Kategorie-Archiv: Brasilien

394_Final Countdown: 7

Heute war ein schöner Tag. Ein ganz schöner und ein schön anstrengender. Warum ich das schreibe und trotzdem nicht mehr als Sechzig Kilometer auf den Zähler bringe? Weil es hier noch immer brutale Anstiege gibt! Unterwegs unterholen mich Regenwürmer und Schnecken. Und dazu noch die Hitze. Kaum ist die Sonne draußen, brennt sie! Ich brauche den ganzen Vormittag für nur Zwanzig Kilometer. Aber kein Wunder: Der Höhenmeter steht schon bei Vierhundert. Einfach krass ist das!

Und außerdem bin ich nicht ausgeschlafen. Seit Zwei Nächten hält mich immer was vom Tiefschlaf ab: Einmal wars der Kompressor der Tankstellenwerkstatt, der Drei Mal angesprungen ist. Und gestern eine private Nervosität, die ich nicht abstellen konnte. Hab mich die ganze Nacht im Bett gewälzt und durch mehrfaches ins-Bad-gehen die anderen Zimmerkameraden mit in den Wachschlaf gerissen. Dafür gönne ich mir heute nochmal eine Pousada. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht endlich zu meiner Erholung käme!

Rio lässt sich ganz schön kitzeln! Es will verdient sein…

 

 

Caraguatatuba, Brasilien (Pousada)

Tages-Km: 64,90km / -Zeit: 4:50h / -Höhenmeter: 811m

Gesamt-Km: 25.348km / -Zeit: 1.722 / -Höhenmeter: 216.943m

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393_Final Countdown: 8

Woohoo, das Jammern hat sich gelohnt! Heute bin ich in Brasilien angekommen! Heute hat mich die Sonne beehrt. Und für meine fast durchwachte Nacht an der Tanke entlohnt! Auf dem zweiten Boot hatte ich gestern Mauricio aus Chile getroffen. Er fährt auch mit dem Rad. Und auch nach Rio. Aber – das haben wir beide gleich zu Anfang schon mal klargestellt – auch er will allein dort hinfahren. Na wunderbar! Das gefällt mir. Ich nämlich auch. Ich will meine Ruhe haben auf den letzten Metern. Hab keinen Bock, mich jetzt noch auf eine Gemeinsam-Reiserei einzustellen. Und ihm geht´s genauso. Folglich sind wir bis zum Abend gemeinsam gereist. Wenn wir uns schon in allem einig sind…

Allerdings wollte ich bis in ein bestimmtes Städtchen. Das habe ich dann leider verpasst, weil er während Fahrt und Quatscherei schließlich nicht auch noch richtig navigieren konnte… Doch dann war ich ein bisschen in der Zwickmühle, weil schon die Nacht hereinbrach und wir uns mitten im Reichenviertel tummelten. Das Ende vom Lied: Die Tanke eben. Er unter einem gigantisch großen Werbeplakat im Gras und ich hinter der Werkstatt auf der Reparaturmulde unter einem alten, durchgerosteten Blechdach. Im Falle, dass es regnen würde. Das hat es glaube ich nicht. Aber dafür ist während der mir heiligen Regenerationsphase Drei Mal der Kompressor angesprungen. …und ich jedes Mal ungefähr an die Zeltdecke!

Doch wie gesagt: Der Tag hat es wieder gut gemacht. Oder sagen wir besser: Die Wetterlage des Tages. Der geographisch-topologische Teil dieses achten Tages vor Schluss hat meine Gunst gefährlich stark strapaziert! Ich meine, ich habe mich ja seit Tagen darauf eingestellt, dass noch ein paar Bergauffahrten kommen könnten. Aber hätte ich wirklich damit rechnen müssen, dass mich Brasilien auf die alten Tage noch die Streif fahren lässt? Rauf, wohl gemerkt! Also so eine gnadenlose Schinderei hätte ich mir wirklich sparen können! Und das Beste daran: Runterwärts ist bei diesem Gefälle keineswegs die Entlohnung. Eher die Kirsche auf dem Sahnehäubchen dessen, was schon zu viel ist. Es stellt sich heute nämlich dasselbe Phänomen ein, wie in Guatemala. Gerade eben an die Fahrten dort in Zentralamerika gedacht, pfeift mich mein hinteres Ventil auch schon ins Abseits. Es werden bei diesen steilen Abfahrten meine Felgen einfach zu heiß. Das mag jetzt stimmen oder nicht. Ist mir egal. Es ist meine Theorie. Und diese besagt in Fortführung dieses Gedankengangs, dass ich einfach nie, nie, niemals auf die Felgenbremsen hätte gehen sollen! Was für ein Blödsinn. Die ganze Welt fährt mit Disc. Warum tu ich das nicht? Das Ding im Zweifelsfall zu reparieren hätte mir ja vor Fahrtantritt jemand erklären können. Bestimmt hätte ich verstanden, was ich zu tun hätte, wenn wirklich irgendwann etwas gewesen wäre…

Während ich also wieder einmal einen Schlauch am Straßenrand wechsle, wartet Mauricio – wir sind uns noch immer einig, dass wir alleine reisen wollen – Hundert Meter weiter unten auf die Fertigstellung meiner Reparatureinlage. Aber ein schlechtes Gewissen habe ich deswegen nicht. Schließlich habe ich oben auf ihn gewartet. Drei Minuten, Fünf Minuten, Zehn Minuten… bis ihn schließlich ein weißer VW-Bus neben mir wieder auf die Straße ausspuckt. ..ja, ja, das habt ihr schon richtig verstanden!

 

Maresias, Brasilien (Hostal B.Llocca)

Tages-Km: 58,96km / -Zeit: 4:18h / -Höhenmeter: 569m

Gesamt-Km: 25.283km / -Zeit: 1.717 / -Höhenmeter: 216.132m

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392_Final Countdown: 9

Das heutige Highlight waren zwei Fährfahrten, um ganz am Wasser entlang über das Flussdelta von Sao Paolo zu kommen. Immerhin für lau, wenn man mit dem Radl unterwegs ist. Und sonst so? Was das Wetter betrifft, so hat mich das Grau wieder eingeholt. Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber ich finde, Grau steht mir nicht! Was soll denn das? Ich hatte mir Brasilien immer sonnig und heiß vorgestellt. Caliente! Und nicht depressiente…

 

 

Indaiá, Brasilien (Zelt an Tanke, mit Mauricio)

Tages-Km: 77,71km / -Zeit: 5:13h / -Höhenmeter: 79m

Gesamt-Km: 25.224km / -Zeit: 1.713 / -Höhenmeter: 215.562m

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391_Final Countdown: 10

Gestern war ein leichter Tag irgendwie. Und weil es mir so gut gegangen war, hatte ich wieder einmal nicht das rechtzeitige Ende gefunden. Irgendwann war es fast dunkel und ein Zelten am Straßenrand unmöglich. Also musste ich mich bis zur nächsten Stadt durcharbeiten. Doch ich hatte natürlich zuvor gefragt, ob es dort ein Hotel geben würde. Das gab es. Und weil ich dort ziemlich spät eingetroffen bin, habe ich mir heute ein Stündchen länger zum Ausschlafen gegönnt. Und weil ich gestern ziemlich viele Kilometer gemacht habe, hätte ich mir heute ein paar Kilometer weniger gegönnt.

Ich bin also später los und habe mir einen lockeren Tag gegönnt. Und das war er! Ich hörte gute Musik und nach nicht einmal einer Stunde kam meine geliebte, warme, strahlende Sonne zurück. Die Straße führte mich mitten durch Bananenplantagen, bevor sie wieder zur Autobahn wurde. Herrlich war es dort! Und am Nachmittag war es nun endlich so weit: Ich bog auch von dieser Autobahn wieder ab, holperte im rechten Winkel dazu ein paar Hundert Meter über Pflasterbelag und dann war er da. Der große Ozean. Der Atlantik diesmal. Was für ein Gefühl, endlich wieder am Wasser zu stehen! Was für ein Gefühl, endlich wieder dieses energetische Rauschen an meiner Seite zu haben. Wie lange hatte ich dieses jetzt entbehren müssen? Drei Monate?

Ab jetzt erst wurde dieser Tag zu einem richtigen Sonntag. Diese Parallele zum Ufer ist hier nicht sehr gut ausgebaut. Es herrschte also kaum Verkehr. Und so konnte ich verträumt den Nachmittag verbummeln. Rechts neben mir standen im Abstand von Hundert Metern Kioskbuden. Die einen verkauften Säfte, die anderen Kaffee und Kuchen und wiederum andere Bier. Und es war eine bunt gemischte Gesellschaft am Strand unterwegs: Alte und junge, Kinder und Coolies, Frauen in bunten Kleidern und Bikinis, Jungs, die Volleyball spielten oder auf der Slag-Line turnten. Andere saßen in laut lachenden Gruppen auf Plastikstühlen vor einem der Kiosks und vergnügten sich am reinen Dasein von Freunden oder Bekannten. Ein paar Hundchen wälzten sich im Sand in der Sonne. Es war schön, wieder einmal unter Leuten zu sein!

Nur, dass es hier kein Hotel gab. Das wurde mir erst am späteren Nachmittag so richtig bewusst, als ich mir gedacht hatte, ich könnte für heute schon aufhören. Nichts da! Aufhören war heute nicht. Denn es gab schlicht und einfach keine Bleibe. Und draußen bleiben war bei aller Liebe zu den vielen, bunten, bestimmt netten Leuten keine gute Idee in dieser Region. Es war hier einfach zu besiedelt, als dass man sich das trauen könnte. Wenn auch am Strand Platz genug für mich und mein Zelt gewesen wäre. Aber nein: Mein Instinkt hat heute angeschlagen. Und so wurden es Fünfundsiebzig, Achtzig, Fünfundachtzig, Neunzig, Fünfundneunzig Kilometer auf dem Tacho und noch immer konnte ich bis zum Horizont kein „Hotel“ blinken sehen. Es war mittlerweile wieder Nacht geworden. Und zum ersten Mal seit Langem wurde ich tatsächlich ein bisschen nervös. Wo ich mir sonst immer gesagt hatte: „Zur Not kannst du ja zelten“ hatte ich heute schlicht keine Alternative zum Hotel. Nicht einmal bei jemandem fragen hätte ich können, ob ich mein Zelt im Vorgarten aufstellen dürfte. Denn es gab keine Vorgärten! Es gab nur Hochhäuser. Mit dicken Eisenzäunen, Überwachungskamera und Securityservice gesichert. Oder um Abriss bereit. Und dann gab es noch ein paar zwielichtige Baracken in Feldern. Aber alles nichts, um mich gemütlich in die Nachtruhe zu begeben.

Da kam endlich ein Schild. Auf dieses hätte ich niemals reagiert, wenn ich nicht gestern doch bis zum Städtchen gefahren wäre. Es stand auf diesem Schild „Posada…“ Und erst seit gestern weiß ich, dass sich hinter diesem Begriff eine Unterkunft verbirgt! Was für ein Glück, denn sie war meine Rettung für heute. Ich durfte zwar nicht gleich dort einchecken, wo ich das Schild gesehen hatte, doch nach noch einem weiteren Kilometer durch dunkle Gassen und etwas unangenehme Atmosphäre war ich endlich im anderen Haus von Frau Marilú. Dass ich dieses gefunden habe, grenzt schon fast an ein Wunder. Denn die Wegbeschreibung war – wenn auch außerordentlich freundlich und geduldig von der Besitzerin – auf Portugiesisch. Doch ich habe es gefunden und ich wurde schon erwartet. Die Brasilianer sind überhaupt alle unheimlich freundliche Leute bis jetzt! Ich hoffe, dieses Urteil werde ich nicht mehr revidieren müssen. Aber jetzt genieße ich erst einmal mein Zimmer mit großem Bett für mich ganz allein, violetten Bettlaken, Pizza und Cola vom Lieferservice und das Schönste an allem: Mein Fahrrad durfte mit ins Zimmer!

 

 

Praia Grande, Brasilien (Pousada Marilú)

Tages-Km: 97,76km / -Zeit: 5:49h / -Höhenmeter: 156m

Gesamt-Km: 25.146km / -Zeit: 1.707 / -Höhenmeter: 215.483m

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390_Final Countdown: 11

Tag Nummer Elf auf dem Rückwärtszähler. Was gibt´s dazu zu schreiben?

Nichts. Es passiert selten so wenig, wie heute! Von Früh bis spät war es wieder einmal Grau in Grau. Es wurde langsam wärmer. Das ist es aber auch schon, was man in den Tagesnachrichten bringen könnte. Der Tag war geprägt von Unspektakularität. Ein All-Tag. Ein Tag, an dem so wenig passiert ist, dass ich mir eine Reihe an Straßenhütchen zum Höhepunkt mache – wenn sonst schon nichts los ist hier.

Ist das nicht ein Traum von einem Augenmaß? Ich liebe diese Momente, in denen sich mir ein Stück Perfektionismus derart unumgänglich in den Weg stellt. Lieber Mann, der du diese Hütchen aufgestellt hast: Ich danke dir für einen Moment voller Genugtuung und tiefster, innerer Entspannung. Wenn jemand mit so viel Liebe seine Arbeit tut – was für eine Reihe!

Und in den restlichen Stunden werkelte ich einfach mein Soll ab. Und weil ich heute einen Hauch Rückenwind hatte, ging es so gut voran, dass ich es sogar bis zu der Stelle geschafft habe, an der meine Route endlich weg von der Autobahn führt. Ich bin abgebogen! In Richtung?

…morgen werdet ihr es erfahren. Lasst euch überraschen!

 

 

Pedro de Toledo, Brasilien (Pousada)

Tages-Km: 121,88km / -Zeit: 7:08h / -Höhenmeter: 772m

Gesamt-Km: 25.048km / -Zeit: 1.702 / -Höhenmeter: 215.326m

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389_Final Countdown: 12

Wieder bin ich nicht ausgeschlafen. Diesmal war es eine ehemalige, verlassene Mautstation, in die ich mich verkrochen habe. Licht? Kein Problem diesmal. Denn die ganze Hütte war ent-elektrifiziert. So, wie man es eben von verlassenen Gebäuden kennt: Die Scheiben eingeschlagen und jede Menge Hundshaufen drin. Hmm, was tut man nicht alles für einen guten Schlaf! Denn draußen ist gegen Nachmittag dicker Nebel mit viel, viel feuchter Luft aufgezogen. Wenn ich bei diesen Bedingungen draußen im Freien bleibe, ist morgen Früh mein Zelt triefend nass. Das kostet mich jede Menge Energie, um es halbwegs einpackfähig zu bekommen und eigentlich ein Nochmal-Auspacken spätestens am nächsten Abend, damit es nicht zu muffeln beginnt. …am nächsten Abend, den ich plane, in einem Hotel zu verbringen. Also halte ich lieber für ein paar Stündchen Nase und Ohren zu. Denn der Schallschutz von eingeschlagenen Scheiben hält von den vorbeidröhnenden Lastern nicht allzuviel Lärm ab…

Wieder ist es also zäh, mich aus der Matratze zu arbeiten heute Früh. Doch unterwegs fasse ich einen Beschluss – wieder einmal. Denn eigentlich hätte ich das ja schon mehrmals gelernt auf dieser Reise: Glücklichsein ist ein Beschluss, den man fasst. Oder eben nicht. Und so beschließe ich heute, alle bösen Gedanken an das Danach noch für ein paar weitere Tage in die Ferne zu schieben und die letzten, mir verbleibenden Tage, ja fast nur noch Stunden in völliger Freiheit zu genießen. Ob´s nun bergauf geht oder bergab. Ob der Himmel blau ist oder grau. Ob ich mir noch einen Platten fahre oder nicht. Wen juckt´s: Ich bin glücklich!

Und wieder im Rhythmus…

Carbuncle – Drum ´n´ Bossa

 

 

Cajati, Brasilien (Hotel Sueber)

Tages-Km: 85,39km / -Zeit: 5:01h / -Höhenmeter: 746m / Platten

Gesamt-Km: 24.927km / -Zeit: 1.694 / -Höhenmeter: 214.553m

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388_Final Countdown: 13

Was ein bisschen hübsch durchschlafen doch alles bewirken kann. Vorgestrige Nacht hatte ich im Zelt hinter einer Mautstation verbracht. Die Beamten dort waren unheimlich freundlich und hatten mir sozusagen ihren Hinterhof angeboten. Doch wie alle meinen sie immer, ich hätte im Dunkeln Angst. Und obwohl ich Drei Mal gefragt hatte, ob dieses Licht über mir auch wirklich nicht angeschaltet werden würde in der Nacht, hatte ich Festbeleuchtung. Schlaf: Kein bisschen. Da brauchte ich mich eigentlich nicht zu wundern über meine gestrige Verfassung!

Doch diese Nacht war besser. Ich habe tief und lange geschlafen und würde meinen morgendlichen Zustand sogar fast als „erholt“ bezeichnen. Die Wolkendecke will noch immer nicht aufreißen. Aber heute bedrückt mich das nicht mehr so stark, wie gestern. Heute höre ich gleich mal ein bisschen gute Musik und alles ist gleich schon ein bisschen besser. Bis ich an dieses Straßenschild komme. Dann springt mein Herz vor Freude einmal in die Luft, nachdem es sich einen bedeutungsschweren Aussetzer gegönnt hat.

Zum allerersten Mal steht heute „Rio de Janeiro“ angeschrieben! Nach Vierundzwanzigtausendsiebenhundertfünfundachtzig Kilometern, Eintausendsechshundertsechsundachtzig Fahrstunden und zweihundertdreizehntausend…einer Menge Höhenmetern. Und einem Meer an Erinnerungen und Erlebnissen. Es mag vielleicht kitschig klingen, aber es ist wirklich ein bewegender Moment, dort unter dieser Tafel zu stehen! Denn sie sagt mir: Bald hast du´s geschafft! Du hast es tatsächlich geschafft! Fast. Nur noch ein bisschen dranbleiben. Hier geht´s lang!

 

 

Auf der Autobahn, Brasilien (Zelt in ehem. Mautstation)

Tages-Km: 82,23km / -Zeit: 5:23h / -Höhenmeter: 979m

Gesamt-Km: 24.841km / -Zeit: 1.689 / -Höhenmeter: 213.807m

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387_Final Countdown: 14

Heute ist es endlich so weit: Der totale, emotionale Absturz! Und das Wetter tut auch noch sein Allerbestes dazu, damit ich mich auch ja nicht wohl fühle in meiner Haut: Es beherrscht schwerstes Grau den Himmel, die Luft ist feucht und eisig kalt. Und mich plagen bittere Gedanken. Was mach ich eigentlich nach Rio? Wie geht´s weiter? Wo geht´s hin? Will ich wirklich zurück in das „normale“ Leben? Bin ich schon bereit dafür? Oder besser gefragt: Werde ich es jemals sein?

Es hängt sicherlich auch mit meiner körperlichen Verfassung zusammen, dass ich heute keinen klaren Gedanken fassen kann. Alles ist wirr und wild durcheinander. Und dass ich das nicht strukturieren kann, ist die Schuld meiner Erschöpfung. Oder sagen wir es weniger drastisch: Meiner Generalmüdigkeit. So viel weiß ich noch. So gut kenne ich mich Gott sei Dank selbst mittlerweile. Ich weiß, dass ich dringend Schlaf brauche, bevor ich mir mein Loch im Boden aushebe.

Nur gut, dass ich heute in Curitiba ein bisschen früher ankommen werde. Da kann ich mich ein bisschen hinlegen, bevor ich schlafen gehe. Diese eine Stunde mehr Schlaf wird mir gut tun!

…hätte mir gut getan. Ich hatte mir gedacht, ich fahre mitten durch´s Zentrum der Stadt anstatt außen herum. Dann könnte ich dort was essen und anschließend gemütlich noch bis zum Stadtrand fahren, damit ich morgen Früh gleich freie Bahn habe und mich nicht erst durch den Stadtverkehr kämpfen muss. Doch der graue Himmel will es wieder einmal anders: Er sticht mir nämlich vorher den Reifen platt. Die Bankette sind hier an Schrauben, Nägeln und Drähten manchmal besser sortiert als der gute alte Eisen-Schöb! Also lege ich wieder einmal Hand an. Mitten in der schönsten Wohngegend von Curitiba. Im Grünstreifen eines Hochhauses, wo mich die Überwachungskamera vor dem schweren Tor bei jedem Handgriff genauestens beobachtet… Gott, wie ich solche Tage vermissen werde!

 

 

Curitiba, Brasilien (Park Hotel Curitiba)

Tages-Km: 87,13km / -Zeit: 6:15h / -Höhenmeter: 1.161m / Platten

Gesamt-Km: 24.759km / -Zeit: 1.684 / -Höhenmeter: 212.828m

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386_Final Countdown: 15

So, aus die Maus. Der Zauber ist vorbei. Ab heute ging´s wieder mit normaler Kraft vorwärts. Nur gut zu wissen, dass ich in den letzten beiden Tagen wenigstens ein winziges Polsterchen an Kilometern herausgefahren habe. Da schläft es sich doch gleich ein bisschen ruhiger…

 

 

Nach Palmeira, Brasilien (Zelt an Servicestation)

Tages-Km: 77,11km / -Zeit: 5:30h / -Höhenmeter: 1.179m

Gesamt-Km: 24.672km / -Zeit: 1.678 / -Höhenmeter: 211.667m

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385_Final Countdown: 16

Ich habe beim besten Willen keine Erklärung dafür, woher er kommt und warum ausgerechnet jetzt. Ich weiß nur eins: Er ist mir auf Herzlichste willkommen, mein unerwarteter Überraschungsgast. Ein Energieschub! Schon gestern ging´s mir fast beängstigend gut und ich habe mein ziemlich hochgestecktes Wunschziel mehr oder weniger problemlos erreicht. Dafür darf ich heute zum Ausgleich wieder bei Achtzig aufhören, habe ich mir vor dem Start gegönnt. Doch so wie der Nachmittag langsam älter wird und auch mein heutiges Wunschziel Irati in erreichbare Nähe rückt, spüre ich nichts, was mich aufhalten könnte. Keine lahmen Beine, keine verspannten Schultern, nur ein klitzekleines bisschen mein Sitzfleisch. Aber das ist normal. Ab Achtzig (Kilometer selbstverständlich!) fängt das nun einmal an.

Es wird langsam dämmrig. Es käme eine tolle Raststätte zum campen, doch ich will bis Irati. Dann kommt ein perfekter Servicepoint mit Toiletten und Kaffee und Wasser. Doch ich will bis Irati. Es ist jetzt fast dunkel. Irati lässt sich noch nicht blicken. Noch dunkler. Dann endlich: Die erste Abfahrt. Doch die scheint mir ein bisschen ins Hinterland des Städtchens zu führen. Ich entscheide mich dazu, bis zur Haupteinfahrt weiterzufahren. Doch die liegt noch Drei Kilometer weg. Schaffe ich das? Soll ich? Ich habe noch immer Power. Jetzt ist es dunkel. Und mit der vollen Dunkelheit fällt auch der Druck von mir ab, es noch vor der Dunkelheit zu schaffen. Ab jetzt wird´s eigentlich wieder gemütlich. Der Tacho zeigt bereits Einhundertsechs Kilometer, als ich an der Hauptzufahrt ankomme. Doch hier ist erstens und zu meiner Enttäuschung kein Hotel in der Nähe der Hauptstraße und zweitens die Zufahrt zum Zentrum nur noch viel länger, als sie es zuvor gewesen wäre. Außerdem führt sie zurück. Und ihr wisst ja…

Also folge ich stattdessen einem Megaposter: Hotel in Sechs Kilometern. Ich fühle mich stark und kein bisschen müde. Aber bitte erwartet von mir keine Erklärung dafür. Ich beschließe einfach nur, diese Welle der Kraft zu reiten, anstatt sie ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Und während ich in nun mehr völliger Dunkelheit durch die Nacht fahre, erinnere ich plötzlich wieder an die aller-, allererste Nacht meiner Reise. Es war stockfinster und klirrend kalt. Eine sternklare Winternacht. Ursprünglich hatte ich gedacht, ich würde die Nacht im Zelt verbringen. Doch Gott sei Dank habe ich am Ende noch eine Unterkunft gefunden. Der alte Mann dort erzählte mir am nächsten Morgen, dass wir in der vergangenen Nacht so etwas wie eine Jahrhundert-Tieftemperatur hatten: Minus Siebzehn! Auch heute ist es kalt. Aber bei weitem nicht so kalt natürlich. Ich versuche mich zu erinnern, wie ich mich damals gefühlt hatte. Es war eine der schwierigsten Etappen der ganzen Reise: Der Anfang. Ich hatte gerade mal Siebzehn Kilometer oder so geschafft. Aber immerhin: Ich war losgekommen. Es war zwar etwas seltsam, in einer Gegend, die ich wie meine Hosentasche kenne, plötzlich nach einer Pension zu suchen. Aber zurück gab´s auch damals schon nicht. Sonst hätte ich ja nochmal von vorne anfangen müssen! All die geliebten Sachen nochmal zurücklassen müssen. Mich nochmal verabschieden. Nochmal loseisen von meinem Zuhause. Nein, nein, das ging nicht. Der erste Schritt ist immer der schwierigste. Und den wird man ja nicht zweimal tun! Und ich weiß noch, wie ich mich damals und in den folgenden Wochen auf die Zeit gefreut habe, in der dann endlich eine Routine eingekehrt sein würde. In der endlich nicht mehr alles neu und aufregend und spannend und ungewiß war, sondern einfach ganz normal.

Jetzt ist es so weit. Es ist – ohne, dass ich genau beziffern könnte, wann der Punkt war – zum Alltag geworden. Das Meiste meiner Reise kenne ich jetzt. Die Ungewissheit ist einer Kollektion an Erlebnissen von unschätzbarem Wert gewichen. Jetzt ist es ist mein Leben geworden. Es ist genau das, worauf ich mich lange, lange gefreut habe. Schon über eineinhalb Jahre alt, aber immer noch gut. Immer noch freue ich mich am Morgen, nicht einen Computer hochfahren zu müssen, sondern meinen Kreislauf. Ich freue mich auf einen Tag im Freien. Und während dieser langsam verstreicht, wächst in mir die Freude auf ein hübsches Hotelzimmer, das ich mir bei diesen Extrem-Etappen einfach ohne schlechtes Gewissen gönne. Und gleichzeitig wächst aber schon die Vorfreude auf das Leben danach. Je näher ich Rio komme, umso öfter denke ich an ein paar hübsche Klamotten. Ich freue mich auf Stöckelschuhe und Schminkzeug. Auf meine Parfümfläschchen und Ohrringe und Handtaschen. Auf all den Kram, der eigentlich nicht glücklich macht. Und plötzlich tut er es doch…

 

 

Nach Irati, Brasilien (Hotel Anila)

Tages-Km: 113,49km / -Zeit: 7:28h / -Höhenmeter: 1.472m

Gesamt-Km: 24.595km / -Zeit: 1.672 / -Höhenmeter: 210.470m

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