Kategorie-Archiv: Nicaragua

293_Klassische Jagd

Bettwanzen: Nicht erledigt! Die letzte Nacht im Hotel hat mir durch Zwei juckende, geschwollene Stiche schon eine grausige Vorahnung gegeben. Doch seit vergangener Nacht ist es sicher: Dieses Thema ist noch nicht ausgestanden! Vier neue Stiche zähle ich an meinem linken Bein, damit Sechs insgesamt. Das kann ich auf gar keinen Fall ignorieren!

Nur habe ich jetzt alles andere als eine gute Ausgangsposition! Ich hocke in der freien Natur. Und da findet sich weder eine Waschmaschine, um nochmal heiß zu waschen, noch habe ich Zeit, mich für Stunden in die Hitze zu setzen, um darauf zu warten, dass den Wanzen in meinen Säcken endlich das Lebenslicht ausginge! Ich habe genau eine Möglichkeit: Ich jage von Hand!

Dazu ziehe ich zuerst die Matratze ans Tageslicht, besprühe sie mit meinem Wanzenmittel, das ihnen laut Produktbeschreibung nicht schmeckt und sie dazu bringt, ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Und dann lege ich mich auf die Lauer. Nichts. Auch nicht nach Zehn Minuten. Also ziehe ich halt nochmal das Laken ab und bürste jedes Stäubchen aus den Matratzenvertiefungen aus. Doch da! Ein Tier! Ob es tatsächlich eine Wanze ist, kann ich nicht sagen. Ich kenne bisher kein Bild! Doch noch eine! Und noch eine! Wow, es scheint tatsächlich zu funktionieren. Vielleicht auch in Kombination mit dem warmen Sonnenlicht. Egal, jedenfalls zerquetsche ich die nächsten Zwei Stunden gute Zwanzig Insektentierchen. Sie krabbeln aus der Matratze, aus dem Seidenschlafsack, aus meiner Kleidung. Und erst, als wirklich keins mehr fliehen will, packe ich alles wieder ein. Ich will es mal als Erfolg sehen…

Nur den Daunenschlafsack, vor dem graut mir noch! Der steckt seither in separater Quarantäne, dreifach eingewickelt in Foliensäcke. Eigentlich müsste ich auch den jetzt dann noch auf diese Weise angreifen. Ich hatte so sehr gehofft, die letzten Drei Tage der wirklich ungnädigen Hitze in Managua hätten schon zum Erfolg geführt. Aber wenn ein Tier zäh ist, dann ist es eine Bettwanze! Ich sage euch nochmal: Hütet euch davor, diese mit nach Hause zu nehmen! Lasst euch eine Nacht lang böse beißen, aber nie, nie, niemals flüchtet euch vor ihnen in euren Schlafsack!

 

Rivas, Nicaragua (Zelt)

Tages-Km: 70,77km / -Zeit: 4:25h / -Höhenmeter: 169m

Gesamt-Km: 18.284km / -Zeit: 1.243h / -Höhenmeter: 165.445m

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292_…und es geht weiter!

Gestern Nachmittag also noch(mal) schnell den Hinterreifen verarztet, Zwei Interviews gegeben und dann fertig machen für den Rest von Zentralamerika!

…und es geht weiter!

Heute entscheide ich mich gegen die flache und ebene Autobahn und für die Panoramic-Route über das kleine Gebirge. Da ist es deutlich angenehmer hinsichtlich Verkehr. Aber bei der Schwüle sind die Höhenmeter spürbar anstrengender, also oben auf den kühlen Gipfeln von Guatemala zum Beispiel! Ich denke andauernd an frische Bäche, Wasserfälle, eisgekühlte Getränke! Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ich bei diesem Stand nicht „Nein“ sagen kann: Ananas-Saft! Ich kaufe gleich mal knappe Zwei Liter…

…krampfsauren Obstessig! Verdammt, die Weiber haben mich reingelegt! …Saftladen! Gut, ich hätte mir das ja auch fertig- anstatt nur andenken können. Mir war noch: Wird der denn nicht schlecht, wenn der so lange in der Sonne steht? Aber gut, jetzt hab ich ihn schon. Und wenn es tatsächlich stimmt, dass: Je saurer ein Obst, umso vitaminreicher ist es, dann werde ich unter Garantie Hundertzwanzig Jahre alt. Und lustig werden wir´s bis dahin auch haben!

 

Niquinohomo, Nicaragua (Zelt)

Tages-Km: 52,16km / -Zeit: 4:51h / -Höhenmeter: 934m

Gesamt-Km: 18.213km / -Zeit: 1.238h / -Höhenmeter: 165.276m

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…dem Doppel-D!

Sorry, aber der musste jetzt sein! Natürlich ist Dino ein Ausnahmeitaliener und absolut zuverlässig! Er hatte nicht nur meine Kreditkarte und einen Schlauch, sondern gleich noch Zwei weitere Schläuche dabei! Ich war im Himmel: Was für ein Mann!

Und was für eine Mama! Wenn ihr erfahren wollt, welche Odyssee sie hinter sich gebracht hat, bis das Zeug auf dem Weg über die Alpen war, dann empfehle ich euch wärmstens den nächsten Blog. Ich habe daran nur folgenden Anteil: Copy, paste. Ich musste mir wirklich den Bauch halten vor lachen – das ist O-Ton Mutti.

Und diesen Blog möchte ich dem italienischen Double für das In-die-Wege-leiten und Hierher-Verfrachten widmen: Davide und Dino. Und dem Anschein nach haben sich die beiden, als ihnen das erzählt und sie gebeten habe, mir ein passendes Titelbild zu schicken, vor lauter Begeisterung über diese Ehre glatt in die Hosen gepinkelt….

Comunque: Grazie Davide e grazie Dino!

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

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Wühlereien

Und während wir das tun, widme ich mich wieder einmal meinen Bettwanzen. Es sind nicht mehr ganz so viele jetzt. Aber ich will auf Nummer sicher gehen und packe während der Drei heißen Wartetage alles in schwarze Müllsäcke und lasse die Mistviecher in der sängenden Hitze braten. Werden doch sehen, ob wir denen nicht endlich den Garaus machen können… Und ich erledige Schreibkram. Und ich gehe zur Post. Und ich packe Mamas Post aus: Endlich! …Käse und Schokolade – die ist so cool! Felgenbänder, Flickzeug, ein Schlauch und Zwei neue Mäntel. Das führt gleich zum nächsten Tagesordnungspunkt: Fahrradunterhalt! Einen halben Tag dreht sich hier alles um die Reifen, Bremsen und Kette. Und als endlich alles verrichtet ist, schiebe ich stolz mein wie neugeboren glänzendes Traumvelo zur Tanke und hauche ihm noch die nötige Luft ein. Und am Abend bin ich tatsächlich bei Davide und seinen Gastgebern zum Nudeln Essen eingeladen – sieh an, sieh an! Aber nicht, dass ihr jetzt glaubt, eine Einladung wäre für mich kostenfrei! Ich war für Eis und Cola zuständig – organisations- sowie zahlungstechnisch. Aber gerne, denn es war ein wirklich netter Abend mit der WG! Am nächsten Tag sollte endlich Dino eintreffen und dann wären alle Bremsfaktoren für eine befreite Weiterreise erledigt: Neue Kreditkarte, Blog erledigt, Postgang erledigt, Wanzen erledigt, Fahrradpflege erledigt. Toll, toll, toll!

…Fahrradpflege nicht erledigt! Ich wache auf und die Luft ist raus. Hinten. Da hatte ich den alten, bereits hundert Mal geflickten Schwalbe-Schlauch aufgezogen, damit ich an diesem einzig mir verbliebenen Autoventil in meinem ganzen Schlauch-Sammelsurium den Druck messen könnte. Das geht an keiner anderen Ventilart. Nun, jetzt, da kein Druck mehr drin ist lese ich auf meinem Messgerätchen ganz klar ab: Offenbar zu hoch wird dieser gewesen sein. Oder was auch immer. Aber was für ein Glück, dass ich im Blog immer anständig über meine Guatemaltekischen Schläuche geklagt habe: Ohne eine Anregung meinerseits hat meine Mama auch noch einen Schlauch mit nach Italien geschickt! Jetzt warte ich also ganz gelassen Dinos Ankunft ab und dann sind meine Reifen endlich wieder brauchbar ausgestattet – kein Grund zur Panik also!

Und dann ist endlich der große Moment gekommen: Dino ist da! …und hat im Stress alle meine Sachen in Italien liegen lassen.

[…]

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

 

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Hühnereien

Was ich euch bisher verschwiegen habe: Am Tag nach meinem berühmten Grenzübertritt bin ich nicht, wie Davide es mir wohl aufgetragen hätte, direkt zur Hölle, sondern direkt zum Supermarkt gefahren. Natürlich war ich noch immer auf Konfrontationskurs: Hab mich gleich mal mit dem Wachp(f)osten angelegt. Aber auch ein bisschen zu Recht, wie ich mich verteidigen darf: Er bestand darauf, dass ich mein Fahrrad drüben am Fahrradplatz abstelle. In der prallen Sonne! Und als er auf mein freundliches Bitten, es wegen meiner Getriebeschaltung in den Schatten stellen zu dürfen, damit ich nicht unnötig Öl verliere, nicht im Geringsten mit Verständnis reagiert hat, musste ich eben mit der Brechstange parken: „Ja, ja, [du lächerlicher Gummiknüppelgorilla], no entiendo!“ Aber mir ist durchaus bewusst, dass all diese Gefechtereien nicht nötig wären, wenn ich ein gutes Innenleben hätte. Dann würde mein Charme alles konfliktfrei regeln. Aber es steckt mir einfach das italienische Treatment noch wie ein Knödel im Hals!

Jedenfalls komme ich nach gewonnenem Krieg gegen die beiden Geldautomaten endlich zu ein bisschen Geld und nach schließlich doch noch erfolgreich erledigtem Einkauf wieder raus zum Fahrrad und beschließe, den Stunk-Regler ab sofort auf Null runter zu drehen. So mache ich mir ja selbst keinen Spaß. Davide ist Vergangenheit und ab jetzt geht´s wieder lustig zu im Hause Holario! Schalten wir gleich mal das Telefon an und sehen, was wir für tolle Nachrichten im Postfach haben. Aha, die Mama. Was schreibt sie denn…? „Hallo Angela, schnell, schnell, ich brauche deine Entscheidung: Die neue Kreditkarte ist schon eingetroffen! Wenn ich sie sofort nach Italien weiterschicke zu Davides Freund, dann kommt sie noch rechtzeitig an mit Expressversand. Soll ich?“ Nächste Nachricht: „ANGELA, aufwachen! Es eilt!“ Ich schreibe sofort zurück: „Hallo Mama, nein, nein, bitte nicht schicken. Davide hat mich zum erneuten und diesmal endgültig letzten Mal in die Wüste geschickt. Ich komme ohne ihn klar!“ …die Nachricht kann nicht gesendet werden. Auch nicht die nächsten Zehn Male des erneuten Versuchens. Ja Herrschaft! Da leite ich alles über ein anderes Kommunikationsmedium an meine Schwester in Wien und bitte sie, es an die Mama in Deutschland zu übermitteln. Das haut Gott sei Dank hin! Doch nützt alles nichts, denn ein paar Minuten später kommt folgende Nachricht von meiner Schwester: „Hallo Angi, hab wirklich gleich alles an die Mama geschickt aber die Post ist schon weg…“

So war das. Es will einfach kein Ende finden! Na, jedenfalls habe ich dann wieder den ersten Schritt machen müssen. Der hat ein Glück! Aus diesem Schlamassel hätte er sich selbst nie befreien können! Der Ofen war nämlich aus! Aber gut, jetzt hilft´s ja nicht. Ich erkläre ihm per Nachricht, dass ich ihm eigentlich nicht mehr schreibe. …aber aufgrund der Situation nun mal dazu gezwungen bin! Dann schildere ich ihm kurz die Tatschen und er meint zu allem „Ok, kein Problem.“ Ich vermute, er war heil froh, dass ich jetzt wieder was von ihm brauch. Ich lasse sozusagen vor ihm – wie man einer Henne ein Korn hinwirft – einen satten Pluspunkt auf den Boden fallen. Doch immerhin, dazu ist er Henne genug: Er pickt ihn auch auf! Und verbucht ihn natürlich prompt auf seinem Punktekonto – dazu ist er Italiener genug! So sind wir also wieder in Kontakt geraten. Und jetzt warten wir beide hier in Managua sehnlichst auf Dino, seinen Freund aus Italien. Doch in anständig räumlicher Trennung voneinander: Er bei „Warmduschern“ und ich im Hostal.

Ach und übrigens: Frohe Oktern!

 

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

 

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Familie José

Bevor in Managua der Rundlauf beginnt, lehne ich mich ein bisschen zurück und verbringe einen herrlichen Tag mit der Familie von José. Er ist ein Freund von mir in Deutschland und hat mir eine postalische Anlaufstelle in Managua organisiert. Dorthin hat meine Mama vor ein paar Wochen schon Zwei Päckchen geschickt, die mir die Mama von José heute Vormittag im Hostal vorbeibringt. Dann fragt sie mich ganz lässig: „Hast du Zeit?“ Ich nicke. Und schon finde ich mich in einer privaten Tour durch die wichtigsten Stadtviertel von Managua wieder. Wir schauen uns die Lagunen an, die ehemalige Vulkankrater hinterlassen haben. Und wir besuchen die Ausstellung von Sandino, dem Volksheld der Nicaraguaner! Er war ein einfacher Bauer, der dem Voranschreiten der „Gringos“ seinerzeit mutig entgegengetreten ist und heute als Sinnbild für Patriotismus seinen Status hat.

Übrigens ist von der Altstadt von Managua kaum noch was übrig. Ach, was sage ich: Nichts! Alles ist beim letzten Erdbeben 1972 eingestürzt und leider nie wieder rekonstruiert worden. „Daher!“, denke ich mir. Daher fehlt es dieser Stadt an urbanität, am richtigen Maßstab, an Proportion, an Athmosphäre, an allem einfach, was eine Stadt ausmachen könnte! Ich erinnere mich, wie ich gestern Abend bei meiner Ankunft zu aller Erst ans Wasser runter bin. Doch mein erster Eindruck war haaresträubend: Eine sechsspurige Autoschneise mitten durch die Stadt, endend in einer randlosen, überdimensionalen Plaza (wir Architekten würden das als „urban void“ bezeichnen) vor dem ekelhaft dreckigen Wasser des „Lago de Managua“. Doch klar: So ein Erdbeben und der oftmals struktur- und visionslose Wiederaufbau erklären dieses Debakel. Dabei würde mich wirklich interessieren, wie es hier vorher ausgesehen hat. Die halb eingestürzte Kathedrale und noch ein kleines Gebäude, das jetzt im Militärviertel steht und leider nicht fotografiert werden darf, lassen nämlich erahnen, dass ich eine Gaumenfreude an Architektur verpasse: Diese beiden Fassaden haben perfekte Proportionen und wirken – so schmucklos und heruntergekommen sie auch dastehen mögen heute – schlicht und einfach noch magisch!

Dann bringt mich Maria zu ihrem Mann, der im Häuschen etwas außerhalb von Managua schon ganz neugierig auf meinen Besuch ist. Wir sitzen im Garten, trinken seinen eigenen Kaffee und visionieren ein bisschen über Weltverbesserei im braunen Bohnenwesen: Wie man die Anbauer besser bezahlen könnte und dabei gleichzeitig das Endprodukt günstiger vermarkten könnte. Oder das Öko-Bewusstsein hier in Zentralamerika mit der richtigen Strategie verbessern könnte… es gefällt mir! Mit Jose´s Papa kann man Ideen kriegen!

Dann geht ein herrlicher Tag zu Ende. Ich bin platt! Aber glücklich. Besser könnte Nicaragua nicht vertreten werden als durch Maria und José (und natürlich José Jr. in München nicht zu vergessen!) Ich danke euch von Herzen für diesen Tag, für eure Gastfreundschaft, eure Zeit, eure Essenseinladungen und den Kaffee! Und wenn ihr das nächste Mal José in Bayern besucht, fühlt euch herzlich Willkommen, auf einen Kaffee bei mir (oder meiner Mama) zu kommen (weil die ihn sicher besser kocht, als ich das je können werde).

Danke einfach!

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291_Weltkulturerbe

Nicaragua gefällt mir! Nicht so sehr die Leute bisher, aber die Landschaft: Die Straße hat beiderseits einen ausgedehnt breiten „Grün“streifen mit ein paar mageren, ein paar fetteren Bäumen, wo die Leute in einem Trampelpfad ins Nachbardorf gehen, reiten oder mit dem Fahrrad fahren. Dann erst kommen die Zäune, die die privaten Grundstücke und Ackerfelder abgrenzen. Man empfindet das irgendwie als ein bisschen mehr Freiraum, mehr Luft, wenn man so will. Aber die Leute sind ziemlich ernst. Bisweilen denke ich an Indien zurück. Auch begegnen mir hier zum ersten Mal seit Langem wieder Pferdegespanne: Schwere Karren mit Vollholzrädern oder Autoreifen. Die klapprigen Tierchen müssen alles geben, um diese Konstruktionen – meistens ja auch noch schwer beladen – zu bewegen. Und alle leiden sie ganz böse an Hüftverkrümmungen. Geschunden werden sie! Aber es ist nicht so, dass sich die Besitzer selbst schonen: Auch sie ackern und rackern! Man könnte ihnen also nicht vorwerfen, dass sie ihre Tiere misshandeln während sie sich selbst einen schlauen Lenz machen. Wahrscheinlich kommt dieser Umgang mit den Arbeitstieren daher, dass sie ihren Frust über das herbe Leben in irgendeiner Form an irgendjemandem auslassen müssen.

Und wenn gerade kein Pferd oder Esel in der Nähe ist, dann tut´s auch ein Tourist! Als ich gestern nach León hineinfahre, um mir ein Stück Weltkulturerbe in Form einer Kathedrale anzusehen, werde ich schon auf dem Weg dorthin „schräg von der Seite“ angemacht. Na gut, lassen wir den Dummkopf quatschen. Ich steige ab, schiebe über das holprige Kopfsteinpflaster und lasse noch ein, zwei dumme Sprüche auf mich wirken. Bis ich schließlich an dem Platz mit der Kathedrale ankomme. „Etwas mickrig!“, denke ich mir. Und keine Hinweistafel, kein Wachposten. Dafür ein schönes Sprayer-Tattoo an der uralten Steinmauer. Das passt! Kein Verständnis für alte, erhaltenswürdige Baukultur. Geschweige denn, dass hier einer das Prädikat „Weltkulturerbe“ schätzen würde! Ich bin enttäuscht. Ich suche mir auf der sandstaubigen Plaza ein Schattenplätzchen und kaufe mir ein Mineralwasser am Kiosk. Doch auch hier ist die Wirtin nicht gerade redselig. Sie brummelt gerade mal das Nötigste, das es braucht, um den Kaufvorgang abzuschließen. Danach gehe ich noch schnell auf´s Klo, bevor ich mir den Rest des Stadtzentrums ansehe. Ich soll dafür Fünf Cordoba bezahlen – ein normaler Preis. Aber dafür bekomme ich keinesfalls ein sauber gewischtes Toilettenhäuschen! Nur ein Bündel Klopapier, wovon ich selbst Zwei ganze Rollen dabei hätte! Die Klofrau hockt draußen im Schatten und schmatz ihr Picknick in sich hinein. Die ganze Familie scheint irgendwie da zu sein. Doch was weit und breit fehlt ist ein Eimer mit Wasser, einem Putzlappen, ein Besen, ein Schäufelchen, Gummihandschuhe, ein Schwamm, … nichts, aber auch gar nichts, was auf einen Ansatz eines Arbeitswillens hinweisen würde! Und das Waschbecken hängt dementsprechend versifft und dreckversprenkelt von der Wand…

Na gut, denke ich mir. Ist hier eben so. Vergiß die Fünf Cordoba, ist doch egal. Ich wasche meine Hände. Und dann erlaube ich mir auch noch, meine Füße im Waschbecken zu waschen. Doch oho! Was denkt ihr, wie die mich angefahren hat! Das sei ein Handwaschbecken, da kann man keine Füße drin waschen! Ich soll gefälligst raus gehen, ich Schmutzfink, und meine staubigen Treter dort am Schlauch waschen. Na gut, auch das lasse ich mir noch eingehen. Doch als ich Zehn Meter gegangen bin und noch immer nicht erkennen kann, an welcher Stelle am Horizont genau das Ende dieser dubiosen Wasserleitung liegen könnte, mache ich kehrt und setze gerade dazu an, meinen rechten Fuß auch noch im Becken zu waschen. Da kommt sie wieder, dreht mir den Hahn ab und schiebt mich mit ihrem vollen Körpergewicht aus dem Vorraum. Und da endet mein Verständnis! Ich lasse sie zwar gewinnen, zeige ihr aber im Abflug noch gehörig den Vogel. Ich meine, was glaubt die Pute denn? Hat noch nie in ihrem Leben eine Vorstellung von einem auch nur ansatzweise sauberen Waschbecken bekommen, aber muckt sich hier zum Hygieneapostel auf!

Mir reicht´s hier. Ich verschwinde. Und genehmige mir noch ein paar Idiotensprüche, bis ich endlich wieder hinter den Stadtpforten und in der Wildnis bin. Was für ein Irrtritt, dieses León! Und diese schwindlige Kathedrale, ein Witz!

Doch aus ausreichend weiter Entfernung formt sich mir nach und nach ein blasser Gedanke: Was, wenn es gar nicht die richtige Kathedrale war? Auf diese Idee bin ich nicht mal annähernd gekommen vorher. Aber irgendwie entwickelt sich dieser Geistesblitz zu einer handfesten Annahme. Und Google bestätigt mir meine Befürchtung: Vor lauter Kiosktanten- und Kloweibermissmut habe ich glatt den zentralen Punkt verpasst gestern! Was für eine Schande.

Naja, dann seht hier eben die kleine Schwester der großen, weltberühmten Kathedrale von León, der sonst sowieso keiner auch nur einen Funken Aufmerksamkeit schenkt, weil ja gleich nebenan ein Stück Weltkulturerbe steht!

 

Managua, Nicaragua (Hostal El Maná)

Tages-Km: 79,08km / -Zeit: 5:31h / -Höhenmeter: 391m

Gesamt-Km: 18.161km / -Zeit: 1.234h / -Höhenmeter: 164.342m

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290_Radioempfang

Dieser gestrige Grenzgang war wirklich legendär! Als ich die Geldscheine in der Hand hatte, bin ich wie ein Sausewind auf und davon. Aber wer aufgepasst hat, weiß ja, dass ich damit erst nochmal zurück in die Warteschlange im Grenzerhäuschen musste! Was für ein Glück, dass da ein anderer Beamter gerade ein zweites Fenster aufgemacht hatte! Zu dem bin ich ganz scheinheilig hingewitscht und habe sofort meinen Ausweis unten durch den Schlitz im Glas geschoben. Und meine Zehn Dollar und Fünfundvierzig Cordoba gleich hinterher, dass das jetzt auch ja zügig ginge! Da höre ich es von draußen schon schrill kreischen: Vigilancia! Vigilancia! …Polizei, Polizei! Kacke, jetzt würden sie bestimmt gleich mit Handschellen kommen und mich einlochen. Und mein Paßkontrolleur blättert in aller Seelenruhe meinen Ausweis durch. Von hinten nach vorne und wieder zurück. „Bitte, bitte, kann das denn nicht schneller gehen!“, denke ich (auf gar keinen Fall laut). Mein Puls steigt. Ich spüre ihn jetzt ganz deutlich in der Halsschlagader. Draußen baut sich ein wilder Tumult auf. Dann endlich erhebt sich mein Beamter. …und verschwindet mit meinem Pass hinten im Büro!

Jetzt ist alles aus. Der Ausweis einkassiert, die Polizei im Anmarsch, Endstation Nicaragua! Doch noch habe ich beide Handgelenke zur freien Verfügung. Und der Herr in Uniform hinter der Glasscheibe kommt zurück. Er nickt ganz freundlich und bittet mich, noch einen kleinen Moment zu warten, weil er hinten jetzt meine Bezahlungsbestätigungen ausdrucken lässt. Ich versuche ein Schmunzeln und nicke natürlich verständnisvoll zurück. Wenn ich auch imaginär mit meinen Fingern auf dem Tresen trommle. Doch dann bemerke ich etwas in der Nachbarschlange, was mir fast so etwas wie Entspannung bringt: Ein paar junge Damen schauen zu mir rüber, tuscheln und grinsen verschmitzt. Draußen ist alles wieder ruhig. Die Polizei oder Wache hat sich offenbar nicht einen Teufel um das Geschrei der Alten geschert. Und die selbst kann ja mit ihrem an den Hintern gewachsenen Stuhl auch schlecht aktiv werden. Es dürfte in dieser Richtung also keine Gefahr mehr drohen. Und die Tatsache, dass die Mädels offenbar diesen Vorgang verfolgt haben und sich prächtig darüber amüsieren, gibt mir fast ein Gefühl der Rückendeckung. Wenn ich aber doch endlich den Reisepass wieder in meinen Händen hielte! Der Beamte bearbeitet meinen Hintermann in der Schlange. Dann noch schnell die Dame nach ihm. Und dann stellen sich noch Zwei hinter ihr an. Und auch die lässt der kulante Herr noch schnell drankommen. Doch endlich erhebt er sich, geht wieder nach hinten, und schiebt mir kurz darauf alles wieder zurück durch den Fensterschlitz: „Willkommen in Nicaragua!“, verabschiedet er mich.

Es ist alles gut gegangen. Wer hätte das gedacht? Doch ich kann mich erst nach einigen Kilometern richtig entspannen. Das ist an einem kleinen Bushaltestellenkiosk. Ich kaufe mir eine Cola. Zwanzig Cordoba will die dafür haben! Da meine ich: „Puh, ist aber verdammt viel!“. Und sie zieht umgehend eine Pepsi aus dem Kühlschrank und meint: „Pepsi kostet nur Zehn…“ Alles klar! Ich trinke also eine Pepsi und esse eine Melone, die Davide heute Vormittag noch von ein paar Feldarbeitern erbettelt hatte. Ich setze mich dazu auf einen Plastikstuhl im Schatten und schneide mir Schnitz um Schnitz von dem guten Stück ab. Die Mittagshitze sängt. Wüstenstille. Da dreht die Kioskfrau das Radio an: Es kommen Gesundheitstipps. Ich verfolge nur mit einer halben Gehirnhälfte: Prävention ist alles… gesunde und ausgewogene Ernährung… kein Alkohol… kein Opium, Morphium, Marihuana, Kokain, Heroin, Extasy, Speed, … Krass, wie direkt die hier alles ansprechen! Ich widme mich wieder meinem Obst. Doch ein paar Minuten später fängt mich wieder der Sender. Ich realisiere, wie plötzlich alle Energie auf diesen Radiosprecher gerichtet ist: Die Jungs, die mittlerweile neben mir auf der Bank sitzen und liegen und auf den Bus warten, lauschen auch ganz „spitz“: Zum Generalwohl eines Menschen gehört auch die sexuelle Zufriedenheit. Und so berät der Antennenmann mit Pfarrerstimme jetzt, wie Männer und Frauen garantiert zum Orgasmus kommen, wie man Impotenz in den Griff bekommt und worauf sexuelle Unlust bei Frauen zurückzuführen ist. (Zu diesem Thema könnte ich auch etwas beitragen, wenn ich da zum Beispiel an einen ganz bestimmten Italiener denke…) Ich lasse meinen Blick zur Seite schweifen. Jeder der Lauschenden hat ein zartes Lächeln auf den Lippen. Ich jetzt auch. Noch ein Stück Melone. Ich lehne total entspannt in diesem Stuhl, genieße die monotone, etwas brummige und betont seriöse Sprecherstimme. Und die Tatsache, dass ich nicht alles auf´s Wort verstehe von dem, was sie sagt. Ich versuche gar nicht erst, an die Details zu kommen. Ich lasse mich einfach berieseln mit Begriffen, die international geläufig sind: Penis, Vagina, Klitoris, Ejakulation, Penetration, …nnnnöh. Und das am hellichten Tag! Nicht schlecht, Nicaragua. Dann kann ja jetzt nichts mehr schiefgehen, nach dieser Einweisung … nnnnöh?

 

Izapa, Nicaragua (Zelt)

Tages-Km: 91,34km / -Zeit: 5:41h / -Höhenmeter: 322m

Gesamt-Km: 18.082km / -Zeit: 1.228h / -Höhenmeter: 163.950m

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289_Wechselkurs

Die Nacht ruhig, der Morgen unspektakulär. Außer, dass in der Früh ein Einheimischer mit seinem Fahrrad an uns vorbei durch das Feld schaukelt, in dem wir gut versteckt vor Dieben übernachtet hatten. Als wir alles eingepackt hatten und fertig waren zur Abfahrt, kommt er zu Fuß zurück: Haben im sein Rad geklaut!

Davide steigt natürlich gleich drauf ein. Dass es ein Wunder sei, dass ich überhaupt noch ein Fahrrad habe: Schließlich würde ich es ja nie an einen Baum oder sonst was ansperren. Immer nur Absperren. Und noch dazu in solchen Feldern (den Platz hatte ich gestern gefunden, nachdem wir Drei mal abgewiesen worden waren von Eigentümern, großzügiger Gartenanlagen). So ein herrlicher Morgen! Ich erwidere noch ein einziges Mal, dass ich IMMER, wenn es eine Gelegenheit gibt, mein Fahrrad mit einem fest mit dem Untergrund verbundenen Gegenstand zusammensperre. Und wenn es die Situation nicht hergibt, dann schließe ich es mit Zwei Schlössern ab, damit es gegen leises Wegschieben gesichert ist und stelle es in Sicht- oder Spürweite vom Zelt auf. Das hingegen spart er sich auf Plätzen wie diesen, meint er. …hä? …also bitte, worüber reden wir hier?

Ich lasse es gut sein und beschließe aktiv, nicht auf diese Sticheleien einzugehen. Ich singe lieber! Und so vergeht ein herrlicher Vormittag. Bis wir uns der Grenze zu Nicaragua nähern! Wir fahren nebeneinander her, aber sprechen kein Wort. Davide hat einen ernsten bis verbissenen Gesichtsausdruck. Jemand hat ihm von Kindern erzählt, vor denen man sich hier in Acht nehmen solle. Ihr könnt euch ja denken, was mir diese alles stehlen werden…

Jedenfalls schießt mir plötzlich ein Gedanke in den Kopf, als ich wieder einen Blick rüber zu meinem italienischen Kollegen werfe: Mit dieser Energie an einen Grenzschalter… das gefällt mir nicht! Ich hatte bisher nicht ein einziges Mal wirklich Probleme. Aber das führe ich auf meine freundliche Art und angenehme Ausstrahlung zurück. Das hilft wirklich! Wenn man da gelassen hingeht, klappt meistens alles wie am Schnürchen. Und jetzt ist da dieser chronisch innerlich aufgewühlte Davide an meiner Seite…

Er fährt fast vorbei am Grenzhäuschen! Ich bin es, die das Migrationsbüro entdeckt. Zugegeben, ein unscheinbarer Flachbau, gut versteckt hinter ein bisschen Grünzeug. Aber man weiß ja, dass man dieses Büro finden muss. Also tut man halt ein bisschen langsamer, oder? Davide überholt mich auf den paar Schritten dort hin zum Eingang schon wieder. Dann lehnt er sein Rad gegen die Hauswand neben der Glastür. Ich stelle meins in den sogenannten Grünstreifen vor der Tür und will es gerade abschließen, da spricht es von „oben“: „Lehn´ dein Fahrrad hier auf meins drauf!“ Das ist so: Es trennt mich von seinem Rad ein Randstein normaler Höhe. Aber um mein Rad genau vor seins zu parken, müsste ich zuerst mein Vorderrad mühselig über diese Kante hieven, könnte dann aber den Hinterreifen nicht im rechten Winkel zur Bordsteinkante nach oben bringen, weil oben der Platz nicht ausreicht. Ich müsste also das schwerere Hinterteil schräg… es ist brüllend heiß… ich bin schlapp von der Hitze und vom zügigen Radfahren und scheue jede überflüssige Bewegung und Anstrengung. „Wozu das?“ begreife ich zudem nicht und frage es ihn deshalb. Er entgegnet: „Na gut, wenn du nicht willst, dann bleibt du hier und pass auf die Räder auf. Ich geh zuerst rein!“ Das verstehe ich noch weniger. „…oder geh du zuerst, wie du willst.“ – „Na gehen wir doch zusammen rein!“, sage ich. Und denke mir hinzu, dass es doch die reinste Zeitverschwendung wäre, sich zwei Mal in die Schlange zu stellen. „Ja und wer passt dann auf die Räder auf?“ Ich sehe ein robustes Stahlschloß an seinem Fahrradrahmen angeschraubt. Dass dieses zur Lösung des Problems führen könnte, erspare ich mir zu erwähnen und frage mich stattdessen laut: „Was machst du eigentlich ohne mich?“ Und das war´s! Das war der Auslöser und das war die Eskalation. Und wieder einmal das Ende unserer gemeinsamen Reise. „Verdammt, dann geh´ doch du deinen scheiß Weg allein! Mach, was du willst! Geh zu, hau ab, usw usf…“ Das war das letzte, was ich von ihm gehört habe. …das Allerletzte!

Aber ich muss ja noch über die Grenze. Mit dieser Stimmung! Das kann ja nicht gut gehen…

Ich stehe hinter Davide in der Schlange. Wir wechseln kein Wort und sehen uns auch nicht an. Dann kommt er an die Reihe. Es dauert länger, als bei seinen Vorgängern. Dann bekomme ich mit, dass er sich über etwas aufregt. Aber er ist sehr bemüht, nicht zu explodieren! Ich habe keine Lust, mir diese Diskussion genau anzuhören. Schließlich geht mich das seit Zehn Minuten nichts mehr an. Ich reise ja wieder allein und drehe mein eigenes Ding. Jetzt bin ich dran. Der Beamte spricht in einer Sprache, die ich nicht annähernd verstehen kann. Erst auf mein drittes Anfragen hin kommt es mir halbwegs Spanisch vor. Ich antworte. Aber er ist wohl irgendwie genervt… Ich soll etwas bezahlen. Ist mir eigentlich schei…egal, wofür das ist. Viel wollen die ja hier nicht. Und darüber diskutieren braucht man auch nicht. Nur: Diesen „Stempel“, den man am Ende gar nicht bekommt, bezahlt man in Zehn Dollar und Fünfundvierzig Cordoba. Das sind Zehn Währungseinheiten der Vereinigten Staaten und Fünfundvierzig von Nicaragua. In meinem Geldbeutel befinden sich aber lediglich Lempira – Geldeinheiten von Honduras. Schließlich komme ich soeben aus diesem Land! Er rauscht mir das Drei Mal von Innen gegen die Glasscheibe. In Lempira bezahlen kann ich das nicht. Warum auch immer. Es bleibt mir nichts anderes übrig: Ich muss die Warteschlange verlassen und zu meinem Fahrrad gehen. Was für ein Glück, dass ich seit dem Verlust meiner Kreditkarte ein paar Reserve-Dollars in meinen Taschen versteckt habe! Ich komme mit einem Zwanzig-Dollar-Schein zurück und stelle ich mich vorne in die Schlange. Doch ich werde zurückgewiesen: Es fehlen ja noch die Fünfundvierzig Sch…Cordoba!

Ja wo ich die denn jetzt herkriegen soll? „Da drüben kannst du wechseln!“ brummt der Uniformierte hinter der Glasscheibe. „Da drüben“ hocken Zwei fette Wanzen auf Zwei unter ihren Oberschenkeln unsichtbaren Küchenstühlen. Die jüngere von ihnen macht mir ein Wechsel-Angebot: Für Einhundertfünfundzwanzig Honduresische Lempira bekomme ich bei ihr Einhundertfünfzig Cordoba. Doch meine frisch aktualisierte Wechsel-App sagt EinhundertSECHSundfünfzig. Natürlich ist das nur ihr Einstiegsgebot und so steige ich in die Verhandlung ein mit dem Satz, dass ich das nicht akzeptiere. Und im selben Moment könnte ich mich selbst dafür ohrfeigen. Schließlich ist das, was ich hier betreibe, nichts als energiezehrende, überflüssige Pfennigfuchserei. Gib ihr die Sch… Sechs Cordoba und gut! Aber nein, stattdessen habe ich mich von dieser Kacke mit Davide jetzt doch anstecken und beeinflussen lassen. Von meiner sonst so guten Energie und Ausstrahlung ist nicht ansatzweise etwas zu spüren. Wie soll ich da einen Verhandlungserfolg einfahren? Klar, die lässt mich natürlich knallhart abblitzen. „Dann gehe ich also zur Bank und werfe lieber denen das Geld in den Rachen?“, frage ich sie selbstsicher. Doch sie nickt noch selbstsicherer und schmunzelt sogar ein bisschen. „Geh du nur“, hat sie sich gedacht. Wissend, dass der Geldautomat nur zur Zierde in dem kleinen Glashäuschen auf der anderen Seite des Gebäudes steht…

War eigentlich klar. Jetzt brauche ich aber einen anderen Geldwechsler. Gibt ja immer genügend hier! Ich frage ein bisschen rum. Doch jeder schickt mich immer ein paar Meter weiter. Am Ende schicken sie mir ein Kind. (Alarm!!!) Dieser kleine Junge ist total nett (Vorsicht!!!) und bringt mich sofort um die Ecke. Einmal, Zweimal. Dann zeigt er auf Zwei Damen… Darf nicht wahr sein! Ich sage dem Buben, dass ich bei denen nicht wechsle! Die Details würden zu weit führen. Dann meint er: „Na gut, dann gibt´s hier noch die Bank und den Automaten…“ Jetzt bin ich einmal rum ums Gebäude und hier beißt sich nun der Fuchs in den Schwanz!

Ich packe mein Fahrrad und bin schon fast dabei, einen Kilometer zurückzufahren, wo mir ein Typ am Straßenrand einen Geldwechsel angeboten hat. Doch natürlich – so blöd bin ich auch wieder nicht – wenn der sieht, dass ich extra zu ihm zurückkomme, um Geld zu wechseln, wird dem sein Kurs auch nicht gerade besser sein. So blöd ist er ja auch wieder nicht! Verdammt, verdammt, verdammt! Ich kann´s nicht glauben, aber ich muss tatsächlich die Klinke bei den Wechselweibern putzen gehen! Aber ich gehe wenigstens zu der anderen, der Alten. Ich biete ihr Einhundertfünfundzwanzig Lempira. Und – welche Überraschung – sie bietet mir Einhundertfünfzig Cordoba. Und anstatt hier aufzugeben, was mache ich? Ich lasse meinen inneren Dampf gewähren und lehne erneut ab. Diesmal nur noch radikaler. „Nein!“, zische ich sie an. Ich will EinhundertSECHSundfünfzig. Da lehnt sie sich arrogant zurück und lächelt mich hämisch an: „No hai Cordoba… es gibt keine Codoba!“

Was bin ich nur für eine blöde Kuh, denke ich mir. Wie kann ich mich wegen diesem Idioten so selbst ins Bockshorn jagen? Also nur, dass eins hier mal klargestellt ist: Ich war nicht einen einzigen Moment lang in diesen Typen verliebt! Das hat so mancher Leser vielleicht so verstanden aus meinen vergangenen Texten. Davide ist kein Mann zum Verlieben! Allenfalls einer zum Trotzdembleiben. Aber auch nur dann, wenn er es irgendwann mal schaffen sollte, sein ganzes Potenzial auszuschöpfen! Doch nun das ist so: Vor Antritt dieser Reise habe ich mir selbst ein Versprechen gegeben. Ich verliebe mich nicht mehr in das Potenzial von Männern! Nur noch echte Männer. Und das ist er nicht. …noch nicht.

Aber was verliere ich mich hier in derlei Feinheiten? Ich stehe noch immer (knietief in der Sch…) vor dieser eigebildeten, lässig zurückgelehnten Wechselstubte. Und muss irgendwie ihr Geldbündel anzapfen. Ohne die Hosen runterzulassen! Sie grinst noch immer derart unverschämt selbstzufrieden. Na warte, du! Mir reicht´s für heute! Ich komme mir ja langsam vor, als ob auf meiner Stirn in allen verfügbaren Sprachen dieser Erde geschrieben stünde: „Arschloch vom Dienst“ Aber daraus machen wir jetzt ein „Selber!!!“, das sich gewaschen hat! Wenn ihr meine Geduld unbedingt überstrapazieren müsst, dann werde ich euch schon zeigen, wo der Bartl seinen Most herholt, mein lieber Scholli! Ich frage sie, was sie mir denn für Einhundertdreißig Lempira anbieten könnte. Und jetzt hat sie mich. …glaubt sie! Und tippst auf ihren Taschenrechner ein: „EinhundertSECHSundfünfzig.“ – „Jawoll, das passt!“ denke ich laut und offenbar auf Spanisch. Jedenfalls blättert sie schon ihr Bündel durch und zählt mir jetzt exakt auf die Hand: Einhundert, Fünfzig, Fünf und Eins. Dafür gebe ihr alle meine Einhundertfünfundzwanzig…und jetzt aber nix wie weg hier! „Muchas gracias und Adiós!“

 

San José, Nicaragua (Zelt)

Tages-Km: 95,10km / -Zeit: 5:50h / -Höhenmeter: 466m

Gesamt-Km: 17.990km / -Zeit: 1.222h / -Höhenmeter: 163.628m

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