinen Tag gerettet. Hätte! Denn richtig: Sie waren sich nach der Ansage dieses Stinktiertouristen alle einig: Du stellst dich gefälligst auch hinten an.

Mir blieb nichts anderes übrig, als nach einer anderen Bank zu suchen. Und zum Glück: Ich habe sie auch gefunden. Doch hier gab es nur noch genau einen Automaten. Die anderen beiden waren schon geplündert. Und hier habe ich mich jetzt nicht mehr getraut, die böse Schlange zu fragen. Ich habe mich ganz schüchtern und anständig hinten eingereiht. …und nach einer halben Stunde, in der ich nicht um einen Schritt vernünftiger Länge vorwärtsgerückt bin, auch wieder ausgereiht. Es war mittlerweile Zwei am Nachmittag. Und ich konnte mir ausrechnen – wieder einmal ohne besondere Begabung – dass es nichts als eine Stresstour durch den Wasserpark werden würde, wenn ich jetzt noch nach einer anderen Bank suchen müsste, Schlange stehen, Bus finden und warten, bis er losfährt, dann knappe Zwanzig Kilometer Fahrt bis zum Eingang der Anlage…

Ich setzte mich auf einen Randstein und gönnte mir ein paar Tränen. Welcher Art sie genau waren, kann ich nicht sagen. Tränen der Enttäuschung oder der Erschöpfung – wohl beides. Mich hat einfach alles angekäst in diesem Moment. Dass dieses Phänomen der Geldknappheit in diesem Land es doch tatsächlich bewirken kann, mir meinen ganzen Zeitplan zu gefährden! Am liebsten hätte ich alles wieder eingepackt und das Land postwendend wieder verlassen. Ohne Wasserfälle, ohne auch nur einen einzigen, verdammten Peso dort auszugeben. Das ist es doch, was sie verdienen! Die Touristen mit ihren fetten Geldbeuteln haben, das wollen sie schon. Und sie bei jedem Abhebevorgang oder Eintrittsgeld über den Finanztisch zu ziehen, macht ihnen auch nichts aus. Aber einmal einen von den Gringos in der Schlange vorlassen, dazu fehlt ihnen die notwendige Fantasie. …noch ein paar Tränen.

Und dann mache ich mich auf. Ich sch… erst Mal auf meinen Stolz. Was soll´s: Ich liebe doch Wasser! Ich kann hier nicht weg, ohne dieses gigantische Spektakel wenigstens einmal gesehen zu haben. Also buche ich mich bei den Bomberos wieder aus (die werden sich auch ihren Teil gedacht haben…) und im Hostal ein. Ich buche für Zwei Nächte. Und dann schlendere ich in aller Gemächlichkeit zur Dritten Bank im Ort, komme auch nach Fünf Minuten dran und kann – wer hätte das für möglich gehalten – tatsächlich ein paar Hundert Pesos aus dem Schlitz ziehen. Natürlich für eine satte Gebühr, die an die Zwanzig Prozent ausmacht. Aber wie gesagt: Sch… drauf. Ich habe keinen Stolz. Ich habe einfach nur wieder den Fokus gesetzt. WASSERWASSERWASSERWASSERWASSERWASS…

Dann gehe ich vergnügt zurück zum Hostal und bin fest entschlossen, mich jetzt in die Federn zu hauen. Da kreuzt das Stinktier aus der ersten Bankschlange noch einmal meinen Weg. Diesmal haue ich ihm gleich meine ganze Version um die Ohren: Ich bin auch auf dem Weg nach Rio. Aber mit dem Rad! Und natürlich hätte ich nicht von ihm verlangt… da unterbricht er mich: Er hat den Bus verpasst.

„Das freut mich zu hören!“, habe ich mir nicht verkneifen können. Denn das ist genau, was er verdient. Doch da dreht er fast durch. Er ist ungefähr einen Kopf größer als ich, packt mich an den Schultern und beginnt, mich gegen die nächste Hauswand zu schieben. Ich schubse ihn weg. Und er erinnert sich zum Glück im letzten Moment, dass es sich nicht ziemt, wegen eines verpassten Busses eine Frau auf offener Straße zu schlagen. Ich sichere mir schnell ein bisschen Distanz und dann zeige ich ihm den Mittelfinger. Doch keine Sekunde später schäme ich mich in Grund und Boden. Was ist denn nur los mit mir? Klar ist der ein Vollpfosten aus dem Bilderbuch. Doch eigentlich muss ich doch da cool bleiben. Sch… doch drauf! Aber ich war nicht cool. Und das ist mehr als Signal dafür, dass ich dringend ein Schläfchen brauche!

[krchrchrchrch……zzzzsss……krchrchrchrch……zzzzsss……]

 

 

 

Puerto Iguazú, Argentinien (Hostal)

Tages-Km: 24,07km / -Zeit: 1:37h / -Höhenmeter: 256m

Gesamt-Km: 24.070km / -Zeit: 1.636 / -Höhenmeter: 203.422m

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