Kategorie-Archiv: El Salvador

286_Wer bin ich

Die Nacht im Autohotel war erfolgreich: Die neue Kreditkarte ist… gebührend belastet.

Nein, nein, bestellt. Aber die Option mit Italien ist nicht gespielt worden – alles doch zu knapp. Ich werde mir jetzt in Ruhe ein anderes Postziel irgendwo in der Zukunft meiner Reise überlegen. Wenn ich doch nur die Route schon kennen würde… Immerhin: Die Dreiundzwanzig Dollar sind nicht umsonst investiert – der Fall rollt! Aber ich bin durch jene Nacht in ein bisher unausgeglichenes Schlafdefizit gefallen: Um Ein Uhr des Nachts ins Bett, das sind gute Sechs Stunden später als üblich. Klar hat mich das so aus dem Rhythmus gebracht, dass ich nach erledigtem Telefonat mit der Bank den Schlaf so dermaßen übergangen hatte, dass ich nicht mehr einschlafen konnte. Es waren am Ende ein paar Stündchen, aber den ganzen folgenden Tag konnte ich keine richtige Power mehr entwickeln. Ich kämpfte mich mühselig durch die unselige Hitze und freute mich, als es endlich an den Sonnenuntergang ging und ich ein gut zugängliches Feld zum Zelten gefunden habe.

Ruhig und ungestört war die Nacht dort. Aber so heiß! Wieder konnte ich alles andere als ausreichend Erholung finden. Es war also der heutige Tag genauso zäh wie der gestrige. Dazu kam noch ein kleines Gebirge, das ich zu bezwingen hatte. Nichts nennenswert Wildes, aber meine Leistung war wirklich beschämend: Fast in jedem Baumschatten habe ich angehalten und eine Verschnaufpause gemacht. Der Thermometer stand bei Dreiundvierzig Grad! Und dass das auch hier als heiß gilt, hat mir oben an der Kuppe, bevor es endlich bergab ging, ein Salvadorianer zugerufen: „Too hot!“ Da hat er einfach nur Recht! Bei dieser Glut hier bekommen meine Lungenflügel kaum den nötigen Sauerstoff aus der flimmernden Luft gezogen. Alles, was da hilft, lautet „tranquillo“. Nichts überstürzen, nichts bezwingen, wer langsam geht, kommt zum Ziel!

Und mein heutiges Ziel war „Garnelen“. Morgen werde ich wieder weg fahren vom Meer und dann längere Zeit im Landesinneren von Honduras und Nicaragua wühlen. Also noch ein letzter Leckerbissen aus dem Salzwasser von El Salvador! Für diesen habe ich mich sogar auf noch eine weitere schlafmagere Nacht eingestellt: Ich würde mich bis in den Ort „La Unión“ kämpfen, dort ein Fischrestaurant am Wasser finden, mir das eklige Salzschweiß-Straßendreck-Gemenge im frischen Meerwasser von der Haut waschen und dann zufrieden und sauber in mein Zeltchen kriechen. Das ich hoffentlich dort im Garten oder auf der Terrasse irgendwo aufstellen durfte.

„La Unión“ ist „El Desastre“! Hier hausen die ganz Armen. Und es ist schier unzumutbar dreckig in manchen Ecken der Stadt. Magere Leute schauen mich mit gefährlichen Blicken an. Ich weiß eins: Hier sollte ich nachts besser nicht draußen bleiben! Was ist also jetzt mit Fischrestaurant hier? Es gibt eins. Wohlgemerkt: Ein einziges! Ein einziges, das einen Parkplatz am Wasser hätte. Doch ob ich da mein Zelt aufschlagen darf, weiß natürlich nur der Eigentümer. …ist nicht da. Und geht auch nichts ans Telefon. Jetzt bin ich ein bisschen in der Zwickmühle: Mitten in einer gefährlichen Stadt und kurz vor der Dunkelheit. Der Eigentümer kommt später noch, das steht fest. Doch wie seine Antwort lauten wird, kann mir natürlich von den Angestellten keiner sagen.

Ich gehe das Risiko ein: Ich erkläre den Bediensteten, dass ich jetzt erst mal was esse und wenn er zwischenzeitlich kommt, frage ich, ob ich auch hier zelten darf. Ich setze mich an einen Tisch und warte, dass mir einer die Karte bringt.                                                                                                                                                                               …ich warte immer noch! Dann wird´s mir ein bisschen zu „tranquillo“ hier. Gibt´s denn da keinen, der arbeiten will? Ich stehe auf, bitte eine der Bedienungen, doch auch an meinen Tisch zu kommen. Sie zischt nur genervt irgewas wie „permitame…“. Was auch immer das auf Spanisch heißt. Auf gut Deutsch jedenfalls heißt es „Ja, ja, du kannst mich mal!“ Sie kommt nämlich auch in den nächsten Zehn Minuten nicht. Dann kommt eine Kollegin …ach nein, sie rennt nur vorbei. Was das hier für ein Laden ist! Mittlerweile singen und spielen Drei Musiker tolle Musik. Aber die Weiber drehen die Lautsprechermucke extra noch lauter, anstatt endlich ab! Jetzt rennt die Zweite schon wieder vorbei. Doch beim Dritten Mal schnappe ich sie mir! Ich bestelle gegrillte Garnelen. „Ach, warum nicht die Knoblauchgarnelen?“, will sie wissen. Ich frage, warum nicht die gegrillten? Och, weil die so trocken sind. Aber die in Knoblauch, die sind fein…! Ich nicke, na gut, von mir aus. Ich mag ja Knofi! Jetzt ist endlich bestellt und ich stelle mich auf eine halbe Ewigkeit des Wartens ein.

Doch alles geht Ruckzuck: Das Essen kommt sogar vor dem Getränk! Wow, ich bin beeindruckt. Obgleich etwas stutzig. Doch kein Problem: Ich habe ja einen Bärenhunger. Also Gabel aus der Serviette gewickelt und auf die Garnelen! …sind eiskalt. Aha, denke ich, interessante Idee. Probiere den Reis: Eiskalt. Da wird mir schon klar, warum die Knoblauchgarnelen besser sind als die gegrillten: Die waren einfach noch übrig! Ich trage den Teller zurück zu der geschäftstüchtigen Bedienung und erkläre ihr, dass ich für meine immerhin Fünfzehn Dollar doch gerne eine frisch zubereitete Portion hätte. Ich meine, wenn gerade eben etwas zurückgeht oder falsch zubereitet worden ist, naaaa gut. Aber wenn´s da schon seit heute Mittag in der Küche in einer Ecke hockt… Und ich betone ausdrücklich, dass ich nach erstens der langen Wartezeit und zweitens diesem Versuch jetzt eine NEUE Portion hätte. Keine Mikrowelle oder so!

Es dauert keine Fünf Minuten, kommt die Erste Bedienung – die, die ich mal kann und die zur Bestellaufnahme nie gekommen ist – und stellt mir einen Teller hin. Eine Garnele fehlt. Das ist die, die ich vorher gegessen habe! Und das Reishäufchen ist schon angegessen. So, wie ich es vorher angegessen habe. Also doch Mikrowelle! Doch nicht mal, dass es jetzt warm gewesen wäre! Da platzt mir jetzt aber echt der Kragen! Ich bringe ihr ihre Scheißgarnelen zurück und verlasse den Sauladen. Nur die „Pupusas“ nehme ich noch mit auf die Hand. Die sind wenigstens knusprig frisch. Aber bezahlen werde ich die keinesfalls!

Ich weiß nicht, was es zur Zeit ist, aber eine Glückssträhne sieht anders aus. Und eine Glücksträne auch. Immerhin: Bevor ich durch das Tor raus konnte, hat mich der junge Kellner aufgehalten. Die Besitzerin sei jetzt da und er habe sie auch schon gefragt, ob ich hier auf dem Parkplatz zelten dürfte: „Ja hat sie gesagt!“, strahlt er mich an. Und weil er so freundlich und hilfsbereit war, nehme ich dieses Angebot trotzdem wahr. Ich habe immerhin ein sicheres Plätzchen für die Nacht. Wenn auch mit Samstag-Abend-Wochenend-Festbeleuchtung und Dreierlei Lautsprechermusik im Ohr. Nennen wir es Dolby-Surround und versuchen, es mental auszublenden. Und beachten wir einfach nicht, dass die Zeltfolie vibriert. In drei unterschiedlichen Rhythmen…

Aber eins, eins kann ich nicht ausblenden. Es begegnet mir fast täglich: Wenn du so miefig und zottelig von einem anstrengenden Radeltag irgendwohin in die zivilisierte Welt eintauchst, einen Supermarkt, ein Hotel, ein Restaurant, dann bist du einfach nur ein armes Schwein. Ein Niemand. Eine „Jetzt sieh dir die an!“ oder gar eine „Sie bitte nicht!“ Ich denke an Valentin. Erinnert ihr euch? Den Radler, den ich in Oregon getroffen habe. Er ist Schreiner und hat mir erzählt, wie oft er vor Architekten oder Bauleitern sich minderwertig gefühlt hat, wenn sie in frischen Hemden und Aftershave-Wolke vor ihm gestanden sind und ihm Anweisungen gegeben haben. Und bei Zurechtweisungen hat er oftmals sich nicht getraut, sich zu rechtfertigen, weil er selbst bis auf das Unterhemd durchgeschwitzt und mit dreckigen Arbeitshosen im Gespräch stand. Durstig und müde, weil er gerade mit seinem Kollegen Zwanzig Vollholztüren in den Fünften Stock hochgeschleppt hat. Ich kann so gut nachvollziehen, wie er sich gefühlt haben muss! Das ist der Grund, warum ich immer alle grüße auf der Straße. Hundert mal „Buenos Dias“, „Hola“ und „Adißos!“. Kackenanstrengend manchmal, aber das gehört sich einfach unter Gleichgestellten. Dafür, dass ich dann selbst hungrig ins Zelt schleiche, weil die besseren Weiber sich nicht mal annähernd bemühen wollen, mich wie einen vollwertigen Gast zu behandeln!

Jetzt dröhnt gerade „Porqué llorar“ im Hintergrund: Warum weinen? Genau. Ich habe zwar echt richtig Hunger, ausgerechnet heute weder Obst, noch Gemüse oder Brot dabei aber ich höre trotzdem auf. Was will man sich vom Ausgang eines Tages auch erwarten, wenn jener einen schon mit einem Platten Hinterreifen empfangen hat…

Aber keine Sorge, denn es war ein ganz wunderbarer Platten! Kein Ventil geplatzt, kein Schlauch gerissen, einfach nur ein ganz normales Loch. Ein wunderbares, lange schon nicht mehr gehabtes, harmloses Loch! Verursacht durch einen wunderbaren, lange schon nicht mehr gehabten, harmlosen Dorn im Gras. Wie schön!

 

La Unión, El Salvador (Zelt)

Tages-Km: 76,10km / -Zeit: 5:21h / -Höhenmeter: 817m / Platten

Gesamt-Km: 17.756km / -Zeit: 1.208h / -Höhenmeter: 162.279m

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285_Autohotel

Es ist halb Zwölf. Normalerweise schlafe ich um diese Zeit schon dreieinhalb bis viereinhalb Stunden! Aber heute muss ich mich wach halten. Denn die Bank macht in einer halben Stunde auf. Und Davides Freund fliegt in genau einer Woche. Also bloß keine Sekunde Zeit mehr verlieren und den nächsten Versuch, „mich selbst bei der Bank zu melden“ auf Sieben Uhr deutscher Zeit timen.

Derweil bewortbildere ich euch meine heutige Bleibe: Ein Autohotel! Ich bin schon ein bisschen auferregt! Es ist nämlich mein erstes Mal. …dass ich in einem derartigen Etablissement nächtige. Ich muss dem vielleicht noch vorwegschicken, dass ich hier meine einzige Chance auf eine einigermaßen lückenlose bis zumindest brauchbare Internetverbindung gesehen habe. Draußen war schon finstere Nacht und mein Vorderlicht funktioniert gerade nicht – klar: Hab doch den Reifen umgedreht, damit der Schlauch zurück wandert! Und die andere Absteige, die ich in der gebotenen Eile gefunden habe, ist so versifft, dass sich nicht einmal ein lausiger Straßenköter dort ins Bett legen würde! Und für eine erweiterte Suche nach Unterkünften habe ich heute beim besten Willen keine Energie mehr übrig. Ich fahre also zurück und handle für die Nacht Dreiundzwanzig Dollar aus. Normalerweise bezahlt man hier Zwölf. Drei-Stunden-weise!

Ein „sportlicher“ Preis. Gut, hängt jetzt ganz davon ab, wie intensiv… Aber immerhin sauber. Ich lenke kaum mein Fahrrad auf den Hof, springt mir gleich ein zierlicher Salvadorianer entgegen, weist mich in eine Garage ein und als ich geparkt habe, reißt er hinter mir einen schweren Plastikvorhang in den Anschlag. So tut man hier wohl für gewöhnlich. Dass auch ja keiner sieht, wer hier jetzt gleich (mit wem) schlafen wird. Aus der Garage geht es direkt in die gute Stube. Als ich die Tür aufmache, bläst mir die Klimaanlage eine fette Wolke Billigdiesel in die Nasenflügel. Als nächstes sehe ich einen großen Spiegel neben dem Bett. Und – ach herrje! – auch einen über dem Bett! Da kann ich es mir nicht verkneifen: Ich tue ein bisschen überrascht und frage meinen Parkplatzeinweiser, was man denn so macht in einem „Autohotel“. Da wird er ein bisschen verlegen und windet sich: „Na, man kommt eben…im Auto.“

Bleibt die Frage, wie man in allen sonstigen Hotels „kommt“…. Ich muss weiterinspizieren. Aber vorher die Klimaanlage abschalten, ist ja die reinste Gefriertruhe hier! So, jetzt. An der Wand hängt da so ein Holzkasten. Daran pappt ein Zettel mit Zahlungshinweisen. Wie gesagt: 3 Stunden, 12 Dollar. Und von draußen kann einer in diesen Holzkasten eingreifen und das Geld rausnehmen. Ich mache mal die Klappe auf. Ob da auch die Damen durch diesen Schlitz… nein, die kommen natürlich durch die Tür. (Oder durch …also wie soll ich das jetzt jugendfrei zu Papier bringen …durch längeranhaltendes, sexualtechnisches Wirken des Halters des Wagens in der Garage. Oder gar nicht, das „hängt“ vermutlich vom Fahrer ab). Jedenfalls gerufen werden sie über ein Telefon gleich neben dem Bett. Ich überlege: Wenn ich da anrufe, ob da auch wer kommt? Also schlau sind sie ja, was den Themenbereich Annonymität angeht. Nur für das Abbiegen von der Hauptstraße müssen sie sich noch was Besseres einfallen lassen…s

Jedenfalls muss ich jetzt erst mal duschen. Und ui! Sieh an, da gibt´s aber eine feine Vorwand! Gerade knapp unter Popohöhe. Das ist praktisch! Da kann ich den Tropfen Kettenöl auf meinem Fußrücken wegschrubben, ohne mich weit bücken zu müssen. Denn Bücken scheut der Rücken! Irgendwie geht’s mir jetzt schon wieder besser. Und erst recht, als ich am Badspiegel einen Aufkleber entdecke: „Bitte nicht auf das Waschbecken stützen, das hängt nicht so fest…!“ Ich kann nicht anders: Ich muss einfach laut loslachen. Wie geil! Also wie geil kann´s denn…?

Ich setze mich auf´s Bett, esse was, markiere die gefahrene Strecke in der Karte und fange an, den Tag zu dokumentieren. Puh, verdammt heiß hier drin! Ich mach mal ein Fenster auf… ach nein, es gibt natürlich kein Fenster. Als ich den lieben jungen Mann am Anfang danach gefragt hatte, riss er erst mal bestürzt die Augenbrauen hoch. Ein Fenster, ja um Himmels Willen! Aber dann erinnerte er sich, dass ich hier ja nur eine ganz normale Übernachtung plane. Ich könnte ja die Tür ein bisschen auflassen, hat er  gemeint… Na, na, nix da. Die sperma lieber ab hier! Lieber doch wieder die Kühltruhe an. Dann geht´s los mit Bloggen. Nein, doch zu kalt. Das Ding bläst mir ja einen… einen Muskelkrampf in die Nack(t)enzone! So, jetzt, weiterschreiben. Wo war ich „steckengeblieben“? Ach ja: Da steht noch so ein Ding. …ein Sofa meine ich. Aber hä? Eigentlich nur ein halbes. Schöne Kurven! Ich glaube, wenn man das von der Wand weg in die Raummitte ziehen würde und sich dann drauf legt… ja, ja, das muss es sein! Ein Knieschoner sozusagen. Doch, doch, also damit kann man(n) bestimmt (auch) arbeiten. Denn nach Ausruhen sieht mir diese schmale Beulencouch nun wirklich nicht aus!

Ja wo wir´s grad vom Arbeiten haben: Es ist mir eins gleich am Anfang aufgefallen. Das Bettgestell. Aber ich hätte nicht sagen können, was genau mir daran so seltsam vorgekommen ist. Aber jetzt, jetzt, jeeeetzt kommt´s! Es ist hart. Oh ja, so hart. Es ist richtig hart. Stockhart. Steinhart. Es ist ein Betonbett! Ja der Wahnsinn. Da quietscht nichts und geitscht nichts. Und Lattenrost braucht auch keiner. Ich bin beeindruckt. Das ist ja Autohotel-Architektur vom Allerfeinsten!

Aber krass, ist das heiß hier drin! Nur gut, dass der Klima-Ein-Aus auch vom Bett aus erreichbar ist. Wie eigentlich alles. Nur nicht der Lichtschalter Der wird nur an der Eingangstür bedient. „Hallo hier bin ich, Licht an!“ Also daaaas, meine lieben Freunde des aktiven Nachtlebens, daaaas ist ein ganz klarer Minuspunkt. Ich habe mich schon immer gefragt, warum man ausgerechnet in Elternschlafzimmern diese Rampenlichter an die Decke schraubt. Schon mal was von indirekter Beleuchtung gehört? Also, da braucht man sich doch nicht wundern, wenn schon bald nichts mehr läuft. Oder die Frauen immer lieber das Licht aushaben wollen. Man fühlt sich ja wie auf dem OP-Tisch! Oder beim Zahnarzt: So, Frau Buhl, jetzt machen wir mal den Mund auf, gaaaaanz weit! Nein, nein, also „blindes Vertrauen“ erzeugt man bestimmt auf vielerlei Arten. Aber bestimmt nicht durch Fünftausend Lux Direktbestrahlung!

Jetzt ist mir schon wieder zu kalt. Und jetzt zu heiß. Nein, wieder zu kalt. Himmel, was gäbe ich um dieses eine Fenster! Ich versuche mich einfach wieder auf den Blog zu konzentrieren. Doch es lenkt mich wieder was ab: Auf der anderen Bettseite hängt gleich ein Toilettenpapierspender. Ja, sauber! Sozusagen ein richtiger Tempo-mat! Also, an was die hier alles gedacht haben! Handtücher liegen auch auf dem Bett. Nur gibt´s hier vielleicht auch eine Seife? Keine Seife, weit und breit… doch halt, hier: Auf dem Beton-Nachtkästchen. Aber ein ganz kleines, „putziges“ Seifchen nur! Gut, selbst wenn man in den Drei Stunden wirklich nur duschen würde, könnte man die vermutlich nicht aufbrauchen. Reicht also. Sauber geht´s hier zu!

Apropos: Wann muss ich hier eigentlich raus, wollte ich noch wissen. Der Zierliche meinte: „Erst nach Sechs natürlich“. Also um Acht. Gut, das reicht mir. Da kann ich jetzt in aller Ruhe mein Glück bei der Bank versuchen und dann, ja dann werde ich noch schnell den Fernseher anschmeißen und mir einen flotten Porno reinziehen! Neidisch, was?

Kein Grund! Hab natürlich schon vorher mal gecheckt: Auf 6 kommt nur Fußball… (alles wie daheim!)

 

Hinter El Transito, El Salvador (Zelt)

Tages-Km: 76,58km / -Zeit: 4:24h / -Höhenmeter: 354m

Gesamt-Km: 17.680km / -Zeit: 1.202h / -Höhenmeter: 161.462m

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284_…der Wurm drin!

Anfangen würde die Titelzeile eigentlich mit „Es ist einfach…“. Aber es ist überhaupt nichts einfach hier! Nicht im Moment zumindest. Es ist einfach nur „der Wurm drin!“ Und zwar im übertragenen wie im wörtlichen Sinne: …ja.

Heute Früh um halb Sieben machte mir zumindest der Kartenfall ein bisschen Hoffnung. Denn mehr oder weniger zufällig werden sich demnächst Davides Wege und meine wieder kreuzen. Und mehr als weniger zufällig wird Davide ausgerechnet demnächst Besuch von seinem besten Freund aus Italien bekommen. Und dieser hat sich um Zehn vor Neun glatt dazu bereit erklärt, mir meine neue Kreditkarte hierher zu bringen. Dann müsste sie nicht den gefährlichen Weg hierher oder nach Südamerika (oder wo eigentlich überhaupt hin?) alleine antreten. Jetzt muss ich also nur schnell meiner Mama in Deutschland Bescheid geben, sie soll das mit der Bank regeln, dass die Karte nach Italien und die neue PIN nach Deutschland geht. Sie hat ja die Kontovollmacht.

Um die Mittagszeit weiß ich, dass diese Begrifflichkeit der pure Hohn ist. Sie ist nichts als ein Erwecker falscher Hoffnungen, denn meine Mama hat bestenfalls eine halbe Macht. In diesem speziellen Fall des Kreditkartenverlustes sogar überhaupt keine. Da MUSS sich der Karteninhaber persönlich mit der Bank in Verbindung setzen. Schön und gut, ist ja ein toller Ansatz. Das Dumme ist nur: Ich bin jetzt wieder auf der Straße. Und hier habe ich niemals ausreichend guten Empfang, um ein Online-Telefonat dieses Kalibers zu führen: Die Verbindung bricht nämlich spätestens nach Drei Minuten das erste Mal ab in der Regel. …also in der Warteschleife. Bliebe noch die utopische Option eines richtigen Telefonats – von einem deutschen Handy in El Salvador auf ein deutsches Festnetz in Deutschland, logisch. Doch wenn die sich einmal meine Stammdaten ansehen würden, die ich dort meinem Konto hinterlegt habe, dann wüssten sie, dass mein Nachname nicht „Rockefeller“ lautet. Wenn ich diesen Weg also ginge, könnte ich anstatt einer neuen Kreditkarte gleich eine Kontoschließung beantragen. Aber gut, man soll ja das Träumen nie aufgeben: Ich schaffe es also tatsächlich, aus der salvadorianischen Pampas eine stabile Verbindung zu meiner deutschen Bank herzustellen und zu halten. Wir klären alle Punkte telefonisch und zur Bestätigung, dass ich tatsächlich auch die echte Karteninhaberin war, mit der die Banker gesprochen haben, bekomme ich eine TAN auf mein Handy. …morgen. …oder übermorgen. …vielleicht.

Ich kommuniziere mit meiner Mama: „Mama, da müssen wir einen anderen Prozess finden!“ Doch Mama erklärt mir, dass ich mich selbst mit der Bank in Verbindung setzen muss. Darauf erkläre ich ihr nochmal den eben getippten Absatz. Das Lange in Kurz: Der offizielle Prozess funktioniert nicht! Doch Mama erklärt mir, dass ich mich selbst mit der Bank in Verbindung setzen muss. „Mama, verstehst du nicht, was ich sage?“ Doch Mama erklärt mir, dass ich mich selbst mit der Bank in Verbindung setzen muss. „Verdammt noch Mal, wenn der Prozess nicht funktioniert, dann müssen wir ihn eben austricksen!“ Doch Mama erklärt mir, dass ich mich selbst mit der Bank in Verbindung setzen muss. So lange, bis mein sms-Guthaben von Zwanzig auf Null Euro eingeschrumpft ist.

Dann setze ich mich auf eine wacklige Bank am Straßenrand und weine. Wenn ich mich nicht täusche zum allerersten Mal auf der ganzen Reise. Ich habe nicht geweint, als mir der Schnee und die Kälte meine Finger und Füße steifgefroren haben und auch nicht, als mich dicker Regen bis unter die Unterwäsche aufgeweicht hat. Ich habe nicht geweint in der Wüste bei Fünfundvierzig Grad und auch nicht bei Gegenwind, der mich tagelang zum Stillstand gebracht hat. Ich habe nicht geweint, als der Mann mit dem Messer nachts um mein Zelt geschlichen ist und auch nicht, als der gamsige Obdachlose sich in meinem Vorzelt einen runtergeholt hat. Aber heute, heute habe ich es mir nicht mehr verkneifen können.

In meiner Not suche ich Trost bei meiner Schwester. Das ist die einzige Kommunikationsmethode, die mir noch bleibt: Über die mexikanische Sim-Karte eine löchrige Verbindung mit dem Messenger und Skype herstellen. Immer wieder verliere ich den Kontakt, doch schließlich schaffe ich es, ihr mein Problem zu schildern. Und bevor die Apps ein letztes Mal in sich zusammenfallen, hörte ich sie sagen: Ich ruf jetzt gleich die Mama an und versuch ihr alles zu erklären. Gott sei Dank, ich hab die allerbeste Schwester der Welt! Dann schwinge ich mich wieder in den Sattel und versuche, alles nicht so eng zu nehmen. Doch es gelingt mir nicht. Denn mein Bauchgefühl verrät mir, was ich als nächstes von Mama über meine Schwester zu hören bekäme, wenn ich mein Gerät wieder mit dem Netz verknüpfen würde: …dass ich mich selbst mit der Bank in Verbindung setzen muss.

Darum lasse ich es offline. Und ich versuche, einfach nur Alltag einkehren zu lassen. Dazu hilft vielleicht ein bisschen Musik, dachte ich mir. Ein bisschen Linderung brachte das tatsächlich! Aber dieser Fall war bereits zu tief unter der Haut, als dass man ihn noch mit Oberflächenbalsam behandeln hätte können. In welcher Zeit leben wir eigentlich? Jeder redet immer von Globalisierung. Aber wenn ich global unterwegs bin, mir einen schlampigen Moment erlaube und meine Kreditkarte verliere, kann ich diese entweder nur über ein ausgedrucktes, unterzeichnetes Formular auf den Postweg oder ein nicht realisierbares Telefonat mit anschließend nicht funktionierender TAN-Validierung. Und meine in Deutschland befindliche Vollmacht ist nichts als machtlos! „Tod durch Prozeß“, so sehe ich ihn schon lauten, den eingemeißelten Satz auf meinem zukünftigen Grabstein.

Ich versuche, meine innere Aufruhr durch aktiveres Radfahren niederzu(s)trampeln. Auch das hilft ein bisschen. Aber wenn man eine an sich kinderleichte Aufgabe nicht lösen kann, weil einem die Hände gebunden sind, dann ist auch Sport keine Therapie, sondern bestenfalls ein mittelgutes Ablenkungsmanöver. Ich könnte durchdrehen! Vor Wut kreiseln, mich auf den Boden werfen und zappeln, einen Berg rauf rennen und schreien, den freundlich grüßenden Leuten am Straßenrand die Köpfe runter reißen!

…bis mir Rosalba einfällt. Ich meine, ich habe euch von Rosalba schon mal erzählt. Aber macht nichts, von ihr kann man auch noch ein zweites Mal erzählen. Also Rosalba ist eine tolle Frau, die ich im Hostel in Ensenada (Mexiko) kennengelernt habe. Sie hat an diesem Tag Besuch von „der Tante“ bekommen, wie sie es bezeichnet hat. Die Tante ist in Wirklichkeit eine Freundin, auf die Rosalba nicht allzu Grüße Stücke hält. Eigentlich ist sie gar keine wirkliche Freundin, darum nennt sie sie „die Tante“. Die Tante ist nämlich unfassbar rechthaberisch und dominant. Davon werde ich sogar selbst Zeugin. Sie lässt nicht einmal die Meinung von Rosalba als eine andere Meinung gelten und tut alles, was sie nicht überzeugt als falsch ab. Rosalba meint, diese olle Tante sei manchmal nicht zu ertragen! Aber immer wieder kommt sie zu Besuch. Immer wieder sucht sie den Kontakt zu Rosalba! Und da hat Rosalba irgendwann begonnen zu verstehen: Diese Besuche der Tante sind nichts als eine Ermahnung an Rosalba, die Gott oder das Schicksal ihr immer wieder von Zeit zu Zeit aus dem Universum zuschickt, sich in Geduld und Gelassenheit zu üben. Das hat mich schon ziemlich beeindruckt. Das kann nicht von jedem kommen. So sieht es nur eine besondere Frau wie Rosalba. Und jetzt dämmert´s mir: Was, wenn die Aufgabe gar nicht war, eine neue Kreditkarte zu beantragen. Was, wenn die Aufgabe nicht einmal lautete: Beantrage diese Kreditkarte unter erschwerten Bedingungen? Lautete nicht möglicherweise die Aufgabe, die ich heute bekommen habe: Übe dich in Geduld und Gelassenheit. Egal, was passiert. Ich glaube, das könnte es sein. Darum die ganzen Platten, einer nach dem anderen, Tag für Tag, bis Fünf Schläuche durch waren. Darum die fiesen Bettwanzen, die sich während meiner Fahrt in meinem Schlafsack munter einen abgevögelt haben, bis ihre Population ins Unerträgliche angewachsen war? Darum der Ärger mit dem Wasser. Und alles genau dort, wo mich schon allein die Geografie bergeweise an mein Limit bringt.

Wenn das also der Punkt war, dann habe ich heute gnadenlos versagt. Und wenn die bloße Erkenntnis der Aufgabe als solche schon mit einer Fünf – mangelhaft aber bestanden – bewertet wird, dann habe ich damit ja vielleicht doch noch eine Chance auf Besserung und ein Ende dieser unglückseligen Phase. Ja, ich glaube, hier steckt Potenzial drin. Ich werde mich mit aller Kraft darum bemühen, das Glas wieder halb voll anstatt halb leer zu sehen. Vielleicht war der Spulwurm, den ich mir über die letzten Wochen herangezüchtet und vorgestern im Toilettenbecken ausgesetzt habe, ja genau ein Zeichen dafür: Es ist nicht der Wurm drin. Es ist eigentlich – wenn man sich einer exakten Sprachverwendung bemühen will – der Wurm draußen!

(…verbunden mit einem großen Dankeschön und den allerbesten Grüßen an die Doktores Renner und Grath in Rettenberg, die mir so schnell und hilfsbereit eine Diagnose gestellt, die Furcht vor was Schlimmerem genommen und eine passende Bekämpfungsmethode benannt haben! Und an meine Mama natürlich, die wieder einmal die Fäden gezogen und die Datenüber- und –vermittlung koordiniert hat!)

 

Zacatecoluca, El Salvador (im Autohotel…siehe nächster Blog!)

Tages-Km: 64,25km / -Zeit: 4:15h / -Höhenmeter: 611m

Gesamt-Km: 17.603km / -Zeit: 1.198h / -Höhenmeter: 161.107m

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283_Ab jetzt ist Hochsaison…

Heute setze ich mein Ziel auf „El Tunco“. Das ist bestimmt ein ganz fürchterlicher Tourispot. Aber da habe ich immerhin gute Hoffnung auf einen Waschsalon und ein günstiges Hotel, um endlich meine Mitfahrer zu beseitigen. Seht ihr, so muss ich schon denken. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie es war, als ich einfach nur ans Fahrradeln gedacht habe! Das ist lange her. Im Moment drehen sich irgendwie alle meine Gedanken um Schläuche flicken, Wanzen bekämpfen, Internetguthaben aufladen, bla, bla, bla! Ich will einfach wieder meine Ruhe haben. Einfach wieder befreit in den Tag hineinradeln und nicht auf jeden Meter an mein desolates Reifenmaterial, meine juckenden Beine oder sonst was Lästiges erinnert werden!

Einen Tag noch durchhalten. Dann kann ich morgen, an einem „freien“ Tag endlich alles abarbeiten und vielleicht danach wieder in mentaler Freiheit leben. Ich kämpfe mich also durch die glühende Hitze und die vielen, kleinen Anstiege. Es geht mühsam. Doch ich muss wenigstens bis zu diesem Strand kommen. Damit alles Leiden endlich ein Ende findet! Aber was jammere ich. Versuchen wir, gute Laune zum üblen Spiel zu bewahren. Party!!! Mir ist nämlich just in diesem Moment noch ein Ungeziefer ins Ohr gekrochen. Ein gutes, altes Stück Austropop. Ersetzt einfach nur „Eis“ durch „Wasch“ und ihr wisst, was heute Programm ist hier in El Salvador!

Babsi Balou – Hochsaison im Eissalon

Und weil´s gar so schön war, gleich noch einen. Ein bisschen Austrokaribik-Sound. Wir sind ja jetzt wieder am Strand, die Wellen rauschen, die Paradiesvögel kreischen von den Palmen, …woit´s ene Banane?

Fezzz – Willst du eine Banane?

 

Playa El Tunco, El Salvador (Hotel Jade (alias billige Surferabsteige))

Tages-Km: 49,84km / -Zeit: 4:11 h / -Höhenmeter: 789m

Gesamt-Km: 17.539km / -Zeit: 1.194h / -Höhenmeter: 160.495m

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282_Zick-Zack-Stich

Erst mal eins allem anderen vorweg: Der Reifen hält noch immer! Und die Tasche hält auch wieder – bis auf Weiteres. Was war sonst noch? Ach ja, genau: Da war noch was. Erinnert ihr euch? Ich hatte doch die Bettwanzen. Und nach dem ersten Ausrottungsversuch durch eine Waschaktion musste ich dem Problem ein bisschen Zeit einräumen. Um zu beobachten, ob tatsächlich alle Beißtiere dabei gestorben sind oder ob womöglich ein paar Eier überlebt haben, die jetzt dann bald eine neue Population schlüpfen lassen. Zur Beobachtung habe ich mir eines Abends alle meine vorhandenen Stiche und Bisse mit einem rosa Kringel markiert. Doch am nächsten Morgen waren an Zwei neuen Stellen wieder Bisse. Nur: Ich war nicht ganz sicher, ob ich diese in der Erschöpfung und Dämmerung nicht vielleicht übersehen hatte, zu kennzeichnen. Also ließ ich die Testphase noch ein bisschen weiterlaufen. Und heute Früh habe ich Klarheit: Erstmals hat mich was am linken Mittelfinger gebissen. Und das Muster: Wieder eine Linie. Es sind also noch ein paar Einzelgänger übrig!

Ich weiß also, was ich als erstes zu tun habe heute, wenn ich in den nächsten Zivilisationspunkt komme: Insektenmittel kaufen. Und anschließend mir ein Hotel nehmen, alles damit bearbeiten und nochmals waschen. Davide und das Internet sind sich einig, dass Naftalin hilft. Nur: Das kriegt man hier nicht. Zumindest in Guatemala, als ich in ein paar Apotheken schon danach gefragt habe, kannte dass keiner. Ich frage auch hier nochmal, aber negativ: Niemand will mir das verkaufen. Ich versuche also mein Glück mal in einer Veterinaria. Doch auch hier kriege ich das Zeug nicht. Es schreibt mir lediglich der Ladenchef etwas widerwillig dieses Wort auf einen Zettel. Er bestätigt mir also nochmal, dass das hilft. Aber bei ihm krieg ich das nicht. In Apotheken, meint er. Ich erkläre ihm, dass man es in Apotheken auch nicht bekommt. „Hier schon!“, meint er. Doch nachdem ich den ganzen Vormittag lang wie eine Nähmaschinennadel im Zick-Zack-Stich die Straße nach sämtlichen Apotheken und Veterinarias abgegrast hatte, stand fest: Auch hier kriegt man das nicht her! Es ist nämlich seit ein paar Jahren verboten, Naftalin zu verkaufen. Es gibt nur eine einzige Chance, an die weißen Duftperlen ranzukommen: Einen Straßenverkäufer mit Bauchladen. Das ist ein ganz bestimmter Typ. Als ich beginne, nach ihm zu fragen, kennt ihn jeder! Aber heute will er einfach nicht auftauchen.

Ich warte mit einem Kioskverkäufer am Straßenrand. „Bestimmt taucht er gleich auf!“, meint er. „Ich helf dir, den finden wir schon!“ Und siehe da: Er kommt! Da hinten in der Menge erspäht ihn mein Helfer schon. „Warten wir ab, bis er hier vorbei kommt. Dann pfeifen wir ihn rüber!“ Es ist ein junger Mann mit einer horizontalen Holzlatte, die er sich mit einem Strick über die Schulter gehängt hat. Daran baumeln viele, viele kleine Plastiktütchen. Aber bei genauerem Hinsehen sind da nur Hühner-und Schweinebildchen auf den Säckchen. „Tut mir leid“, meint er, „die Insekten hat mein Kollege. Aber der kommt heute nicht.“ Nun denn, ich beschließe, dass es vielleicht nicht das Schlechteste ist, wenn ich an dieses Giftzeugs nicht rankomme. Und ich investiere in eine grüne Dose anderes Giftzeugs, das den Übeltätern wohl auch den Garaus machen kann. Aber ganz legal in jedem Supermarkt erstanden werden kann. Und als ich das endlich in meiner Tasche habe, ist schon wieder Mittag und der Tag eigentlich gelaufen.

 

Barra El Maguey, El Salvador (Zelt)

Tages-Km: 63,88km / -Zeit: 4:00 h / -Höhenmeter: 229m

Gesamt-Km: 17.489km / -Zeit: 1.190h / -Höhenmeter: 159.706m

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281_B(itte) W(ieder) L(anglebig)!

Ich bin ganz zaghaft gefahren. Doch bis zum Abend hat er gehalten, der Reifen. Und den ganzen heutigen Vormittag und Mittag und Nachmittag bis zum Abend. Ich kann mir bis heute nicht erklären, woran dass gelegen haben könnte! War es die Druckveränderung beim Bergabfahren? Aber wird der Druck nicht weniger, wenn´s runter geht? Oder hat sich die Luft im Reifen plötzlich so ausgedehnt, weil es mit dem Bergabfahren wieder heißer wurde – deutlich heißer? Aber hätten sich diese beiden Faktoren nicht ausgleichen müssen? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, jetzt, da ich wieder unten auf der Ebene fahre, ist der böse Zauber vorbei!

Heute, je länger der Reifen Stand hielt, erarbeitete ich mir langsam wieder so etwas wie ein unbeschwertes Fahrgefühl zurück. Ohne ständig an eine potenzielle Panne zu denken! Und gerade als ich fast schon geglaubt hatte, jetzt wäre der Spuk vorüber, tat es hinten wieder einen Schlag! Ich konnte nicht sofort bremsen, weil ich beide Hände nach langer, langer Zeit wieder einmal zur Entspannung an die Hörnchen gelegt hatte. Es dauerte also gute Zehn Meter, bis ich zum Stillstand kam. Dabei wunderte ich mich noch, dass es mich nicht schon längst in die Büsche gesteckt hatte. Dass ich die Fahrtrichtung hatte ganz gut halten können. Dann mit beiden Füßen sicher auf dem Asphalt der Blick nach hinten: Kein Wunder, der Reifen war einwandfrei in Ordnung. Aber ich hatte die linke Tasche verloren. Bei einer kleinen Unebenheit im Straßenbelag hatte es mir diese aus der Halterung geschlagen! Und an einem Schnürchen hatte ich sie die Zehn Meter mitgezogen.

Ich wagte kaum, mir das Debakel anzusehen. Ich war sicher, dass ich das Ding so ohne weiteres nicht wieder zurück an den Gepäckträger schrauben können würde. Doch diesmal hatte ich Glück! Die Aufhängung war noch am Gestänge und die Tasche „einfach nur“ aus der Halterung gehüpft. ABER: Aus einer Halterung, aus der sie nicht hüpfen sollte! Wenn diese Sparfüchse bei VauDe einfach nur ein bisschen mehr Material für diesen Konstruktionspunkt offerieren würden! Dann würde das zu kurz bemessene Stahlstück nämlich nicht aus der Laufschiene springen. Oder die Laufschiene selbst wäre vielleicht auch aus Stahl und würde sich nicht, wie dieses Hartplastik, aufbiegen, dass das Stahlstück zu nicht mehr sicher gehalten ist. Herrgott, wie mich das nervt! Klar, man will Gewicht sparen. Aber das ist doch nur der Vorwand! In Wirklichkeit will man Produktionskosten sparen und eine Sollbruchstelle einbauen, damit die Dinger zeitig wieder kaputt gehen und man sich neue kauft. Ist es nicht so?

Aber eins kann ich euch sagen, ihr lieben Freunde bei VauDe: Garantiert kaufe ich mir nicht nochmal denselben Müll, der mir hier schon zum vermehrten Male immer denselben Ärger einbringt! Wenn ich tatsächlich in meinem Leben jemals wieder Fahrradtaschen kaufe und mit denen von VauDe schlechte Erfahrungen gemacht habe, dann gehe ich das nächste Mal doch sicher zum guten, alten Ortlieb, oder nicht? Es ist eure ressourcenverschwenderische, umsatzgenerierende Denkweise also nichts als kontraproduktiv! Das lasst euch gesagt sein. Und wenn ihr nicht so BWL-orientiert gedacht habt und diese Konstruktionsweise einfach nur aus Unerfahrenheit gewählt worden ist, dann macht das gefälligst in Zukunft besser. Und dann gebt auch gleich den Bändern ein bisschen Länge zu, damit man die Schnallen auch zu kriegt, wenn die Tasche bis zum Anschlag hin vollgeladen ist. Und lasst an der Schnalle ein bisschen Band überstehen, damit man es dort mit Zeigefinger und Daumen und nicht nur mit Hundert Jahre lang gewachsenen, gehärteten Fingernägeln greifen kann, um den Gurt auch – nach Einrasten der Schnalle – wirklich festzurren zu können! Verdammt noch eins: Probiert ihr eigentlich einmal eure Produkte aus, bevor ihr sie auf den Markt werft? Natürlich nicht. Kann ja nicht sein! Denn sonst würden die Dinger derartige Schwachpunkte nicht aufweisen. Aber wenn ihr selbst schon nicht eure Sachen einer ausreichenden Prüfung unterzieht, dann unterstützt gefälligst Reisende, die euch eure Ware im wahren Leben auf Tauglichkeit testen mit einem angemessenen Sponsoring!

Ist doch wahr. Muss doch mal gesagt sein! Und Gleiches gilt für die Nahtzugabe an den Packsäcken von Schlafsäcken, Luftmatten, Rucksäcken, Kleidungsstücken. Nahtzugabe, offene Gewebeenden verschweißen, -kleben, -nähen, -knoten, versiegeln halt! Ihr seid nämlich keinen Deut besser als VauDe! Ihr alle, die ihr es nicht fertigbringt, einen Schlafsacksack so zu nähen, dass er öfter als einmal Auspacken und wieder reinstopfen ohne ausgeschissene Nähte überlebt!

Soda. Fertig gestänkert. Der Rest des Tages war einwandfrei. Ich habe die letzten Kilometer auf dem Weg zur Grenze nach El Salvador heute sehr genossen. Die Leute, die meinen Weg gesäumt haben, sind alles andere als von Touristen verwöhnt und haben sich ausnahmslos gefreut, mich durchreisen zu sehen. Das konnte ich ganz deutlich spüren! Sie haben freundlich gelächelt und gegrüßt und mir zugewinkt. Und im Restaurant kurz vor der Grenze, als ich noch ein paar Quetzal unter das Volk bringen wollte, hatte ein Herr schon für mich bezahlt. Einfach so. Das war toll! Das war ein guter, letzter Eindruck von dem sonst eher etwas wechselhaften Guatemala. Und weil mich das so gefreut und beschwingt hat, wurde ich wohl anschließend mit einer richtig guten Businessidee für meine Zeit nach der Reise gesegnet. Aber die verrate ich euch noch nicht! Jetzt bleiben wir erst Mal in der Präsens und schauen uns El Salvador an.

 

Cara Sucia, El Salvador (Zelt)

Tages-Km: 80,99km / -Zeit: 5:01 h / -Höhenmeter: 627m

Gesamt-Km: 17.425km / -Zeit: 1.186h / -Höhenmeter: 159.476m

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Bierbankschädel

Endlich in der Hängematte! Die Empfehlung für El Salvador lautete einstimmig: El Tunco Beach. Und hier bin ich seit gestern Abend. Ich nächtige für Zehn US-Dollar in einem Surferhotel direkt am Strand. Vor meinem Zimmer eine kleine Gemeinschaftsterrasse mit Blick auf die Wellen. Und eben einer Hängematte, deren Namen sich mir soeben von selbst erklärt, ohne, dass ich mich jemals nach dessen Ursprung gefragt hätte. Man legt sich rein, wenn man einen Hänger hat und sich matt fühlt! Es ist das Ding für die Hängematte (Frau)…

Seit Vorgestern bin ich nun in El Salvador. Zum Glück, hatte ich mir beim Grenzhäuschen gedacht! Zum Glück habe ich dieses lästige Guatemala hinter mir. Nicht, dass mir das Land objektiv betrachtet so schlecht gefallen hätte! Aber aus meiner persönlichen, subjektiven Sichtweise war es einfach brutal lästig! Ihr müsst wieder in die Vergangenheit lesen, denn zu den jeweiligen Ist-Zeitpunkten hatte ich alles andere als die Zeit und Muße, mir einen vernünftigen Blogtext einfallen zu lassen. Das hole ich jetzt nach. In der Hängematte. Aber bevor ihr von Vorne anfangt mit Lesen, lasst mich kurz den heutigen Tag zu Ende bringen:

Wie immer, bei einem Tag Zwangspause, geht der Tag schon gestern los. Gestern Abend kam ich also in El Tunco an. Allererster Tagesordnungspunkt: Wäsche waschen. Die Wäscherei habe ich auf dem Weg durch´s Dorf gottlob schon gefunden. Mir blieben noch eineinhalb Stunden, bis sie schließen wollte. Und damit, um mir eine Bleibe zu suchen, mich zu duschen, alle, aber ganz und gar alle meine Kleidungsstücke in einen Sack zu stopfen und zur Wäscherin zu bringen. Das klappte! Gut, dass ich in Mexiko noch ge-shoppt habe! Das neue Teil – seit dem Kauf sicher geschützt in einer Plastiktüte verstaut – hat mich jetzt vor dem Flitzen bewahrt! Danach ein normales Abendprogramm, nichts weiter Aufregendes. Um mein Zelt noch auszupacken und auf der Terrasse aufzubauen und mit meinem Insektenmittel zu besprühen, fehlte mir schlicht die Kraft. Bin nach dem Ausflug zum Wok einfach umgefallen und eingeschlafen! Dafür holte mich das heute ein: Zelt, Luftmatratze, Gepäcktaschen an die Luft und giftig bestäuben. Klingt nicht so wild, ist aber eine mäßig spaßige Arbeit und kostet ganz ordentlich viel Zeit, weil man am besten in jede Ritze hineinputzen sollte, wenn man einigermaßen sichergehen will, dass man alle eventuell und potenziell existenten Viecher und Eier erwischt. Aber ich lasse auch diese Aufgabe, die mir das Universum gestellt hat, über mich ergehen und erledige sie Stück um Stück.

Dann ist endlich Mittag, alle Ekelarbeit verrichtet, die Wäsche sollte jetzt schon das Dritte Mal in der Trommel wirbeln und bis ich sie in der Lavanderia abholen kann, bleibt mir endlich ein bisschen Zeit zum Verschnaufen. Was zu essen besorgen, mich in Ruhe auf die Terrasse setzen und vielleicht ein bisschen Blog tippen… Aber vorher hole ich noch schnell Geld beim Automaten.

Nein, hole ich nicht! Denn meine Kreditkarte befindet sich nicht dort im Geldbeutel, wo ich sie für gewöhnlich einschiebe. Und sie befindet sich auch nicht in einem anderen Fach im Geldbeutel. Sie befindet sich überhaupt nicht im Geldbeutel! Und gleich drauf „daheim“ im Hotelzimmer stelle ich fest, dass sie sich auch nicht in meiner Handtasche, in meiner pinken Kiste, in, hinter, unter meinem Bett und Nachbarbett oder gar sonstwo befindet. Sie ist einfach verloren! Oder gestohlen. Wie auch immer, weg jedenfalls.

Ich kontrolliere meinen Kontostand: Alles noch da. Das ist gut! Da werde ich jetzt gleich alles rüber überweisen auf mein anderes Konto. Doch die Tan für die Onlineüberweisung kommt entweder per Postkutsche oder überhaupt nicht mehr. Bisher jedenfalls ist keine der beiden angeforderten hier aufgeschlagen. Da blieb mir nur die Radikalvariante: Kartensperrung! Doch ich wusste nicht, dass man diese nicht mehr rückgängig machen kann für den Fall, dass die Karte wie durch ein Wunder wieder auftauchen würde. In der Wäscherei zum Beispiel! Für diesen Hinweis hatte die Dame am anderen Ende der Sperrtelefonleitung offenbar keine Zeit. Klar, so eine Kartensperrung eilt ja auch! Aber erst mal lässt sie mich minutenlang in der Warteschlange hängen. Denn: Soooo eilt es dann ja nun auch wieder nicht: „Tut uns leid, aber es rufen gerade sooo viele an…“ Und als ich sie endlich an der Strippe hatte, die olle Kuh, und mir nach Tötung meiner bisher so getreuen Geldquelle den Hinweis erlaubt habe, dass sie mich zuvor wenigstens darauf hinweisen hätte können, dass man eine Sperrung nie, nie, nie wieder rückgängig machen kann, meinte sie: „Nö, darum überlegt man sich ja normaler vorher, ob man die Karte wirklich sperren lässt.“

Aaaahso, man überlegt da. Man sucht sich erst Zettel und Stift, macht damit in der Mitte des Blattes einen vertikalen Strich, schreibt oben links „Pro“ und rechts „Kontra“ hin und dann zählt man sich erst mal die Punkte zusammen, die entweder für oder wider eine Kartensperrung sprechen. So macht man das, wenn man das professionell macht. Dauert auch nicht viel länger, als ein „Sie wissen, dass eine Kartensperrung nicht aufgehoben werden kann?“

Was soll ich sagen, ein Glück, dass mir dieser Talentklunker von einer Servicedame am Ende nicht die falsche Karte gesperrt hat in der Eile! Denn dann hätte ich jetzt ein echtes Problem. So habe ich ja noch mein Back-up in Blau. Aber dafür kein Back-up mehr!

Wie auch immer. Es ist eigentlich nichts Schlimmes passiert. Aber ich fühle mich, als käme ich seit Tagen vor lauter kleinen Himbeerzweigen zwischen den Hosenbeinen nicht mehr so recht ins Laufen. Ich strauchle die ganze Zeit. Und es hört nicht auf. Ich kann mich einfach nicht befreien! Es sind allesamt keine wirklichen Probleme, aber extrem lästige, kleine Lästigkeiten. Stellt euch vor, euch fällt etwas unter einen endlos langen Tisch. Eine Bierbank im Paradies zum Beispiel: Man denkt sich, man kniet kurz auf den Boden und krabbelt ein bisschen dem verlorenen Stück nach. Dann rollt es ein bisschen weiter. Und man krabbelt noch ein bisschen weiter unter den Tisch. Dann schnappt man den Ausreißer und springt zurück auf die Füße…doch ein Momentchen zu früh, der Tisch ist noch nicht aus! Und man haut sich eine böse Beule an den Schädel. Schnell den Schmerz verreiben, noch ein bisschen weiterkrabbeln und… rumms! Noch ein Blinker. Immer noch der Tisch. Und so geht das weiter und weiter und nimmt kein Ende. Man krabbelt und krabbelt und krabbelt und holt sich doch nichts als blaue Flecken am Haaransatz!

 

Playa El Tunco, El Salvador (Hotel Jade (alias billige Surferabsteige))

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