Kategorie-Archiv: Guatemala

280_Desperada

Schwamm über den Ärger von gestern. Der Abend im Hostelzimmer hat mir nämlich einen sehr angenehmen Abschluss dieses Tages gebracht: Einen Zwillingsbruder sozusagen! Ich war gerade dabei, mein Telefon herunterzufahren und mich nach intensivem Gähnen endlich auf´s Ohr zu hauen, geht die Tür zum Schlafsaal auf. Och nee! Kommt da noch einer. Auch noch ein Typ! Wirft erst mal seine Beutel, Säcke und Schuhe in den Raum und scheint auch noch ein ganz aufgeweckter zu sein. Er stellt sich gleich ganz proaktiv vor. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig: Angela! Und er fragt mich auch noch gleich, wo ich denn her sei. Aus Deutschland! Dann macht er kehrt und im Hinausgehen, um noch mehr Kram aus seinem Auto zu holen, wirft er mir seinen Reisepass zu. „Ein deutscher Reisepass?“, frage ich. „Ja, ja, mein Opa war Deutscher“, meint er. Aber er selbst sei aus Puerto Rico. Dann verschwindet er. Und ich blättere in seinem Pass. Was ich damit jetzt soll, ist mir ein bisschen schleierhaft. Doch da bleibe ich am Geburtsdatum hängen und bin plötzlich wieder hellwach: Das ist ja mein eigenes! Wie cool, der hat am selben Tag Geburtstag! Dann kommt er wieder zurück. Und ich drehe den Spieß um: Werfe ihm meinen Pass hin. Er stutzt genauso. Dann weise ich ihn auf das Datum hin. Und seither kenne ich jemanden, der am gleichen Tag wie ich auf diese Welt gekommen ist. Nur auf der anderen Seite der Kugel. Cool irgendwie!

Aber eigentlich spielt das für den heutigen Tag keine Rolle. Heute war er nämlich da: Ein absoluter Scheißtag! Ich glaube, so einen wie heute hatte ich bislang auf der ganzen Reise noch nicht! Verwunderlich eigentlich, dass ich das alles irgendwie ganz locker einstecke. Muss wohl wirklich schon gelernt haben, auch in der bekniffensten Situation cool zu bleiben. Das kam also so: Ich fuhr aus der Stadt, ein bisschen eben ging´s dahin. Und dann begann das Ende der Guatemaltekischen Berge! Es ging hinunter. Bis fast auf Meeresniveau wollte ich heute absteigen! Wollte. Denn vorher haute es mir wieder einen Stöpsel aus dem Hinterreifen. Schon wieder! Es war nicht auszuhalten! Ich zerlegte wieder die ganze Maschine. Wieder ein langer Schlitz im Schlauch! Und wieder war das Ventil heil geblieben. Wenigstens das zerstäubte mir meine Zweifel, dass die Flickerei am Felgenband tatsächlich eine Verbesserung gebracht haben könnte. Es schien jetzt zu halten! Doch wie sollte ich mit dieser „Qualität“ an Schläuchen bis nach Rio kommen? Oder wenigstens bis Managua, wo schon meine beiden Päckchen von Mama auf mich warteten?

Ich zog den letzten, neuen Schlauch auf, den ich hatte. Zum Glück hatte ich letztes Mal gleich Zwei Stück gekauft! Und als alles repariert war beschloss ich, auch den beiden Schlitzen eine zugegeben etwas utopische Chance auf Heilung zu geben: Ich wagte einen Klebeversuch. Somit hatte ich jetzt einen unversehrten Schlauch auf der Felge und Drei mehr als riskant geflickte in meiner Gepäcktasche. Das bedeutete auf jeden Fall: Nächster Fahrradladen, Schläuche kaufen! Doch so weit kam ich gar nicht erst. Keine Drei Kilometer weiter wuchtete es mich nämlich schon wieder aus der Fahrbahn! Und da wusste ich schon, dass ich jetzt ein bisschen in der Sch… steckte! Die nächste Stadt noch gute Zwanzig Kilometer weit weg und nichts Anständiges mehr an Auswechselmaterial. Ich zog probehalber noch die Drei Schläuche auf, die ich geflickt hatte – einen nach dem anderen. Aber die schlimmste Befürchtung bestätigte sich umgehend: Keiner hielt die Luft.

Jetzt saß ich da am Straßenrand. Mit Vier kaputten Schläuchen: Zwei explodierte und Zwei am Ventil ausgerissene. Das war ein absoluter Tiefpunkt. Ich war mit meinem Latein am Ende! Offenbar hielt die Reparatur am Felgenband doch nicht. Es war auch eigentlich klar: Dieser Schmierfink in Puerto Escondido hat das Tape erst Fünfzig Mal durch seine schwarzöligen Finger gelassen, bevor er es aufgezogen hatte. Und zudem hatte er das Plastikband darunter nicht ausgebaut. Wie sollte dieses „neue“ Tape jemals am Untergrund haften können? Letztendlich hatte mich dieser ganze Werkstattbesuch nichts als Ärger und Summa Summarum Fünf Schläuche als Folgeschäden gekostet! In meiner Wut riß ich erst mal alles raus. Weg mit dem Graffel! Nur: Ein neues Felgenband war ja hier nicht aufzutreiben gewesen. Ich hatte schon in den letzten beiden Werkstätten bzw. Läden danach gefragt und die Antwort war immer dieselbe gewesen: So was haben wir nicht! Ich war schon drauf und dran, dass gute alte Duct-Tape aufzuziehen. Der Freund von Liz hatte mir diesen Tipp gegeben. Aber mir kam noch eine andere Idee: Hansa Plast. Das ist immerhin ein bisschen rauher auf der Oberfläche und hat exakt die Breite, die die Felge innen hat. Wir werden sehen, wie weit mich das bringt!

Jetzt musste ich erst Mal von der Straße runter. Und dazu fuchtelte ich ab sofort bei allen Pich-Ups mit leerer Ladefläche mit beiden Armen. Der Dritte hielt auch schon an! Und ich unterbreitete ihm das Angebot, mich gegen Bezahlung in die nächste Stadt zu einem Fahrradgeschäft zu chauffieren. Und er willigte ein. Für Fünfzig Quetzal – umgerechnet etwa Sechs Euro. Ich durfte auch hinten bei meinem zerlegten Reiseapparat mitfahren. Aber gut so, denn so habe ich wenigstens ein bisschen den Wind der Abfahrt – der wohl mit längsten Abfahrt der ganzen Reise – in den Haaren spüren dürfen. Obwohl es einfach nur zum Weinen war: Sechs Tage lang habe ich mich nur bergauf gekämpft. Und jetzt, da es endlich hinunter ging auf die andere Seite von Guatemala…

Die Jungs fuhren in die Stadt. Und wie erwartet war das hier ein bisschen der (vogel)wilde Westen! Alles erinnerte mich ein bisschen an Indien: Dreck, Müll, stinkende Mofas, die uns überholten von allen Seiten und einsetzender Regen. Und zum zergehen schwül. Eklig, einfach nur eklig! Wir bugsierten uns durch sämtliche Geschäftsstraßen der Kleinstadt, mitten durch den Gemüsemarkt und schließlich wollten sie mich an einem Loch von Fahrradreparaturstelle absetzen… ich sah eigentlich nur Schwarz: Schwarze, gebrauchte Mäntel und Schläuche, alle auf einen Haufen geworfen, schwarze Ölkännchen, schwarze Lappen, die am Boden rumlagen, Schwarze Holzwände, Schwarz, Schwarz, Schwarz! Und ein Verkaufstresen? Ja nicht davon zu träumen! Nicht mal in Schwarz! Hier gab es nur alltes Glump, noch älter und schändlicher als das, was ich schon dabei hatte. Da verweigerte ich glatt jegliche Bewegung und klammerte mich fest an das Gestänge hinten auf der Ladefläche: Por favor, zu einem richtigen Fahrradgeschäft! Zum allerbesten, das du kennst!

Immerhin: Der Fahrer nickte gleich verständnisvoll. Doch mir wurde ganz anders, als ich sah, was an der Ladefläche an Geschäften vorbeizog: Indien! Doch einen, einen haben wir gefunden! Er reparierte zwar keine Schläuche, aber er verkaufte wenigstens welche. Neue! Und ich nahm diesmal gleich Fünf mit. Und die Reparatur nahm ich selbst vor. Auf der Straße vor seinem Laden. Und natürlich unter allerlei begutachtenden Augenpaaren…

Endlich fertig! Alles wieder fest auf das Rad geschnallt, es kann endlich wieder weitergehen! Doch geben wir der ganzen Aufregung noch ein bisschen Zeit, sich zu setzen. Und essen was, bevor wir weiterfahren. Da komme ich aus der Bäckerei und denke mir: Die Kette ist aber verdammt locker! Ich schaue genauer hin: Die Kette ist verdammt noch mal hinten nicht auf dem Ritzel! Und das heißt bei einer Rohloff-Schaltung im Klartext: Der Reifen muss nochmal raus. Boah, ich hätte kotzen können! Sollte ich jetzt wieder alles runternehmen? Die Kiste, die Taschen? Ich schob erst Mal ein Stück die Straße runter. Hauptsache aus der Sichtweite des Fahrradladens. Das wäre ja auch zu peinlich! Dann rettete mich ein McDonalds: Er bot mir einen großräumigen und blitze sauber gefegten Parkplatz wo ich nochmal ran konnte. Ich versuchte mein Glück, indem ich das Rad, wie es war, einfach auf die Seite legte. Und siehe da: Es ist gut gegangen. Was für ein Tag!

Es war Drei Uhr am Nachmittag und ich war von oben bis unten durchgeschwitzt und… Schwarz. Pfuigittigitt! Heute hat es mich gekriegt, mein Schicksal. Heute hat es mich geschlagen. Und mit hängendem Kopf schlich ich noch auf die McToilette, um mich wenigstens ein bisschen zu waschen. Und dann musste ich wohl wieder Fahrrad fahren. Aber ich hatte Angst, auch nur aufzusteigen. Nicht, dass gleich wieder etwas in die Luft geht!

 

Taxisco, Guatemala (Zelt)

Tages-Km: 60,65km / -Zeit: 3:28h / -Höhenmeter: 176 – 233m (?) / 2xPlatten

Gesamt-Km: 17.344km / -Zeit: 1.181h / -Höhenmeter: 158.848m

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Hitlerkinder

Ein kleiner Verdauungstest heute auf dem Markt von Antigua Guatemala: Ich schlendere durch die Buden und entdecke einen Stand mit Ohrringen. Sie gefallen mir. Alle! Und das sage ich dem Künstler, der ein bisschen versteckt hinten an einem Tischchen hockt, Zange und Draht in der Hand. Und ob mir der Künstler auch gefalle?

Gut, dass ich diese Frage mit einer Gegenfrage beantwortet habe! In welcher Hinsicht, wollte ich wissen. Dann ging es ein bisschen hin und her. Ich redete über Ohrringe, er über was anderes. Bis ich den Preis wissen wollte. Fünfundsiebzig Quetzales. Sind ein bisschen weniger als Zehn Euro. Aber angemessen, wie ich fand. Nur: Im Ohrloch eingehängt gefielen sie mir nicht mehr so gut. Dafür aber ein anderes Paar. Und dummerweise hatte ich mir das auch in einer kleinen Reaktion anmerken lassen. Diese Dinger waren eigentlich schon gekauft! Ich fragte nur sicherheitshalber nochmal nach dem Preis. Aber der Künstler war nicht dumm! Er hatte natürlich bemerkt, dass mich dieses Paar Klunker überzeugt hatte. Und der Preis war Hunderfünfundzwanzig. Für dich: Hundert.

Ach? Warum kosten die jetzt auf einmal mehr? – Weil das mehr Arbeit ist, meinte er. Und ich wollte dann natürlich wissen, wie lange er denn dafür brauchen würde. – Ach, das geht ganz flugs. Eine halbe Stunde, fertig! Da habe ich ihn gepackt: Für eine halbe Stunde verlangt er also Zwölf Euro. Wenn ich da mal kurz überlegen darf… in Deutschland mit Hochschulabschluss habe ich das nicht verdient! Jetzt wird er zickig. Weil er sich ärgert, dass er sich das mit der halben Stunde entlocken hat lassen. Er war stolz darauf, klar. Weil er das seit Fünfzehn Jahren macht und dementsprechend erfahren ist im Umgang mit Draht und Werkzeug. Aber mir erschien der Preis sportlich hoch für Guatemala! Ich bezahle Fünfzig für mein Bett im Hostel. Schlafsaal. Aber trotzdem! Und ich habe gestern beim Abendessen mit Liz und Brandon auch Fünfzig bezahlt. War ein mittelgutes Lokal. Und für einen Kaffee bezahlt der Einheimische hier Zehn Quetzales. Ein Espresso kostet nur Fünf. Ich hätte also eher dort den richtigen Preis gesehen: Bei Fünfzig Quetzales. Einer Nacht im Hostal, ein Essen im Restaurant, Drei bis Fünf Kaffees. In dieser Relation werden doch auch in Deutschland Straßenkünstler bezahlt, oder nicht? Zehn, Fünfzehn Euro für ein paar Ohrringe ohne Garantie auf Materialverträglichkeit und Echtheit der Steinperle. Und ohne Steueranteil des Künstlers!

Aber er empfand dieses Einstiegsgebot, das ich mir sicherlich noch um Dreißig Q nach oben handeln hätte lassen, als hochgradige Beleidigung. Er zeigte mir seine geschundenen und hornhäutigen Finger vom dauernden Umgang mit der Zange. Dann erklärte ich ihm, wie mir nach einem langen Bürotag manchmal der Rücken schmerzte. Und so ging es eine Weile hin und her. Bis für mich eigentlich feststand: Hier kaufe ich wohl doch nicht! Und das hat er wohl genauso gespürt wie Anfangs meine Sympathie für seinen Schmuck. Doch das gefiel ihm natürlich nicht, dass er mich mit einer dummen Argumentationskette als Kundin verspielt hatte, wo ich doch so sicher kaufen wollte. Sie waren nämlich wirklich schön! Aber manchmal manövriert man sich eben in eine Enge. Man diskutiert und kann nicht nachgeben. Keiner von beiden. Und am Ende kommt genau das Gegenteil von dem raus, was man anfangs erreichen wollte.

Wir trennten uns an diesem Nachmittag mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Ich an ihn. Nachdem er mir erklärt hatte, ich sei schlimmer als Hitler. Hija de Hitler, hija de Hitler, hija de Hitler sagte er in einem fort. Hitlers Tochter, heißt das. Ich warf ihm anfangs noch an den Schädel, dass er doch überhaupt nichts über Hitler wisse. Aber er war wie ein hängengebliebenes Tonband. Hija de Hitler, hija de Hitler, hija de Hitler! …dann habe ich das Feld geräumt. Aber meinen Stinkefinger habe ich ihm dagelassen!

Er hatte ja auch Recht, so ist es ja nicht. Mich hätten diese paar Euro mehr auch nicht am Hungertuch nagen lassen. Aber genauso wenig schien mir sein Ranzenansatz ein Hungerbäuchlein zu sein! Und meine Intuition schätzte ihn so ein, dass er einfach zu hoch gepokert hatte bei mir. Wie auch immer: Es blieb ein wirklich unangenehmer Eindruck von diesem geldnötigen oder geldgierigen Land – ich will mich hierzu nicht festsetzen. Sicher gibt es hier wirklich arme Leute. Aber mein Problem ist immer das folgende in so einer Situation: Was tun sie mit den Fünfzig bis Hundert bis Fünfhundert bis Tausend Prozent, die ich mehr bezahle? Gar nichts nämlich. Es hat keiner von denen einen Traum, eine Vision, einen Plan oder vielleicht noch nicht einmal eine Chance, einen potenziellen Plan jemals in die Wirklichkeit umzusetzen. Sie würden uns Touristen hoffnungslos ausnehmen. Ohne Limit, ohne Skrupel, ohne Schamgefühl. Da bin ich mir mittlerweile absolut sicher! Aber keiner von ihnen würde an seiner Situation was ändern. Ich frage mich, was einer wohl tun würde, wenn ich ihm einfach so einen Tausender auf die Hand legen würde…

 

Antigua, Guatemala (Hostal San Jeronimo)

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279_Immer noch Wasser und wieder mal Gummi

Ja, über dieses Thema habe ich mich noch lange aufgeregt gestern Abend. Und auch heute Vormittag hat es mich bis zu meiner Ankunft in Patzún nicht losgelassen: Wenn ihr mich in diesen Stunden gefragt hättet, was ich aus dieser Reise gelernt habe, dann hätte ich euch mit Sicherheit vom Wasser erzählt! Ich hätte entweder fürchterlich abgelästert über diejenigen, die hier ihren Müll einfach am Straßenrand wegwerfen. Oder in den Bergbach hineinwaschen, -pinkeln, -kacken, … wo Zweihundert Meter weiter unten das nächste Dorf sich eigentlich sein Trinkwasser ziehen würde. Ich würde vielleicht auf meine geliebten, alten Römer verweisen, die es damals schon wie keine andere Hochkultur vor ihnen verstanden haben, Schmutzwasser von Trinkwasser zu trennen. Was sind das nur für Menschen, die das nicht schaffen? Ich meine, gut: Die haben hier kein Abwassersystem. Aber wenigstens schöpfe ich doch das Wasser, das ich zum Waschen brauche, aus dem Bach heraus und schütte die Dreckbrühe ein paar Meter weiter drüben in den Wald, oder nicht? Nein, nicht. Der Mensch ist so ein Schwein manchmal. Ich glaube, er ist das einzige Lebewesen, das es tatsächlich fertigbringt, in die schönste Ecke des Bushäuschens zu pissen. Weil´s da eben jetzt gerade so schön ist. Und wenn seine Kinder oder gar er selbst am nächsten Morgen in dieser Ecke auf den Nahverkehr warten muss, dann stinkt´s halt. Mei.

Aber ich sollte mich nicht auf die schlechten Beispiele konzentrieren. Damit motiviert man sicherlich keinen zur Besserung. Ich widme diesen Blog also all denjenigen, die auf unser Wasser aufpassen. Die es sparen und sauberhalten. Die es ihren Gästen mit Stolz anbieten. Weil nämlich, wer sauberes Leitungs- oder Brunnen- oder Quellwasser anbieten kann, ganz bestimmt ein vorbildlicher und nachahmenswerter Schätzer und Pfleger dieser lebenswichtigen Ressource ist. Ich denke an all diejenigen, die ihre Kaugummipapierchen und Zigarettenstumpen nicht versehentlich verlieren und ihre Brotzeitfolien von der Bergtour wieder mit heimbringen, um sie dort ordnungsgemäß zu entsorgen. Die vielleicht sogar in teureres, ökologisch besser abbaubares Waschmittel investieren oder gar ihre Kleidung erst einmal Zwischenlüften, bevor sie sie der Waschmaschine übergeben. An diejenigen, die darauf achten, spritzmittelfreies Obst und Gemüse zu kaufen und diesen Einkauf mit dem Fahrrad erledigen. An… ach, ich denke, ihr wisst schon, wen ich alles vergessen habe, aufzuzählen. Euch jedenfalls sei dieser Blog gewidmet. Denn ihr habt schon verstanden, wie wertvoll Wasser ist und wie aufgeschmissen wir ohne es sind.

Und jetzt widme ich mich noch einem ganz anderen Thema: Nämlich Fahrradschläuchen. Wenn ihr glaubt, dass ich, nachdem ich endlich wieder ganz oben in Patzún angelangt war, die Bergabfahrt nach Antigua „reibungsfrei“ hätte genießen können, dann irrt ihr euch! Es hat wieder angefangen. Das komische Gefühl im Hinterreifen. Das Ich-weiß-nicht-was-es-wirklich-ist-Aber-es-fühlt-sich-nicht-gut-an-Gefühl. Irgendwie bin ich total verunsichert. Ich vertraue meinem Fahrrad nicht mehr! Und das treibt mich langsam in den Wahnsinn. Aber immerhin: Meine Unsicherheit bestätigt sich – wieder kurz vor dem Erreichen des Tagesziels – in einem Instant-Platten. Puff, Luft weg! Ich war sicher, dass es wieder das Ventil sein musste. Doch es kam schlimmer: Der Schlauch war geplatzt! An einer Klebenaht ein langer Schlitz von gut eineinhalb Zentimetern Länge. Die gute Nachricht daran: Meine Reparatur-Arbeit am Felgenband hat offenbar Verbesserung gebracht. Die schlechte Nachricht: Wenn mir jetzt schon die Schläuche einfach willkürlich unter dem Hintern wegplatzen, wie soll das weitergehen?

 

Antigua, Guatemala (Hostal San Jeronimo)

Tages-Km: 58,01km / -Zeit: 4:54h / -Höhenmeter: 695m / Platten

Gesamt-Km: 17.284km / -Zeit: 1.177h / -Höhenmeter: 158.672m

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278_Wasserratten

Der Tag beginnt sehr positiv: Ich rolle fröhlich ins Dorfzentrum von Panajachel und genehmige mir erst einmal eine essfertige Tüte Magos für Fünf Quetzal – ungefähr Sechzig, Siebzig Cent umgerechnet. Von dem Obststand aus sehe ich einen Kiosk, der Trinkwasser in ganzen Gallonen verkauft. Check, Wasser haben wir. Also nur noch ein Supermarkt und ein Radladen, um mir neue Schläuche zu kaufen. Vorher aber nochmal ein Tütchen Mangos! Dann bleibe ich bei einer Vitrine Brot und Backwaren hängen. Und es entpuppt sich dieser Glasschrank als die Auslage eines für meinen Geschmack Delikatessenladens: Es gibt richtig gutes, deutsches Vollkornbrot, Croissants, hausgemachte Haferflockenkekse, Erdnussmus allerlei lokaler Herkunft, Käse, Schinken, Kaffee, alles, was mein Herz begehrt! Natürlich muss ich mich bremsen, um nicht gleich den ganzen Laden zu kaufen. Aber trotzdem kostet mich dieser heutige Lebensmitteleinkauf ein mittleres Vermögen: Ungefähr Fünfzig Euro lasse ich da liegen! Aber dafür habe ich jetzt wieder gemahlene Erdnüsse und Granola und Brot, Brot, Brot! Dann zum nächsten Laden und ein nächstes, mittleres Vermögen loswerden: Im Fahrradgeschäft. Kaufe diesmal lieber gleich Zwei Schläuche. Sicher ist sicher.

Dort habe ich Liz getroffen. Sie lebt jetzt hier und fährt leidenschaftlich und halb-professionell Mountainbike. Wir fahren gemeinsam aus dem Städtchen und ich genieße die paar wenigen Minuten mit ihr. Dann biegt sie ab und für mich geht´s bergauf. Die nächsten Stunden! Erst gegen Abend bin ich endlich wieder auf Nieveau und kann auf den Kratersee herabblicken. Ich atme tief durch und will noch schnell Wasser organisieren, bevor ich gemütlich dem Feierabend entgegenfahre.

Ha… ha… ha! Ich frage in einem Werkzeugladen, ob sie mir für ein bisschen Geld meinen Kanister auffüllen würden. Doch das würden sie nicht. Ich könne ja schließlich gleich da rüber gehen und mir Wasser im Laden kaufen. Da platzt mir aber die Hutschnur! Ich erkläre ihnen, dass ich es nicht einsehe, warum ich für Trinkwasser so teuer bezahlen sollte… mehr, als was die Einheimischen bezahlen! Denn eine Flasche mit Zwanzig Litern direkt aus der Purifikadora kostet die Leute hier Achtzehn Quetzales. Eine Eineinhalb-Liter-Touristen-Flasche hingegen kostet mich Acht. Ich erwarte ja kein purifiziertes Wasser umsonst. Obgleich ich eigentlich nicht verstehe, warum ich für die Purifizierung bezahlen soll, wenn die Dreckbären hier ihr Bergwasser nicht sauberhalten können! Normalerweise würde ich meinen Kelch nämlich in den Bächen hier auffüllen. Wir befinden uns immerhin auf Zweieinhalbtausend Metern über dem Meer und mitten im Gebirge. Also wenn hier das Wasser von Natur aus nicht eigentlich sauber wäre, wo sonst? Am Ende meines Kurzvortrags bietet mir der Ladeninhaber an, er könnte mir den Kanister an der Hausleitung füllen. Das trinke er selbst auch. Und ich bitte darum. Wagen wir den Versuch.

Es steht mittlerweile alle Kundschaft um mein Fahrrad herum und ein anderer Herr will jetzt wissen, wo ich als nächstes hinfahre. Dann gibt er mir ein paar Tipps zu den Straßen. Er war derjenige, der von Anfang an auf meiner Seite war und gemeint hat: Wir wollen ja nicht, dass die von uns denkt, wir seinen schlechte Leute hier in Guatemala! Doch dann klinkte sich der Ladeninhaber wieder ein und revidierte die Hinweise zu den Straßenverhältnissen seines Kunden: Nein, nein, fahr du nur gerade aus! Da geht´s ein bisschen bergab, dann ein bisschen bergauf und schon bist du auf kürzestem und direktestem Wege in Patzún. Auf meine ausdrückliche Nachfrage hin bestätigt er mir noch Zwei Mal, dass es wirklich nur ein bisschen bergab und noch ein kleineres bisschen bergauf gehen würde.

Ich komme zur Kreuzung am Ortsausgang, die Straße, die links abbiegt, zieht flach an. Die, die geradeaus weiterführt, bricht fast senkrecht ab! Und so geht es weiter, Kurve um Kurve, Schlagloch um Schlagloch, bis ich schließlich wieder ganz unten im Loch festhocke. Dann geht´s bergauf. Und schon gleich so sakrisch, dass ein Fahren nicht anzudenken ist! „Na, Frau Buhl, Frau Wasser-Wichtigtuer, wie schmeckt Ihnen der Feierabend?“ So höre ich den Werkzeugtypen schon denken. Dieser Idiot! Hat mich voll auflaufen lassen. Aber von dem lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen, von dem nicht!!!

Es geht wirklich nicht weit bergauf. Und schon schäme ich mich ein bisschen für die üblen Unterstellungen an meinen widerwilligen Wasserspender. Es geht bergab. Hinunter bis wieder ins Loch. Und dann? Klar, wieder bergauf. Wieder nur für ein gutes, halbes Stündchen. Aber Schieben ist angesagt! Und während ich mich wieder in höhere Gefielde kämpfe, krame ich wieder meine Beschwörungstheorie hervor: Das hat der absichtlich gemacht! Vermutlich, dass ich sehe, wie einfach und arm hier die Leute leben. Und warum ich als weißhäutiger Tourist Wasser kaufen soll! Doch damit kriegt der mich nicht. Was will der denn? Die leben doch im Paradies! Haben alles, was man braucht, um glücklich zu sein: Sonne, Wasser, Regen. Es wächst Gras für die Kühe und es wachsen Ananas, Bananen, Magos, Papayas und alles nur erdenkliche Gemüse für die Leute hier. Der soll mal in ein Büro hocken für ein Jahr und dann beurteilen, welche von beiden Lebensweisen wirklich die ärmere ist!

Dann geht´s wieder bergab. Und ich bin besänftigt. Vielleicht geht das ja jetzt bis Patzún so weiter. Es geht wieder hinauf. Das Dritte Mal. Und es folgt auch noch ein Viertes Mal, bis ich endlich meine weiße Flagge ziehe und für heute den Tag beende. Kurz vor dem richtigen, großen, echten Anstieg hinauf bis Patzún! Aber meine Meinung knackt der nicht, der…, der…, der Werkzeugvogel der! Nur, weil ihm das Wasser stinkt, das er mir vor den Augen seiner Kunden quasi schenken musste. Die sollen auf unser Wasser aufpassen gefälligst! Das ist nämlich auch mein Wasser! Ich bin ganz offiziell Bürger dieser Erde und habe ein Recht auf Wasser. Und noch dazu habe ich das Recht, überall mein Zelt aufzuschlagen! Das hat uns seinerzeit unser Religionslehrer im Kommunionsunterricht erklärt: Nomadenrecht ist das! Wer ein Leben in Wanderschaft lebt, darf sich an jedem Aufenthaltsort für die Deckung seiner Grundbedürfnisse dieser Erde bedienen. Ich müsste also gar nicht fragen, ob ich irgendwo zelten darf, solange ich mich am nächsten oder übernächsten Tag wieder von dort wegbewege. Und einen oder Zwei Äpfel darf ich mir theoretisch auch ohne Genehmigung vom Baum holen! Ja, ja, so ist das! Der liebe Herr Gohl hat das gewusst. Und der ist nicht nur unser Lehrer gewesen, sondern auch noch unser Pfarrer und als solcher wird er wohl wissen, wie sich das sein Chef im Himmel gedacht hat für uns Erdenbürger! Soll sich also nicht so haben, dieser Werkzeugdantler, wenn er uns Touristen mit uns zustehendem Trinkwasser versorgt!

 

Vor Patzún, Guatemala (Zelt)

Tages-Km: 29,24km / -Zeit: 3:32h / -Höhenmeter: 845m

Gesamt-Km: 17.226km / -Zeit: 1.172h / -Höhenmeter: 157.920m

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277_Ausgeschlaucht

Da war der Tag gestern ganz schön voll? Nicht doch, es fehlt noch der Höhepunkt! Kaum hatte ich den Pass erreicht, ging es endlich bergab. Doch ich konnte nur im Schneckentempo fahren. Irgendwie reagierte mein Rad ganz seltsam in den Kurven. Es war, als ob ich es nicht in der Spur halten konnte. Immer driftete der Hinterreifen in Richtung der niedrigeren Straßenseite. Mir fiel ein, dass mein Papa mir erklärt hatte, dass der Schlauch bei dieser Belastung der Reifen und vielen Bergabfahrten im Reifen drin zu „wandern“ beginnen kann. Vielleicht sollte ich morgen Früh mal reinschauen und … Pfiffffffff-kas, nichts da „morgen Früh“! Sofort. Und ohne auch nur den Mantel abnehmen zu müssen, wusste ich schon, dass es das Ventil sein würde.

Ausgerechnet jetzt! Es war kurz vor Fünf und hier auf der Hauptstraße gab es keine Gelegenheit, spontan mein Zelt aufzuschlagen! Ich musste also reparieren. Und ich musste schnell sein! Denn in einer Stunde würde schon langsam die Dunkelheit anbrechen. Und vorher musste ich noch die Fünf Kilometer bis in das nächste Städtchen kommen, um mir Wasser zu besorgen. Oder bis morgen warten? Lieber nicht: Da ist Sonntag! Da hat die Purifikadora sicherlich geschlossen. Und außerdem brauche ich jetzt unbedingt einen neuen Ersatzschlauch. Denn der, der jetzt hinten drin ist, war mein letzter!

Ich schaffe alles, packe mich wieder auf, strample ins Dorf und halte erst einmal an der Tankstelle – wo sonst? Luftdruck noch vollends auffüllen. Dann frage ich zu allererst nach einem Fahrradladen. Ja, da haben wir einen guten! Doch der hat heute schon zu! Morgen wieder. Tja, da habe ich mich leider verschätzt. Doch jetzt stehe ich schon mitten in bewohntem Gebiet, da kann ich nicht zelten. Aber ich brauche einen Schlauch! Oder sollte ich es riskieren, einen Tag ohne Ersatz unterwegs zu sein? Ich spielte für einen Moment mit dem Gedanken, schnell Wasser zu kaufen und dann aus der Stadt rauszufahren. Und einen Schlauch bei nächster Gelegenheit zu kaufen. Doch dann fragte ich doch noch nach einem anderen Laden. Auch dieser hatte schon geschlossen. Aber bei meinem heillosen Glück schraubte der Besitzer noch an einem Dreirad-Taxi. Ich bat ihn, mir unbedingt noch einen neuen Schlauch zu verkaufen. Und er gab seinem Herzen einen Stoß und mir, was ich brauchte.

Was für ein Glück, dass ich in diesem Punkt nicht risikofreudig war! Denn heute sollte ich nach gut Zwanzig Kilometern Fahrt auf der Ebene endlich hinunter zum Lage Atitlán gehen. Und zwar in einer derart steilen Neigung, dass ich es manchmal vorzog, abzusteigen und hinunterzuschieben. Damit meine Bremsen nicht überbelastet wurden! Außerdem war schon wieder dieses seltsame, ganz leichte Driftverhalten spürbar. In der Mittagspause hatte ich deshalb schon den Vorderreifen einfach umgedreht – damit sich Mantel und Schlauch wieder ein bisschen zurück walken konnten. Doch das nützte dem Hinterreifen nicht viel: Zwei Kilometer vor dem Campingplatz killte es mir erneut mein Ventil! Ich darf gar nicht dran denken, dass mein guter deutscher Schlauch keine Vierundzwanzig Stunden überlebt hatte! Was für ein Drama! Denn hier gibt es nur Schlapp-Schläuche. Ich denke mit Grauen an den Gummi, den Roberto mir in Ensenada geschenkt hatte: Keine Fünf Tage hatte dieses Ventil durchgehalten! Wie soll das jetzt weitergehen hier? Wie soll ich denn noch normal nach Nicaragua kommen, wo hoffentlich meine Ersatzteillieferung noch rechtzeitig eintreffen wird?

Und wie um alles in der Welt soll ich eigentlich heute noch zum See runterkommen? Zwei Kilometer schieben? Ausgeschlossen. Nach Zwei Metern weiß ich: Das wird den Mantel töten. Aber hier reparieren, oooh neee! Super enge Passstraße, Verkehr, Dreck und Staub und kein Platz, meine Sachen abzupacken. Da biegt mit dem letzten Schwung ein Pick-up auf meine Erst-mal-parken-und-nachdenken-Fläche ein. Die beiden Männer springen aus dem Wagen und reißen die Motorhaube auf. Unten tropft Wasser raus. Kühlflüssigkeit ausgelaufen! Da kommt der jüngere Mann auf mich zu und fragt mich, ob ich ihm meinen Wasserkanister verkaufen würde. Verkaufen? Geschenkt! Aber dafür bringt ihr mich, wenn die Karre wieder läuft, runter zum See. Abgemacht. Doch ob die jemals wieder läuft, ist mehr als fraglich. Jetzt klettert erst mal der ältere mit meinem Kanister runter zum Bach. Ich packe mein Plunderteilchen aus und fange an, meine Taschen zu demontieren.

Da biegt noch ein Pick-up ein. Er fragt den anderen Pick-up, ob er Hilfe bräuchte. Doch der lehnt ab. Da springe ich auf und meine: „Ich könnte Hilfe gebrauchen!“ Und keine Fünf Minuten später finde ich mich auf dem Beifahrersitz mit einem frischen Corona in der Hand, ein beschwipster Fahrer neben mir und zwei noch beschwipstere Beifahrer hinter mir auf der Rückbank. Und sie bringen mich sicher die Zwei Kilometer runter zum See. Als ich unten mein Fahrrad ablade, sehe ich, dass hinten auf das Trittbrett schon einer draufgekotzt hat. Von nur beschwipst kann da dann doch wohl keine Rede mehr sein. Doch ich bin ja heil angekommen. Ich bedanke mich vielmals, dass sie für mich kehrt gemacht haben. Wir stoßen ein letztes Mal an. Aber irgendwie kann ich es nicht lassen, sie darauf hinzuweisen, dass sie in dem Zustand eigentlich nicht mehr autofahren sollten. Das ist schlicht gefährlich! Sie verstehen den Wink und nehmen mir meine in ihren Augen sicherlich überzogene, deutsche Korrektheit nicht übel. Sie lachen einmal laut auf und düsen dann wieder davon.

Kann man jetzt sagen, was man will. Aber sie haben mir sehr, sehr geholfen! Sie waren der erste Pick-up, der vorbeikam und eben nicht vorbei gefahren ist. Sie haben angehalten. Und so hat mich dieses gesamte zweite Plattenmanöver keine Viertelstunde Zeit gekostet! Die Reparatur natürlich ausgeschlossen. Die mache ich jetzt, anstatt mir einen gemütlichen Feierabend am Vulkansee zu genehmigen.

Und schon wieder ist eine ganze Seite vollgeschrieben. Wobei ich noch nicht einmal erzählt habe, wie sie mir gestern Abend partout kein Wasser auffüllen wollten. Es war schon halb dunkel, die Purifikadora hatte geschlossen und die meisten Geschäfte auch. Doch ich brauchte dringend Wasser. Die einen schickten mich zurück, die anderen voraus, nach oben ins Dorf und wieder herunter. Da könnte ich überall schauen, ob noch ein Laden offen hätte. Verdammtes Pack! Ich will ja keinen Whiskey. Ich brauche nur Wasser! Und ich bezahle euch auch einen angemessenen Betrag dafür. Also gebt es mir, verdammt noch mal! Es ist gleich dunkel und ich muss noch aus der Stadt raus und einen Platz zum Schlafen finden! …über dieses Thema könnte ich einen eigenen Blog schreiben! Und über ein weiteres genauso: Stiefelt heute Früh ein Mann mit Holzbündel an meinem Zelt vorbei. Wir unterhalten uns ein bisschen. Schließlich frage ich auch ihn, ob ich ein Foto von ihm schießen dürfte. Da meint er: „Klar, aber das kostet!“

Aber jetzt nicht. Der Reifen ist repariert – erstmals mit einem Guatemaltekischen Schlauch. Wir werden ja sehen, was die können. Und morgen lege ich einen freien Tag ein und versuche das Unmögliche: Die nagelneue „Schwalbe“ am Schnäbelchen zu operieren… Und endlich meine Bettwanzen loszuwerden! Doch irgendwie fällt mir bei diesen zwei Tagesordnungspunkten nur eins ein: Gute Nacht!

 

Panajachel (am Lago Atitlán), Guatemala (Zelt auf Zeltplatz)

Tages-Km: 39,81km / -Zeit: 3:10h / -Höhenmeter: 446m / Platten

Gesamt-Km: 17.196km / -Zeit: 1.169h / -Höhenmeter: 157.074m

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276_Alaska Pass 3000

Was heute passiert ist, kann ich mir selbst nicht erklären. Es hat alles ganz normal angefangen: Zelt trocken wischen, einpacken, fertig. Dann habe ich mit einem Typen von Warmshowers telefoniert, bei dem ich eigentlich gestern gerne übernachtet hätte, wenn ich seine Zusage rechtzeitig bekommen hätte. Der wichtigste Grund, weshalb ich ihn kontaktiert hatte, war: „Waschmaschine“. Das hatte er auf seinem Profil angegeben unter den Services, die er einem Gast bieten kann. Und nachdem es hier nicht den Anschein machte, Traumwetter zu werden, spielte ich mit dem Gedanken, die gerade mal Neun Kilometer zu ihm zu fahren und heute einen Erledigungstag einzulegen. Blogschreiben und vor allem meine Wäsche waschen. Denn so langsam wird es des Nachts immer schlimmer! Jede Nacht wache ich kurz nach dem Einschlafen auf und kann mich nicht mehr halten: Ich muss wie wild meine Beine kratzen, so schlimm ist der Juckreiz! Ich kann mich erinnern, dass Safia, eine Französin, die ich in La Paz kennengelernt habe, mir seinerzeit von „Bed Bugs“ erzählt hatte. Warum auch immer. Jedenfalls passt das, was sie beschrieben hatte, exakt auf mein Problem: Die Viecher werden von deiner Körpertemperatur und deinem ausgeatmetem Kohlendioxid angelockt und beginnen dann, dich zu beißen und dein Blut zu saugen. Und die ideale Körpertemperatur habe man wohl in dem Moment, in dem man von der Vorschlafphase in die Tiefschlafphase übergeht. Dann „schlagen“ sie zu, zapfen dich an und du wachst wieder auf. Genauso ist das bei mir! Seit ich in San Christóbal im Hostel war und mich aus diesem Grund in meiner Not in den Schlafsack gerettet habe, lassen sie mich nicht mehr in Ruhe!

Doch Carl, der Mann von Warmshowers, erklärt mir am Telefon, dass das mit der Waschmaschine nicht stimme. Aber es gäbe eine Gelegenheit, von Hand zu waschen! Ach? Lieber Carl, die gibt es an jeder Tankstellentoilette! Doch er lädt mich ein, trotzdem zu kommen und mit ihm und einer anderen deutschen Radlerin zu Abend zu essen. Dann könnte ich morgen mit ihr weiter Richtung See fahren. Doch das genau will ich nicht. Ich hätte sie schon gern getroffen. Aber reisen will ich in nächster Zeit alleine. Ihr denkt jetzt wohl, die ist ja total bindungsunfähig. Aber heute, nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, die Einladung von Carl nicht anzunehmen und stattdessen weiterzufahren, ist mir klar geworden, warum ich nicht mit anderen Leuten reisen will. Oder kann. Es ist mein Reisestil. Es ist meine Art zu reisen, die völlig inkompatibel mit jeglicher Art von Begleitung ist: Ich fahre noch keine Zehn Kilometer, lenke ich in die Tankstelle ein. Könnte da Socken waschen. Und dann fällt mir ein: Warum nicht auch noch einen Kaffee trinken? Es dauert dieser Stop also ruck zuck eine halbe Stunde. Dann beschließe ich, weiterzufahren. Doch ich mache keinen halben Kilometer, zieht es mich diesmal nach links: Jetzt sind es die bis über den Rand mit frischem, verschiedenem Obst gefüllten Becher für endlich einmal einen ganz normalen Preis! Ich halte also und esse Obst. Dann fahre ich runter ins Städtchen. Nach meinem Kaffee ist mir eingefallen, dass ich eigentlich noch nach der Luft in meinen Reifen hätte schauen können. Es scheint ziemlich wenig Druck im Hinterreifen zu sein. Das merke ich daran, dass das Rad ganz seltsam schlingert, wenn ich bergab fahre. Also: Nochmal an die Tanke und Luft nachfüllen. Dann noch schnell ein Foto von der Saftfrau, ein Mittagssnack zum Mitnehmen, wieder ein bisschen Fahrt und schon verratsche ich mich mit einem Guatemaltekischen Bauern, den ich eigentlich nur um ein Foto gebeten hatte. Doch er war so froh darüber, dass ihn ein Tourist das gefragt hatte. Dass sich jemand für seine Schwerstarbeit interessierte und sich mit ihm eine geschlagene Dreiviertelstunde unterhalten hat. Wie hätte ich da einfach weiterfahren können? Ja, so geht das manchmal. Ich lasse mich einfach in solche Momente, Situationen, Gelegenheiten hineintreiben. Das ist es, was für mich die Reise so aufregend macht: Man weiß nie, was noch kommt oder wann, wo und wie der Tag zu Ende gehen wird. Aber natürlich kann ein Mitreisender das nicht aushalten! Macht mir aber nichts: Dafür bezahle ich den Preis der „Einsamkeit“, wenn man so will. Das ist es mir wert!

Nur Carl hat mich ein bisschen empört in seiner fast schon penetranten Art: Du weißt ja nicht, was du verpasst! Zwischen den Zeilen hat er meinen Drang, vorwärts zu kommen, scharf kritisiert. Guatemala ist ja so schön, wenn nicht der schönste Fleck dieser Welt! …lieber Carl, ich komme direkt aus dem Paradies! Da muss ich nicht jedem kargen Berggipfel und jeder Badepfütze hinterherjagen: Bei uns daheim gibt´s die schönsten Berge und die schönsten Seen! Nur mit dem delikaten Unterschied, dass der Straßenrand von wilden Walderdbeeren und nicht von Plastiktüten und sonstigem Restmüll und stinkigem Dreckszeugs gesäumt ist! Und noch dazu grüßt man sich hier im Normalfall freundlich und schreit mir nicht „Gringa!“ hinter dem Busch hervor! Ach, wie schön wär´s jetzt auch daheim. Stattdessen quäle ich mich hier in Guatemala von einem Tisch zum nächsten, über den ich gezogen werde, wann immer es ans Bezahlen geht. Verdammt, Carl, weißt du was? Du und dein Land, ihr geht mir bald sowas von am… Guatemala kannmichamala!

Aber meinen Dampf nehmen mir die beiden Jungs von der dritten Tankstelle, die ich innerhalb einer Stunde anfahre, um mich meiner langen Klamotten zu entledigen: Sie sind total neugierig, was ich hier mache, strahlen und scherzen und erklären mir, dass „Gringa“ total positiv zu verstehen sei! Ach! Ja wie jetzt? Ja, ja, das heißt so viel wie „Tourist, Tourist!!!“. Und meistens sei das mit Begeisterung darüber gesagt, dass hier jemand von fern Guatemala besucht. Ach so ist das? Na, das passt eigentlich viel besser zu den strahlenden Kindergesichtern, die mir das zugerufen haben. Dann habe ich das einfach nur im falschen Hals gehabt die ganze Zeit! Oh, wie mir das leid tut! Ach, wie schön ist Guatemala eigentlich doch!

Und so strahle ich heute den ganzen Tag mit der zurückgekehrten Sonne um die Wette. Und merke erst am Abend, dass es nach einem weiteren Tag Bergauffahrt wieder ziemlich kühl geworden ist. Kein Wunder! In meiner Landkarte sehe ich erst jetzt den Eintrag der Titelzeile: „Alaska Pass 3000“. Ich werde doch nicht auf Dreitausend Metern gewesen sein?

 

Nahualá, Guatemala (Zelt)

Tages-Km: 45,03km / -Zeit: 3:50h / -Höhenmeter: 869m / Platten

Gesamt-Km: 17.157km / -Zeit: 1.166h / -Höhenmeter: 156.628m

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275_Aufge-Passt!

Was du heute musst erledigen… hast du wohl gestern nicht geschafft! Nach dem spontanen Exkurs in die Kultur der Maya, den mir mein Schicksal gestern spendiert hatte, waren wieder ein paar Grundbedürfnisse zu decken: Hunger allen voran! Doch – zugegeben – anstatt zielstrebig einen Supermarkt zu suchen, habe ich hier erst ein paar Gurken von einer Senora gekauft, dort Avocados und bin dann ebenso spontan wie gestern in die archäologische Anlage in ein italienisches Restaurant gesogen worden. Dort habe ich mir eine Liter Orangensaft und eine unaufessbaren Haufen Pasta gegönnt und anschließend euch meine Erlebnisse der vergangenen Tage berichtet. Da sind schnell ein paar Stündchen futsch! Doch ich habe einen interessanten Eindruck von Guatemala gewinnen können, dort, in diesem Nudelschuppen der Upper Class!

Bisher war mir eigentlich nur die „Arbeiterklasse“ begegnet: Von der Sonne verbrannte Gesichter, müde Augen, scheue Blicke, geschundene Hände und hornhäutige Füße. Zumeist waren die Einheimischen eingewickelt in bunt bestickte Tuchstoffe, die ihre Herkunft möglicherweise auch in der Mayakultur haben und noch heute von deren Nachahnen wie eine Tracht getragen werden. Mir waren bisher nur Frauen mit Körben, Krügen oder Stoffbündeln auf dem Kopf, Schüsseln in den Armen, Kleinkindern in um die Oberkörper geschlungenen Tragetüchern oder Klaubholzstapeln auf dem Rücken begegnet. Das war für mich der Anblick von Guatemala. Und jetzt sitze ich da in dieser Pizzeria und es stöckeln Vier schwindlig hohe Hacken an den Nachbartisch. Die Eine von ihnen Türkis lackierte Fingernägel mit auffälligem Silberglitzer. Sie tragen hautenge Leggins und ein luftiges Blüschen, dicke Wimperntusche und roten Lippenstift. Auf den beiden freien Stühlen nehmen jeweils die Handtäschchen Platz während Tablet und Smartphone rechts des Bestecks die Mittagspause verbringen. Ich war ein bisschen irritiert! Die sahen aus wie bei uns daheim! Nur, dass man es hier nicht erwarten würde. Was herrscht hier für eine Kluft zwischen Arm und Reich? Zwischen Moderne und Tradition?

Ich denke heute noch manchmal darüber nach, während ich stoisch meine Höhenmeter kurble. Das Wetter ist perfekt: Dick bewölkt. Da wird es mir nicht zu heiß! Im Gegenteil: Als ich gegen Vier am Nachmittag eine erste, richtige Essenspause einlege, muss ich meine Tortillas mehrmals im Stich lassen um mir nach und nach meine lange 2xU-Hose, Socken, Pullover samt Daunenjacke und Schal anzuziehen! Wie hoch mag ich hier sein? Meinem Fahrradcomputer traue ich nicht mehr so ganz, was die absolute Höhenangabe angeht. Ich schätze mich aber auf gute Zweieinhalbtausend M.ü.N.N. Irgendwie krass, wenn ich bedenke, dass ich vor Vierundzwanzig Stunden noch in kurzen Ärmeln und trotzdem schwitzend durch Huehuetenango gesteuert bin auf der Suche nach Nahrung. Und jetzt hocke ich zitternd und bibbernd in einem zugigen Bushäuschen und überlege, ob ich nicht vielleicht auch noch meine Fellfäustlinge aus den Tiefen meiner Gepäcktaschen ausgraben soll.

Dann setzt Regen ein. Nur ganz feiner Nieselregen, ein Spray. Wahnsinn, wie lange hatte ich keinen Regen mehr? Ich kann mich nicht erinnern. Was für ein Tag irgendwie. Von Früh bis spät nur radeln, radeln, radeln. Heute habe ich nicht einmal in einem Laden gestoppt, nichts gekauft, keine Cola, kein Saft, kein Obst, nur Fahrradfahren. Berge in Guatemala und gute Musik im Ohr, da geht was! Und so muss das wohl auch der Typ in dem Kleinlaster gesehen haben: Er überholt mich das erste Mal, ganz langsam, gieriger Blick durch die Beifahrerscheibe. Dann irgendwie überholt er mich wieder! Wieder verlangsamt er die Fahrt und stiert mich an. Da lese ich in dem Glanz seiner Augen schon, wie der Hase läuft! Und keine Zweihundert Meter später steht sein weißer Transporter in einer langgezogenen Linkskurve rechts am Straßenrand. Ist das Kacke! Wenn es bergauf geht fährst du da gaaaaanz laaaaangsam heran. Dann weißt du schon im Voraus, dass jetzt gleich die Fahrertür aufgeht. Und er steigt aus, streicht vorne um seine Motorhaube und verschwindet erst Mal aus dem Blickfeld. Dann taucht er hinten rechts an der Kofferraumklappe wieder auf. Nur seine linke Körperhälfte, den Rest hält er verdeckt versteckt hinter dem Fahrzeug. Aber trotzdem deutlich sichtbar: Hände am Gürtel, Schnalle auf, Hosenknopf auf, … den Rest kennt ihr aus Kalifornien. Ich hätte nur eins machen sollen: Rechts an seiner Scheißkarre vorbeifahren! Da hätte ich ihn hüpfen sehen wollen, diesen Saubären, diesen aufgegeilten!

 

Vor San Cristóbal, Guatemala (Zelt, Regen!)

Tages-Km: 58,70km / -Zeit: 5:41h / -Höhenmeter: 1.374m

Gesamt-Km: 17.111km / -Zeit: 1.162h / -Höhenmeter: 155.758m

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274_Maya

Ha! Da habe ich heute nach dem Aufstehen noch gedacht, ich würde den heutigen Tag mit „Heidi“ überschreiben. So schön wie in den Schweizer Bergen war es auf diesem Streckenabschnitt und im Umkreis von meinem Zeltplätzchen! Wie auch in den höheren Lagen in Chiapas in Mexiko gab es hier eine Art Hochebene. Sanfte Hügel überzogen mit einem borstigen, feinen Weidengras. Nicht so üppig grün und saftig wie unten im Tal, nein, ganz karg nur mehr. Fast wie ein ockerfarbener Sprührasen. Und vereinzelt standen kleine Holzhütten mit Gemüsegärten oder Tiergehegen aus geflochtenen Ästen. Kinder sprangen schon in der Früh um mein Zelt. Klar, sollten eigentlich in der Schule sein. Es gibt eine im Dorf! Aber die können sich ihre Eltern nicht leisten, haben sie mir erzählt. Am Straßenrand wird ganz pragmatisch in einem Drei Quadratmeter kleinen Holzverschlag ein geschlachtetes Rind steakweise verhökert: Die besseren „Stücke“ hängen in feinen Fleischlappen im „Fenster“, dahinter sitzt eine gelassene Guatemaltekin mit einem säbelartigen Werkzeug und wartet auf Kundschaft. Seitlich neben ihr sehe ich noch den Kopf des Tieres – noch mit Fell – der je nach Gusto auch scheibchenweise erstanden werden kann: Vorne fehlt schon die Schnauze bis etwa hinauf auf habe Höhe des „Nasenrückens“. Ich nehme an, wenn ich von dem Rind jetzt gerne ein Ohrwatschel hätte, würde sie emotionslos ihre Machete schwingen und zack, bumm! …hätte ich mein Stück Fleisch. Natürlich, unverblümt, robust geht es hier zu. Frauen klauben Brennholz und Blätter und tragen es in schweren Bündeln zurück zur Hütte. Interessanterweise ist auch hier die Last nicht – wie bei uns üblich – auf den Schultern aufgehängt sondern es hängt ihr Sammelgut an einem ledernen Kopfriemen. Wie bei Indern und Nepalesen auch!

Aber halt, ich bin im falschen Film: Über Maya wollte ich ja schreiben. Wenn auch nicht mit „j“, sondern mit „y“. Für mich als vorbildlichen Geschichtsbanausen kam es heute total überraschend, dass diese frühe Hochkultur gerade hier ihr Imperium hatte! Eigentlich hatte ich gestern meinen Stop extra kurz vor die Stadt gelegt, damit ich heute Früh ein paar Erledigungen treffen könnte und dann noch ausreichend Zeit hätte, mich wieder aus dem Gewimmel der Zivilisation herauszuarbeiten. Und weil ich überraschen früh dran war, folgte ich frohgemut einem Straßenschild, das eine „antike Stätte“ ankündigte. Wenn´s schon mal auf dem Weg liegt, dachte ich mir, schauen wir halt mal hin. Entrada (der Eintrittspreis): 5Q für Einheimische, 50Q für Touristen. Na wunderbar, ging ja schon gut los! Aber abgesehen von dem Joch des weißhäutigen Fremdlings, das man hier scheinbar nirgends ablegen kann, waren die Überreste dieser Mayasiedlung dann doch so beeindruckend, dass ich ein bisschen nachrecherchiert habe: Was die architektonischen Hinterlassenschaften betrifft, unterscheidet man heute in hauptsächlich folgende Zwei Bautypen: Stufenpyramiden und Paläste. Die Pyramiden – das gilt wohl als ziemlich gesichert – waren Opferdarbietungen vorbehalten. Obenauf stand meist ein kleines Tempelchen mit Altar, auf dem die Tiere den Göttern gewidmet und hingegeben wurden. Und über die Paläste scheiden sich die Geister. Ob es Wohnstätten oder öffentliche oder ebenfalls religiös gewidmete Räumlichkeiten waren, scheint laut Wikipedia unklar. Was ich aber wirklich interessant fand: Sie kannten zwar noch keine Mauerbögen (Das ist das Ding der großen, alten Römer! Oder gab´s da noch eine andere Kultur vorher?) und für ihre Räumlichkeiten sind additiv gefügte, kleine und mit geraden Balken überspannbare Grundflächen kennzeichnend, wodurch sich im Grundriss für eine Palastanlage eine Art Mosaik an kleinen Zimmerchen ergibt. Aber: Sie kannten schon eine Art Schalenbauweise! Eine Konstruktion aus zwei behauenen Natursteinscheiben, die mit einer Zementmasse verfüllt wurde. Das ist schonbemerkenswert! Wir reden von immerhin Zwei- bis Dreitausend Jahren zurück in der Zeit!

Danach ging es noch um den bis heute in den Ursachen nicht ganz geklärten Untergang dieser Kultur. Und das hat mich ein bisschen amüsiert: Denn woran wird das wohl liegen, dass eine Hochkultur wieder untergeht? Bei den Römern, Griechen, Ägyptern ja nicht anders. Doch was die Architektur angeht, ist es für mich nicht weiter rätselhaft. Wir brauchen ja nur zu schauen, was bei uns in Deutschland gerade passiert. Im Land der Ingenieure und dem Zuhause der heutigen Baumeister, wenn man von solchen überhaupt noch sprechen kann. Hier kennen wir Bautechniken und Konstruktionen für allerlei Materialien und Bedürfnisse. Wie kennen ihn, den derzeit höchsten Standard und das Maximum der Technik. Noch. Denn wirklich anwenden dürfen wir den doch nur in den seltensten Fällen. Wie sollen wir denn Wissen und Kenntnis, Kunst und Fertigkeit im Handwerk für weitere Generationen aufrechterhalten können, wenn kein Bauherr mehr für dieses Wissen bezahlen will? Wenn nur noch der Kostenfaktor eine Rolle spielt und die Qualität wurscht ist? Wo werden wir wohl enden, wenn wir schon heute auch für eine Q4-Spachtelung einen polnischen Kartoffelbauern einstellen und uns nach dem dritten, fehlgeschlagenen Nacharbeitungsversuch hoffnungslos geschlagen geben und den Entwurf achritektenseits auf „Rauhfasertapete“ abändern?

Ah May-a mai!

 

Malacatancito, Guatemala (Zelt)

Tages-Km: 32,20km / -Zeit: 2:54h / -Höhenmeter: 408m

Gesamt-Km: 17.053km / -Zeit: 1.156h / -Höhenmeter: 154.383m

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Guate-up, Guate-down

So what to say about Guatemala so far? Well, did I write I love the up-and-downs? I better do as that´s what Guatemala is: Up and down! Not only talking about geography which leads me up to 3000 metres above sea level and drops me down to 1500 to the Lake Atitlán where I´m right now. There´s a huge climb almost every day and with it my body is exposed to a change of temperature of more than 20 degrees Celsius sometimes: On the peaks it´s wintery cold, I´m wearing long pants, T-Shirt, long sleeves, Pullover and down jacket and still shiver. But as soon as I´m back at the bottom of the mountain, just on the other side, I must be careful to not getting burned by the sun. (Today maybe I might not have been careful enough…).

But there´s also the mental up and down: Since I crossed the border I hear people calling me “Gringa”. Gringa here, Gringa there, Gringa shouted at me from adults, children and trees even. Another Italian cyclist once told me that this is not the nicest way to call an US American. So after 2 days I started to feel a bit uncomfortable because wherever I appeared I heard people talking about me by hearing that word. And as the Gringos have plenty of money – that´s just a fact here – I always pay twice, 3 times, 10 times more than the locals do. For fresh orange juice, for apples, for bread, for the entrance to the Maya site… for everything! I can´t help but how can I feel welcome here? I tried but I just couldn´t. Until I decided to give freedom and voice to my inner frustration about this behaviour and to tell 2 teenagers at the gas station. “Oh no!”, they said, “Gringo just means ´tourist´ and most of the time people use it in a very positive way! They are happy that someone from far comes to visit Guatemala and that´s why the shout ´Gringo, Gringo!!´ It´s like giving alarm so that everybody can take notice!” Well, as soon as I heard that I realised, that people mostly have a bright smile on their face when they call me Gringa. And I feel very comfortable with it – peak!

But still I pay a lot more than the locals: valley. And when 2 days ago I urgently needed water people didn’t want to fill up my gallon for a few Quetzales because they think that Gringos must buy the expensive bottles: valley. They sometimes wanted to be payed for a picture I wanted to take of them: valley. But of course: Ther´s still those who treat you as a very welcome guest, try to make your stay as pleasant as possible, give you a lift with their cars when your wheel is broken and even offer you a fresh beer for the ride: peak, peak, peak!

Valley: I imported some extremely aggressive bed bugs in my sleeping-bag from Mexico. They almost kill me at night! My legs are bitten over and over and swollen and just hurt. And one more valley is the fact that yesterday I finished my last good German tube! The valves broke, 2 times, 2 days in a row! Man if only I wouldn´t already know that most of the cheap tubes will break right there with the load I carry! Am I thinking black if expecting a lot of repairs in future? Valley. Definitely!

But tomorrow I will climb up again, don´t worry. Next destination: Guatemala Antigua. More or less 800m of pure and steep uphill is waiting! So, you see, next peak is already to in line. And if the washing saloon did a good job with my sleeping-bag and if I did a good job with the tube-stuff today I will maybe have some peak-feeling in the next days. Let´s hope so!

 

Panajachel (am Lago Atitlán), Guatemala (Zelt auf Zeltplatz)

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Verwanzt

Neunundzwanzigster Februar… ein Tag, der begangen werden will! Schließlich lässt er sich ja nicht so häufig blicken, wie alle anderen Jahrestage. Und so habe ich gestern kurzerhand beschlossen, die Besonderheit dieses Tages mit einem Badetag zu würdigen. Schließlich bin ich ja an einem See. Und ich habe ein Plätzchen direkt am Wasser gefunden, mit gesprenkeltem Rasen und Palmen, Swimmingpool und Liegestühlen. Bezahlt natürlich. Aber bezahlbar bezahlt. Wobei ich zugeben muss, dass mir das Datum eigentlich erst heute mit Herauffahren des Computers bewusst wurde – unten rechts in der Ecke. Und ob tatsächlich Montag ist, hängt davon ab, ob ich die Titelzeilen der letzten Blogs immer akkurat kopiert und eingefügt und dabei vor allem nicht vergessen habe, den Wochentag mit anzupassen. Zeit und Datum sind Zwei faule Gesellen, die meine Reise nicht begleiten wollten und lieber daheim geblieben sind…

Ich begehe diesen herrlichen Tag mit Blogschreiben. Und wie immer habe ich keine Ahnung, wo ich anfangen soll. Mein letzter Eintrag war am Mittwoch. Seither wusste ich abends nie, worüber es sich zu berichten lohnen könnte. Und nun habe ich Schwierigkeiten, alles aufzuarbeiten! Das ist das Schwierigste am Bloggen: Erkennen, was den Tag charakterisiert, wenn nichts Besonderes passiert. Denn ein, zwei Tage später kann das Belanglose möglicherweise prägend für einen Tag oder meine Ausgangslage werden. So wie heute eben: Ich habe soeben einen Sack Wäsche zur Rezeption gegeben, sie mögen die Sachen doch bitte mit der Maschine und bei hoher Temperatur waschen. Eins steht nämlich jetzt zweifelsfrei fest: Ich habe Bettwanzen. Oder Flöhe. Wie auch immer. Im Hostal in San Cristóbal in Mexiko haben mich die Tierchen seinerzeit aus dem Tiefschlaf gerissen: Wie aus dem Nichts bin ich nachts aufgeschreckt und musste reflexartig meine Beine von oben bis unten kratzen – es hat plötzlich fürchterlich gejuckt! Und anstatt ein anderes Zimmer zu erfragen hielt ich es tatsächlich für schlau, mich die nächsten Nächte in meinem Schlafsack zu vermummen. Tja, Alter schützt eben doch vor Dummheit nicht. Denn jetzt juckt es mich auch jede Nacht im Zelt und meine Beine sind fast schlimmer als von Mücken zerbissen und zerstochen, angeschwollen und kitzeln mich ununterbrochen. Die Kälte der letzten Nächte hat diesen Übeltätern entgegen meinem Erhoffen leider nichts anhaben können. So habe ich mir also endlich eingestanden, dass ich um ein Waschen nicht herumkomme. Doch halt! Bevor ihr mir den Stempel der Labertante aufdrückt, die über fade Alltäglichkeiten scheibt. Soll das Ding halt in die Trommel hauen und gut is. In Deutschland vielleicht! Denn hier muss man erst einmal einen Waschsalon finden! Das habe ich jetzt zum ersten Mal, seit ich in Guatemala bin. Doch: Wir waschen keine Schlafsäcke! Und hier am Campingplatz: Waschen wir von Hand. Wir haben zwar eine Maschine, aber die wollen wir nicht verwenden. Wir haben nicht genügend Erfahrung mit Ihr und Schlafsäcken. Und es könnte ja der Maschine was passieren. Man weiß ja nie… Oder dem Schlafsack. Nein, da ist uns das Risiko zu hoch!

Jetzt komme ich wohl nicht umhin, denen mal zu flüstern, dass ich seit meiner Ankunft in Guatemala täglich –zig Mal als „Gringa“ beschimpfjubelt werde, für gewöhnlich den zwei-bis zehnfachen Preis des für die Einheimischen geltenden Betrages bezahle und an einem Samstagabend, wenn Purifikadora und Läden schon geschlossen haben, keine Trinkwasser bekomme: „Haben wir nicht, kannst du ja kaufen!“ Und dass ich absolut kein Verständnis für ihre Ehrfurcht vor einer Waschmaschine habe, wenn mir diese mit einem einfachen Waschgang mein mittlerweile unerträgliches Problem lösen könnte – einmal, da ich etwas von Guatemala bekommen könnte anstatt immer nur zu geben!

Der Hoteljunge ist ja ein lieber. Er kümmert sich wirklich bemüht. Doch es ist nun Zehn am Vormittag und wir wissen immer noch nicht, bügeln wir den Nistsack, fragen wir noch in einer anderen Wäscherei, brühen wir von Hand… es wird sich hoffentlich bald herausstellen. Das Ding sollte nämlich bis heute Abend wieder trocken sein. Und nach einem Trockner werde ich sicherlich nicht fragen hier! Ich übe mich in Geduld und mentaler Stärke, dem Juckreiz nicht ständig meine Krallen zu zeigen und ackere mich durch die letzten Tage auf dem Fahrrad: Es geht über Zwei weitere, ausgerissene Ventile im Hinterreifen, damit den tragischen Verlust meines letzten Schwalbe-Schlauches, über hohe Dreitausender Pässe, Nieselregen und winterliche Kälte abgelöst am nächsten Tag von brütender Hitze, Mayakultur und lackierte Glitzerfingernägel, Gringos und Mongos. Das ist bisher Guatemala. Guate Unterhaltung beim Rückwärtslesen!

 

Panajachel (am Lake Atitlán), Guatemala (Zelt auf Zeltplatz)

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