Kurzmitteilungen

Schlappold

Seit einer guten Woche bin ich nun wieder zurück in Deutschland. Und seit einer guten Woche sträuben sich mir alle Härchen, wenn ich nur daran denke, den Computer hochzufahren. Ich glaube, ich bin wohl so etwas wie allergisch geworden…

Aber wen wundert´s? Viel zu schön ist´s hier daheim, um sich hinter einen Bildschirm zu klemmen. Wer will schon gern in die Röhre gucken, wenn er als Alternative eine einzigartige Bergkulisse zur Auswahl hat. Ein Panoramabild, gehalten und gerahmt von sattem Grasgrün und strahlendem Himmelblau. Petrus meint es wirklich gut mit mir. Denn ohne sein Zutun wäre mir die Heimreise wohl nicht so leicht gefallen. Wie sollte man sich schließlich von einer Stadt wie Rio mit ihrer wohlig warmen Wintersonne, ihren kilometerlangen Badestränden, der Zuckerhut- und Christokulisse, den Sonnenuntergängen und Maracuja-Mandarinen-Caipirinhas jemals den Absprung schaffen? Pudelwohl habe ich mich dort gefühlt. Und einen gelungeneren Abschluss für meine lange Reise hätte wohl niemand besser planen können, als mein eigenes Schicksal. Aber auch auf Weltreisen gilt: Man soll aufhören, wenn´s am schönsten ist.

Was nicht bedeutet, dass ich rotz- und wasserfrei in den Flieger gestiegen bin! Um es auf den Punkt zu bringen: Direkt vor Abflug hat mich nochmal eine mittelschwere Krise eingeholt. Und auch während des Flugs nach Frankfurt sind mir mehrmals die Servietten ausgegangen, um mir meine Trauertränen aus dem Gesicht zu wischen. Einen ganzen Ozean hätte man in den paar Flugstunden mit meinen Erinnerungen und Gefühlen füllen können. Welchen es natürlich noch in verbaler Form auf Papier zu bringen gilt. Aber dafür muss sich alles noch ein bisschen setzen. Für´s Erste jedenfalls wollte ich euch nur mal kurz wissen lassen, dass ich nicht nur gut gelandet, sondern mittlerweile auch so etwas wie gut angekommen bin. Und das eben nicht zuletzt durch „mein“ herrliches Allgäu, das sich seit fast einer Woche von seiner unwiderstehlichen Seite zeigt.

Und so konnte sie endlich stattfinden: Die mysteriöse Schlappold-Challenge, die wir – das sind Papa und ich im Speziellen – nun schon seit Jahren vor uns herschieben. Vor allem letztes Jahr fiel es uns beiden schwer, als ich sie wegen meiner noch immer anhaltenden Asien-Schwäche ausfallen lassen musste. Wo Papa extra trainiert hatte wie ein Wilder… Ihr versteht nicht, wovon ich eigentlich rede, oder? Nun, in ein paar einfachen Worten kann man das so erklären: Schlappold ist der Name einer Alpe. Eine Alpe ist eine Berghütte. Über den Sommer auch bewirtet in diesem Fall. Die Hirtenfamilie, die dort oben von Mai bis September das Jungvieh verschiedener Bauern hütet, verarbeitet die frische Milch zu Butter und Käse, es gibt Salami und Schinkenspeck von eigenen Schweinchen und selbstgemachte Kuchen. Und um das ganze feine Zeug alles zu probieren, muss man sich auf eine Holzterrasse setzen, in die Gipfelkette der Oberstdorfer Berge gucken, die im warmen Abendlicht einen eindrucksvollen Gruß zur Alpe herüber richten und das eigene Schmatzen vom idyllischen Gebimmel der zufrieden grasenden Rindviecher übertönen lassen. Noch Fragen also, warum man dort unbedingt hinfahren will?

Na gut, dann kann ich ja jetzt noch in einer kurzen Fußnote erwähnen, dass es bis zur Ankunft auf dem Holzdeck mit Brotzeit einfach sakrisch bergauf geht. Das ist die Challenge an der Challenge. Und wer oben ankommt – ob nun mit oder ohne E-Motor im Fahrradrahmen – wird auch ohne weiteres darüber Nachdenken verstehen, wie diese Alpe zu ihrem Namen gekommen ist. Jedenfalls ist sie nicht umsonst bei uns in der Familie zu so etwas wie einer Messlatte geworden. Man fährt sie zum Schluss der Trainingssaison, wenn Oberschenkel und Lungenflügel ausreichend Volumen aufgebaut haben. Und wenn dann der große Tag gekommen ist, startet man in Abständen versetzt und begibt sich ungefähr eine bis knapp eineinhalb Stunden – je nachdem, in welchem Fitnesszustand man sich gerade befindet – an sein absolutes, persönliches Leistungslimit. Und so ist auch schon ohne Stoppuhr sichergestellt, dass gewonnen hat, wer oben ankommt. Aber wer der Schnellste ist, der darf ab dann ein Jahr lang den anderen mit großkotzigen Sprüchen aufziehen, bis der wieder genug Motivation hat, den kommenden Radelsommer über alles zu geben, um bei der nächsten Challenge den Spieß wieder umzudrehen…

Wer noch mitfahren will: Vierundfünfzig Minuten gilt es zu schlagen! Gemessen ab der letzten Abzweigung unten im Tal. Aber sputet euch, denn bald verlässt der g´schmackige Anreisegrund die traumhaft gelegene Hütte und zieht samt Hirten und Viechern zurück ins Tal. Damit sich hoffentlich bald schon eine dicke, weiße Schneedecke über den Steilpfad legen und bei einer flockig leichten Skiabfahrt die ganze sommerliche Schinderei vergessen lassen kann.

 

Alpe Schlappold, Deutschland (Allgäu)

Tages-Km: 5,6km / -Zeit: 0:54h / -Höhenmeter: ugfähr 750m (sagen Papa und Google)

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