Kategorie-Archiv: Argentinien

Am Limit

Ausgeschlafen hat die Welt doch gleich wieder ganz anders ausgesehen. Und so hat sich heute wieder einmal gezeigt, dass doch alles irgendwie aus einem bestimmten Grund passiert: Ich hatte nämlich einen fantastischen Tag an den Wasserfällen: Mit Grace und Marie aus Irland und Min aus Korea. Wir haben uns im Taxi von Darío kennengelernt und sind binnen eines Tages tatsächlich „Beste Freunde“ geworden. Nein, im Ernst: Es war ein wundervoller Ausflug. Einfach unvergesslich nässlich!

Und während ich in dieser Traum-Begleitung durch den Tag und die Anlage schlenderte, gingen mir ein paar schwere Gedanken leichtfüßig im Kopf um. Ich hatte gestern ein paar interessante Nachrichten im Posteingang. Es ging um Grenzen. Genauer gesagt: Um MEINE Grenzen. Um MEIN Limit. Von einem außerordentlich aufmerksamen Verfolger meines Blogs wurde mich gestern in einer Nachricht gefragt, warum ich mir das antue. Diesen Stress, diese Schufterei. Wem ich damit etwas beweisen wolle. Natürlich will ich damit niemandem etwas beweisen. Ich will nur ankommen. So ging das hin und so ging das her. Und nach ein paar Schriftwechseln kam dann: „Du hast überhaupt nichts gelernt! Du machst den gleichen Fehler wie früher offenbar. Lässt dich von der Zeit kommandieren. […]“ Und damit war ich erst Mal baff. Denn so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber so kann man das natürlich sehen!

Ist das wahr? Habe ich mich tatsächlich wieder abgewendet von meinem inneren Gefühl und meinem eigenen Rhythmus? Den zu finden war doch das ursprünglichste Ziel. Und für eine Zeit lang mal ausschließlich dessen Kommando zu gehorchen der Anlass für meine Reise. Und zwischendurch hat das doch so gut funktioniert. Zumindest, solange ich allein unterwegs war. Habe ich es jetzt tatsächlich soweit kommen lassen, mich wieder fernsteuern zu lassen? Das war eine gute Frage für Iguazú!

Was bedeutet es eigentlich genau? „An´s Limit gehen“? Nun: In meinem Fall waren es die „Hundert pro Tag“. Mehr als Hundert hatte ich so gut wie nie geschafft. Also war das mein Limit. Mein Kilometerlimit. Zumindest hatte ich das gedacht! Doch wenn ich ehrlich bin, liegt mein Limit eben doch nicht bei den Hundert. Es liegt drunter. Denn sonst könnte ich diese Marke ja locker und leicht dauerhaft durchhalten. Doch nach Zehn, Vierzehn Tagen Chaco bin ich nichts Geringeres als „im Sack“, um es mal in anständigem Deutsch auf den Punkt zu bringen. Nach Zehn, Vierzehn Tagen Chaco weiß ich, dass ich das nicht dauerhaft durchalten kann. Ich war also nicht im gesunden Rhythmus unterwegs. Meine Marke liegt weiter unten. Doch ich weiß es eben nur deshalb, weil ich es einmal versucht habe, oder nicht?

Vielleicht ist das die beste Antwort auf die Frage „warum?“. Zumindest die bessere Antwort, als die, die mir spontan eingefallen sind. Ich habe mich verausgabt. Nicht total. Aber ein bisschen schon. Aber ich habe mir – und das spricht nun wieder FÜR mich – auch ein Zeitlimit oder einen Endpunkt für diese Verausgabung gesetzt. Das ist wohl das Wichtigste, glaube ich, wenn man solche Experimente macht. Bis Asunción, dann ist Schluss. Und dann nochmal bis Ciudad del Este. Aber dann muss es wieder gemütlicher werden. Dann muss ich wieder im grünen Bereich fahren, wenn ich es bis Rio schaffen will. So war mein Plan. Und ich habe ihn bisher ganz gut eingehalten. Nach dem Wasserfällen, die das letzte Zwischenziel vor Rio waren, gilt jetzt eine neue, eine etwas gemäßigtere Regel: Mindestens Einundachtzig. Aber für volle Drei Wochen. Jeden Tag. Und kein Tag Pause. Das wollte ich mit der Powerfahrt durch den Chaco erreichen für den darauffolgenden Endspurt: Verlorene Zeit wieder gutmachen, damit eine normale Herausforderung, eine machbare, bleibt. Eine, die mich AN aber nicht ÜBER mein Limit führt. Nun, hier wird es nun wieder bergig! Das ist ganz anders, als in der flachen argentinischen Ebene. Doch ich glaube, dass ich die Achtzig dauerhaft durchhalten kann, ohne dabei meinen guten Rhythmus opfern zu müssen. Das bedeutet, ich werde mein Morgenritual mit Gymnastik und Frühstück haben, meine Keks- und Apfelpausen, meine Mittagsruhe und auch die Energie, jeden Abend noch den Blog zu tippen. Viel Zeit wird nach all dem freilich nicht mehr übrig bleiben! Aber ich glaube, dass dort mein wahres Limit liegen könnte. Bei den Achtzig. Schließlich habe ich das schon vor einem Jahr für Zwei Wochen durchgehalten, als ich mich mit Margarethe in Antalya treffen sollte. Doch wir werden es ja sehen. Ein Schlendergang wird es sicher nicht bis Rio, denn wie gesagt: Hier ist es wieder bergig! Aber ich denke, es wird ein angemessener und damit sportlicher Endspurt. Eine Herausforderung an den nun mehr in Form gebrachten Schweinehund – so wie ich es ja eigentlich mag!

Doch um es jetzt „gemütlicher“ zu haben, musste ich vorher ein bisschen klotzen. Und die Ebene in Argentinien war dafür wie geschaffen. Wo sonst, wenn nicht hier, konnte ich es versuchen, die Hundert dauerhaft als Tagesziel zu setzen? Doch ist das nun verwerflich, sich für ein gesetztes Ziel auch mal ein bisschen zu schinden? Sich den Hintern wund zu eiern auf dem Sattel? Die Kniegelenke zum Quietschen zu bringen und die Schultern in die Verspannung zu treiben, nur um das Endziel Rio noch nicht aufzugeben, solange es noch irgendwie erreichbar ist? Ich finde nicht. Ich finde, man muss dranbleiben bis zum Schluss. Kämpfen, solange es sich zu kämpfen lohnt. Und außerdem bringt so einem Kraftakt noch einen schönen Nebeneffekt mit sich: Man seine Grenze. Ich weiß jetzt, dass sie eben nicht bei Hundert liegt. Zumindest nicht dauerhaft. Für eine festgesetzte und nicht allzu lange Zeit auf flachem Terrain ist sie es. Aber sie ist nicht mein grüner Bereich. Der liegt weit drunter. Und genau dafür lohnt es sich schon, sich von Zeit zu Zeit mal richtig ranzunehmen. Man muss wissen, wo die eigenen Grenzen sind. Um dann, wenn man ein Ziel erreichen muss, innerhalb dieser Grenze bleiben zu können. Damit man sie dann, wenn´s drauf ankommt, eben gerade nicht aus Versehen überschreitet und kurz vor dem Zieleinlauf womöglich das Handtuch schmeißen muss. Ist das nicht genau das „saber llegar“? Das „Wissen, WIE ankommen“?

Doch natürlich muss ich meinem Leser Recht geben, dass man für nichts und niemanden, außer vielleicht sich selbst, einen Beweis antreten muss. Und ich sehe auch ein, dass es sich nie lohnt, wenn man für das Erreichen eines Zieles, die eigene Gesundheit auf´s Spiel setzt. Dass man eigentlich auf der Strecke geblieben ist, wenn man am Ziel ankommt aber unterwegs die Balance zwischen Körper und Geist verloren hat. Das ist es ja in Wirklichkeit, worum es hier und in unserer heutigen Zeit geht: Dieses innere Gleichgewicht. Essen, wenn man Hunger spürt und nicht, wenn man Zeit dafür hat. Schlafen, wenn man müde ist und der Körper Erholung braucht. Und nicht erst dann, wenn man den Haufen an Arbeit, der oft viel zu groß ist, erledigt hat. Das müssen wir wieder lernen, wenn wir gesund bleiben wollen. Glaube ich.

Ich denke, es ist verzeihbar, wenn ich manchmal ein bisschen über´s Limit hinausgehe und in den roten Bereich hineinschnuppere. Doch ich kann mittlerweile auch gut verstehen, dass jemand so einem Märchenbuch-Ziel nicht viel Bedeutung beimessen mag. Schließlich ist das hier ja alles nur eingefädelt. Es ist ein Spiel. Ein Spiel mit einem selbstgesteckten Ziel, mit selbstdefinierten Regeln und nichts als hausgemachten Problemchen und Abenteuerchen. Ich hätte ohne weiteres auch die Sicherheits-Variante fahren können in den letzten eineinhalb Jahren. Doch ich habe das Ungewisse gewählt. Ich habe es mir selbst ausgesucht und es nicht anders gewollt. Aber wenn ich es nicht schaffen würde, rechtzeitig in Rio anzukommen: Was juckt das die Welt? Es ändert doch im Grunde genommen rein gar nichts, ob ich einen Tag früher oder später oder gar nie ankomme. Dann habe ich persönlich zwar mein Ziel verpasst, aber das hat ja keinerlei Folgen.

Doch im wahren Leben, da sieht es ein bisschen anders aus! Dieser Gedanke ist mir damals auf den Zuggleisen in Bolivien schon gekommen, als ich dachte, was für ein wilder Vogel ich doch bin: Was für ein Hirnriss! Was ist denn eigentlich mit der Wirklichkeit? Wo war denn bei mir eigentlich das wahre Risiko? Gut, die Brücken… das hätte dann auch mal schiefgehen können. Aber dann hättet ihr zu Recht gesagt: Die ist ja selber Schuld. Hat´s ja nicht anders gewollt. Hat sich selbst in die Gefahr gebracht. Damals habe ich plötzlich an die Leute gedacht, die tagtäglich an und über ihr Limit gebracht werden, ohne es selber so gewollt zu haben. Und ohne, dass sie es so wählen würden.

Ich denke da jetzt zum Beispiel an Daniel, für den ich den Sticker positioniert habe im Salar, der als Grenzpolizist im Urwald zwischen Panama und Kolumbien bestimmt ein paar „grenzwertige“ Erfahrungen gemacht hat, dass es schon seinen guten Grund haben wird, warum er darüber nicht so gerne reden will. Ich denke an die Leute, die ich in Israel und Palästina kennengelernt habe. Die eigentlich nur in Frieden und Einklang ihr Leben leben wollen und dabei täglich um dasselbe fürchten müssen. Ich denke jetzt an diejenigen, die ihre Häuser, Familien und Freunde nicht aus eigenem Antrieb zurückgelassen haben, wie ich es getan habe, aus Jucks und Dollerei. Sondern aus purer Überlebensnot. Weil sie dazu gezwungen sind, wenn sie so etwas wie eine Zukunft haben wollen. Die sich des Nachts aus ihrer Heimat davonschleichen müssen wie Diebe, nur mit ein paar lumpigen Habseligkeiten und Drei sterbensmüden Kleinkindern auf den Schultern, sich über schwerbewaffnete Grenzen schmuggeln und in die Illegalität verstricken lassen müssen, über lebensgefährliche Odyssenen sich in sichere Gefilede retten, um den Traum von einer besseren Zukunft niemals aufzugeben? Was ist mit den Bomberos, den Feuerwehrleuten, den Rettungsfliegern, den Bombenentschärfern und Explosionsspezialisten, den Spezialeinheiten, die immer dann gerufen werden, ihre Köpfe hinzuhalten, wenn wir Normalbürger uns lieber schleunigst aus dem Staub machen. Den Ärzten und Krankenschwestern in Kriegs- und Kriesengebieten? Sie gehen an ganz andere Grenzen und weit darüber hinaus. Sind nicht sie die wahren Abenteurer? Die, mit den richtigen Geschichten? Die wahren Helden unserer Zeit?

Ich glaube, um sich das in Erinnerung zu rufen, tut es ganz gut, sich von Zeit zu Zeit selbst in eine Grenzerfahrung zu stürzen. Damit man wieder weiß, wo man selbst steht. Und damit man wieder weiß, wo die anderen stehen.

 

 

 

Puerto Iguazú, Argentinien (Hostal)

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379_Die Iguazú-Falle

Ihr habt es sicherlich gelesen: Die letzten Tage habe ich (fast) nichts geschrieben. Das liegt ganz einfach daran, dass ich noch immer etwas im Zeitplan hinterherhinke und einfach noch nicht die richtige Ruhe für einen straffen aber nicht stressigen Endspurt einkehren kann. Ein paar Tage musste ich mir ja schließlich Zeit nehmen für meine Freunde in Asunción. Aber dann drängelte schon wieder mein Schweinehund, der über die vergangenen Monate so eine Art Sportsköter geworden ist: Überwindung braucht er kaum mehr. Er läuft jetzt ganz von selbst!

Jedenfalls habe ich mir nach weiteren Viereinhalb von Drei veranschlagten Tempo-Tagen endlich wieder einen Argentinischen Stempel im Pass. Wie das? Nun, ich soll mir die Iguazú-Fälle besser von der Argentinischen Seite anschauen. Da sieht man mehr, hat mir Susana mit auf den Weg gegeben. Es fühlt sich zwar irgendwie wie ein Rückschritt an, doch ich bin heilfroh, heute endlich in Puerto Iguazú einzutreffen – mit dem Boot! Die letzten Tage waren noch mal knackig. Ich hatte mir so fest vorgenommen, noch Drei Mal Hundert zu machen. Nur noch Drei Mal! Doch es ging nicht. Beim besten Willen nicht. Klar, am Tag der Abfahrt war es für die Hundert natürlich schon zu spät, bevor ich überhaupt losgekommen bin. Aber die Zeit wollte ich mir gönnen, um wenigstens in Ruhe Aufwiederseh´n zu sagen. Doch dass ich die verlorenen Kilometer nicht mehr aufholen können würde, das hätte ich mir dann doch nicht gedacht. Es war einfach nicht mehr zu machen, als das, was ich gemacht habe. Und so habe ich gestern kurz vor dem Ziel – wir sprechen von Fünfzehn Kilometern vor der Triple-Grenze Paraguay/Argentinien/Brasilien – das Handtuch werfen und nochmal an einer Tanke nächtigen müssen. Doch ohnehin hätte ich es von dieser Grenze nicht mehr bis Puerto Iguazú geschafft, das nochmal gute Fünfundzwanzig Kilometer weit hinter der Grenze liegt und wo Susanas Feuerwehrfreunde schon auf mich warten. Und das Tuckerboot, das ich heute genommen habe, wäre gestern nicht gefahren: Sonntagsschlaf. Also nicht lange rumjammern, so viel Zeit habe ich ja gar nicht verloren. Und dafür bin ich heute ja zeitig genug dran, um schnell bei den Bomberos einzuchecken und dann – während der Kommandant noch seinem wahren Beruf nachkommen muss, bevor er seine Schicht bei der Feuerwehr beginnt – schon mal die Wasserfälle besuchen. Dann kann´s morgen endlich in den letzten, finalen, endgültigen Endspurt gehen!

…doch nein: Das kann es nicht! Es ist nämlich wieder einmal Zahlzeit in Argentinien. Als ich mich gegen Mittag schon frisch geduscht auf den Weg zum Bus mit Ziel Iguazú mache, fällt es mir wieder siedend heiß ein: Das Problem mit den Geldautomaten! Klar, ich brauche ja jetzt wieder ein paar Argentinische Pesos für meinen Besuch des Wasserwunders! Doch die erste Bank lässt in mir schaurige Befürchtungen wachsen: Bis raus auf die Straße stehen die Leute Schlange vor dem Automaten. Und sie bewegen sich nicht einen Meter. Denn wer einmal dran ist, hebt nicht schnell einen Fuffi ab. Nein: Wer das Glück hat, als erster vor einem vollen Automaten zu stehen, der räumt sein Konto! Und weil es ein Abhebe-Limit gibt, tut er dies auf Drei, Vier, Fünf, …. Anläufe: Karte rein, Pin-Eingabe, Betrag wählen, … es dauert jedes Mal eine halbe Ewigkeit! Und weil ich mir ohne besondere mathematische Talente bereits beim ersten Anblick der Schlange ausrechnen kann, dass ich es heute niemals mehr zum Wasser schaffe, wenn ich mich da jetzt hinten anstelle, wage ich einmal einen Versuch: Ich gehe ganz nach vorne und frage dort die Dame ganz freundlich, ob ich nicht vielleicht ausnahmsweise vordrängeln dürfte. Weil ich nur diesen einen Nachmittag Zeit habe, die Wasserfälle zu sehen. Und weil mein Abhebe-Vorgang ja viel schneller gehen würde, als der, der Einheimischen. Und zudem bräuchte auch niemand befürchten, dass ich den Automaten „knacke“, denn ich brauche ja nur den Betrag für den Bus und den Eintritt.

Doch bevor die Dame mir antworten kann, raunzt mich da ihr Hintermann an: Was ich mir eigentlich denke?! Mit so einer blöden Geschichte kann ja jeder kommen. Ich soll mich gefälligst hinten anstellen, wie er es auch gemacht hat. …und deswegen jetzt womöglich seinen Bus nach Rio verpasst, wenn das hier nicht bald weitergeht.

Ich bin erst einmal erstarrt. Dann frage ich vor lauter Verdatterung, welchen Bus er denn kriegen muss anstatt ihm einfach nur zu erklären, was er mir in diesem Falle hätte antworten können, wäre er ein anständiger und freundlicher Erdenbürger: Tut mir leid, aber ich hab´s auch furchtbar eilig. Ich muss nämlich einen Bus nach Rio erwischen. Also fragen Sie bitte meinen Hintermann. So ginge das doch auch! Und natürlich hätte ich nicht erwartet, gleich als allernächste dranzukommen, wenn da einer mit einem dringenden Termin steht. Aber halt irgendwann innerhalb der nächsten Viertelstunde hätte mir meinen Tag gerettet. Hätte! Denn richtig: Sie waren sich nach der Ansage dieses Stinktiertouristen alle einig: Du stellst dich gefälligst auch hinten an.

Mir blieb nichts anderes übrig, als nach einer anderen Bank zu suchen. Und zum Glück: Ich habe sie auch gefunden. Doch hier gab es nur noch genau einen Automaten. Die anderen beiden waren schon geplündert. Und hier habe ich mich jetzt nicht mehr getraut, die böse Schlange zu fragen. Ich habe mich ganz schüchtern und anständig hinten eingereiht. …und nach einer halben Stunde, in der ich nicht um einen Schritt vernünftiger Länge vorwärtsgerückt bin, auch wieder ausgereiht. Es war mittlerweile Zwei am Nachmittag. Und ich konnte mir ausrechnen – wieder einmal ohne besondere Begabung – dass es nichts als eine Stresstour durch den Wasserpark werden würde, wenn ich jetzt noch nach einer anderen Bank suchen müsste, Schlange stehen, Bus finden und warten, bis er losfährt, dann knappe Zwanzig Kilometer Fahrt bis zum Eingang der Anlage…

Ich setzte mich auf einen Randstein und gönnte mir ein paar Tränen. Welcher Art sie genau waren, kann ich nicht sagen. Tränen der Enttäuschung oder der Erschöpfung – wohl beides. Mich hat einfach alles angekäst in diesem Moment. Dass dieses Phänomen der Geldknappheit in diesem Land es doch tatsächlich bewirken kann, mir meinen ganzen Zeitplan zu gefährden! Am liebsten hätte ich alles wieder eingepackt und das Land postwendend wieder verlassen. Ohne Wasserfälle, ohne auch nur einen einzigen, verdammten Peso dort auszugeben. Das ist es doch, was sie verdienen! Die Touristen mit ihren fetten Geldbeuteln haben, das wollen sie schon. Und sie bei jedem Abhebevorgang oder Eintrittsgeld über den Finanztisch zu ziehen, macht ihnen auch nichts aus. Aber einmal einen von den Gringos in der Schlange vorlassen, dazu fehlt ihnen die notwendige Fantasie. …noch ein paar Tränen.

Und dann mache ich mich auf. Ich sch… erst Mal auf meinen Stolz. Was soll´s: Ich liebe doch Wasser! Ich kann hier nicht weg, ohne dieses gigantische Spektakel wenigstens einmal gesehen zu haben. Also buche ich mich bei den Bomberos wieder aus (die werden sich auch ihren Teil gedacht haben…) und im Hostal ein. Ich buche für Zwei Nächte. Und dann schlendere ich in aller Gemächlichkeit zur Dritten Bank im Ort, komme auch nach Fünf Minuten dran und kann – wer hätte das für möglich gehalten – tatsächlich ein paar Hundert Pesos aus dem Schlitz ziehen. Natürlich für eine satte Gebühr, die an die Zwanzig Prozent ausmacht. Aber wie gesagt: Sch… drauf. Ich habe keinen Stolz. Ich habe einfach nur wieder den Fokus gesetzt. WASSERWASSERWASSERWASSERWASSERWASS…

Dann gehe ich vergnügt zurück zum Hostal und bin fest entschlossen, mich jetzt in die Federn zu hauen. Da kreuzt das Stinktier aus der ersten Bankschlange noch einmal meinen Weg. Diesmal haue ich ihm gleich meine ganze Version um die Ohren: Ich bin auch auf dem Weg nach Rio. Aber mit dem Rad! Und natürlich hätte ich nicht von ihm verlangt… da unterbricht er mich: Er hat den Bus verpasst.

„Das freut mich zu hören!“, habe ich mir nicht verkneifen können. Denn das ist genau, was er verdient. Doch da dreht er fast durch. Er ist ungefähr einen Kopf größer als ich, packt mich an den Schultern und beginnt, mich gegen die nächste Hauswand zu schieben. Ich schubse ihn weg. Und er erinnert sich zum Glück im letzten Moment, dass es sich nicht ziemt, wegen eines verpassten Busses eine Frau auf offener Straße zu schlagen. Ich sichere mir schnell ein bisschen Distanz und dann zeige ich ihm den Mittelfinger. Doch keine Sekunde später schäme ich mich in Grund und Boden. Was ist denn nur los mit mir? Klar ist der ein Vollpfosten aus dem Bilderbuch. Doch eigentlich muss ich doch da cool bleiben. Sch… doch drauf! Aber ich war nicht cool. Und das ist mehr als Signal dafür, dass ich dringend ein Schläfchen brauche!

[krchrchrchrch……zzzzsss……krchrchrchrch……zzzzsss……]

 

 

 

Puerto Iguazú, Argentinien (Hostal)

Tages-Km: 24,07km / -Zeit: 1:37h / -Höhenmeter: 256m

Gesamt-Km: 24.070km / -Zeit: 1.636 / -Höhenmeter: 203.422m

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374_Einspunkteins und endlich da!

Verrücktenverkehr und einer davon durch den Speckgürtel der Stadt fahre noch den letzten, kleinen Buckel hinauf bis zu meiner Zieladresse. Eine Einbahnstraße. Ich fahre natürlich gegen die Richtung. Man soll sich ja dem Gastland anpassen, denke ich mir. „Contromano, loca!!!“, schreit mir da schon so eine Tusnelda vom Fahrersitz zu. Unglaublich, da hat die extra deswegen den elektrischen Fensterheber für mich betätigt. Nur um mir zu sagen, dass ich verrückt bin, wenn ich so was tue… naja, ich lasse mich jetzt nicht mehr ärgern. Die hat eh nur Schiß, weil sie ihr Verkehrsschiff nicht im Griff hat.

Und außerdem tritt jetzt da vorne, am Ende der Straße gerade ein junger Mann auf die Straße. Er schaut suchend in meine Richtung und ich winke ihm. Dann winkt er gleich zurück. Und obwohl er noch viel zu weit weg ist, als dass ich sein Gesicht erkennen könnte, sehe ich, dass er lacht. Es ist Francisco. Mein paraguayanischer Mitbewohner aus den guten alten Rom-Zeiten, mein Freund, mein zweiter Bruder. Ich kann´s nicht glauben, dass wir uns hier auf der anderen Seite der Welt wiedersehen. Rom ist schon über Zehn Jahre her. Aber auch wenn wir uns zwischenzeitlich kaum geschrieben, geschweige denn gesehen haben: Es fühlt sich so vertraut an, wie damals. Er und seine Cousine Carolina sind noch genauso wie damals. Es ist einfach nur schön, dass sie mich nach dieser elendigen Kurbelei durch Argentiniens Ebene im Norden hier mit so viel Herzlichkeit erwarten und empfangen. Ich geh mal, die beiden einfach nur genießen.

Und für´s Protokoll: Ich bin damit in Paraguay. Ein Land vor Brasilien. Ich habe heute die vorletzte Grenze meiner Reise überquert!

 

 

Asunción, Argentinien (Hotel ******* bei Loli und Tito. Und Francisco. Und Susana. …ihr seid die Besten!)

Tages-Km: 52,70km / -Zeit: 3:44h / -Höhenmeter: 202m

Gesamt-Km: 23.708km / -Zeit: 1.612 / -Höhenmeter: 200.281m

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373_Eins

Heiß? Was haltet ihr dann von Achtunddreißig Grad? Das Wetter spinnt. Auch hier in Argentinien. Vor einer Woche bin ich im vollen Winterpelz geradelt, heute weiß ich nicht mehr, was ich noch ausziehen könnte… Doch wen juckt heute die Hitze. Ich bin fast am Ziel. Heute geht´s endlich sogar so etwas wie leicht. Gott bin ich froh, wenn das vorbei ist. Und jetzt kann ich´s ja endlich sagen: Ich hasse die SIMSIMSIMSIMpsons!

 

 

Clorinda, Argentinien (Hotel)

Tages-Km: 99,91km / -Zeit: 5:45h / -Höhenmeter: 23m

Gesamt-Km: 23.656km / -Zeit: 1.608 / -Höhenmeter: 200.079m

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372_Zwei

Er hat gewaschen und er hat gekocht. Und zum Einschlafen hat er mir sogar einen Orangensaft gepresst. Einer der Meinung, es gibt keine Prinzen mehr? Dann haltet mal die Augen offen! Klar, auch ein Prinz kommt heutzutage nicht mehr einem Pferd daher. Sondern auf einer ganzen Herde von Pferden. Oder wieviel PS hat so ein Motorrad?

Jetzt aber wieder DINGDINGDINGDING. Bei strahlendem Sonnenschein und Dreiundreißig Grad. Heiß!

 

 

Espinillo, Argentinien (Zelt an der Tankstelle)

Tages-Km: 106,06km / -Zeit: 6:12h / -Höhenmeter: 17m

Gesamt-Km: 23.556km / -Zeit: 1.602 / -Höhenmeter: 200.055m

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371_Drei

Mein Schutzengel ist einfach fabelhaft, glaubt ihr mir das? Ich möchte ihn irgendwann mal treffen… sehen, was das so für ein Typ ist. Und wenn er einen Kollegen hat, dann ist der genauso cool drauf. Der hat mir heute nach meiner vermeintlichen Fehlentscheidung die Rettung geschickt: Wieder war ein sonniger Tag. Aber heute hatte es auch Wind. Und zwar nicht unbedingt aus der falschesten Richtung. Nur, ich wollte heute abbiegen. Und einen Zacken fahren, weil die gerade Variante mich in eine lange Strecke ohne Dörfer geführt hätte. Ich hätte noch eine spätere Option gehabt, abzubiegen vor der langen „Durststrecke“. Doch ich wählte die erste. Trotzdem dies für mich hieß: Gegenwind ab sofort.

Er war nicht einmal stark. Aber das reicht schon. Man spürt sofort, wie noch mehr Energie in der pinken Mühle verschwindet. Es wurde wieder zäh. Trotz Sonne. Doch ablassen ging nicht. Ich musste! Ob ich noch Lust hatte oder nicht. Und wieder geschieht das schier Unmögliche: Ein Motorradfahrer überholt mich und fährt vor mir rechts ran. Er fragt mich, ob ich irgendwas brauche. Er hat eine Megaflasche Energiedrink dabei und bietet mir was davon an. Doch das künstliche Zeug schmeckt mir nicht. Ich lehne dankend ab und versuche, auch ihn abblitzen zu lassen. Doch irgendwie lässt er sich nicht abschütteln. Und so nach und nach finde ich ihn eigentlich ganz amüsant. Er bewundert mich und das gefällt mir natürlich. Er findet gut, dass ich ein verrücktes Huhn bin, wie er sagt. Und ich finde gut, dass er das gut findet. Und er scheint auch nicht gerade von Langeweile geplagt: Er hat hinten aus seinem Rucksack eine riesen Krücke herauslugen. Als ich ihn danach frage, erklärt er mir, dass er sein Bein bei einem Unfall verletzt hat. Und zwar schwerst verletzt. Dieses Alumonster muss er sich seither dauerhaft unter die linke Achsel klemmen, wenn er einigermaßen schmerzfrei gehen will. Bei der Arbeit, zu Hause, beim Weggehen, einfach immer wenn es geht.

Wir quatschen fast Zwei Stunden lang während er im Radeltempo neben mir herfährt. Irgendwann fragt er mich nach meinem Tagesziel. Da antworte ich „Hundert“ und wir beide lachen. Und da meint er, ich könnte bei ihm pennen, wenn ich Lust hätte. Ich freue mich und stimme zu. Und er meint: „Ich wollte dir doch eigentlich nur ein bisschen Gatorade anbieten…

Tja, so ist das eben mit dem kleinen Finger und der Hand, lieber Jorman! Er verspricht mir sogar, dass ich bei ihm meine Sachen waschen kann und für mich zu kochen. Und dann lasse ich ihn frei. Ich erlaube ihm, schon mal vorauszufahren. Und wir verabreden uns für in einer Stunde. Ich soll an einer bestimmten Kreuzung auf ihn warten. Dort wird er mich abholen und mich zu seiner Bude begleiten.

Doch es kommt wieder anders. Es ist schon fast dunkel und noch immer muss ich knappe Zehn Kilometer fahren! Das wird sauknapp. Doch da kommt er zurück, frisch geputzt und parfümiert. Ohne Krücke. Und ohne Helm. Und dann fragt er mich, ob ich ein gutes Gleichgewicht hätte. Ich verstehe nicht ganz, worauf er hinaus will und sage einfach mal ja. Da spüre ich einen kleinen Schubs von hinten. Ha, der verrückte Vogel! Hat sein gesundes, rechts Bein irgendwo hinten gegen meine Taschen gestemmt und schiebt mich. Wird schon ein bisschen wackelig die ganze Kiste, als wir mit knapp Vierzig Sachen seiner Stadt entgegenpreschen. Immer wieder muss ich ihn bremsen. Durch den Winddruck wird mein ganzer Vorderbau nämlich labiler, je schneller wir fahren. Hat bestimmt auch ein bisschen mit der gebrochenen Stelle zu tun, die ich schweißen lassen müsste. Er glaubt mir das nicht. Aber egal, ich bremse ihn eben immer wieder. Und so schaffen wir es tatsächlich noch vor der Dunkelheit bis zu ihm nach Hause. Allerdings fast vollgefressen von Abertausend und Abermillionen von Mücken, die ich auf ihrem Abendausflug geschluckt habe…

 

 

Güemes, Argentinien (Bei Jorman)

Tages-Km: 112,26km / -Zeit: 6:13h / -Höhenmeter: 11m

Gesamt-Km: 23.450km / -Zeit: 1.596 / -Höhenmeter: 200.038m

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370_Vier

Das Fleckchen Himmelblau war ein Vorbote. Die Vorschau auf einen – endlich wieder einen – Tag mit Sonne. Sie ließ sich noch ein bisschen betteln. Aber pünktlich zum Sonnenuntergang war sie wieder da – wie schön die Welt ist mit Sonne. Und wie ekelhaft griesgrämig ohne sie…

Eigentlich war mein Tagesziel wieder ein Städtchen mit Unterkunft. Doch bei dem unerwartet strahlenden Abendrot, das mich gut eine Stunde lang vom DINGDINGDING ablenkte und mit viel neuer Motivation erfüllte, hatte ich kurzfristig umdisponiert: Ich wollte doch lieber zelten. Auch, weil ich nicht genau wusste, ob es in dem Dorf auch tatsächlich eine Unterkunft gibt. Und es im Falle eines „nicht“ eigentlich zu spät sein würde, wieder aus der Siedlung rauszufahren und mir noch einen Zeltplatz zu suchen. Ich entschied mich also für „vorher bleiben“. Doch heute war es etwas heikel… ich glaube, ich hatte einen guten Schutzengel!

Mein Zelt schlage ich ziemlich nahe am Straßenrand auf. Ich kann nicht weit weg, weil das Gelände so üppig bewachsen ist, dass ich keine Chance habe, mich richtig zu verstecken. Ab und zu führt mal ein Weg weg von der Hauptstraße, doch dieser endet jedes Mal ziemlich bald an einem Zaun. Ich bleibe also vor dem Zaun, schlüpfe aber wenigstens unter einen Stachelbaum. Damit man mich nicht gleich sieht…

Doch mich hat einer gesehen. Wie auch immer er mich entdeckt hat. Ich war mit meinem Zelt beschäftigt. Doch als ich nach Aufblasen meiner Matratze wieder herauskrabbelte, stand da ein Motorradfahrer. Ungefähr Hundert Meter weg von mir, am Ende des Weges, wo der Zaun spannt. Und es braucht wenig zu erkennen, dass der da nix verloren hat! Der ist wege mir hier. Da entscheide ich spontan, ihm gleich mal einen grüßenden Wink mit der Hand zuzuwerfen. Dann krieche ich gleich ins Zelt, damit er nicht auf die Idee kommt, ich hätte Lust, mit ihm jetzt ein Schwätzchen zu halten. Doch ich beobachte ihn natürlich durch einen schmalen Schlitz.

Er kommt näher. Er könnte auch ein Reisender sein und auf der Suche nach einem Zeltplatz. Jetzt steht er fast vor dem Zelt. Er weiß nicht, dass ich ihn sehe. Er macht so eine Bewegung, die mir verrät, dass er irgendwie Kontakt aufnehmen will. Aber nicht weiß, wie er es anstellen soll. Fast ein bisschen unsicher und schüchtern wirkt er. Da ziehe ich mit einem Ratsch den Reißverschluss auf und frage gleich mal, was er hier will. Er zuckt zusammen. Und stammelt irgendwas auf … Englisch oder so. Ich will wissen – auf Englisch – ob er auch ein Tourist sei. Nein. Und wo er dann herkomme, frage ich weiter auf Englisch. „Aus dem Dorf da vorne“ zeigt er mir. Da frage ich ihn, warum er dann nicht auf Spanisch spricht. Das tut er jetzt. Doch er stammelt genauso verunsichert, wie vorher. Er ist einfach total überrumpelt. Und das lässt ihn wohl sehr schnell selbst erkennen, dass er besser schleunigst wieder die Biege macht.

Er dreht um. Doch erst nach etwa Zwanzig Minuten höre ich, wie er seinen Motor startet und sehe ihn tatsächlich, den Weg zurück in Richtung Hauptstraße und Dorf verlassen. Puh, endlich ist der weg! Doch gefallen tut mir die Sache nicht…

Und zurecht nicht! Denn kaum ist es dunkel – so dunkel, dass ich keine Chance mehr habe, den Platz zu wechseln – höre ich beim Einschlafen ein Auto. Es nähert sich in verdächtig langsamer Geschwindigkeit. Ich sehe die Scheinwerfer fast Fünf Minuten lang und noch immer nicht scheint die Karre auf Höhe des Zeltes zu sein. Da gehen die Lichter aus. Jetzt bin ich wach. Ich mache das Zelt auf und beobachte alles. Ich sehe kein Auto. Ich höre nur den Motor näher kommen. Es ist stockfinster! Jetzt müssten sie fast da sein. Es trennen mich von der Straße gute Fünfzig Meter. Und Gott sei Dank ein paar Büsche! Doch jetzt knipsen die eine Taschenlampe an – eine richtig gute Taschenlampe! Und sie leuchten genau den Grünstreifen ab, in dem ich mich „versteck“ halte. Sie zündeln hin und her. Genauso wie ein Suchtrupp es tun würde. Der Lichtstrahl kommt näher und näher. Und jetzt leuchtet er genau in meine Richtung! Ich bin ein bisschen nervös jetzt. Sie können mich nicht nicht sehen! Das geht einfach nicht.

Doch sie fahren vorbei. Und leuchten weiter. Ich höre den Motor noch lange! Doch scheinbar haben sie was anderes gesucht.

Ein halbe Ewigkeit später – ich schlafe schon – höre ich wieder den Motor. Er kommt zurück. Und wieder leuchten sie. Sie suchen vielleicht doch mich! Aber es passiert das Unmögliche: Sie finden mich nicht. Was auch immer sie von mir wollten… sie haben es nicht bekommen. Aber wie das zugegangen ist… mit den vielen Reflektoren an meinem Rad…

 

 

 

Estanislao del Campo, Argentinien (Zelt)

Tages-Km: 107,01km / -Zeit: 5:57h / -Höhenmeter: 9m

Gesamt-Km: 23.337km / -Zeit: 1.590 / -Höhenmeter: 200.027m

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369_Fünf

DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING.

[Kekspause]

DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING.

[Kekspause] Mein Hintern!

DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING.

[Kekspause] Mein Hiiiiiiintern!

DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING.

Ich kann nicht mehr sitzen. Ich kann mich nicht mehr motivieren. Ich kann auch die Augen nicht mehr aufhalten. Ich muss mich jetzt einfach dort ins Gras legen und ein Nickerchen halten…

Dann ein paar Kekse und

DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING. DINGDINGDINGDING.

Alles ist hier so grau(sig) grau! Die Sonne hat mich verlassen. Und mit ihr die Reiselust. Ja fast sogar die Lebenslust…

Aber da, was sehe ich? Ja Wahnsinn, ein Wolkenloch. Und dahinter ein Fetzen blauer Himmel. Und der wird größer und größer. Das rettet mich. Auf den letzten Schnaufer! Seit einer Woche endlich wieder die Hoffnung, dass dieses Grau auch ein Ende haben könnte… und es geht weiter!

 

 

Juan Bazan, Argentinien (Zelt)

Tages-Km: 119,63km / -Zeit: 6:54h / -Höhenmeter: 5m

Gesamt-Km: 23.230km / -Zeit: 1.584 / -Höhenmeter: 200.017m

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367_Sieben

DINGDINGDINGDING…DINGDING…DING…Ding…ding…di…n…ist hart heute!

Ach, was soll die Weichtuerei: DINGDINGDINGDING und weiter! DINGDINGDINGDING…DINGDING…DING…Ding…ding…di…n…ziemlich hart!

Nicht aufgeben, Angi, bloß nicht aufgeben! DINGDINGDINGDING…DINGDING…DING…Ding…ding…di…n…ich kann nicht mehr!

 

Ich kämpfe und kämpfe, damit ich es bis Juan Solá schaffe. Dort sollte ich eigentlich just nach meinen Hundert Kilometern anlangen. Und ich bete für Zwei Dinge: Erstens eine Unterkunft. Eine kleine, einfache, vielleicht trotzdem ein bisschen hübsche. Damit ich mir wenigstens ein paar Joule beim Zelt-nicht-Aufbau sparen kann… Und zweitens für einen Geldautomaten, der Geld hat! Denn ohne diesen kann ich es mir nicht erlauben, eine Unterkunft zu bezahlen. Ich müsste im negativen Falle mein mir verbliebenes Geld sparen und gut einteilen, damit ich mir wenigstens noch ein paar Tage lang Essen und Wasser kaufen kann.

 

 

Juan Solá, Argentinien (Zelt)

Tages-Km: 96,09km / -Zeit: 6:05h / -Höhenmeter: 8m

Gesamt-Km: 22.987km / -Zeit: 1.570 / -Höhenmeter: 199.996m

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366_Acht

Eins kann ich euch nicht erklären: Wie es immer wieder zugeht, dass ich eine gute Unterkunft finde! Ich habe für dieses Phänomen längst nur noch eine Erklärung: Das Schicksal. Es spielt mir diese einfach zu. Genau dann, wenn ich sie brauche. Anders kann das nicht sein. Oder warum stand da genau diese verlassene Tankstelle mit ihrem üppigen aber dichten Überdach im Niemandsland gestern? Es gab nichts! Den ganzen Nachmittag kam ich nur durch kleine Dörfchen, wo ein paar vom Sauwetter vergraulte Argentinier mit eingezogenen Köpfen sich von einem Vordach zum nächsten retteten, es aber weit und breit nichts Derartiges für Touristen gegeben hatte, das vor Regen schützt. Ein Dach an einer Bushaltestelle: Luxus! Geschweige denn eine Unterkunft oder ein Hotel mit einer warmen Dusche, einem trockenen Bett und einer Kleiderstange, an der ich meine durchweichten Sachen hätte trocknen können. Nichts! Doch am Abend stand da die Tanke. Und ich konnte immerhin mein Zelt im Trockenen aufbauen. Und langsam wieder auftauen.

Doch klar: Ein Wunder darf man sich von einem Tankotel nicht erwarten. Ich hatte ja erwähnt, dass hier das Klima ziemlich feucht ist. Und kalt außerdem. Da werden dann wohl kaum die Schuhe und Socken vor dem Zelt trocken werden über Nacht. Und genauso wenig die übrigen Sachen, dich ich in bester Hoffnung auf Trocknung zwischen meine Wolldecken gepackt hatte. Nichts da! Der heutige Morgen war nichts für Zimperliche: Rein in die nassen Klamotten und am Körper trocknen. Linda, die Schweizerin hatte mir von dieser Technik seinerzeit mehrmals vorgeschwärmt…lecker! Doch es hilft manchmal nichts. Manchmal muss man sich eben doch zu den Harten gesellen, wenn man irgendwann in den Garten will. Also an das Zeug und DINGDINGDINGDINGDING!

 

 

Vor Hickman, Argentinien (Zelt)

Tages-Km: 101,64km / -Zeit: 6:01h / -Höhenmeter: 143m

Gesamt-Km: 22.890km / -Zeit: 1.564 / -Höhenmeter: 199.987m

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