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Mexico, mi amor!

Auf diese Verausgabung hin habe ich mir Zwei Tage Pause gegönnt. Es ist aber auch zu einladend, dieses San Cristóbal: Viele kleine Cafés, Restaurants, Bars mit Live Musik. Und alles so hübsch hergerichtet! Ich meine mich zwar zu erinnern, dass Rosalba, die coole Frau im Hostel in Ensenada, die hier in der Region Chiapas ihre Heimat hat, mir damals erklärt hat, dieses Städtchen sei nicht wirklich typisch mexikanisch. Zugegeben: Es ist wohl ziemlich westlich! Aber ich kann meine Herkunft ja auch nicht leugnen. Und will es auch gar nicht. Mir gefällt es hier! Ich sitze draußen bei Kaffee und Kuchen oder einem frischen Orangensaft und schreibe euch.

Vor mir passieren die unterschiedlichsten Leute mein Kaffeetischchen: Touristen aller Länder dieser Welt. Aufgestylte mit klackernden Stöckelschuhen oder verfilzte Rastas mit Trekkinghosen und Wanderstiefeln. Und zwischendrin wuseln Unmengen von einheimischen Frauen die Gasse auf und ab und versuchen, ihre aufwendigen Stickereien an den Mann oder die Frau zu bringen. Sie wirken fast schon wie Fremdkörper! Doch eigentlich sind sie es, die diese Region bewohnen. Sie können sich nur in der Stadt und ihrer Urbanität nicht so gut zurechtfinden. Viele von ihnen laufen barfuß mit rissigen, ledrigen Sohlen. Sie tragen ihre Trachten: Röcke aus langhaarigem, schwarzen Schafsfell. Eigentlich scheinen sie nur Stoffbahnen, die oben in der Hüfte in Falten geschlagen und mit einem dicken Gürtel zusammengehalten sind. Und oberhalb des Gürtels stehen die Falten ein bisschen über. Oder anstatt des Felles sieht man auch dicke Filzgewebe, die mit einem bunten Bandmuster bestickt sind. Um die Schulter gewickelt meistens ein kleines Kind in einem Tragetuch. Und in den freien Händen ihre Stickarbeiten. Sie sind auf Anhieb von uns Westlern herauszukennen. Sie sind vielleicht sogar diese typischen Mexikanerinnen, wie man sie sich bei uns vorstellt: Schwarzes, üppiges und irrsinnig glänzendes Haar. Manchmal in Zwei Zöpfe geflochten, wie ich es im Kindergarten immer hatte. Und ihre Körpergröße erinnert irgendwie auch an Kindergartenalter… niedlich.

Überhaupt habe ich mich in Mexiko langsam daran gewöhnt, bei einem aufgespannten Sonnenschirm oder einem Türstock den Kopf einzuziehen. Auch bei Straßenschildern oder – ganz gefährlich: Bepflanzte Hängeampeln vor Hoteleingängen! Alles hängt für meine Begriffe auf Halbmast! Und einmal habe ich mir tatsächlich ganz böse meine Rübe gegen eine spitze Holzpfette gerammt. Ausgerechnet, als ich ohne Helm unterwegs war. Und als ich heute den Sommer-Overall meiner Träume gefunden habe – hätte – hingen meine Knöchel im Freien. Oder meine Oberweite. Tja, sind eben für Mexikanerinnen geschneidert! Manche Frauen sind kaum größer als Einsfünfzig – mit Sechs Zentimetern Absatz und Fünf Plateau. Einfach Putzig!

Dann wiederum gibt´s die, die sich mit unseren europäischen / amerikanischen Standards ganz wohl fühlen. So wie Coral zum Beispiel. Sie ist so alt wie ich, hat Drei Töchter im Teenageralter, ist mittlerweile geschieden und erzählt mir in ihrer eigenen Boutique, dass sie nicht mehr mit Achtzehn heiraten würde. Obwohl sie damit schon nicht einmal wirklich früh dran war: Manche Mädchen heiraten hier mit Vierzehn. Oder werden verheiratet… Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie sich damit noch ein bisschen mehr Zeit lassen. Sie würde eine Schule besuchen, vielleicht sogar studieren, ein bisschen reisen und sich ein Bild von dieser Welt machen. Von schon so mancher jungen Frau habe ich das gehört. Sie haben mich immer bewundernd empfangen und mir alles Glück dieser Welt gewünscht, obgleich sie vielleicht auch ein bisschen neidisch waren auf meine Freiheit und meinen lockeren Lebensstil. Nun, immer war es ja nicht so. Und es kommt ja auch nicht von ungefähr. Immerhin habe ich das Geld, das ich hier ausgebe, selbst erarbeitet. Aber trotzdem ist mir mittlerweile längst bewusst geworden, dass ich einfach pures Glück hatte, im Zentrum von Europa, im Geldschrank dieser Welt auf die Welt gekommen zu sein. Das hat mir mein guter Freund Börni schon vor ein paar Jahren erzählt. Und jetzt sehe ich es ganz genauso. Wir haben alle Möglichkeiten dieser Welt. Wir können! Wenn wir nur wollen. Wohingegen viele junge Menschen hier und in vielen anderen Ländern dieser Welt wollen können, so viel sie wollen – da geht nichts! Kinder, die den ganzen Tag im Garagenladen stehen, um ein paar Dosen Cola zu verkaufen, die dir mitten auf der Autobahn Kokosnüsse aufschlagen oder – wie hier – mit dem Schuhputzkasten unter dem Arm zu Geschäftsmännern gemacht anstatt in die Schule geschickt werden. Welche Möglichkeiten sollten sie noch haben, außer dieses Geschäft bis zum Tod weiterzuführen? Wer hier ausbrechen will, muss alles auf´s Spiel setzen wie zum Beispiel Davíd, der in einem Zweiundzwanzig-Stunden-Marsch illegal in die USA eingewandert ist, um dort nach Schwarzarbeit zu suchen. Immerhin, er hatte Glück und konnte eine Zeit lang auf dem Bau arbeiten und gutes Geld verdienen. Doch heute könnte er uns von sicherlich so allerlei berichten. Einem halbjährigen Gefängnisaufenthalt inklusive…

Aber ich will ja eigentlich von den schönen Seiten berichten. Und davon hat Mexiko in Hülle und Fülle! Angefangen bei der einzigartigen Stein- und Kaktuswüste in Baja California, über die herrlichen Strände entlang der Westküste des Hauptlandes. Wobei es schöne Strände ja viele gibt… Mich persönlich haben die gigantischen Kakteen und die Streifen unberührter Wüstenlandschaft noch ein bisschen mehr fasziniert! Aber dafür punktet das tropische Festland mit Obst und Säften aller nur erdenklichen Arten: Wassermelone, Ananas, Mango, Papaya, Guanabana, Guayaba, … und wie sie alle heißen. Man kriegt sie mundgerecht als Mix-Coctails, geschält am Spieß oder als eisgekühlten Saft. Zum Spottpreis für uns Europäer. Und erst die Kokosnüsse! Auch eisgekühlt, wenn man Glück hat! Erst die Milch, dann das Fleisch – hmmmm!

Und das Beste kommt zum Schluß: Die Landsleute. Schon in Kalifornien habe ich Warnungen über Warnungen bekommen, dass ich doch als Frau niemals alleine nach Mexiko reisen könnte! Viel zu gefährlich! Raub, Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Alles würde mich dort erwarten können. Schon nicht einmal Tijuana – wo für mich der Grenzübergang nach Mexiko war – würde ich überleben! Doch scheinbar bin ich zäh. Oder uninteressant. Jedenfalls habe ich es durch Tijuana hindurch geschafft und sogar meinen Weg bis nach La Paz gemacht. Doch von da an übersetzen auf´s Festland: Mein zweites Todesurteil! Denn Zwei hochgefährliche Staaten würde ich dort durchqueren müssen. Ich soll auf jeden Fall einen weiten Bogen über das Inland und die Berge fahren! Die meisten anderen Radfahrer haben sich an diesen Rat gehalten. Aber ihr kennt mich ja nun schon: Ich schau mir die Lage lieber selbst an. Und so hatte ich genau in diesen Gebieten meine beste Zeit! So wie in allen anderen Gebieten hier in Mexiko! In den ganzen Zwei Monaten, die ich jetzt hier bin, gab es nicht eine einzige auch nur annähernd gefährliche Situation. Keinen einzigen Moment des Schreckens oder der Unsicherheit. Ich habe mich – tags wie nachts – sicher und sogar behütet gefühlt! Die Einheimischen haben mir nicht ein Mal ihren Garten oder ihr Grundstück zum campen verwehrt. Sie haben mich auf ihre Terrassen oder sogar in ihre Häuser eingeladen. Und noch mehr: Sie waren immerzu freundlich und herzlich zu mir! Sie haben mir meistens ehrliche Preise genannt und mich vorzüglich behandelt. Mich auf der Straße begrüßt und mein Grüßen erwidert. Sie haben mich nicht ein Mal zurecht gewiesen: „Hier dürfen keine Fahrradfahrer… wäh, wäh, wäh!“ Ich bin behandelt worden, wie ein gern gesehener Gast. Und dafür liebe ich jetzt dieses Land!

Mexiko, du bist meine Reise vom ersten bis zum letzten Tag wert gewesen! Morgen mache ich mich auf Richtung Grenze nach Guatemala. Aber eins ist sicher: Was auch immer dort noch passieren mag: Die letzten Zwei Monate kann mir keiner mehr nehmen. Die sind mir sicher! Sicher aufbewahrt in meinem Herzen. Für immer.

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