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Im Kreis geheult

Dienstag, 16.08.2016, Treffpunkt Marina de Gloria. Uns erwartet ein großer Tag: Vier Medal Races und Vier Siegerehrungen der Klassen Laser Radial (die Frauen), Laser Mens, Finn und Nacra. Eigentlich hätten die Laser schon gestern ihre großen Auftritte gehabt. Doch der Wind kam zuerst von der falschen Seite und dann, als er am späten Nachmittag endlich gemäß der Erwartungen der Wetterkenner die Richtung gewechselt hatte, viel zu stark. Dementsprechend kommen heute die Entscheidungen geballt.

Papa, meine Schwester, Philipps großer Fan mit gleichem Namen und ich sitzen schon am Strand mit der großen Videowand mit dem Zuckerhut im Hintergrund und warten ein bisschen zappelig auf das Auslaufen der Laser-Mädels. Und mit fast noch mehr Aufregung im Herzschlag auf das Einlaufen unseres Bruders. Er will kommen. Aber es wird vielleicht der härteste Gang seiner Karriere bislang, sich sein eigenes, verpasstes Medal Race hier in Rio nicht vom Wasser, sondern vom Land zu erleben. Als Zuschauer. Nicht an Schot und Pinne. Vor ein paar Tagen hatte er schon die Enttäuschung verdauen müssen, nicht – wie sonst gewohnt und seit nun schon Jahren konstant – unter den besten Zehn zu sein. Also die Qualifikation für die letzte, zumeist Medaillenentscheidende Wettfahrt nicht geschafft zu haben. Wie schwer ihm dieser Brocken im Magen liegen musste, konnte wohl jeder mitfühlen, der ihn seit Jahren als Familie, Fan oder Freund begleitet. Und genauso würde es jeder verstehen, dass er sich diesen zweiten Brocken heute nicht mehr antun will…

Doch er tut es! Mit einem Rucksack voller Getränke für uns und seinem grundehrlichen, unverwechselbaren Lächeln im Gesicht sehen wir ihn jetzt vom Hafengelände, zu dem wir keinen Zutritt haben, auf uns zukommen. Dann setzt er sich neben uns auf die Rasenkante im Schatten und wartet mit Gefühlen, wie sie gemischter und gleichzeitig eindeutiger nicht sein könnten, auf den ersten Startschuss. Es ist für uns alle ein lockerer Einstieg in diesen Medaillennachmittag, denn bei den Radials haben wir kein Mädel am Start, dem wir unsere besondere Unterstützung zukommen lassen.

Als die Damen langsam dem letzten Raumschenkel und damit der Ziellinie direkt vor unserem Strandabschnitt entgegensteuern, laufen nach und nach die Herren aus. In einer Parade fahren sie vom Hafen ein paar Hundert Meter parallel die Uferkante entlang, bevor sie sich zum Start bereit machen. Philipp wird ganz ruhig jetzt. Die Mädels sind fertig und verlassen ebenfalls in einer kleinen Parade, jedoch in entgegengesetzter Richtung, das „Spielfeld“. Die ersten Medaillen sind gefunden! Und damit steht die nächste Entscheidung unaufhaltsam bevor: Die, in der er gerne mitgemischt hätte. Die, auf welche er sich so lange und so intensiv vorbereitet hatte. Die, auf die er so heiß war am Ende, nachdem er sich über Jahre erst mit dem Segelrevier hatte anfreunden müssen. Er hatte es geschafft, all seine inneren Abneigungen gegen diese Bucht abzulegen. Ja, sie mit vielen Trainings und Analysen am Ende sogar so etwas wie lieb zu gewinnen. Er war bereit für Rio 2016! Und jetzt sieht er den Wind und die Strömungsvorteile aus der Perspektive der Zuschauer…

Das Rennen ist gestartet. Und Philipp hat seinen Platz an der Rasenkante verlassen. Er steht ein bisschen hinter uns gegen einen dicken Laternenmast gelehnt. Noch immer bemüht er sich um ein Lächeln, wenn er zu uns rüber schaut. Doch je näher die Medaillen rücken, umso mehr verkriecht er sich hinter dem Masten. Es müssen viele, viele Erinnerungen und Gefühle in ihm hochkommen. Die kann man als Außenstehender wohl niemals richtig nachvollziehen. Es ist nicht nur die Enttäuschung über die eigene Leistung. Es ist wohl alles ein bisschen weitreichender und grundlegender jetzt. Wie kein anderer von uns kenn er die Segler, die jetzt gleich gekürt werden. Er weiß, wodurch sie sich im Wettkampf und auch auf Land auszeichnen. Er weiß, wer von ihnen die Klasse-Typen sind. Und wer die Maulwürfe. Wer von ihnen ehrlich und fair kämpft und wer bescheiden und sympathisch ist. Und wer eher nicht. Und wenn ich seine kleine Träne im Auge richtig interpretiert habe, fragt er sich im Moment des Zieleinlaufs nach der berühmten Gerechtigkeit im Leben…

Doch all diese Gefühle halten ihn nicht davon ab, jetzt für die Medaillenparade trotzdem ans Wasser runter zu gehen, um den Siegern auf diese Weise seine Gratulation und seinen Beifall zu zollen. Er ist wohl nicht umsonst schon so etwas wie eine Persönlichkeit im deutschen Segelzirkus. Erinnert ihr euch an Charlie Buckingham? Sein Kollege aus den USA, der mich damals in Newport Beach so liebenswert beherbergt und versorgt hatte? Er hat mir ein Statement über Philipp mitgegeben, das ich nicht nur niemals vergessen werde, sondern das mich mit mehr Stolz auf meinen Bruder erfüllt, als es jegliche Medaille je tun wird (aus meiner Erinnerung frei übersetzt): „Ich glaube Philipp ist der fairste Sportler, den ich je kennengelernt habe. So auf dem Boden geblieben, immer hilfsbereit und immer freundlich […]“.

Er hatte mich und Coletta gefragt, ob wir mitgehen würden ans Wasser Und natürlich taten wir das. Wir stehen jetzt zu Dritt am Ufer, er in unserer Mitte. Rings um uns füllt sich alles mit Fahnen und Beifall rufenden Fans aus Australien, Kroatien und Neu Seeland. Coletta geht ein paar Schritte nach vorne, um besser sehen und fotografieren zu können. Von der Videowand dröhnt Feiermucke. Zu allem Überfluss auch noch solche textlichen Supernummern wie „Simply the Best“. Während Fünfzig Meter vor unseren Augen zwei Blaue Flaggen mit weißen Sternen geschwenkt werden. Ich gehe zu Coletta. Sie hat den Fotoapparat wieder in die Hosentasche gleiten lassen und legt ohne ein Wort ihren Arm um meine Schulter. Und ohne auch nur einen Blick hinter ihre verspiegelte Sonnenbrille weiß ich, dass ihre Augen unter Wasser stehen. Genauso wie meine. Aber nicht, weil diese übergewichtige Halskette mit dem knallig-bunten Band jetzt ein Zuhause gefunden hat, das nicht unseres ist. Sondern einzig und allein, weil wir sie einem so großartigen und menschlichen Sportler wie unserem „Kleinen“ einfach von ganzem Herzen gegönnt hätten. Wir weinen nicht um sie, wir weinen für ihn.

Da dreht sich Coletta um und sagt: „Jetzt ist er weg!“ Und das ist er, der Moment. Die Art, in der sie es gesagt hat, lässt mein Herz rasen. Und ich verstehe auf einen Schlag und zum ersten Mal, wie sich Philipp in diesen Tagen fühlen musste. Verdammt! Er hatte uns doch extra gefragt, ob wir mitkommen. Er wollte offenbar nicht allein sein hier unten. Und was habe ich getan? Im entscheidenden Moment habe ich ihn dort alleine gelassen. Genau in dem Moment, in dem er am allermeisten einen Arm um die Schultern gebraucht hätte, habe ich ein paar Schritte nach vorne getan. Und mich zu meiner Schwester gekrochen. Was bin ich nur für ein Ochse! Wie konnte ich ihn da nur stehen lassen? Anstatt ihn einfach zu packen und ganz fest zu drücken. Wie kann man nur so versagen? Wo es doch so klar und einfach scheint, was man zu tun hat?

Wir gehen ihn suchen. Ich links rum und Coletta rechts rum. Nach einer knappen halben Stunde treffen wir uns wieder unter der Videowand. Doch von unserem Bruder keine Spur. Jetzt hat er sich verkrochen. Und auch wenn er weit weg ist, wissen wir, was das bedeutet: Er ist endgültig auch seinen Emotionen erlegen. Es kullern ihm vermutlich ein paar dicke Wasserkugeln über die Wangen. Doch damit traut er sich nicht unter die Öffentlichkeit. Wir hocken uns in den Sand und flennen noch eine Runde weiter für ihn. Während er am anderen Ende des Segelgeländes, irgendwo in einem versteckten Winkel hockt und ganz sicher nicht um die Medaille weint. Für seine Freunde und Gönner und Fans und Sponsoren. Für alle, die für ihn gefiebert und gehofft und an so fest an ihn geglaubt haben und die er vermeintlich enttäuscht hat. Wir weinen im Kreis an diesem gefühlsbeladenen Nachmittag: Er für uns und wir für ihn.

Von der Finn- und Nacra-Entscheidung kriegen wir beide nichts mit. Anstatt die Segler zu verfolgen verfallen auch wir in Vergangenes und Erinnerungen. Bis uns endlich die letzte Siegerparade aus unseren Sandkuhlen holt und zu den Siegerehrungen schickt. Wir folgen dem Strom der Leute und siehe da: Er schwemmt uns zu Philipp. Er ist auch aus seiner Kuhle zurück und hat wieder sein unverwechselbares Lächeln auf. Und ich schreibe bewusst nicht „aufgesetzt“. Denn ich habe ja anfangs einmal geschrieben, dass es immer ehrlich ist. Das ist es auch diesmal! Was ist das nur für ein starker Typ, denke ich mir. Dann schauen wir gemeinsam die Siegerehrungen. Wieder beginnt alles mit den Laser-Damen. Dann fragt Philipp ganz schnell, ob wir nicht gehen wollen. Doch wieder kapier ich´s nicht. Ich kapier wieder nicht, wie schwer es für ihn sein muss, sich jetzt auch noch die Medaillenzeremonie reinzuziehen. Das verstehe ich erst mittendrin, als ich im Hintergrund eine der -zig bunten Flaggen auf Halbmast wehen sehe…

Doch da ist es bereits zu spät, zu gehen. Wir bleiben bis zum Schluss. Bis zum bitteren Ende. Doch als ich mich dafür entschuldigen will, dass ich es nicht vorher gecheckt habe, meint Phipsi: „Es ist gut gewesen so!“ Und den Eindruck hatte ich in dem Moment auch. Er ist kein Typ, der sich versteckt. Er ist einer, der sich den Dingen stellt. Und ich bin sicher, das wird ihm helfen, über Rio 2016 am Ende gut hinwegzukommen. Jedenfalls überzeugt mich in dieser Hinsicht sein nächster Schritt: Wir gehen gemeinsam ein paar Caipis trinken. Zum ersten Mal, seit ich mich erinnern kann, kommt dieser Vorschlag von ihm und nicht von uns. Und diesmal verpassen wir seine Einladung nicht. Diesmal sind wir dabei. Und wir bleiben es auch. Und wir stoßen gemeinsam und mehrmals auf einen fast schon historisch-schweren Nachmittag an. Solange, bis all der Schmerz in ein paar wirklich witzige und unglaublich unbeschwerte Stunden verwandelt ist. Damit beschließen wir diesen Dienstag, den Sechzehnten August Zweitausendsechzehn.

Auch, wenn wir alle wohl ein bisschen „Schädel“ haben beim folgenden Aufstehen: Es war gut so! Genau das hat´s gebraucht, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Wir haben Platz freigeräumt für viele positive Emotionen und Erlebnisse von vielen anderen, unheimlich sympathischen und bescheiden gebliebenen Sportlern, die wir am nächsten Tag beim Feiern im Deutschen Haus kennenlernen durften. Wir sind aufnahmebereit für die vielen, unheimlich freudigen und schönen Seiten von Rio. Darunter natürlich die frischgebackene Bronzemedaille für die 49er, die wir keinem mehr gegönnt hätten als den ebenfalls unendlich sympathischen Sportlern und beiden Freunden von Philipp – Erik und Thommy. Wir können uns vom anderen Ende der Stadt nur zu gut vorstellen, wie sie gefeiert werden. Und hoffen wir, dass diese Stimmung zum nahestehenden Abschluss der Spiele Motivation genug sein wird, noch eine zu starten. Noch eine Kampagne. Hoffen wir auf seinen „Kahn in Japan“. Und darauf, dass auch er bald erkennt, dass nicht immer das Ziel allein das Ziel sein muss. Sondern schon der Weg dorthin es sein kann.

Beschließen wir diese emotionsgeladenen Spiele mit einem uralten aber evergreenen Schinken von Frau Turner, den wir an dieser Stelle einzig unserem Buhli widmen wollen… für uns einfach und für immer simply dr Bescht!

 

 

Rio de Janeiro, Centro, Brasilien

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6 Gedanken zu „Im Kreis geheult“

  1. hey angi, für deinen bruder tut es mir echt leid dass es nicht zum medal race gereicht hat. vorallem wenn man weiss dass er das eigentlich voll drauf hat. aber da spielen soviele faktoren mit, da muss halt alles stimmen. ich hoffe ihr konntet es in rio trotzdem geniessen und ein wenig krachen lassen. ich vermisse jetzt schon deine fesselnden berichte und lese wieder bücher. vielleicht kommt ja mal eins von dir, wer weiss…. . auf jedenfall wünsche ich dir einen guten start ins „normale“ leben. vielen dank für die charmante und spannende unterhaltung in den letzten eineinhalb jahren. liebe grüsse aus der schweiz.

  2. Liebe Angela, liebe Buhls,
    es zeigt sich, dass man auf verschiedene Weise siegen kann. Sicher ist es am einfachsten den Gewinn einer Goldmedaille zu „verdauen“.
    Dein Text vermittelt mir einen viel größeren Sieg. Die Niederlage mit so viel positivem Bewußtsein zu bewältigen steht haushoch über dem Sieg auf dem Wasser.
    Ich bin sicher, dass Ihr, die ganze Familie, einen großen Gewinn für Euer weiteres Leben mit nach Hause nehmt.

  3. Liebste Angi,
    da kann ich mich meinem Vorschreiber nur anschließen. Das hast du wirklich wieder toll geschrieben. Dein Bruder soll stolz auf sich sein, dass er es überhaupt soweit geschafft hat und dass er bei Olympia teilnehmen durfte. Wer kann das schon von sich behaupten da mal mitgemacht zu haben!!! Also genießt Rio in vollen Zügen und ich freu mich schon wahhhhnsinnig auf Dich!!!
    GLG Sandy

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