Kategorie-Archiv: Costa Rica

302_Der Preis vom Paradeis

Heute ist ein besonderer Tag! Denn erstens gefällt mir hier die Gegend wieder ein bisschen besser. Oder nein, so darf ich es nicht formulieren. Sie hat mir gestern auch gut gefallen. Aber heute ist´s hier wieder mehr „Costa Rica“ als „Nordamerika“. Ich gebe ja zu: Die Mittagshitze in klimatisierten Räumen bei Gelato, Sushi und Lasagne mit Insalata Mista zu verbringen, habe ich schon genossen! Aber nicht nur diese kleinen Bistros mit europäischer Kost haben die letzten beiden Tage etwas über Hand genommen. Immer öfter haben robuste Villen mit schmiedeeisernen Zäunen und Toren oder gar wachsende Einkaufs-Arkaden à la Riem den Straßenrand gesäumt. Nicht mal schlecht gemacht! Daheim würde ich mir das sogar gefallen lassen. Aber hier passt es einfach nicht ins Bild. Ja neben den einfachen Holzhütten der Einheimischen sind diese Bummelmeilen regelrechte Störenfriede im Erscheinungsbild von Costa Rica. Und als ich ein paar Einheimische darauf anspreche, werde ich von ihrer Antwort nicht überrascht: Es gibt viele, viele Touristen und „Halbjährlinge“ hier. „Fast schon zu viele“, meint ein junger Burschi, der seine Kokosnüsse zu Fünfzig Prozent auf Englisch verkauft.

Das habe ich mir fast gedacht. Seit gut Drei Tagen bin ich nämlich nicht mehr der einzige Bleichling hier – ich bin mit meiner rot-braun-weiß gemusterten Haut voll im Trend und steche aus der Menge nicht mehr heraus.. Viele Nordamerikaner verbringen die kalten Wintermonate hier im paradiesischen Zentralamerika. Und so nach und nach haben sie auch schon ihre Bagels und Donuts mit geeistem Cappuccino etabliert. Und eben ihre Shopping-Gewohnheiten samt massivem Baustil. Das gefällt mir schon nicht mehr so gut, denn auch ohne genauer nachzufragen kann man erahnen, dass hier der Ureinwohner Stück für Stück zurückgedrängt und verwestlicht wird, wenn das so weiter geht. Und dass es so weitergehen wird, darauf lassen leider die in regelmäßigen Abständen aufgestellten Werbetafeln von allerlei .com-Immobilienhaien schließen. Sie sind die pure Pest in meinen Augen! Denn sie wollen hier nicht mal selbst leben, essen und einkaufen gehen. Nein, sie wollen hier nur den großen Reibach machen und das letzte Stück Paradies dieser Erde parzellenweise an monetäre Schwergewichte verhökern. Diese Ekelbande – pfui Teufel!

Aber heute bin ich wieder in authentischer Umgebung unterwegs. Es geht langsam Richtung Grenze zu Panama. Die Strände sind zumeist Sumpfgebiet und die Straße bleibt somit etwas weiter im Hinterland. Das zieht touristisch nicht mehr so gut. Doch so komme ich in den Genuss einer herrlich dimensionierten Überlandstraße, die mich mitten durch den Dschungel führt: Dicke Bananenstauden, Palmwedel und allerlei sonstiges Grün säumen den Straßenrand. Hie und da krächzt ein Urwaldvogel oder spitzen exotische Blüten hinter den grünen Blättern hervor. Und die Menschen, die hier leben, genießen ihre simpel gestalteten Vorgärten, hocken im Gras und spielen mit ihren Kindern oder latschen kurz zum Nachbar rüber auf ein Pläuschchen. Ihre Häuser sind bescheidene Holzkonstruktionen mit allenfalls mal einem Blechdach. Und die Gärten sind nicht mit Mauern und Stacheldraht abgegrenzt, sondern – wenn überhaupt – mit einem einfachen Draht, der eine Reihe krummer HOolzpfähle verbindet. So passt das Bild wieder!

Und dazu passt auch mein Mittagessen: Eine Suppe mit allerlei Meeressgetier. Ich essen in einem kleinen Restaurant neben einer Tankstelle. Ein Reisebus hat hier auch noch Halt gemacht und die Teller, die die Küche vor meinen Augen verlassen, tragen allesamt typisch Costa-Ricanisches Essen für die Gäste. Ich genieße das und schlürfe genüsslich meine heiße Suppe. …während draußen der erste Dschungelregen niederklatscht und mit dicken Tropfen auf das Blechdach trommelt. Wie lange ich wohl keinen Regen mehr gesehen habe…?

 

 

Rio Claro, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 96,00km / -Zeit: 6:00h / -Höhenmeter: 672m

Gesamt-Km: 18.845km / -Zeit: 1.280h / -Höhenmeter: 169.690

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301_Nur Mut!

Den Anstoß zu diesem Blog gab mir heute Früh eine schrullige Schweizerin, die mit einer Freundin an meinem Zelt vorbeigekommen ist. Vergangene Nacht hatte die Polizei gleich Zwei Mal vorbeigeschaut. Das erste Mal war ich gerade eingeschlafen und hatte es im letzten Moment noch geschafft, mir ein T-Shirt überzuziehen, bevor die Taschenlampe ins Zelt steuerte: „Hier ist es gefährlich zu zelten! Die werden dir alles stehlen… das Fahrrad, ach nein, das ist ja an die Palme angeschlossen. Dann eben die Taschen – geht auch nicht: Da ist ja die Kiste drauf, die alles blockiert. Na dann eben die Badeschuhe hier!“ Ich hatte vor Schreck noch immer einen Puls von Dreihundert und murmelte nur: Na die sollen sie dann haben… Doch sie haben´s ja nur gut gemeint, diese Zwei Wachmänner. Sie haben mir befohlen, mir ihre Nummer aufzuschreiben und sind dann auch wieder weggefahren. …nur ich konnte dann ewig nicht mehr einschlafen.

Und jetzt eben die besagte Dame aus der Schweiz. Sie hatte sich fast empört darüber, dass ich an diesem Platz übernachtet habe. Weil es eben so gefährlich ist! Ich muss dazu sagen, dass dieser nicht ein Platz erster Wahl war – auch für mich nicht! Aber es war schon fast dunkel und da habe ich nur schnell meinen Grundinstinkt für Gefahrpotenzial konsultiert und er hat mir grünes Licht gegeben. Und dann war es auch schon Nacht. Aber dieser Urlauberin habe ich das nicht erklären können, welche vielen, kleinen Abwägungen ich zuvor schon getroffen habe und welche Einflussfaktoren mich schließlich dazu gebracht haben, hier zu bleiben. Sie hat mich gar nicht ausreden lassen und gleich abgestempelt. Mit einer Geste, die man macht, wenn man einem bedeuten will: Bei dir ist eh schon Hopfen und Malz verloren. Mach du nur…

Das genau hat mir ein bisschen geärgert! Denn ich bin ja nicht deppert. Und immerhin: Ich mache! Und auch, wenn es manchmal nicht auf das hinausläuft, was ich mir für den Abend vorgestellt hätte, dann muss ich eben mit einem Platz wie diesem zu Rande kommen. Und ich kann´s langsam nicht mehr hören: Es ist zu gefährlich, es ist zu gefährlich, ….gefährlich, gefährlich, gefährlich! Und das sagen immer nur die, die nichts als auf ihren Couchen dahingammeln. Kein einziger kann mir je sagen, was denn im Detail gefährlich ist. Und warum. Welche Art von Gefahr genau hier an diesem ganz bestimmten Ort lauert. Alles ist grundsätzlich und allgemein einfach gefährlich.

Verdammt noch mal: Ist es nicht! Ich streite gar nicht ab, dass es viele Gefahren gibt auf dieser Erde. Es gibt sie! Aber es gibt sie überall. Auch in der U-Bahn in München. Oder auf dem täglichen Weg zur Arbeit. Aber kann man das nicht mal ein bisschen differenzierter betrachten? Nicht immer gleich den Kopf in den Sand stecken wenn man so ein paar Schlagworte wie „Frau“, „allein“, „nachts draußen“ hört. Jetzt versteht mich bitte nicht falsch! Ich sage nicht, dass man vor gar nichts Angst haben soll! Oder nennen wir´s „Respekt“, das ist besser. Ich sage nicht, dass man den Urlaub ausgerechnet in ein Krisengebiet legen soll, aus dem die Einheimischen Menschen gerade fliehen. Ich sage auch nicht, dass man überhaupt reisen muss. Es ist gut so, wenn es einem daheim gefällt und man dort glücklich ist! Aber was ich mit meiner Reise demonstrieren will – und das ist auch der Grund, warum ich es diesmal öffentlich in einem Blog dokumentiere: Wenn ihr etwas wollt im Leben, wenn ihr etwas wirklich wollt, dann macht es! Lasst euch nicht abbringen von den allgemeinen Zweifeln oder Generalängsten unserer Gesellschaft. Auch wenn es ein großes Projekt ist, dessen Verlauf oder Ausgang ihr am Anfang noch gar nicht abschätzen könnt: Geht es trotzdem an, wenn euer Bauchgefühl euch unterstützt! Wagt es! Traut euch! Und kämpft euch durch. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Und ich bin sicher: Wer keine Angst hat, sein Leben in die Hand zu nehmen und es zu leben, der hat auch die nötige Unterstützung von oben. Das nötige Quäntchen Glück. Ohne das es nämlich genauso nicht geht. Aber das euch keiner wirklich garantieren kann – auch nicht auf der Couch. Verlasst euch einfach drauf, dass ihr es haben werdet, wenn ihr es braucht. Und den Rest des Weges geht voller Mut und guter Energie und dem festen Glauben an euch selbst, dass ihr es bis ans Ziel schaffen werdet!

 

 

Playa Pinuela, Costa Rica (Zelt am Strand)

Tages-Km: 45,35km / -Zeit: 2:57h / -Höhenmeter: 340m

Gesamt-Km: 18.747km / -Zeit: 1.274h / -Höhenmeter: 169.018m

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300_Eine heisse Nacht!

Das ist Chris. Chris kommt aus Kalifornien, lebt jetzt in Costa Rica und hat mit dem Titel dieses Blogs überhaupt nichts zu tun! Außer insofern vielleicht, dass er am Mittag sein Möglichstes getan hat, um mich auf Körpertemperatur zu halten: Wir sind uns bei einem Cocodero begegnet. Ich war kurz vor dem Verdursten. Und er auch. Und während wir beide an einer eiskalten Kokosnuss herumgefuhrwerkt haben, meinte er plötzlich: Komm, ich lad dich jetzt noch auf ein Eis ein!

Es ist wirklich unbeschreiblich heiß hier. Und ratet mal, wen ich hier noch getroffen habe vor ein paar Tagen! Ich verrate es euch, ihr kommt ja doch nicht drauf: Den Klimawechsel. Der ist echt auch überall anzutreffen! Aber keine Angst, das endet jetzt nicht in einem erhobenen Zeigefinger oder gar einer schlechten Nachricht, die euch den Tag mies macht. Dazu könnt ihr ja die Zeitung lesen oder Nachrichten gucken. Ich will damit nur sagen, dass zu der Hitze jetzt auch noch die Feuchtigkeit gekommen ist. In Mexiko hat mir Jim, der uns für ein paar Nächte beherbergt hatte, vorhergesagt, wie meine Zukunft in Zentralamerika noch so aussehen wird. Guatemala: Stile Berge, nicht ganz so heiß. Check, das hat gepasst. Nicaragua: heiß. Costa Rica: Noch heißer. Panama: Auch noch feucht. Und nachdem ich mich langsam aber sicher schon auf Panama zubewege, kann ich zu all dem nur sagen: Passt ganz genau!

Heute Abend war ich ein bisschen spät dran. Ich hatte eine ausgedehnte Mittagspause mit Chris, einem Eis und anschließend einem Sushi gemacht. Hat sich ganz gut bewährt, die Mittagszeit in klimatisierten oder be-ventilatorten Räumen zu verbringen. Doch heute bin ich fast ein bisschen spät aufgebrochen. Eigentlich zu spät, um ehrlich zu sein. Zu spät, um mein Tagesziel noch zu erreichen. Da habe ich mich im letzten Moment an einen Strand in einem kleinen Dorf gerettet. Bin angekommen, natürlich gleich noch ins Wasser, bevor die Sonne weg ist. Und das war sie heute zügig! Und mit dem Abschied der Feuerkugel am Horizont nahm das Drama seinen Lauf: Die Mücken kamen. Jemand hat mir einmal gesagt: Am Meer gibt es keine Mücken. Sie mögen kein Salzwasser. Nun, sie mögen vielleicht kein Salzwasser. Aber sie mögen mich! Und zwar auch, wenn ich gerade aus dem Salzwasser komme! Jetzt stand ich da, im Halbdunkel, halbnackt, ohne Zufluchtsort! Hätte ich nur mal mein Zelt vorher aufgebaut!

Und überhaupt: Warum musste ich denn ins Meer, verflixt? Ich weiß es doch: Man kommt über und über voll Salz und Sand wieder raus. Und heute hatte ich keine Nachbardusche. Heute war Naturstrand angesagt! Also gut: Zuerst das Zelt mit einer Hand aufbauen, mit der anderen Hand die Stechviecher abwehren. Isomatte rein, Luftmatratze rein, Licht rein, Fahrrad abschließen und auf in den Tanz! Den Tanz mit dem Sand. Zuerst oben rum. Ich genehmigte mir eine Radlerflasche vom guten Trinkwasser, um mich salz- und sandfrei zu bekommen. …naja, besser als gar nichts war´s! Oben rum also einigermaßen sauber. Doch weil das ganze Wasser an meinem Körper hinuntergeronnen ist, klebte jetzt eine dicke Sandschicht an meinen Füßen – logisch. Nur: Das Süßwasser war jetzt leer! Also mit den ohnehin schon dreckigen Füßen nochmal runter ans Meer, Salzwasser in die Flasche füllen, zurück vor das Zelt und mit akrobatischer Balance erst den einen, dann den anderen Fuß sauberwaschen. Auch geschafft. Ich war im Zelt!

Doch wenn ihr der Meinung seid, damit wären alle Hürden genommen, dann täuscht ihr euch. Denn weil ja die salzige Meeresluft vor Mücken nur so summte, musste ich natürlich alle Schotten dicht machen, damit sie nicht hereinkommen konnten. Und da wird´s jetzt langsam echt eklig! Ich liebe mein Zelt, über alles! Aber es ist einfach ein Winterzelt. Irgendwann zur kalten Zeit hatte ich herausgefunden, dass ich nachts nicht mehr friere, wenn ich nur gleich nach dem Radfahren ins Zelt gehe und nicht warte, bis mein Körper auskühlt. Denn wenn ich die Körperwärme mit ins Zelt nehme, dann heizt sich die Luftschicht zwischen Innen- und Außenzelt wunderbar auf und wirkt alsbald wie eine Isolierschicht. … funktioniert übrigens auch herrlich bei knapp Vierzig Grad Plus – ich schlafe quasi im Pizzaofen! Um es auf den Punkt zu bringen, ich halt es im Zelt nicht lange aus bei geschlossenen Toren. Alle paar Minuten muss ich raus, mir ein bisschen frischen Wind auf die Haut holen. Und auch ein paar Stiche, klar. Ich tropfe, ich schwitze, ich miefe. Zuerst ist mein Laken, dann auch meine Matratze klitsch nass. Meine Haut glüht noch von der Hitze des Tages. Sie klebt vom Salzwasser und juckt von den Mückenstichen. Und überall liegen ein paar Sandkörner.

Ich liebe Wasser. Ich liebe den Ozean und seine Wellen und flache Sandstrände zum Barfußlaufen. Aber manchmal kann campen am Meer die reinste Strafarbeit sein. Was gäbe ich heute um ein Plätzchen in den Bergen, auf saftig-grünem Gras, an einem kühlen Bergbach, frische Luft… das ist das wahre Paradies!

 

 

Playa Matapalo, Costa Rica (Zelt am Strand)

Tages-Km: 73,87km / -Zeit: 4:24h / -Höhenmeter: 158m

Gesamt-Km: 18.702km / -Zeit: 1.271h / -Höhenmeter: 168.678m

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299_That´s the way…

…aha, aha I like it!

Ich bin besänftigt. Der Tag hat schon herrlich angefangen: Nur flach dahin ist es gegangen die erste Stunde. Durch herrliches Gebiet. Langsam kam ich dem Meer wieder näher und da! Da war es wieder! Wie schön es ist, das große Wasser neben sich zu haben. Wenn ich es auch noch nicht immer sehen kann: Zuerst muss ich noch ein paar Kurven durch´s Hinterland absolvieren. Und einen Hügel. Einen kleinen. Aber der genügt mir schon, um endgültig festzustellen, dass ich in den Tropen bin: Ich tropfe! Und zwar von innen heraus. Wenn ich keinen Fahrtwind habe, fehlt es mir an jeglicher Kühlung. Und ich spüre, wie dicke Wassertropfen sich durch die Poren meiner Haut an die Oberfläche pressen. An meinen Beinen rinnen kleine Bäche hinunter bis zu den Knöcheln. Und von dort über die Ferse hinein in meine Schuhe. Normalerweise sind die absolut trocken gewesen. Aber heute flutsche ich darin hin und her wie ein Fisch.

Ich muss mich ausruhen. Mittags wird´s hier einfach zu „brenzlig“! Dazu kommt mir Jacó, der nächste Urlaubsort gerade recht: Viele Amerikaner und Kanadier schwirren hier über die Gehsteige. Die haben hier alle ihren Winterwohnsitz! Und ich werde ausnahmslos auf Englisch angesprochen. Doch ein gutes hat dieser Nord-Westliche Einfluß: Ich esse in einem Bäckerei-Café, wenn man so will. Dort verkaufen sie gutes Brot, Kuchen, Kaffee und vorher gibt´s einen gemischten Salat und eine Quesadilla. Nicht gerade typisch Zentralamerikanisch, aber mir schmeckts! Internet und Strom gibt´s auch – was will man mehr? …einen Brownie vielleicht noch. Also gut, dann ist aber Schluß!

Nach dieser ausgedehnten Mittagspause muss ich mich nochmal ein paar Distanzeinheiten voran bringen. Und es ist nicht zu glauben, aber es wird noch schöner! Die Straße ist herrlich ruhig und bahnt sich jetzt ihren Weg mal am Wasser, mal durch dichtes Grün. Dann steht langsam die Sonne tief und taucht alles in ein warmes, orange-gelbes Abendlicht und vom Meer her weht ein laues Lüftchen – das ist es, warum wir Fahrradfahren! Vor den letzten Zehn Kilometern lege ich nochmal eine Mango-Pause in einem kleinen Bushäuschen ein. Doch als ich dort so die Karte studiere, stelle ich fest, dass nach Zehn Kilometern gar kein Strand mehr in Straßennähe sein wird. Was soll´s also: Bleibe ich doch hier! Und so biege ich auf die kleine, holprige Sandstraße neben der Haltestelle ab. Es geht nur gute Fünfhundert Meter, dann bin ich schon in Wassernähe. Doch was wird mich dort erwarten? Man weiß es nie…

Heute erwartet mich dort das Perfekte Schlafplätzchen! Es ist alles sehr klein: Nur eine Reihe Häuser in erster Front am Ozean. Und insgesamt leben hier vielleicht Dreihundert Seelen? Doch ich muss nicht einmal einen schmalen Trampelpfad zwischen den Grundstücksparzellen suchen, der mich zum Strand bringen würde: Heute lädt mich ein verlassenes Eigentum mit offenen Zauntüren zum Übernachten ein: Ich schiebe durch den Palmengarten VOR dem Haus, vorbei an dem eingefallenen, ehemals einstöckigen, kleinen Strandsitz und dem ausgetrockneten Pool direkt in den Palmengarten HINTER dem Haus. Und dort schlage ich mein Zelt auf. Hier ist es sicher, das weiß ich jetzt schon! Dann gehe ich erst Mal ausgiebig baden. Und Fotos knipsen. Und Muscheln sammeln. Gott, ist das schön hier! Ich kann mir das Salzwasser an der Süßwasserdusche des Nachbargartens abwaschen und meine Haare waschen. Dann esse ich draußen, ohne von Mücken oder anderem Geziefer belästigt zu werden und schlafe bei offener Tür, damit ein ständiges, leises Lüftchen meinen über den Tag aufgeheizten Körper über Nacht herunterkühlt.

Costa Rica, wie ich dich gern habe!

 

 

Playa Esterillos Este, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 66,98km / -Zeit: 4:25h / -Höhenmeter: 494m

Gesamt-Km: 18.628km / -Zeit: 1.267h / -Höhenmeter: 168.520m

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298_Einfach gehen lassen!

Also mir kann wirklich keiner vorwerfen, dass ich in diesen Tag nicht voller Frohmut und Motivation gestartet oder gar schon mit dem falschen Fuß aufgestanden wäre! Klar, erst wieder ein bisschen Wanzen sammeln, das nervt, gehört aber ja nun schon zum morgendlichen Ritual. Doch der Platz, den ich gestern Abend gefunden hatte, dort, unter dem uralten Mangobaum mit herrlicher Privataussicht auf den Sonnenuntergang, danach die friedliche Nacht mit einer ständigen, lauen Brise haben schon das Ihre getan, um mir den Morgen zu retten. Vielleicht war es gar schon der ganze Tag und im Speziellen der späte Nachmittag, die in mir wieder das pure Glücksgefühl geweckt haben: Es ging endlich weg von der viel befahrenen Hauptstraße – jetzt war ja die Semana Santa am Ausklingen und alle Urlauber stellten sich in den Rückreisestau. Und das kleine Überlandsträßchen, das ich an Stelle der Autobahn gewählt hatte, führte mich in heiterem bergauf, bergab durch das Paradies dieses Landes. Noch immer ist Costa Rica nicht überbesiedelt! Es stehen in luftigem Abstand zueinander die kleinen, nett hergerichteten Häuschen. Meistens mit einem kleinen Stück Vorgarten, der bunt blüht und voller Obstbäumen steht. Es scheint hier die Welt in Ordnung zu sein und ich spüre ausnahmslos gute Energie. Einfach nur schön! Gestern Abend ging es dann einmal ordentlich runter zu einem Flußlauf, wo die Leute fröhlich im Wasser plantschten, am Ufer grillten und heiter den Ostersonntag ausklingen ließen. Es war ein bisschen wie zu Hause, wenn man zum Ende des Wochenendes noch schnell das Radl schnappt und ein bisschen über die Felder fährt: Pure Idylle!

Und heute Früh: So, wie bei uns in den Städten manchmal alles voller Mirabellen oder Kirschen liegt auf der Straße, weil keiner das reife Obst erntet, so liegen hier die pfundsschweren Mangos im Regengraben der Straße. Was für ein Überfluß! Aber vermutlich können die Anwohner hier schon keine Mangos mehr sehen. Rote, Gelbe, Grüne, große, kleine, runde, kugelige, flache, mandelförmige, süße und weniger süße Mangos. Mango, Mango, alles Mango! Als ich kurz anhalte, um mir ein paar davon vom Boden aufzusammeln, pfeifft mir da ein Herr von hinter dem Zaun zu: Nicht die, die sind ja nicht mehr gut! Dann klaubt er in seinem Garten die schönsten zusammen und reicht sie mir durch das Gitter. Ob ich auch noch Wasser brauche? …das ist Costa Rica! Ich liebe es.

Bis zu Kilometer Vier Komma nochwas. An dieser Stelle befinde ich mich nach einer etwas zittrigen Abfahrt gerade wieder ganz unten, dort, wo sich ein zweiter Bach den Weg ins Tal bahnt: Vorne keine Luft mehr drin! Herrje, geht das wieder los?! Als hätte ich es schon geahnt, bin ich gaaaanz, ganz vorsichtig die steile Straße heruntergefahren. Nun, dann eben alles in den Schatten legen und Flicken. Ein kleines Drähtchen, das vermutlich schon länger im Mantel steckte und jetzt durch die Walkerei beim Herunterfahren zum Zug gekommen ist, war der Übeltäter. Ich pappe einen Flicken auf den Schlauch, bastle alles wieder zusammen, stecke den Reifen in die Gabel, pumpe wieder aufffffffffffff….. Hat nicht gehalten! Bei der Hitze muss ich wohl ein bisschen dicker auftragen, denn diese ohnehin schon schnelltrocknenden Kleber trocknen hier noch schneller. Also alles nochmal raus, neuen Schlauch rein – zum Doppelflicken habe ich jetzt keinen Bock – und alles wieder zu einem Ganzen zusammenfügen. Dann habe ich wieder Hunger: Erst mal Zwei Mangos und den Rest Joghurt. Dann geht´s weiter.

Es geht rauf. Ganz schön steil! Ich muss teilweise schieben. Endlich komme ich oben in einem Dörfchen an. Hier könnte ich

  1. Meine schwarzen Hände und Waden sauberschrubben
  2. Meine Radlerhose von gestern, den Seidenschlafsack und das Badetuch waschen (so versuche ich jetzt nach und nach, meine Wanzensachen zu säubern)
  3. Erst mal was trinken
  4. Und auf´s Klo gehen.

Doch es steht da so verlockend eine Kirche im Dorf, die Türen offen, sonst keiner drin: Ich schleiche mal rüber und setze mich in das schattige, perfekt durchlüftete Kirchenschiff. Was für eine herrlich friedliche Stimmung hier. Ich gönne mir Zwanzig Minuten der Besinnlichkeit, gut verpackt in einem knappen Power-Nickerchen. Dann arbeite ich meine Punkte ab. Zuerst Nummer 3. Dann folgt natürlich Nummer 4. Doch der Herr, der im öffentlichen Toilettenhäuschen den Wischmopp schwingt, findet gerade den Schlüssel nicht. Also kann ich nicht auf´s Klo. Das bedeutet aber, dass ich auch nicht 1 und 2 erledigen kann, weil 4 nämlich wirklich dringend wird! Ich schiebe dazu einmal um den kleinen Park und lande schließlich in einer Kneipe. Na gut, warum nicht. Hier kann wenigstens meine Erleichterung finden. Und wenn auch nicht waschen, dann doch wenigstens gleich noch was essen. Und mich anschließend um Nummer 5 kümmern: Blog schreiben.

Das tue ich. Zum Trotz bestelle ich mir eine volle Ladung Nachos, als mir dort auf dem Holzstuhl bewusst wird, dass es jetzt Zwei am Nachmittag ist und ich gerade mal Vier Komma nochwas Kilometer gemacht habe… wie soll ich es denn auf diese Weise rechtzeitig bis Rio schaffen? Niemals! Jetzt aber nichts wie fertig geschrieben und Aufbruch! Um wenigstens noch ein bisschen mein schlechtes Gewissen hinsichtlich dieses beschämenden Kilometerstandes zu beruhigen. Doch nach ein paar wenigen Kilometern erreiche ich eine Tankstelle. Na gut, da könnte ich jetzt aber trotzdem noch schnell meine Hände und Beine waschen. Und weil das Waschbecken gerade so gut funktioniert, wasche ich doch auch noch den Rest. Also alle Punkte erledigt! Kann ja nicht wahr sein… Immerhin, dann war der Tag heute eben für Erledigungen und nicht für Kilometer. Aber ein paar schaffe ich ja vielleicht noch. Ich schaue mal, wie viel mir noch für ein akzeptables Tagesergebnis fehlen würde. Und dabei stelle ich fest, dass der Tacho immer noch bei Vier Komma irgendwas steht. Er steht überhaupt! Verdammt und ich habe es nicht gemerkt. Ich fummle ein bisschen an den Speichen rum, drehe am Sensor, Tacho läuft wieder. Und Finger sind wieder schwarz. Aber egal, weiter jetzt!

Jetzt reicht´s mir mit Überland und x Mal runter ins Tal und drüben wieder raufknechten: Ich nehme die Autobahn! Da ist auch schon die Auffahrt. Gerade erfolgreich genommen, tut es einen Schlag, ich bremse, schaue zum Vorderrad, alles in Ordnung. Es pfeifft aber doch was! Klar, der Hinterreifen. Diesmal ist es ein dicker Draht. Eher ein verbogener Nagel ohne Kopf, den es mir in den Gummi katapultiert hat. Gerade noch erreiche ich einen Schleichweg, um von der Autobahn wieder runter zu kommen, bevor ich wieder auf der Felge daherkomme. Und so sitze ich hier nun, ein zweites Mal am Pappen, ein drittes Mal am Aufpumpen. Und wieder von oben bis unten siffig wie eine Schlammsau. Was für ein Tag! Wenn´s einen interessiert: Die längste Bierbank der Welt steht hier in Zentralamerika! Hier hebe ich für heute endgültig die weiße Fahne. Ich ergebe mich. Und wenn Gott ein Mann wäre, dann würde ich ihm heute den Laufpass geben. …also was der sich manchmal denkt!

Da kommt von dem Sportplatz nebenan einer der Putzmänner und meint: Wenn du Wasser brauchst, da drüben haben wir genug! Immerhin kann ich mich dort halbwegs wieder zivilisationstauglich waschen. Und am Abend finde ich sogar auch einen herrlichen Zeltplatz im Garten eines Restaurants. Es hat alles irgendwie ein gutes Ende gefunden. Außer der Kilometerstand am Tacho natürlich…

Ich baue mein Zelt auf, gewaschen habe ich mich vorher kurz an der Tankstelle nebenan und dann genehmige ich mir noch ein Bierchen im Restaurant als Dank für die Gastfreundschaft. Und ich reflektiere: Es war ein Tag für die Katz. Einer zum Heulen und Verzweifeln. Einer, an dem nichts, aber auch gar nichts vorwärts gegangen ist! Einer zum alles hinschmeißen und Davonlaufen. Oder – nachdem das auch keine Lösung ist – einer zum einfach gehen lassen. Auf dass ein neuer komme!

…oder sich. Zu den Nachos gleich noch ein kühles Bierchen bestellen. …oder Zwei, oder Drei. Das wäre eine adäquate Reaktion auf diesen Tag gewesen!

 

Limonal, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 15,27km / -Zeit: 1:14h / -Höhenmeter: 138m

Gesamt-Km: 18.561km / -Zeit: 1.263h / -Höhenmeter: 168.026m

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297_und Ameisen!

Ich werde nie, nie, nie wieder einen Italiener beschlaumeiern, der sich über eine Ameisenattacke in all seinen Taschen beschwert: Ruhig Blut, mit Schimpfen wirst du sie auch nicht los, das gehört doch zum Campen dazu, so ist das eben draußen in der Natur… Alles Quark: Diese Schweinetiere, diese gottlosen! Sie haben mir mein ganzes Frühstück angefressen, während ich hinter der schulterhohen Steinmauer des Pferdehofes sicher und selig geschlummert habe!

So gehen sie eben auch manchmal los, die Tage hier. Manchmal sind es Wasserfälle, mindestens Zwanzig Mal öfter sind es Ameisen und mittlerweile täglich sind es die Bettwanzen: Ja, immer noch! Ich widme ihnen ab jetzt täglich eine Stunde nach dem Aufwachen, um sie zu jagen. Manuell. Das klingt echt jämmerlich, ist aber die einzige Chance, die ich habe. Immerhin: Ich finde auch welche! Klingt nach einem schwachen Trost. Aber wenn ich in der Früh mit verbissenen Beinen aufwache und keine Ursache ausfindig machen könnte, wäre das schlicht und einfach zermürbend. Ich freue mich also über jedes Zehntel-Millimeter-Schmarotzerchen, das ich töten kann. Sie sind so winzig, dass das schon die nächste Generation sein muss. Frisch geschlüpft sozusagen. Und wenn ich flink bin, erwische ich sie noch vor der Geschlechtsreife und jage sie natürlich ausnahmslos in die Fingerpresse. So muss das doch mal ein Ende nehmen!

Aber widmen wir uns wieder den schönen Themen, denn dieses Land gibt mehr als nur eine Gelegenheit dazu! Es ist zwar ordentlich teuer hier, aber ganz offenbar scheint die Welt in Costa Rica ziemlich in Ordnung zu sein. Die Leute sind gelassen, freundlich und fröhlich. Sie scherzen mit Touristen anstatt nur ihre Münzen zu jagen! Das lässt mich heute ein bisschen meine eigene Meinung überdenken: Während ich in Guatemala zu dem Schluß gekommen bin, dass Tourismus in den sogenannten Entwicklungsländern überhaupt nichts verbessert, weil sich da höchstens der Einzelne (Cola-Verkäufer) am Einzelnen (Touristen) bereichert. Aber nicht das ganze Land eine Dynamik der Entwicklung und Verbesserung mancher Punkte aufnimmt – ich denke da zum Beispiel an Trinkwasser- und Abwassersysteme, Müllverwertung, Energiegewinnung aus regenerativen Ressourcen. Doch in Costa Rica sind die Flüsse sauber. Es gibt Mülleimer! An Tankstellen, in Stadtparks und sogar in der freien Natur entlang der Straße. Und meine Wasserflaschen lasse ich am Hahn auffüllen. Hier funktioniert Vieles viel besser! Und es gibt Tourismus. Hängt das am Ende doch zusammen? Oder ist es die Politik, die hier wacher ist? Die Verbindungen zur Lekkerland-Käserei in Europa geknüpft hat und nach deren Rezept hier Käse herstellt und verkauft? Hmm, ich werde darüber nochmal nachdenken müssen…

Und so lange genieße ich die paradiesische Vielfalt an Obst und Natur und kostenloses Leitungswasser!

 

Jesús Maria, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 59,15km / -Zeit: 4:30h / -Höhenmeter: 932m

Gesamt-Km: 18.546km / -Zeit: 1.261h / -Höhenmeter: 167.888m

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296_Cataratas zum Frühstück

Immer wieder begegnen mir gläubige Menschen, die mir sagen: Von Gott kriegst du alles, was du willst. Du musst ihn nur darum bitten! Und gestern Abend habe ich das Mal ausprobiert. „Bitte, lieber Gott, lass den Schlüssel gleich morgen Früh wieder auftauchen, damit ich mir nicht den Lauf um neue Zweitschlüssel antun muss.“

Ich habe verschlafen. Es ist schon hell! Und jeden Moment müssen die ersten Besucher eintreffen! Ein Vogel über mir im Baum hat mich Gott sei Dank jetzt aus den Federn gepfiffen, damit ich noch schnell vor dem Ansturm die Suche aufnehmen kann. Denn wenn die erst mal das Wasser wieder aufwühlen, ist endgültig die Chance verspielt! Ich pflege schnell noch eine neue Tradition: Klogang. Und dann werde ich gleich alles in Windeseile einpacken und nochmal runter zum Wasser! Doch daraus wird wohl nichts: Der liebe Gott hat mir die Schlüssel nämlich in die Plastiktüte zum Klopapier gelegt. So ein Schlingel! Das hat er bestimmt gestern Abend schon gemacht. Dann waren sie gar nicht im Wasser! Und auch nicht auf dem Weg. Im Klopapier… ha! Aber wie geil, sie sind da. Und besser hätte mein Tag nicht anfangen können. Ich packe alles in Ruhe ein, mache ein bisschen Gymnastik und dann gehe ich erst Mal in alle Fröhlichkeit baden. Und Yehudi, der Wachtmann, der ja jetzt auch ein bisschen Zeit hat, weil er keine Schlüssel finden muss, führt mich ein bisschen in der Gegend rum.

Wasser zum Frühstück: Was kann diesen Tag noch aus den Angeln heben?

Nichts. Er war einfach herrlich. Wieder bis zum Schluß, wenn da auch viel Autobahn war heute! Gott, ich glaube ich werde es lieben, dieses Costa Rica!

 

Vor Arizona, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 64,28km / -Zeit: 4:36h / -Höhenmeter: 512m

Gesamt-Km: 18.486km / -Zeit: 1.257h / -Höhenmeter: 166.955m

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295_Schön, schön, schön!

Nach einer sicher verbrachten Nacht war ich neugierig, ob dieses Land auch halten würde, was es mir gestern bei der Ankunft und auf den paar Kilometern nach der Grenze versprochen hatte. Es zeigte sich total entspannt. Die Natur nicht zu überflutet von Menschensiedlungen und im Vergleich zu den Vorgängern blitzsauber…

Und so ging es weiter! Die ersten Kilometer führten mich durch ein Naturschutzgebiet. Was für eine Strecke! Seit Langem habe ich mich nicht mehr so gut gefühlt auf der Straße. Sie ist die einzige Verbindung von dieser Grenze zur Hauptstadt, aber vermutlich spielte mir heute ein bisschen das bevorstehende Osterwochenende in die Karten: Es waren kaum Fahrzeuge unterwegs. Und so konnte ich die schmale Überlandstraße fast ganz für mich allein genießen. Links und Rechts standen Bäume, deren Astwerk bisweilen einen Tunnel über der Fahrbahn bildeten. Wenn nicht gerade der heißeste Monat im Jahr wäre, hätten sie vermutlich auch noch ein dichtes Blätterkleid und würden mir frischen Schatten spenden. Aber auch so schirmen sie die grelle Sonne ein bisschen ab. Kein Grund also, hier zu meckern!

So komme ich endlich wieder in das Genußgefühl! Der Tag wird besser und besser: Die Landschaft ist herrlich, die Flüsse sauber und die Farben! Manchmal rauschen trockene, versteppte Felder neben der Straße, dann wieder steht alles in vollem Saft. Ein Baum hat gerade neue Blätter bekommen, wie es aussieht: Giftgrün! Und dort die Blüten auf dem blattlosen Baumgestell: G

rellgelb! So gut meine Kamera auch ist, aber diese Leuchtkraft kann sie nicht annähernd auf´s Bild bringen. Ich bin überwältigt! Die Blüten fluoreszieren fast im Sonnenlicht! Und kein Mensch oder Gebäude oder Müllhaufen stört das Bild. Was für ein Tag, was für ein Land! Costa Rica, du bist im Rennen um die aller ersten Plätze im Ranking!

 

So ein Tag verdient einen gebührenden Abschluß. Und den suche ich bei einem Fluß mit Wasserfall. Ich komme zur Sperrstunde an. Und natürlich ist oben der Parkplatz in heller Aufruhr. Aber alle Semana-Santa-Ausflügler sind Gott sei Dank in Aufbruchstimmung. Ich setze mich also erst einmal gemütlich auf einen Felsbrocken und schnipsle mir mein Abendessen in die Müslischüssel während ich darauf warte, dass langsam die Dämmerung über den staubigen Platz hereinbricht. Denn dann werde ich dort mein Zelt aufschlagen und hinunter zum Wasser schauen, das mir schon aus den Tiefen des Tals lecker entgegenplätschert.

Doch so recht will hier keine Ruhe einkehren. Es ist schon fast dunkel und ich muss mein Häuschen bauen, sonst kommen möglicherweise noch Mücken – in Wassernähe weiß man ja nie! Doch wenn jetzt noch immer Leute unterwegs sind, sollte ich mich vielleicht doch VORHER wenigstens kurz abwaschen, damit nicht alles wie ein Sonderangebot zum Stehlen in der Auslage aufgebaut dasteht. Also schließe ich mein Rad an einen Baum und bitte die Kokosnussverkäufer, für einen Moment ein Auge drauf zu haben. Ich kenne sie jetzt seit fast einer Stunde und vertraue ihnen soweit. Dann klettere ich den Fußpfad hinunter und endlich: Frisches, kühles Bergwasser im Gesicht, im Nacken, unter den Achseln, an Armen und Beinen – ich bin wieder frisch! Dann klettere ich glücklich wieder hinauf und mache mich an mein Lager…

Schlüssel weg! Das darf nicht wahr sein! Schon wieder. Doch es ist mir unerklärlich, wie der wegkommen hätte können! Ich klipse ihn immer mit dem Alukarabiner an meinen BH-Träger und zur doppelten Absicherung stecke ich dann den daran hängenden Schlüssel noch IN den BH. Aber da ist er nicht mehr! Dann kann er jetzt nur im Wasser liegen… denn da – so erinnere ich mich – habe ich den Schlüssel einmal klimpern gehört. Aber wenn er mir dort, wenn auch auf unerklärliche Weise, ins Wasser gefallen wäre, als ich vorn über gebeugt mein Gesicht gewaschen habe, hätte ich ihn doch im Wasser sehen müssen! Es ist ganz seicht und nur Knöcheltief! Egal, jetzt ist er jedenfalls weg und ich muss nochmal runter. Mittlerweile ist es dunkel. Das erhöht nicht gerade die Chance auf eine erfolgreiche Suche. Doch alle Dauerbader, die heute auch über Nacht bleiben, helfen mir sofort beim Suchen. Wie cool! Wenn sie ihn dadurch nur nicht weiter in den Sand treten…

Wir werden nicht fündig. Dann bedanke ich mich bei allen für ihre sofortige Mithilfe und versuche, erst mal zu schlafen. Ein Glück, dass ich noch den Ersatzschlüssel habe! Aber wenn der jetzt mein einziger sein soll für die ganze restliche Reisezeit… nein, das kann ich nicht machen. Da werde ich mich wohl darauf einstellen müssen, diese Schlüssel nachmachen zu lassen. Wieder ein lästiges To-Do… Dabei war ich so vorsichtig und nicht schlampig diesmal!

Als ich schon im Zelt liege, kommt der junge Wachtmann von unten nochmal rauf und meint, ich solle mir keine Sorgen machen. Morgen gleich in der Früh schauen wir nochmal! Und heute Nacht brauche ich keine Angst zu haben: Er wird ein paar Mal raufschauen, ob alles in Ordnung ist. Er ist ein cooler Typ! Und ich komme tatsächlich gut zur Ruhe. Und er hat Recht: Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

 

Vor Bagaces, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 48,59km / -Zeit: 4:55h / -Höhenmeter: 438m

Gesamt-Km: 18.422km / -Zeit: 1.252h / -Höhenmeter: 166.443m

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294_Energetisch praktisch gut

Immerhin: Diese Nacht war fast friedlich, was mein Wanzenthema anging. Keine neuen Stiche! Wenn auch Zwei Getiere auf frischer Tat ertappt. …und noch am Tatort zertappt! Vielleicht komme ich ja auf diese Weise meinem Ziel der Wanzenfreiheit nach und nach etwas näher. Ich bin jedenfalls guter Dinge heute beim Aufstehen!

Bis ich eine Nachricht von Davide lese, in der er mich wieder mal ankeift, weil er offenbar meine Nachricht, die ich ihm zuvor geschrieben hatte, in den falschen Hals gekriegt hat. Dabei habe ich nur einen Spaß gemacht! Er scherzt auch auf diese Weise! Doch im Austeilen wie ein Schmied, im Einstecken wie ein Zwerghäschen… Himmel, wie mich das ärgert, dieses Auf und Ab! Mit ihm kehrt einfach keine Ruhe ein! Ich will das nicht mehr! Ich will in Frieden Fahrrad fahren! Ist denn das so viel verlangt?

Aber schon ein paar Kilometer weiter bläst mir der Wind am „Lago Nicaragua“ gehörig die Meinung! Ich soll endlich lernen, nicht zuzulassen, dass der mich so beeinflusst! Und mir vor allem nicht die Stimmung und die Freude am Reisen vermiesen lassen. Ich nehme ja von Land und Leuten nichts mehr wahr, wenn der Italiener in der Nähe ist!

Da hat er Recht, der Wind! Es gefällt mir, wie er mir heute mein verwirrtes, verknotetes Hirn durchbläst und mir wieder zu klarer Sicht verhilft: Ich bin jetzt wieder gut drauf! Ich muss jetzt wieder gut drauf sein! Das beschließe ich aktiv unter dem Zeugentum von hunderten von Windgeneratoren. Es ist eine anstrengende Fahrt gegen den Luftstrom. Aber mir geht´s gut damit! Ich genieße die steppig-strohige Landschaft und ihr stetiges „Schschschschsch…!“ von der Flanke, den aufgewühlten See zu meiner Linken und die Wattewolken, die über mir buchstäblich in „Windeseile“ über den Himmel fahren. Und ich lasse mich ein bisschen an den See Genezareth in Israel erinnern von dieser Stimmung. Da war´s ähnlich! Ach, apropos See Genezareth: Ratet mal, wer mir neulich über Facebook wieder eine Freundschaftsanfrage geschickt hat! Richtig: Samir. Ist-ja-nicht-zu-fassen-Samier! Ich hab bisher noch nicht reagiert. Nicht, weil ich mit dem eventuell jemals noch befreundet sein könnte! Aber weil ich ihm vielleicht noch eine saftige Nachricht schreiben möchte. Aber ich glaube, ich lasse ihn einfach nur abfahren. Keine Energie aufwenden für dieses Pack, das es nicht verdient!

Ich fliege nahezu dahin, wenn auch der Wind von schräg vorne kommt! Und unversehens bin ich schon an der Grenze zu Costa Rica! Zum ersten Mal ist mir etwas mulmig an einer Grenze. Ich erinnere mich daran, wie alles angefangen hatte. Hier, in Nicaragua… Ich muss es wieder auf meine Weise tun heute! Und das geht so: Ich fahre ganz langsam. Dann kann ich alles Geschehen am Straßenrand besser aufnehmen. Ich verstehe, was abgeht. Und so arbeite ich mich Stück für Stück von einem Schalter zum nächsten vor. Und ohne Probleme komme ich durch! Es helfen mir andere Touristen mit einem 1-Dollar-Schein aus, wenn die Dame im Glashäuschen kein Wechselgeld hat. Und ein netter Herr hinter mir in der Schlange wechselt mir meinen Schein, weil der Beamte auf einen Zwanziger nicht rausgeben kann. So läuft das normalerweise! Aber dazu braucht´s ein gutes Energiefeld!

Ihr könnt jetzt glauben, was ihr wollt. Dieses Thema mag für den Ein- oder Anderen vielleicht etwas zu spirituell sein. Aber mein Saxophon-Lehrer hat mir damals vor meiner Abreise gesagt, dass jeder Mensch ein Energiefeld hat. Eine Aura. Und je nachdem, ob die positiv oder negativ ist, ziehst du positive oder negative Energiefelder an. Energie sucht immer ihresgleichen. Und dein Umfeld ist Spiegel deiner selbst. Es hängt also an dir, auf wen du triffst! Und seit ich dieser Theorie bewusst Aufmerksamkeit schenke, beobachte und wahrnehme, in wie weit sie sich bestätigt, merke ich: Da ist was dran! Wenn ich rein und unbeschmutzt und frei von Flecken bestehend aus Ärgernis, Zorn, Wut, … schlicht: Negativem bin, habe ich eine unglaublich gute Erfahrung nach der Anderen. Es jagt ein schönes Erlebnis das nächste und die guten Eindrücke geben sich geradezu die Klinke in die Hand! So bin ich heute nach erfolgreich bezahlter Ausreise ohne Scannen meiner Fahrradtaschen durch die Einreisekontrolle gekommen und habe danach am Schlagbaum zur Fahrzeugkontrolle die nettesten Grenzbeamten der Welt kennengelernt! Ich wollte ihnen nur meinen Ausweis zeigen. Doch sie meinten: „Du darfst so durch!“ Und nachdem ich dann erst Mal rechts ran musste, Helm und Handschuhe anziehen, kamen wir ein bisschen ins Plaudern… am ende waren es fast eineinhalb Stunden, die ich bei den beiden zum Kaffeetrinken und Semana-Santa-Kekse-Essen war. Alles selbst gemacht! Und zum Abschied hatte mir der Eine noch eine perfekte Mango geschenkt, die er extra mit dem Fahrrad aus dem anderen Kontrollhäuschen geholt hatte!

Das ist es, was meine Reise ausmacht! Diese vielen, kleinen Besonderheiten, Aufmerksamkeiten, Gesten. Das liebe ich so! Aber es begegnet mir nur, wenn ich allein unterwegs bin. Und heute bestätigt es mir vor allem eins: Mein Energiefeld ist praktisch wieder in Ordnung! Aber es ist unheimlich schwierig, sich durch andere nicht darin stören zu lassen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Und es tut mir ehrlich leid, dass ich Davide das nicht erklären kann. Ich meine: Er ist ja kein Unmensch. Im Gegenteil: Er hat einen unglaublich feinsinnigen und guten Humor. Und auch sonst ist der ganze Kerl einfach recht, so wie er ist. Nur eins hat er noch nicht verstanden: Ruhe zu bewahren. Er setzt sich immer irgendwelche Ziele – ganz unbewusst zum Teil – und wenn ihn auf seinem zielstrebigen Weg dorthin etwas stört, ärgert er sich.

Er ärgert sich, wenn er spät am Abend und klitsch nass sein gesetztes Tagesziel erreicht. Weil es deutlich mehr Steigungen gab, als er einkalkuliert hatte. Und weil es zu regnen angefangen hat. Ich setze mir deshalb keine fixen Tagesziele. Oder zumindest bin ich so flexibel, früher aufzuhören, wenn es nur bergauf geht. Oder es zu regnen beginnt. So einfach wär´s! Das ist zum Beispiel der Grund, warum ich diese Warmshowers-Plattform kaum nutze. Denn die Gastgeber muss man natürlich vorbereiten auf seine Ankunft. Das heißt ein paar Tage mindestens vorausplanen. Doch das lehne ich kategorisch ab! Ich fahre lieber ins Blaue hinein und verlasse mich jeden Tag darauf, dass ich schon ein Plätzchen für die Nacht finden werde. Oder zur Not ein Hotel, wenn ich in einer Stadt lande. Und bis jetzt klappt das wunderbar! Ich vermeide es bewusst, mir Vorstellungen und Erwartungen von Orten, Leuten, Städten, Ländern, Stränden und so weiter zu machen. Alles bleibt offen. Klingt so einfach. Habe ich aber auch erst lernen müssen. Doch wenn man das mal kapiert hat, ist´s einfach großartig. Denn was kann dir dann noch den Tag versauen, wenn du keine Erwartungen hast, die enttäuscht werden könnten?

 

Hinter La Cruz, Costa Rica (Zelt)

Tages-Km: 59,88km / -Zeit: 4:29h / -Höhenmeter: 559m

Gesamt-Km: 18.344km / -Zeit: 1.247h / -Höhenmeter: 166.004m

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