Kategorie-Archiv: Bolivien

Sind hier nicht alle ein bisschen Coca?

Jetzt bin ich also durch. Tja, Bolivien, was gibt es da zu sagen zusammenfassend? Ich will mich ungern wiederholen. Wer die Berichte gelesen hat, der weiß, wie ich über die Architektur hier denke. Über die Architektur und vor allem die unkontrollierte, die planlose, die hoffnungslose Bautätigkeit. Aber genauso kennt ihr die landschaftlichen Eindrücke, die malerischer, beeindruckender, einzigartiger nicht sein könnten! Sie stechen fast Peru aus. Nein, sie tun es nicht nur fast: Sie tun es! Klar, wer den Salar im Blatt hat, der spielt mit dem höchsten Trumpf. Aber auch die Strecke, die ich mit den Gleisen gegangen bin: Einfach traumhaft schön! Dann wiederum bleiben Erinnerungen an geschlossene Hotels, geschlossene Restaurants, geschlossene Läden zur schönsten Tageszeit. Aber gleichzeitig an immerzu freundlich grüßende und hilfsbereite Leute. Es bleiben Bilder von reinlich gefegten Lehmhütten im Gegensatz zu stinkenden Mülldeponien mitten in der schönsten Hochlandschaft. Es ist für mich ein Land voller Wirrungen und Verstrickungen. Ein Land voller Widersprüche, Ecken und Kanten. Es wimmelt machmal von Leuten, von Frauen, die mit schwer beladenen Buckeltüchern sich ihren Weg durch die Menschenmassen in El Alto suche, sich ducken und vorbeidrücken, noch schnell einen Bus erwischen wollen oder einfach noch irgendeinen dringenden Gang erledigen müssen. Dann wiederum von gemächlichen Weiblein, die im Feld hocken und mit tiefem Seelenfrieden und mit viel Bedacht ihre Ernte trocknen, wenden, in der Sonne hegen und pflegen. Man wird nicht so recht schlau aus diesem Land. Viele Leute sind sehr arm. Aber gleichzeitig versteht man als Tourist manchmal nicht, warum man seine Euros nicht loswerden kann!

Ihr kennt ja nun schon die Geschichten von meinen Mittagessen, die ich nicht gefunden habe hinter den verriegelten Türen. Ihr kennt die Story vom Salar, als ich im Hostel bleiben wollte, wenn ich nur schnell was zu essen gekriegt hätte. Da hat sich eine Frau ja offensichtlich dazu entschlossen, sich ihren Lebensunterhalt mit einer Art Hotel zu verdienen. Aber weil sie gerade keine Lust hat, dem hungrigen Gast außerhalb der Essenszeiten was zu bereiten, gehen ihr schlicht und einfach genau dieser Nachmittags-Snack, ein Abendessen, eine Übernachtung, ein Frühstück und ein Proviantbeutel mit Essen für ein bis Zwei Tage durch die Lappen. Hätte ich alles bei ihr gekauft, denn sonst gab es ja nichts. Doch nein: Sie hatte ja schon Arbeit. Das Gleiche passierte mir am letzten Tag nochmal: Ich komme in einen Laden mit Fahrradmänteln im Regal. Ich frage den Herrn auf dem Stuhl, ob er denn auch Speichen hätte. Da schiebt er im Mund etwas in seine linke Backe und antwortet mir dann mit einem fast lallenden Akzent, dass er keine Fahrradsachen führe. Als ich am gestern Abend im Vorbeihetzen seinen Kollegen nach Speichen gefragt habe, wollte er die Länge wissen. Daraufhin sind wir eben so verblieben, dass ich nochmal mit Rad vorbeikomme… Nun gut, jetzt hatte er also über Nacht keine Fahrradteile mehr. Doch er war ja ein freundlicher, junger Mann, der mich an seinen Konkurrenten an der nächsten Straßenecke weiterempfohlen hat. „Der hat Speichen!“, meinte er zum Abschied und sank wieder in seinen Stuhl. Doch der Konkurrent an der Ecke hatte weder Speichen noch Kettenreiniger. Dafür aber ein sehr angeregtes Schwätzchen mit seinem Freund. Und für ein paar Speichen und Waschbenzin wollte er sich wohl nicht vom sonnigen Türstock seines Ladeneingangs in die dunklen Gänge seiner Lagerregale begeben. Doch weil auch er freundlich war, empfahl er mir seine Nachbarin Fünfzig Meter weiter die Straße runter.

Diesmal stand ich vor einem richtigen Fahrradgeschäft! Als ich nach Speichen fragte, zog die Dame erst Mal Zwanzig Gramm Rotz in die Stirn, schlich dann zum Ladentisch, zog widerwillig eine Hand aus ihrem warmen Hosensack und griff in einen bunten Strauß voller Speichen. Sie brachte mir Zwei: „Das ist alles, was ich habe“, meinte sie. Und sie streckte mir eine der Kürzesten und eine von den Längsten hin. Die Kurze brauchte ich gar nicht erst anzusehen: Die passte gerade mal an ein Dreirad. Und die längste war Drei Zentimeter zu lang. „Andere Längen habe ich nicht.“ Ich konnte aber bis auf den Gehsteig raus sehen, dass da mindestens noch Zwei Zwischenlängen im Strauß auf dem Tresen blühten. Ich bat sie, doch da eine aus der Mitte zu holen. „Die ist genauso lang“, schläferte sie mich an. Doch ich bat sie, es trotzdem zu versuchen. Vielleicht hätten wir ja Glück und es wäre eine kürzere dabei. Da schleifte sie ihren Körper wieder zum Strauß, stocherte ein bisschen mit dem Zeigefinger drin rum, so, als würde sie tatsächlich suchen und griff dann zielstrebig wieder zu den ganz langen. Ich tat ihr den Gefallen und hielt sie nochmal an meinen Reifen um ihr zu zeigen, dass diese Länge immer noch zu lang war. Doch das bestätigte sie nur: „Ich habe ja gesagt, dass wir keine haben!“

Da wurde es mir ein bisschen zu bunt: Ich ging selbst zu Tisch und holte, was ich brauchte. Schraube hinten dran, fertig. (Das war jetzt die Kurzfassung! In Wirklichkeit dauerte der Vorgang bis zum tatsächlichen Abschluss des Kaufes noch eine Viertelstunde: Sie zog mir immer wieder die eine Speiche, die ich haben wollte aus den Fingern. Denn genau die wollte sie mir nicht verkaufen. Warum ach immer…) Ich verstehe ja, dass ein Fahrradgeschäft nicht vom Verkauf einer einzelnen Speiche überleben kann. Und genauso wenig vom Verkauf von Fünfen, die ich ursprünglich angesagt hatte. Und auch mitgenommen hätte, wenn Madame passende Schräubchen zur Speiche gefunden hätte. Na wie auch immer. Es zieht sich jedenfalls ein dünner aber doch sichtbar roter Faden durch all meine Einzelerfahrungen: Die dicken, mit Blättern gefüllten Backen!

Als ich bei einem kleinen Laden Tee und Nudeln gekauft habe, stand ein großer Sack mit Cocablättern vor mir. Und der Mann hat mir erklärt, dass die Leute das hier brauchen wegen der Höhe. Damit sie sich besser fühlen. „Ach komm!“, habe ich erwidert, „Ich bin jetzt seit eineinhalb Monaten hier und ich habe nicht ein einziges Mal Probleme gehabt!“ Nun, ich habe mich vielleicht langsam genug an die Höhenlage gewöhnen können. Aber auch andere Touristen haben mir erzählt, dass das Kopfweh und die Übelkeit, die man eventuell bekommen kann, nach ein paar Tagen aufgehört hat. Es kann mir wirklich keiner erzählen, dass das ein waschechter Bolivianer noch täglich braucht! Wenn einer hier oben geboren wird, dann ist sein Körper die Höhe Zeit seines Lebens gewöhnt. Da braucht er das Zeug nicht mehr! Oder wenn dann nur, weil seine Mutter es während der Schwangerschaft und Stillzeit auch munter kaut…

Da lenkte der Mann im Laden auch ein: „Weißt du“, sagte er zustimmend, „in Wirklichkeit sind hier viele Leute ziemlich arm. Und die Blätter lassen sie keinen Hunger und keine Müdigkeit mehr spüren. Da können sie arbeiten, arbeiten, arbeiten und werden weder müde noch hungrig…“ Aha! Also, zugegeben, so hatte ich das noch nicht gesehen. Das wusste ich auch nicht. Aber genau genommen bedeutet dies ja nur, dass die BLätter doch so harmlos gar nicht sind! Das sind ja richtige Betäubungsmittel, Aufputscher, ja: Drogen! Dann hat Bolivien also ein flächendeckendes Drogenproblem. Ich weiß, ich weiß, das ist jetzt eine krasse Behauptung. Aber ihr versteht hoffentlich mittlerweile meine Art, die Dinge auszudrücken…von Zeit zu Zeit auch mit gewagten Übertreibungen. Aber ich möchte nicht ausschließen, dass zwischen meinen Erlebnissen und den Coca-Blättern ein gewisser Zusammenhang besteht…

Doch bleiben wir an der Oberfläche, es soll ja schließlich unterhaltsam bleiben hier. Ich werde Bolivien als einzigartige Schönheit mit angenehmer und freundlicher Bevölkerung in Erinnerung behalten. Und ich habe in meinem Fundus sogar eine Art Nationalhymne für dich gefunden. Hier, mein wunderschönes, mein liebes Bolivien, das passt doch irgendwie zu dir:

Die Seer – Lo da do daweil

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Wenn der Zug dich schiebt

Am Sonntag sollst du ruhen! Ach komm, ich will ehrlich sein: Ich pack´s heute einfach nicht! So eng am christlichen Glauben bin ich ja sonst auch nicht. Ich habe Zwei Mal geglaubt, der Morgen sei schon angebrochen vergangene Nacht. Derweil waren es nur die Straßenlaternen, die ich mir in den letzten Drei Tagen wohl aus dem Bewusstsein radiert hatte. Jedenfalls war ich beide Male wach und auch auf den Beinen. Ich hatte nicht schlafen können, weil meine Schultern und mein Nacken so gnadenlos geschmerzt haben, dass ich fürchterliches Kopfweh davon bekommen hatte. Sogar schlecht war mir davon. Ja, ja, da bin ich tatsächlich so was wie ein richtiges Weichei! Bei uns daheim würde man sagen: „Ich konnte mich nicht mehr pelzen!“ …hihi, super, wenn man Dialekt versucht ins Hochdeutsche zu übersetzen. Also der Morgen war am Ende wie gemacht zum Ausschlafen, die Dusche mit richtig heißem Wasser perfekt, um mehrmals am Tag meinen Muskelapparat ein bisschen zu erweichen und das Bett weich genug, um die vergangenen Tage schriftlich Revue passieren zu lassen.

Nun, das habt ihr ja nun schon gelesen. Aber jetzt, da es mir wieder besser geht, will ich mal noch versuchen, etwas neutraler zu erzählen. Ohne meine schmerzenden Hände, Schultern, Lenden im Vordergrund. Ohne meinen Hunger und ohne meinen Ärger über die Materialbrüche in den Zeilen. Es tut so ein fauler Tag nämlich wahre Wunder manchmal. Kaum hatte ich heute Früh mit Leo, der mich gestern bei meiner Ankunft zufällig aufgegabelt und zu seinem Hostel geführt hatte, ein ausgiebiges Frühstück mit Obstsalat, Tee, heißer Zitrone mit Honig und getoastetem Weißbrot mit Avocado im Magen, ein zweites Mal geduscht und meine Schultern mit Stinke-Creme eingeschmiert, konnte ich eigentlich schon mit Stolz zurückblicken. Es war wirklich buckelhart. Aber es war auch einzigartig schön! Und ich bereue es nicht, diesen Weg gegangen zu sein. Warum auch? Ich kenne ja den anderen nicht. Den, den ich nicht gegangen bin. Die Straße. Die Baustelle. Sie wäre meine einzige Alternative gewesen. Aber ob sie besser gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Mein Gefühl sagt mir, sie wäre auch hart geworden. Aber sehr wahrscheinlich war mein Gleis idyllischer, harmonischer, einsamer und naturnaher.

Ich bin zuerst durch eine Sanddünenlandschaft, wie man sie sich in einer richtigen Wüste vorstellt! Manchmal mit ein paar goldgelben Grasbüscheln, manchmal nur Sand. In Hellbraun, in Anthrazitgrau, in Rostrot. Dann ging es langsam hinauf in höhere Lagen. Der Sand wich langsam einer Art Kieselsteinboden, auf dem es den hüfthohen aber ordentlich widerspenstigen Büschen am besten gefiel, die mich manchmal kaum passieren ließen, sich in meinen Gepäcktaschen einhakten oder diese gar vom Gepäckträger rissen. Auf dem Gleis waren sie schön kurzrasiert vom Zug. Aber daneben und außerhalb seiner Reichweite gediehen sie prächtig! Langsam war ich dann weit genug oben, dass ich einen schönen Überblick über mein Umfeld hatte: Ich sah hinunter in weite, trockenliegende Flusstäler, in denen bisweilen ein Jeep vorbeistaubte. Hören konnte ich davon nichts. Ich war umgeben von Stille. Von Stille und kühlem Wind, manchmal ganz schön stark! Aber auch gewärmt von einer treuen Sonne, die mir jeden Tag vom wolkenlosen Himmel herunterlachte. Manchmal überquerte der Bahndamm auch ein seitlich einbiegendes Flusstal! Wenn ich Glück hatte, nicht auf einer schwindligen Brückenkonstruktion, sondern auf einem robusten Erdwall. Auf dem es natürlich seitlich auch nicht gerade üppig Platz gab, mein Rad zu schieben. Zwischen den Gleisen war es aufgrund der Holzbalken zwar nicht eng, aber holprig und enorm anstrengend. An diesen Stellen hoffte ich immer, dass nicht ausgerechnet jetzt ein Zug oder eine kleine Baustellenlock vorbeikam. Denn Ausweichmöglichkeit gab es hier nicht viel. Einzige Chance, einem Gleisgefährt zu entkommen hätte gelautet: „Lauf, Angi, lauf!“

Aber ich hatte Glück: Die Züge kamen immer nur, wenn ich in sicherer Entfernung stand. Bis auf einmal. Da kam so eine Minikabine um die Ecke gedüst, da konnte ich wirklich nur noch wie ein Feldhase einen großen Satz machen und mich ins Gebüsch stürzen! Weil ich mittlerweile die Geröllabschnitte erreicht hatte schubste ich einfach mein Rad mit einem wuchtigen „Hau-Ruck“ neben die Gleise, weil ein vorsichtiges Schieben zeitlich nicht mehr ausgereicht hätte, diesen Überraschungsgast glimpflich zu überleben. Aber als er durch war und die Insassen mir freundlich zugewinkt hatten, ging es weiter.

So langsam wurde es karg. Seitlich ragten hohe Felsen neben mir empor. Immer öfter musste ich mich durch eine von Menschenhand gefräste Schneise, eine Hohlgasse, wie man bei uns so schön sagt, arbeiten. Ich war mitten drin im Gebirge, das mir der Bauarbeiter vorhergesagt hatte! Die Bahn schlängelte sich in Kurven um die roten Felsen, wagte sich über tiefe Flusstäler und stach durch ein paar stockfinstere Tunnel. Fast ein bisschen, wie man das vielleicht von der einen oder anderen Schweizer Bähnli aus dem Skiurlaub kennt. Die Felsformationen waren beeindruckend! Doch sie ließen sich hart erkämpfen.

Als es endlich wieder in sanfter Neigung hinunter ging, wiederholten sich die landschaftlichen Eindrücke im Umkehrgang. Bis ich die Talsohle erreicht hatte. Das war jetzt anders als vor Drei Tagen, als ich über weite Felder und Dünen den Anstieg begann. Jetzt war ich neben einem breiten, von riesigen, hohen Felsenwänden flankierten Fluss begleitet. Er wand sich in weiten Bögen dem Talausgang entgegen. Und Zug und ich fuhren in einer herrlichen Neigung, die man nicht sehen aber auf dem Rad so angenehm spüren konnte, Richtung Tupiza. Wir fuhren mit dem Wasser, das jetzt mit der Sonne um die Wette glitzerte. Es war nur ein Rinnsal in dem breiten Kiesbett. Aber es war da! Und es fand mein Loch im Schlauch. So hätte das doch die ganze Zeit dahingehen können! Klar, es gab immer noch alle paar Hundert Meter kleine Brücken für seitlich einfließende Wasserläufe. Für mich bedeutete das jedes Mal absteigen und Muskelarbeit. Doch je näher ich dem Ende des letzten Tages kam, umso öfter geschah es auch, dass ich in einem Schlenker um die Brücklein herumfahren konnte. Quasi durch das ebenfalls trockenliegende Bett des Seitenbaches. Und dann war es fast geschafft: Ich war im letzten Dorf vor Tupiza. Von hier sollte es wieder eine Straße geben.

Doch es handelte sich um einen Fahrweg. Das Hauptflussbett war weiter und weiter geworden. Auf der drüberen Seite standen jetzt fast feuerrote Felsen an seinem Ufer. Während auf meiner Seite Getreidefelder bis ganz runter an die flache Kiessohle standen. Doch dann wurde es auch hier herüben enger: Plötzlich stiegen senkrechte Wände neben mir empor. Sandbraun und rostig Rot. Sie leuchteten richtig in der Abendsonne! Der Weg war jetzt mühselig, denn er suchte sich seine Bahn zwischen diesen Formationen. Es ging nicht mehr am Wasser entlang, es ging in steilen Kurven einen Buckel hoch und drüben wieder runter. Es war wieder Wellblechpiste angesagt und ich hatte kaum noch Kraft, mich im Sattel die Steigungen hinaufzukurbeln. Oft schob ich. Aber auch dafür hatte ich nicht mehr viel Kraft übrig. Ich konnte einfach nicht mehr. Doch die Natur zeigte sich hier von einer solch überwältigenden Seite, dass ich nicht anders konnte, als auch diesen letzten Kraftakt noch irgendwie zu genießen.

Es waren die eindruckvollsten, die verrücktestend und druchgeknalltesten Tage dieser Reise. Mein Adrenalinspiegel war nie so hoch gewesen wie hier am Gleis. Immer die Unsicherheit im Nacken, ob nicht doch ein Zug kommt. Immer das latente Grauen vor einer unpassierbaren Brücke. Oder genauso groß vor einer passierbaren, denn da wusste ich: In ein paar Minuten stehe ich drauf. Und sobald ich einmal draufstehe, gibt es kein Zurück mehr. Dann muss ich weiter, denn rückwärts schieben ist absolut keine gute Idee. Dann die Momente, in denen ich mittendrin stehe, die Balken unter mir knarzen beim Drauftreten, oder wackeln. Wenn sie so weit auseinanderliegen, dass ich nicht anders kann, als die Fünfzig bis manchmal Hundert Meter hinunter in die Schlucht zu blicken. Um mich schnell wieder bewusst auf das nächste Holz zu konzentrieren und meinen Schritt zu zielen. Dann den nächsten Fuß nachholen, mit Schwung, aber ohne diesen mit in die Arme zu nehmen, weil mir sonst bei der kleinsten Bewegung das Rad vom Formeisen rutschen könnte. Brücken mit einer Kurvenschräglage, Brücken mit Seitenwind in Böen so stark, dass mein Körper für eine Minute einen steifen Bock mit meinem Fahrrad bilden musste, um nicht aus der Spur geblasen zu werden. Es war einfach krass. Und im Nachhinein ist es mir unerklärlich, wie ich das geschafft habe, weil mir in höheren Höhen eigentlich normalerweise nicht so wohl ist. Vor allem, wenn es ausgesetzt ist. Aber da sieht man wieder, was der Körper zu leisten im Stande ist. Wenn es keinen anderen Weg gibt, findet er schon einen. Einen Weg, wie er seine Ängste blockiert, wie er den Fokus auf die wichtigen Dinge setzt und alles Unwichtige ausblendet. Er ließ mich vergessen, wie schmal der Grat manchmal war. Und hat mich einfach – und das in gesprochenen Worten – auf das konzentrieren lassen, was für das Meistern der anstehenden Herausforderung nötig war. „Schau auf Holz, schau auf Holz, auf Holz, auf Holz, auf Holz, auf Holz, …!“

Es war mein bislang größtes Abenteuer im ganzen großen Abenteuer. Es war zum ersten Mal richtig Ernst. Es war keine gesuchte, künstlich erzeugte Adrenalinspritze, wie etwa ein Bungee-Jump. Ich bin da hineingeraten auf der Suche nach dem am besten passierbaren Weg nach Tupiza. Ich bin an meine Grenzen geraten. Aber ich habe alle Ängste überwunden, mich zusammengerissen, die Kontrolle behalten. So habe ich mich am Ende wieder herausgearbeitet. Und das hinterlässt ein gutes Gefühl. Ein wirklich außerordentlich gutes Gefühl!

 

Tupiza, Bolivien (Hotel Mitru, El Rifugio)

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359_Listo

Ich habe es irgendwie vermutet: Der Hinterreifen ist platt! Bei der schnell absinkenden Temperatur am Abend hat sich der noch warme Schlauch wohl so schnell zusammengezogen, dass der Kleber keine Chance hatte, die Bewegung mitzumachen. Also zerlege ich noch vor dem Frühstück ein Zweites Mal meinen Reifen. Es ist bitter kalt! Meine Fingerspitzen sind taub vor Kälte. Und bei jedem Mal Aufstehen wird mir leicht schwindelig, denn ich habe genau genommen auch kein Frühstück mehr, das ich jetzt noch essen könnte. Ich hatte Proviant für Zwei Tage gekauft. Und heute habe ich noch einen ganzen Tag vor mir! Ich brauche Musik, um über diesen Morgen zu kommen.

Dann ist endlich alles wieder repariert, das Zelt eingepackt, die Sonne kommt. Auch schon! Immerhin, sie wärmt mich jetzt beim Radeln. Und beim zweiten Mal Plattenflicken nach nur Fünf Kilometern. Wieder hocke ich am Gleis mit zerlegtem Material und hoffe, dass kein Zug kommt. Das Absurde ist nur: Ich finde kein Loch! Es muss entweder winzig sein oder ich habe mich getäuscht. Vielleicht habe ich nur so wenig Luft aufgepumpt heute Früh, weil es so kalt war… Oder es hat sich die Luft mit der Sonne zusammengezogen. Aber ist es nicht normalerweise so, dass sich erwärmende Luft ausdehnt? Ich bin nicht mehr bei klarem Verstand. Hunger, keine Kraft mehr, … ich baue alles wieder so ein, wie es war. Und prompt nach weiteren Fünf Kilometern: Wieder der Reifen platt. War ja auch klar! Ich finde mich nun zum Dritten Mal an diesem herrlichen Morgen mit schwarzen Fingern im Gleisbett hocken und nach einem verdammten Loch im Schlauch suchen. Und einem Spitzen Teil im Mantel. Aber ich finde weder das Eine noch das Andere. Doch diesmal gibt es ein bisschen Wasser im Fluss unten. Ich laufe dort hin und siehe da: Ein windiges, ein nanomäßiges „Blup“ verrät mir, wo ich den Flicken ansetzen muss. Dann noch ein Drittes Mal für heute aufgepumpt und endlich: Es hält!

Ich kann kaum noch. Es wird zwar endlich wieder fahrbar, doch ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich bin unkonzentriert und kann kaum zwischen den Wellen und Unebenheiten im Boden balancieren. Oft wirft mich die Fliehkraft aus dem Sattel. Ich will, dass das endlich ein Ende hat. Die Landschaft wird schöner und schöner, doch ich habe keine Augen dafür. Ich widerhole nur das eine kleine Satzfragment, das mir in Erinnerung geblieben ist von der Streckenbeschreibung, die mir ein Bolivianer auf dem Rad heute Früh mitgegeben hat: „…mas transitable“. Es wir nur besser befahrbar. Mas transitable, mas transitable, mas transitable sage ich mir immer und immer wieder im Geiste.

Dann komme ich an eine Brücke. An eine verdammt lange Brücke! Schon gestern hatte ich nach dem ersten Tunnel eine vogelwilde Überraschung gehabt: Eine Brücke in einer engen Linkskuve. Heißt: Kurvenneigung! Es war alles dabei, was man sich nur denken kann: Lücken, dass ich gerade noch mit einem weiten Ausfallschritt zum nächsten Balken kam. Nur, dass das diesmal eben und endlich der mentale Faktor dazukam: ES ging gut und gerne Fünfzehn Meter runter in eine enge Schlucht. Mit rauschendem Wasser. Dazu ein Seitenwind, der aus diesem Flusstal herausdonnerte, dass ich mich ein paar Mal stehend gegen das Rad lehnen musste, um den Winddruck auszugleichen. Ich hatte in einer Tour zu Gott gebetet, dass er mich dieses Höllenteil überleben lassen möge. Und am Ende hatte ich auch sie gepackt. Ich hatte sie alle gepackt! Doch heute Früh war meine Kraft zu Ende. Ich konnte nicht mehr. Ich stand vor den Balken und mir war mulmig. Sie war nicht hoch, doch sie war lang. Und sie hatte viele morsche Balken und große Lücken. Und wieder blies mich ein böiger Wind schon vor Antritt dieser vielleicht letzten Herausforderung schier vom Bahndamm. Ich hatte kein gutes Gefühl! Ich hatte keine Kraft mehr in den Armen und keine Energie mehr, mich zu konzentrieren. Ich war wie halb beduselt! Doch es half nichts: Ich musste drüber! Ich musste, ob ich wollte oder nicht. Und ich wusste von dem Mann mit Fahrrad, dass noch ein Zug kommt…

Für eins der letzten Male stand ich auf den schwindligen Balken und schlich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Vorne kontrollieren, hinten kontrollieren, linker Fuß, rechter Fuß, Vorderreifen, Hinterr… doch da: Ein Windstoß und mein Vorderrad rutscht von der Schiene! Jetzt war ich verratzt. Ich konnte mich kaum selber auf den Beinen halten. Wie sollte ich nur den Reifen da wieder draufbekommen, ohne, dass mir der Hinterreifen abschmiert? Bei dem Seitenwind? Wieder zitterte ich am ganzen Körper. Und um Himmels Willen: War da nicht eben ein Geräusch…

Ich konnte keinen Zug hören. Und auch keinen sehen. Aber ich wusste, er konnte jederzeit kommen. Einzig, was mich beruhigte: Die Zugführer wissen, dass hier Leute auf der Strecke sind. Und sie fahren auch nicht schnell. Er könnte also bremsen, wenn er mich ausgerechnet hier erwischen würde. Doch wirklich ruhig machte mich das auch nicht. Ich wartete den Wind ab. Dann bündelte ich ein letztes Mal alle meine mir verbliebenen Kräfte und zitterte tatsächlich den Frontreifen wieder zurück auf das Eisen. Es ist ein Wunder! Aber Wunder passieren. Und so habe ich auch diese Brücke überstanden.

Sie war nicht die Letzte. Aber sie war eine der Schlimmsten. Sie war eine der Dramatischsten, ohne in Wirklichkeit die Dramatischste zu sein. Sie war einfach nur die, die ich mit letzter Kraft fast nicht mehr geschafft hätte. Dann kam endlich der Zug. Und ein tonnenschwerer Ballast fiel mir von der Seele. Doch fortan bevorzugte ich trotzdem den Gang durch das Flussbett, wann immer es möglich war.

Es ging in sanftem Bergab durch ein beeindruckend schönes Tal hinaus. Der Weg wurde tatsächlich immer besser und ich musste kaum treten. Konnte es mit dem Lauf des Wassers fast so etwas wie ausrollen lassen. Ich resümierte die letzten Tage: Sand, Gestrüpp, Geröll, Kälte, Hitze, Hunger, Züge, Tunnel, Brücken! Eine abgerissene Speiche, eine gebrochene Schweißstelle, Vier mal Plattenflicken. Rissige, ausgetrocknete Lippen, eine entzündete und vor Kälte geschwollene Nase, Muskelkater und Verspannungen in den Schultern und Oberarmen. Dazu blaue Flecken über das ganze rechte Bein, die von dem ständigen Anheben des Fahrrades auf die Schienen, über die Schienen, über Stöcke und Steine herrühren. Durst, Hunger. Ich bin erschöpft. Und was wiegt mir das alles auf? Die einzigartige Landschaft, die ich unterwegs gesehen und erlebt habe? Das Abenteuer, von dem ich erzählen kann? Die Bilder, die ich geschossen habe? Die Videos, die ich gedreht habe von meinen Brückenquerungen?

Vielleicht kommt das noch. Im Moment gibt es nichts, das es mir aufwiegt. Ich bin nicht ausbezahlt. Ich im Minus. Ich will nicht behaupten, dass die Straße besser gewesen wäre. Und nicht einmal, dass ich diese Gleistour bereue. Aber ich will einfach nur schlafen. Duschen, essen und dann viiiiel schlafen!

 

 

Tupiza, Bolivien (Hotel Mitru, El Rifugio)

Tages-Km: 45,76km / -Zeit: 4:46h / -Höhenmeter: 128m / Platten hinten

Gesamt-Km: 22.208km / -Zeit: 1.524 / -Höhenmeter: 197.064m

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358_Überdosis

Ich habe beschlossen, der Empfehlung des Mannes zu folgen. Ich habe Atocha auf den Gleisen verlassen. Und ich bin genauso, wie es mir vorhergesagt worden war, auf einen gut befahrbaren Weg entlang der Schienen gekommen am Ortsausgang. Vielleicht wurde mir dieser Mann mit seinem Rat ja vom Himmel geschickt?

Ihr hättet das nach der Erfahrung auf der Brücke nicht gemacht, stimmt´s? Da habt ihr auch Recht damit. Doch ich habe ja erwähnt, dass ich noch ein paar weitere Brücken zu meistern hatte, bevor ich nach Atocha gelangen konnte. Genau genommen hatte sich dieses Drama von gestern Früh von Mal zu Mal noch gesteigert! Die nächste Brücke hatte ich ordentlich inspiziert, bevor ich mein Rad auf die Balken geschoben habe. Und was war gleich nach Fünf Metern klar: Viel zu groß, dieses Loch. Da komme ich nicht drüber! Aber hier gab es darunter noch einen Längsbalken. Ich konnte die übergroße Lücke also auf diesem Balken überbrücken. Auch geschafft. Nächste Brücke: Wieder eine Mega-Lücke, aber diesmal kein Längsbalken. Dafür aber waren seitlich und außerhalb der Schienen ein paar Holzbalken aufgeschraubt, die die Querriegel in Position halten sollten. Diese Positionsbalken liefen von Anfang bis zum Ende durch. Also auch geschafft. Nächste Brücke: Kein Längsbalken, keine Positionshölzer. Zumindest alles andere als durchlaufend. Aber klar, was mittlerweile Standard war: Unregelmäßige, quere, verschobene, morsche, fehlende, … Querbalken unter den Schienen. Jetzt war ich mit meinem Latein am Ende. Es ging nicht einmal links, was zuvor einmal die Lösung gewesen war, weil dort die Abstände kürzer als rechts und die Lücken überbrückbar gewesen waren. Ganz schön schwindlig, das Rad auf der anderen Körperseite zu balancieren, das kann ich euch versprechen! Jedenfalls ging jetzt nichts mehr. Nicht links, nicht rechts. Nicht auf Richtungsbalken UNTER und nicht auf Richtungsbalken AUF den Querhölzern. Ich sah mich schon durch das Flussbett schieben. Doch gleichzeitig wurde mir jetzt schon etwas schummrig, denn: Was, wenn das Flussbett Mal nicht so trocken und nicht so flach sein würde? Dann konnte ich an eine Brücke geraten, die unüberbrückbar war…

Mir war nicht gut! Doch irgendwas in mir ließ mich einen Versuch wagen. Kennt ihr das, wenn das Gehirn dir sagt: „Nein, das tust du nicht!“ Und schon steht das Vorderrad auf einer Schiene. Und während dein Hirn dir weiterhin sagt: „Du tust das nicht!!!“ hebst du schon den Hinterreifen auf das Eisen. Steht. Und fährt. Und jetzt mal sehen, ob das auch noch funktioniert, wenn ich nicht mehr festen Boden unter den Füßen habe. Ich muss nur gaaaaanz, gaaaaaaaaaanz langsam immer schön den Vorderreifen mittig auf der Schiene halten, den Hinterreifen kontrollieren, einen Balken weitergehen, rechten Fuß nachholen, Rad weiterschieben, linker Fuß, rechter Fuß, Hinterreifen, Vorderreifen…. Es geht. Es geht tatsächlich! Und ab da wusste ich, dass ich theoretisch jede Brücke nehmen kann. Denn die Gleise laufen immer durch. Sonst würde ja auch kein Zug fahren!

Das war der Grund, warum ich mich für die Gleise entschieden hatte. Bis ich an eine Brücke kam, die keine Querbalken hatte…

Doch jetzt war es schon zu spät. Ich war auf Spur. Und zurück ging Führte mich kein Weg! Doch leider seitlich vorbei auch nicht. Ich musste jetzt auch hier drüber. Irgendwie musste es gehen. Und es ging auch das… ich auf der linken Schiene, mein Rad auf der rechten. Und so arbeitete ich mich Stück für Stück, Brücke um Brücke Richtung Tupiza. Doch glaubt nicht, dass ich nicht mehrmals diese Entscheidung bereut habe! Auf der Straße wäre es sicher mühselig gewesen. Aber mühseliger als hier? Bald hörte nämlich der „Camino“ seitlich des Gleises auf! Ich schob auch hier auf Sand, auf störrischem, stachligem, widerspenstigem Gebüsch, auf grobem Geröll! Und es ging auch hier bergauf. Es war eine Tortur. Ein Kampf und eine einzige Plackerei. Es war ein Höllenritt! Ein verfluchtes Abenteuer!

Ich war heute nicht einen Meter gefahren. Mein Rad rumperte und bumperte von Früh bis spät über Gleisschienen, Holzbalken, durch dicke Sträucher, durch Flussbette, durch Drei Tunnel und über einen weiteren Berg. Und als es endlich bergab ging tat es plötzlich einen Schlag am Vorderreifen. Dieses Geräusch hatte ich schon mal gehört… Ein Kontrollblick: Schraube ab! Dort, wo der vordere Gepäckträger an die Gabel montiert ist. Ich begann, das Rad zu zerlegen. Wollen nur hoffen, dass nicht ausgerechnet jetzt der vorhergesagte Zug in die Gegenrichtung vorbeikommt…

Es war gut gegangen: Kein Zug, die abgebrochene Schraube ließ sich flugs rausdrehen auf der anderen Seite des Gewindeloches und eine Ersatzschraube hatte ich dabei. Bis auf eins: Zwei Meter, bevor ich mein Rad für diese Operation umlegen konnte, wirklich Zwei Meter zuvor, hatte sich durch diesen Bruch eine falsch eingefädelte Speiche an einer Mutter verfangen und „Peng!“: Speiche ab. Natürlich habe ich für das Vorderrad keine Ersatzspeichen dabei. Die kriegt man ja überall in einem Fahrradgeschäft. Aber natürlich war ich der Meinung, Ersatzspeichen dabei zu haben (was ja auch stimmte, nur eben halt ausschließlich für den Hinterreifen). Und natürlich habe ich erst dann gemerkt, dass ich mich darin irre (zumindest, was den Vorderreifen betrifft), als ich die Felge bereits ausgebaut und freigelegt hatte… Will heißen: Umsonst ausgebaut, umsonst Luft abgelassen, umsonst Luft wieder aufpumpen! Ich fahre mit einer Speiche weniger im Vorderreifen. Oder besser gesagt: Ich schiebe. Solange, bis es das nächste Mal knackt. An derselben Stelle. Nur diesmal ist die neue Schraube stärker! Es ist die Öse, die am unteren Ende der Gabel angeschweißt war. Damit ist mein ganzer Vorderbau extrem labil und ich sollte dringendst Schläge und Stöße vermeiden. Nur wie soll das gehen? Ich habe noch immer faust- bis handballgroßes Geröll unter mir!

Als Betthupferl spendiert mir mein Schicksal noch einen platten Hinterreifen. Und damit bin ich dann ersten bedient für diesen Tag und zweitens gezwungen, mir alsbald einen Zeltplatz zu suchen. Ich finde ihn direkt neben den Gleisen, in sicherem Abstand zum Nachtzug nach Tupiza, der mich damit auf nur Zwei-Drittel der Strecke überholt…

 

Zweites Drittel von „Atocha-Tupiza“, Bolivien (Zelt)

Tages-Km: 32,87km / -Zeit: 5:22h / -Höhenmeter: 166m / Front-Rack-Aufhängung bricht / Speichenbruch / Platten hinten

Gesamt-Km: 22.162km / -Zeit: 1.520 / -Höhenmeter: 196.935m

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357_Adrenalin

„Was soll´s“, hatte ich mir gedacht, „nehme ich eben den nächsten Zug!“ Das war für mich eigentlich jetzt entschiedene Sache. Und weil es bis Atocha nur noch wenig Strecke war und mein GPS mir viele, kleine Kurven für den Straßenverlauf bis dorthin zeigte, setzte ich nochmal auf die Schienen.

Los ging´s gleich mal mit einer Brücke. Diesmal einer richtigen! Denn an dieser Stelle überquerte der Zug den breiten Fluss. Ich schätze das Ding bestimmt auf Hundert Meter. Das war schon was Anderes, als mal hier einen Meter, mal dort Drei. Es war eine richtige Brücke! Aber Gott sei Dank nicht hoch. Ins weiche Sandbett hinunter waren es vielleicht Drei Höhenmeter. Klar, wenn´s mich da runterknödelt, tut das auch weh. Aber ihr wisst ja, wie das mit der mentalen Seite ist. Jedenfalls hatte ich fast so etwas wie Lust, mir dieser Herausforderung zu stellen und schob munter an. Rauf auf die Balken!

Doch was ich jetzt erfahren musste, was mich auf halber Strecke zitternd zum Stillstand gebracht hatte, waren Zwei Dinge. Erstens habe ich mit kaltem Muskelapparat kaum die Kraft, dem Rad – sowohl dem Vorder- als auch nochmal dem Hinterrad – den entsprechenden Impuls zu geben, die Hürde zu nehmen. Ich muss es nämlich mit einem leichten Schwung ein bisschen anheben, damit es über die Hölzer rollen kann. Und nach den ersten Zwanzig Riegeln zitterten mir meine Oberarme wie Espenlaub. Das wiederum machte mich nervös, sodass meine Knie gleich mit einstiegen in den Takt. Krass, wie unkontrolliert der Körper in der Früh ist! Ich hatte Mühe, meine Füße auf den nächsten Balken zu zielen und gleichzeitig mit den Armen das Rad im Gleichgewicht zu halten. Um ein Haar hätte es mich tatsächlich in den sandigen Untergrund gestupft!

Und dieses Drama wurde von „Zweitens“ noch verstärkt: Die Balken liegen nämlich nicht immer regelmäßig im Abstand von Dreißig Zentimetern! Sie liegen manchmal auch ein bisschen schräg, manchmal fast diagonal und manchmal ganz eng beieinander, sodass der nächste Abstand fast doppelt so groß wird! Dann reden wir schon von Fünfzig Zentimetern Luft zwischen standfestem Holz. Und jetzt erst wurde mir bewusst, was das bedeuten konnte. Ich war mitten auf der Eisenbahnbrücke und mein Fahrrad hin in einem tiefen „Loch“. Gerade noch waren die Reifendurchmesser groß genug, um nicht durchzufallen. Herrgott, warum hatte ich das nicht bedacht! Ich stand zitternd auf den Gleisen und spähte auf die kommenden fünfzig Meter. Lieber, lieber Gott, bitte lass da keine größeren Lücken kommen! Sonst bin ich hoffnungslos verratzt hier oben. Denn rückwärts wieder runter: Bloß nicht dran denken! Und das schwere Rad über eine solche Lücke drüberzuheben… noch weniger dran denken! Ich zitterte jetzt am ganzen Körper. Was für eine Schnapsidee, hier entlang zu gehen! Und ich betete mehrmals, dass ich das schaffen würde.

Doch kaum war ich drüben, stellte sich natürlich die Frage: Jetzt wieder zurück und doch die Straße nehmen? Auch nicht gerade, was man eine „wahre Verlockung“ nennen würde! Gleichzeitig stellt sich nach jeder gemeisterten Aufgabe so etwas wie ein Triumpfgefühl ein. „Ich kann´s!“ Und so war ich beflügelt genug, als ich am Ende dieser Brücke wieder auf festem Terrain stand, um den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Bis Atocha!

Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich war schon ein bisschen stolz, denn es waren noch viele weitere Brücken gekommen. Jetzt hatte ich ein bisschen Abenteuer gehabt, ein bisschen Adrenalin freigesetzt, das reichte mir. Ich ging zum Schalter und fragte, wann der nächste Zug nach Tupiza fahren würde. „Der nächste Zug fährt morgen…morgen Nacht!“ Das war jetzt genau das, was ich eigentlich nicht hören wollte. „Morgen Nacht“ bedeutete, dass ich eigentlich auch mit dem Rad fahren konnte. Zwei Tage weiterknechten. Aber gegengerechnet gegen Zwei Tage Atocha…

Die Entscheidung war schnell getroffen: Essen, Proviant und Wasser für die nächsten beiden Tage kaufen und zurück auf die Straße! …oder das Gleis? Jetzt fiel mir nämlich wieder der Bauerbeiter ein. „Ab Atocha gehst du am Gleis entlang!“ Was sollte ich tun? Straße? Gleis? Straße bedeutete Sand und Berge. Gleis – so war meine Information: „Es geht immer flach dahin, nur ein kleiner Anstieg. Und zwei Tunnel. Aber kurze! Das geht gut. Das machen alle, die mit dem Fahrrad fahren. Bis Tupiza!“

Was würdet ihr machen an meiner Stelle?

 

Bis Atocha quere ich ein paar vogelwilde Brücken. Aber jetzt weiß ich, dass ich alle schaffen kann und darum entscheide ich mich für den „Gleisgang“ ab Atocha.

 

 

Erstes Drittel von „Atocha-Tupiza“, Bolivien (Zelt)

Tages-Km: 31,89km / -Zeit: 4:45h / -Höhenmeter: 441m

Gesamt-Km: 22.129km / -Zeit: 1.514 / -Höhenmeter: 196.768m

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356_Follow the tracks!

Weiter ging´s mit Sandstraße. Und Wellblechpiste. Verheerend zum Fahren. Das ist schlimmer, als auf einem Shettlandpony zu galoppieren! Doch was sollte ich machen? Das war jetzt wohl mein Schicksal. Im Schneckentempo holperte ich der Grenze zu Argentinien entgegen. Die Gegend war herrlich, das muss ich ja zugeben. Dazu kaum Verkehr, konnte man schon genießen. Alles, bis auf das Fahrgefühl!

Gegen Mittag standen da plötzlich ein paar Bauarbeiter, die ich eigentlich auf der neuen Trasse erwartet hätte und nicht hier, auf der Umfahrung. Sie sollten wohl ein paar Kanalrohre legen. Doch als sie mich anrumpeln sahen, schlugen sie beide Hände über den Köpfen zusammen und fragten mich, wo ich denn hinwolle. Naja, wo werde ich wohl hinwollen… Nach Argentinien! „Ja um Himmels Willen“, meinte einer, „nach Argentinien!“ Ich nickte zustimmend…bei diesen Straßenverhältnissen konnte man wohl so bestürzt reagieren. Wir plauderten ein bisschen. Da meinte er: „Wenn du nach Atocha kommst, dann fährst du mit dem Zug!“ Ich hatte das falsch verstanden und erklärte ihm, dass ich eigentlich gerne mit dem Fahrrad bis zur Grenze gefahren wäre… Er nickte. „Nein, nein, aber dann fahr trotzdem mit dem Zug. Auf den Gleisen! Da gibt´s einen Fahrweg gleich nebendran. Der führt immer entlang der Schienen. Da fahren wir alle mit dem Fahrrad. Auf der Straße kannst du nicht fahren! Da ist alles Sand. Und es geht steile Berge hinauf – uffff!“

Ach so hatte der das gemeint! Na, mal sehen, kann ich mir ja mal merken… Doch kaum hatte ich die Männer hinter mir gelassen, begannen die Bedingungen, mich mehr und mehr von seiner Idee zu überzeugen. Zuerst mal führte die kurzwellige Buckelpiste in eine zauberhafte Sanddünenlandschaft. Eine Augenweide! Und ein Graus zugleich, denn jeder Dezimeter wollte jetzt mit voller Körperkraft erarbeitet werden. Schiebend natürlich! Das ging ungefähr bis Nachmittags um Drei so weiter! Von hier aus waren es noch Dreißig Kilometer bis zu besagtem Atocha. Doch ich hatte mittlerweile schon von allem die Schnauze so voll, dass ich tatsächlich über die allererste Idee des Bauarbeiters nachdachte: „Wann fährt denn wieder ein Zug bis Tupiza?“, fragte ich die Frau im kleinen Laden. „Morgen Früh um Fünf“, hatte ich zur Antwort bekommen. Abfahrt in Atocha…

Ich legte mich ins Zeug. Hatte mir Saft und ein paar Kekse und Schoki gekauft, die mir einen neuen Energieschub bringen sollten. Doch erst Mal ging es bergauf. In vielen kleinen Buckeln zwar, doch stetig mit Tendenz nach oben. Da war es also schon, was der Mann mir prophezeit hatte! Bergauf, Sandpiste, Schieben, mühselig, mürbend… Ich bewegte mich mitten unter fleißigen Lastern, die emsig Sandhaufen abluden, damit die neue Trasse auch einen ordentlich üppigen Unterbau bekam. Doch das bedeutete, dass ich jedes Mal fett eingestaubt wurde, wenn einer passierte. Entweder von einem Laster oder von einem vorbeirasenden Geländewagen. Klar, diese Miniwellen konnte man entweder mit Mikrogeschwindigkeit nehmen oder überfliegen. Zweitere Variante ist die Gängige hier in Bolivien!

Dann wurde es Fünf am Nachmittag. Zeit für Feierabend eigentlich! Doch ich wollte ja noch bis Atocha, um den Zug morgen Früh nehmen zu können. Also weiter, nur nicht Absacken jetzt! Es ging ja auch endlich bergab! Das hatte mir vor einer halben Stunde eine Bolivianerin vorhergesagt, die unterwegs zu ihren Lamas war. Doch bergab heißt nicht zwangsläufig, dass es jetzt schneller ging. Geschweige denn leichter. Denn nun befand ich mich unten in der Sohle eines breiten Flusslaufes. Imposante Felswände definierten den Lauf des ausgetrockneten Wassers. Doch für mich bedeutete dies nicht weniger als schieben, schieben und nochmal schieben. Rings um mich herum war nur weicher Sand und Kies. Keine Chance, sich hier in den Sattel zu schwingen! Doch auf der Ebene sich mit den ganzen Körpergewicht gegen das Rad zu stemmen, um Meter für Meter Strecke zu machen, das ist einfach nur mürbend. So würde ich nie bis zum nächsten Halt kommen!

Irgendwann wagte ich dann den ersten Versuch: Ich kletterte rauf auf den Bahndamm. Mal sehen, ob das nicht tatsächlich besser ist! Und es war tatsächlich besser. Hier war der Sand festgepresst und ich konnte wunderbar endlich wieder fahren. …bis da eine kleine Brücke kam. Eine Stelle nur, an der ein kleiner Bach dem großen Flussbett zuläuft. Ich überlegte, wieder zurück auf die „Straße“ zu kehren. Doch warum eigentlich nicht versuchen, da drüber zu kommen? Vorsichtig schob ich das Rad auf die breiten Holzbalken, die quer unter den Schienen in einem Abstand von vielleicht Dreißig Zentimetern lagen. Bum – bum – bum – bum – bum – bum – bum – schon war ich drüber. Ging ja ganz leicht! Und weiterradeln. Atocha, ich komme!

Atocha, ich komme nicht. Denn von diesen kleinen Brücken gab es ungefähr… unzählige! Nicht, dass sie eine besondere Schwierigkeit gewesen wären. Doch Zeit kosteten sie! Und so hörte ich am Ende den Zug an meinem Zelt vorbeirumpeln, das knappe Zehn Kilometer vor Atocha neben dem Gleis im Sand stand. Da ging sie hin, meine Jokerversion…

 

 

Vor Atocha, Bolivien (Zelt)

Tages-Km: 54,90km / -Zeit: 6:35h / -Höhenmeter: 396m

Gesamt-Km: 22.098km / -Zeit: 1.510 / -Höhenmeter: 196.327m

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355_Verhext!

Gestern Abend war mir kurz vor dem Ufer noch ein Radfahrer entgegengekommen. Wo der wohl noch hinwollte, so spät am Tag? „Auf dem Salar zelten“, erklärte er mir. „Und du fährst jetzt nach Uyuni in die Unterkunft, wo ich herkomme. Sind noch Fünfundzwanzig Kilometer, aber du hast super Rückenwind. Das schaffst du!“ Naja, was wollte ich da widersprechen. Recht hatte er ja! Die Unterkunft war genau dort, wo er den Punkt in meinem GPS gesetzt hatte und alles war prima. Zumindest was die Ankunft, den Abend und die Nacht anging.

Der Morgen gestaltete sich etwas mystich! Ich wollte eigentlich nur schnell noch mein Rad waschen und noch ein bisschen Proviant einkaufen, bevor ich mich wieder in die Wildnis ziehen ließ. Doch nach der Waschanlage habe ich mich so dermaßen verfahren, dass ein ernsthaftes Vorankommen für diesen Tag in unerreichbar weite Ferne gerutscht war. Mein GPS drehte sich genauso wie ich im Kreis, die Straße, die aus der Stadt herausführte, existierte nicht. Und die, die mir der Mann aus der Waschanlage gezeigt hatte, fand ich nicht mehr. Es war zum Verzweifeln! Derweil ist dieses Uyuni eine Ministadt. Aber es war wie verhext!

Erst am frühen Nachmittag war meine Irrfahrt endlich beendet, als ich zufällig wieder an der Waschstation vorbeikam. Doch glaubt ihr, dass von jetzt an alles leichter gewesen wäre? Ha, von wegen! Die Strecke von Uyuni bis zur Grenze – gute Dreihundert Kilometer – befindet sich nämlich im Bau. Das wusste ich schon von Walter aus dem Hotel Oberland. Doch dass diese Baustelle noch vor der Ortsausfahrt von Uyuni beginnen würde… Das hatte ich mir zugegeben ein bisschen anders erhofft. Doch diesmal hatte ich die A-Karte gezogen: Bautelle, so weit das Auge reichte! Sand, Staub, Dreck, Lastwagen, … Alles, was man sich für ein ordentliches Straßenbauprojekt denken kann. Nicht Mal schummeln konnte ich, wie Walter mir es zugezwinkert hatte. Er hatte gemeint: „Da muss man halt einfach auf der neuen Trasse fahren, da darf man nicht so zimperlich sein…“. Nur die Bolivianer kennen halt ihre Pappenheimer! Die wissen ganz genau, dass das jeder tun würde, wenn sie nicht tiefe Gräben oder mannshohe Wälle vor jeder nur erdenklichen, potenziellen Auffahrt auf die neue Trasse bauen würden. Es war schlicht nicht möglich. Oder nur mit so viel Aufwand, dass ich es nach Drei, Vier Versuchen endgültig habe bleiben lassen. Da musste ich jetzt wohl durch. Doch mit den Drei veranschlagten Tagen bis zur Grenze konnte das jetzt schwierig werden…

Ich schlug erst Mal mein Zelt in einer Kurve eines Bachlaufes auf. Dort gab es eine senkrechte Lehmwand, die die Sonnenwärme des halben Tages gespeichert hatte. Und sie wärmte mich die Nacht hindurch wie ein ausglimmender Kachelofen.

 

Im Bolivianischen Nirvana, Bolivien (Zelt)

Tages-Km: 47,19km / -Zeit: 4:01h / -Höhenmeter: 81m

Gesamt-Km: 22.043km / -Zeit: 1.505 / -Höhenmeter: 195.930m

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354_Eh vorbei

Ja, das ist der Salar de Uyuni: Ein Spielplatz in weiß! Was für ein genialer Tag gestern, echt wahr. Den ganzen Tag vom blendenden Salz umgeben, die Sonne strahlt von oben und keine Menschenseele, die dich stört. Da könnte man den ganzen Tag nackig Federball spielen und keinen würde es jucken. Geil, einfach nur geil!

Bis zum Abend habe ich es zur Insel Incahuasi geschafft. Auch die ein Muss, wenn man in der Gegend ist! Ein winziges Fleckchen Erde mitten in der Salzwüste, doch von so unglaublicher Schönheit, dass mir fast die Worte fehlen, es zu beschreiben. Es steht alles voller Kakteen. Und wenn man da am Abend zum Sonnenuntergang auf den Gipfel klettert, hat man ein Bild vor sich, wie es einzigartiger nicht mehr sein könnte: Unter sich die Kaktuslandschaft, die sich mit abnehmendem Licht nur noch als Wald stacheliger Silhouetten darstellt. Und rundherum die Salzebene mit dem Vulkankegel im Norden, von dem ich gekommen bin und ein paar weiteren Hügellandschaften im Süden. Alles färbt sich nach und nach in Blautöne während der Himmel zart rosa blüht. Wenn die Sonne dann fast hinter den Horizont gerutscht ist, sieht es aus wie Schnee. Dazu ist es mittlerweile auch passend kühl geworden, sodass man richtig glauben könnte, man hockt im Winter auf dem Giebel einer verschneiten Skihütte und sagt langsam einem traumhaften Wintertag „Adiós!“.

Dann kam der Morgen. Und mit ihm eine neue Fuhre Touristen-Jeeps. Zeit für mich, die Biege zu machen. Schließlich bin ich ja hier nicht nur zum Spaß und Rumblödeln – ich bin ja sozusagen auf einer Mission! Und heute hatte ich sogar eine kleine Untermission: Einen Sticker sollte ich kleben. Für Daniel, einen Motorradfahrer aus Kolumbien. Die haben doch den Kult, wenn sie auf Reisen fahren, überall an den wichtigsten Meilensteinen einen eigens gestalteten Aufkleber zu hinterlassen. Doch Daniel waren seine Bapperl dummerweise vor dem Salar ausgegangen und – das wundert mich nun überhaupt nicht – in Bolivien hatte er keine Druckerei gefunden, die ihm welche nachgedruckt hätte. Das konnte er erst wieder nach dem Salar…doof! Doch weil sich unsere Wege auf seiner Rückreise nochmal gekreuzt haben und ich ein herzensguter Mensch bin, habe ich mir einen Sticker mitgenommen und ihm versprochen, ihn irgendwo auf dem Salar hinzupicken. Wobei…nicht ganz irgendwo sollte es sein: Bei den Flaggen, am Dakar-Monument. „Da kommst du eh vorbei!“, meinte er nur.

Jetzt ist das aber so eine Sache, wenn alles um einen herum nur weiß ist. Denn da weiß man nicht so genau, ob man überhaupt in die richtige Richtung fährt! Für das GPS war ich mit dem Rad zu langsam unterwegs, als dass ich aus der Mikrobewegung des blauen Positionspunktes auf der Karte eine Bewegungsrichtung hätte ausmachen können. Ich steuerte also nach Pi x Daumen, der Nase nach und immer in Sichtweite der schwarzen Reifenspuren der Geländewagen. Und so kam es, dass ich am späten Nachmittag tatsächlich an die Stelle kam, an der es links weg in das Minidörfchen „Colchani“ ging. Doch was wollte ich dort? Mein Ziel war schließlich „Uyuni“! Und das musste noch ein bisschen weiter südlich sein. Ich folgte also den Reifenspuren, die geradeaus weiterführten Richtung Süden. Und ich glaubte auch, dort hinten am Horizont ein paar Flaggen ausgemacht zu haben.

…was man wohl auch in der Salzwüste eine Fatamorgana nennen darf: Irgendwas lässt nämlich auch hier die Luft direkt über dem Boden leicht flimmern. Und in dieses Flimmern kann man allerlei hineininterpretieren. Unter anderem einen Fahnenwald, bei dem man dringend eine Mission erfüllen sollte. Jedenfalls wurden meine Spuren immer weniger und verendeten bald völlig im Weiß. Die Fahnenreihe entpuppte sich als ein paar Felsenhöhlen weit hinter dem Ufer des Salars und dieser selbst wurde unter meinen Gummireifen immer weicher und nasser. Ob ich auf diesem Wege wirklich direkt nach Uyuni komme? Äußerst zweifelhaft! So ein Mist, sollte ich etwa umkehren? Ich ärgerte mich, denn ohnehin wäre es ein langer Tag geworden. Aber dass ich jetzt auch noch eine halbe Stunde lang in eine Sackgasse fahren musste… Und was die Fahnen anging, von denen ich nicht wusste, ob diese jetzt in diesem Colchani oder direkt in Uyuni standen: Da war ich jetzt wohl eh vorbei.

Mein Stimmungspegel glitt langsam in Richtung „müde“. Meine Mission war gescheitert. Daniel würde nicht gerade begeistert sein. Aber ich wollte – so schön der Salar war – jetzt einfach nur auf Land zurück und bald ein bequemes Bett und was zu Essen finden. Doch erst Mal musste ich die Spurensuche aufnehmen und wieder an den Kreuzungspunkt zurückfinden, der Richtung „Colchani“ führte. Das war nach gut Vierzig Minuten geschafft. Jetzt hätte ich nur noch direkt auf die Uferlinie zusteuern müssen und die Sache wäre geritzt gewesen. Nur, dass ich jetzt eine neue Auffälligkeit am Horizont im Flimmern entdeckt hatte: Eine seltsame, schwarze Form. Ein Gestell? Aber ein riesiges! Und noch ein komischer Umriss daneben. Was das wohl Komisches sein mochte? Vermutlich was Wichtiges, denn alle Jeeps karrten erst mal dorthin, bevor sie die Fahrt zur Insel antraten. Mir kam ein Gedanke…

Genau so war es: Ich hab sie doch noch gefunden. Hier haben die sich also versteckt, die Saumasten mit den Stoffbahnen, den zerfletterten! Mistdinger, diese. Für sie war ich jetzt einen Bogen von gut Zehn Kilometern gefahren, der mich gute eineinhalb Stunden Zeit gekostet hat. Von wegen „eh vorbei“! Doch jetzt, wo ich ja schon mal da war, konnte ich ja wenigstens den Aufkleber an die Scheibe des Salzhotels pappen. Mission erfüllt, würde ich sagen! Und wie´s gar so mühselig war, musste ich mich selbst auch noch verewigen. Warum nich auch mal was von einem Motorradfahrer lernen?

Dann aber ab die Post und schnell zurück auf die Erde, bevor die Sonne ein zweites Mal hinter den blassblauen Hügeln verschwindet!

 

 

Uyuni, Bolivien (Alojamiento „La Roca“)

Tages-Km: 114,37km / -Zeit: 7:05h / -Höhenmeter: 53m

Gesamt-Km: 21.995km / -Zeit: 1.499 / -Höhenmeter: 195.849m

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353_Leider geil

So, und heute Früh ging´s endlich richtig auf Salz – ein bisschen spielen!

Ja mei, was soll ich da groß reden. Ihr müsst zwischen den Zeilen lesen. Bzw. sag ich´s euch heute Mal mit Musik und Bildern. Nur eins sei zu meiner Verteidigung erwähnt: Ganz ehrlich, ich hab´s wirklich rein zufällig erst beim Bilderspeichern entdeckt…

Die Anleitung:

  1. Bilder herunterladen
  2. Speichern
  3. Beide gleichzeitig in der Windows-Vorschau öffnen (vergleichbar hochwertiges Programm tut´s natürlich auch…)
  4. Jetzt drückt ihr auf Play…
  5. …schaltet um zur Bildervorschau…
  6. …und wippt mit Zeigefinger und Mittelfinger auf den „Vorwärts“- und „Rückwärts“-Taste zwischen den beiden Fotos hin und her.
  7. Im Takt versteht sich!

 

 

Isla Incahuasi, Bolivien (Refugio)

Tages-Km: 39,25km / -Zeit: 2:43h / -Höhenmeter: 4m (Ich liebe Salar…)

Gesamt-Km: 21.881km / -Zeit: 1.492 / -Höhenmeter: 195.796m

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352_Ich muss arbeiten

Eigentlich war´s doch ganz huschelig dort an der Mauerecke. Ich hatte meine Ruhe, denn am Samstag kommt auch in Bolivien keiner, um die Baustelle vorwärts zu bringen. Gut, dass die hier so schön christlich erzogen sind und ein Wochenende kennen – zumindest die paar Bauerbeiter, die auf meiner „Schlafbaustelle“ sonst fleißig sind. Nur die Hunde. Also diese doofen Viecher! Kommt schon nicht von Ungefähr die allseits bekannte Bezeichnung „dummer Hund“! Die bellen wirklich die halbe Nacht lang. Aber nicht für irgendetwas Wichtiges. Nein, für nix und wieder nix. Hauptsache man findet als Durchreisender nicht seinen wohlverdienten Frieden!

Aber egal, neuer Tag, neues Glück. Ab jetzt war Schotterpiste angesagt. Mal gut befestigt, mal staubiger. Aber noch nicht so weich, dass ich viel schieben musste. Es war ein herrlich friedlicher Morgen! Die Sonne stand wieder am Himmel und ein paar Tierherden wurden schon zum Weiden getrieben. Ein paar Bauern überholten mich mit ihren Jeeps, Traktoren oder Motorrädern. Ein kleines Bisschen Geschäftigkeit war spürbar, aber gerade so viel, dass ich mich hier draußen nicht einsam und allein zu fühlen brauchte. Ich genoß die holprige Fahrt. Und nicht zuletzt deswegen, weil ich so gespannt war, wie denn der Übergang aussehen würde. Es war klar: Heute würde ich den berühmten Salzsee erreichen. Und ich hatte schon viele Bilder von Freunden und anderen Reisenden gesehen. Aber immer von „mittendrin“. Ja, aber bitteschön: Wie sieht das denn aus, wenn man drauffährt?

Das konnte mir bisher noch keiner erklären. Oder auf einem Bild zeigen. Aber ich, ich weiß es jetzt. Es gibt unterschiedliche Varianten! Mein erstes Mal war eher ein versehentliches Betreten. Ich kam von der trockenen, sandigen Schotterstraße. Diese wurde dann nach und nach immer fester. Zuletzt fast so etwas wie festgefahrener Lehmboden. Ausgetrocknet. Aber man spürte noch die Reifenrinnen von der Zeit, als der Boden feucht gewesen sein musste. Angangs, als es noch staubig war, war meine Straße wie eine Art Feldweg durch eine struppige, dorre Weide. Doch dann, als ich mich auf der trockenen Lehmpiste befand, war eigentlich schon alles eine Ebene. Meine Straße war plötzlich Zwanzig, Fünfzig, Hundert Meter breit und verlor sich dann eigentlich völlig im Planum, das immer stärker von weißen Flecken durchsetzt war: Salz, das sich im Boden befand. Es wurde weißer und weißer und genauso kann man den Salar betreten. Ohne es zu bemerken war ich plötzlich drauf. Plötzlich war unter mir alles nur noch weiß. Und der Lehm war verschwunden. Nur noch Salz! Doch es war ein klitzekleines Bisschen matschig. Stellt euch das vor wie eine eisige und festgewalzte Schneepiste, die im Frühjahr von der Sonne für ein paar Stunden aufgeweicht worden ist an der Oberfläche. Nur mit dem Unterschied, dass es drunter nicht rutschig oder glatt war. Ich hatte immer vollen Grip.

Und genaugenommen die Richtung verloren… Es wurde irgendwann richtig nass. Sie bauten mit kleinen Raupen Salz ab hier. Doch sonst war keine Menschenseele zu entdecken. Ich musste irgendwie falsch abgebogen sein! Mein GPS ortete mich zumindest in einer Position, in der ich eigentlich nie sein wollte. Na gut, dann fahre ich eben über Salz und nicht über Land zu meinem Dorf Jirira, wo es ein Hostal und was zu Essen geben sollte laut Herrn Schmid vom Hotel Oberland. Doch falsch: Ich fuhr erst einmal überhaupt nicht. Ein Platten. Diesmal vorne. Doch fragt mich nicht, was ich mir da eingefahren hatte. Ich habe bis heute nichts im Mantel gefunden! Doch das ändert auch nichts daran, dass ich erst mal mein Fahrgestell flachlegen musste. …zur Mittagsunterhaltung der Baggerfahrer natürlich!

Also ich war dann doch heilfroh, dass ich endlich dieses Jirira sehen konnte am Ufer! Ich hatte nämlich nichts mehr zu Essen dabei und brauchte sowohl dringend was in den Magen als auch Proviant für die nächsten Tage auf dem Salar. Es war jetzt Drei am Nachmittag und außer Vier Minisemmeln hatte ich heute noch nichts zu beißen bekommen. Mein Magen knurrte schon grimmig! Da komme ich nach einer Dreiviertel Stunde des Sehens doch nur langsam Erreichenkönnens endlich wieder auf Land. Ich sehe schon das Schild mit „Hostal“. Da steuere ich direkt drauf zu. Ich mache die Tür auf – sie geht auf! Doch drin ist niemand. Hinter mir vom Hof ruft eine Senora „Si?“ Ich hockte, seit ich das Dorf gesehen hatte, auf einem Tuch auf dem Boden und stocherte mit ihren Fingern in einem FQuadratmeter Hülsenfrüchte rum, die dort zum Trocknen ausgelegt waren. Jetzt hatte sie davon eine Schüssel aus dem Stand ausgeschüttet, damit wohl die leichten Grasstückchen vom Wind verblasen werden. Ich fragte, ob sie die Hostalbetreiberin sei. Sie bejahte. Ich hatte eigentlich vor, hier zu bleiben. Doch irgendwie zufällig fragte ich sie vorher noch, ob es hier auch was zu essen gäbe. „Zu essen?“, fragte sie. „Zu essen gibt´s jetzt nix. Weißt du, wir müssen hier arbeiten!“ Ich meinte, dass es doch irgendeine Kleinigkeit geben müsste. Und dachte nur an ein paar Spiegeleier, solange bis Cena-Zeit war. Da warf sie den Kopf schräg hinter sich über die Schulter. „Haben wir jetzt was zu essen?“, fragte sie die Nachbarin. Die schüttelte nur den Kopf. Da zog meine Heldin den Kopf wieder über die Schulter zurück und meinte: „Nix zu essen. Wir müssen nämlich arbeiten!“ Und dann schüttete sie noch eine Schüssel Körner in die Luft.

Ich hätte in diesem Moment viel in meinem Blog schreiben können über diese Mentalität. Ich meine: Woran verdient eine Hotelwirtin wohl mehr? An einem Gast, der Zwei Mal isst und übernachtet, oder an einem Quadratmeter Ballaststoffe?

Ansonsten gab es in diesem Dorf auch nichts als geschlossene Läden. Läden und Fensterläden. Und einen rotzbesoffenen Bolivianer, der zwar versucht hatte mir zu helfen. Aber wenn ihr mich fragt nicht mal wusste, was genau ich brauchte. Auch, wenn es so einfach war, wie noch was: Essen! Ich war längst auf dem Weg ins nächste Dorf. Über eine elends anstrengende Sandstrecke! Die Hälfte der Zeit musste ich schieben. Doch dort gab es noch weniger. Gut: Immerhin ein paar sehenswerte, alte Steinruinen. Aber halt kein Brot und kein Wasser. Also noch ein Dorf weiter. Wieder alles verrammelt. Abendessen gibt´s erst um Sieben. Und dann haben auch die Läden wieder geöffnet. Doch welche Läden bitteschön? „Ja, ja,“ meinte das Mädel in der Touristeninfo, die zu meinem Erstaunen geöffnet und besetzt war. Ja überhaupt erst existent, dort in dem kleinen Nest! Sie meinte also „ja, ja, es ist halt so: Die Frau von dem Laden, die trinkt ein bisschen…“. Aha, alles klar. Sie wird also heute nicht öffnen. Genauso wenig wie das Hostal, in dem die Info-Tante verschwindet und mir die Tür vor der Nase zuhaut. Ich könne ja in eine andere Unterkunft gehen….

Das konnte ich nicht! Denn die anderen Unterkünfte waren genauso geschlossen, wie dieses Hostal. Wenn ich da nicht ein zweites Mal in die eine Unterkunft gegangen wäre und zufällig die Hausdame in der Küche erwischt hätte, dann hätte ich wohl wieder im Zelt genächtigt. Doch diesmal konnte sie nicht aus: Ich hatte danke meinen 1,72 nämlich durch´s Küchenfenster ihren Scheitel entdeckt und so konnte sie am Ende nicht anders, als mir ein Bett vermieten. Mit warmer Dusche und Spaghetti Bolognese im Preis… Und mit einer netten Abendunterhaltung durch Dieter, Moni und Toni – danke, ich hatte schon lange keinen Rotwein mehr! Und was aus eurer Meinung zu Boliviens Bautätigkeit rund um La Paz wird, wenn ihr gen Norden reist, werde ich vielleicht (hoffentlich) in einem Kommentar von euch erfahren!

 

 

Coqueza, Bolivien (Hospedaje)

Tages-Km: 56,08km / -Zeit: 5:05h / -Höhenmeter: 111m

Gesamt-Km: 21.842km / -Zeit: 1.489 / -Höhenmeter: 195.791m

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