Was mich bewegt

Eine Frage haben sich wohl insgeheim all diejenigen gestellt, dir mir nur mit einem unverständlichen Blick begegnet sind, als ich ihnen von meinem Plan erzählt habe: Was bewegt mich? Oder, wie es der liebe Herr von der Zeitung so gerade heraus wissen wollte: „Ihr Bruder zu Olympia, Sie mit dem Rad um die Welt… ist in Ihrer Familie eigentlich auch irgendjemand normal?“

 

Für die Antwort muss ich jetzt ein bisschen ausholen:

Ich habe in München mittlerweile meine Zelte abgebrochen. Aber ich war noch für ein paar letzte Erledigungen in der Stadt. Es war Samstag. Und jetzt denkt ihr es kommt so etwas in die Richtung wie „wer die Samstage im Zentrum von München kennt, stellt sich doch zwangsläufig die Frage, ob hier überhaupt irgendeiner normal ist“, oder? Nein, nein, nicht so allgemein. Ich war auf der Suche nach einer speziellen Sonnencreme – gutes altes Tiroler Nussöl. Gab´s natürlich nirgends. Nicht in Drogerien, nicht in Apotheken und auch nicht in der großen Parfümerie mit Türkis-grünem Namenszug. Aber dafür habe ich dort was anderes entdeckt. Es steht ja da immer so ein Mann an der Tür. Und das ist auch schon alles. Das ist seine Aufgabe: Da zu stehen. Und was eigentlich zu tun? Was machen diese Männer an all den Ladentüren der Münchner Innenstadt? Und die dick aufgespachtelten Damen mit Duftprobestreifen in den Händen? Sie stehen einfach nur da. Den ganzen Tag. Und werden berieselt von Konsum-Musik. Und benebelt von Armani & Co. Bis sie abends völlig duselig und legal high nach Hause schweben.

Oder: Die zwei Mädels von der Autovermietung gleich hinterm Stachus. SIEGST du nicht! Zumindest nicht auf den ersten Blick. Weil Boden, Decke und Wände mit den beiden Countern, den Blusen, Businessröcken, Stöckelschuhen und Fingernägeln der jeweils dahinter sitzenden Dame eine einzige, große farbliche Einheit bilden. Leuchtend-grelles Orange, so weit das Auge reicht! Wichtigste Klausel im Arbeitsvertrag: „Für etwaige gesundheitliche Schäden, die auf das direkte Umfeld des Arbeitsplatzes zurückzuführen sind, wird jeglicher Regressanspruch ausgeschlossen“. Und kurz vor Feierabend kann man die beiden lediglich noch vom Hintergrund des Shops abgrenzen, wenn man einen der vier verstörten, sich in orange-weißen Spiralen wild in sich selbst drehenden Augäpfel ausfindig machen kann. Während nebenan der kleine Feng Shui-Laden neuerdings auf fernöstlichen Reisspezialitäten setzt, um sich sein Überleben zu sichern. …und seine Urväter sich im Grab rumdrehen.

Oder noch ein schöner: Maserati, Dachauer Straße. Generell gilt hier: Eher nicht so viel Laufkundschaft. Und darunter auch noch passendes Klientel: Nada! Aber einer muss da ja trotzdem sitzen und gespannt auf den großen Moment warten, in dem sich endlich die große Schwingtür für einen schmalen Spalt auftut! …und ein verschwitzter Student mit Rennrad in der Linken quer durch den riesigen, steril, kühl und seeehr übersichtlich eingerichteten, schwindlig-hohen Ausstellungssaal den Tresen schnell mal nach der aktuellen Uhrzeit fragt. Immerhin, ein einziges Privileg genießt der Herr dort hinten: Echo! Und das mitten in München!

Und jetzt stell ich mir vor, diese Damen und Herren stehen eines Tages an der Himmelspforte und werden mit erwartungsvollem Blick von Petrus empfangen und neugierig gefragt: Na, und ihr? Was habt ihr da unten aus eurem Leben gemacht? Wo habt ihr eure Talente zum Einsatz gebracht? [Große Augen, fragend-verkrümmte Augenbrauen, Gemurmel, „…wat will der?“] Bis ihm ein lebloses, monotones Doppel-D aus der Menge schließlich Klarheit verschafft: Douglas, Drehtür!

 

Und da werde jetzt ausgerechnet ich gefragt, ob es bei uns auch Normale in der Familie gibt? Während oben Geschildertes mittlerweile zum Alltag, in unsere Welt, oder zumindest in unsere westliche Gesellschaft zu gehören scheint. Oder hat sich einer von euch schon mal gefragt, ob einer von denen eigentlich normal ist? Ein ganzes Leben lang an einer Tür stehen? Also ich, ich würde verrückt werden! Ich weiß schon, lieber Herr von der Zeitung: Sie haben mich das nicht in Ihrem, sondern im Namen vieler gefragt. Weil Sie sich schon denken konnten, dass viele sich das tatsächlich fragen. Aber warum eigentlich? Wir gehen doch nur Sport machen. Segeln, Radfahren. Und ein bisschen zelten. Kinder könnte man damit in helle Begeisterung versetzen. Erwachsene hingegen erschreckt man. Was passiert da in der Zwischenzeit mit uns?

Dabei ist die Antwort, warum ich das mache, so simpel, wie man sich nur denken kann! Früher, wenn mich was geärgert hat, wenn es Streit zu Hause gab oder ich keine Lust mehr auf Hausaufgaben hatte, bin ich einfach für ein, zwei Stunden raus. Mit dem Fahrrad auf einen Berg gestrampelt. Und als ich zurück war, hatte ich meistens andere Sorgen: Muskelkater. Oder schlicht keine Energie mehr, mich zu ärgern. Und alles war wieder gut. Express-Reset.

In der Stadt ist das nicht so einfach! Da stößt diese Taktik zugegeben an ihre Grenzen. Und nachdem ich die letzten zehn Jahre vorwiegend in der Stadt gelebt habe, hat sich jetzt ein bisschen was aufgestaut. Es gibt eben immer Dinge, kleinere, größere (bei uns in Deutschland wohl hauptsächlich kleinere) von denen man den Kopf wieder frei bekommen muss. Die man am besten schnell verdauen müsste, damit sie einen gar nicht erst belasten. Aber wenn man sich nicht bewegen kann, was regt die Verdauung an? Für mich gilt dieser Vergleich fast buchstäblich. Wenn mich etwas belastet, dann tut es das im wahrsten Sinne des Wortes. Das sagt mir noch am ehrlichsten meine Waage. Die neumodischen Stretchanteile in Jeanshosen oder der aktuelle Leggins-Trend sind ja nur feige, hinterhältige, verlogene Schmeichler und Wahrheitsvertuscher. Wo sind sie nur hin, die guten alten Stoffhosen, die einem rechtzeitig zu eng werden, bevor man völlig unvorbereitet in der Haustür stecken bleibt? Jetzt stellt euch also vor, seit ungefähr drei Jahren beginnt meine Waage, mit mir zu sprechen und in unserem regelmäßigen Jour Fixe sagt sie mir: „Hey, du musst langsam was tun!“ Ich: „Jaaa, ich weiß…“ So geht das hin und her. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Aber nichts tut (s)ich. Warum auch – gibt ja Stretchhosen! Bis mein Schicksal beschlossen hat, mir endgültig ein Schlüsselerlebnis auf den Tagesplan zu setzen.

 

Ich versuche, euch das in einem hübschen Bildchen etwas anschaulicher zu machen. Und das sieht ungefähr folgendermaßen aus: Stellt euch mal vor, ihr genehmigt euch nach einer stressigen Woche ein genüssliches Freitag-Abend-Feierabend-Bad. Als der Schaum langsam aufhört zu knistern und das Wasser nur noch lauwarm ist, setzt ihr euch entspannt auf, zieht den Stöpsel und seht noch ein bisschen dem auslaufenden Wasser hinterher, bis schließlich auch das letzte Rinnsal gemächlich in den Abfluss trudelt. Ihr fühlt euch wieder gut! Mit frischer Energie steht ihr auf um hochmotiviert zu neuen Taten zu schreiten. Doch gerade als ihr völlig unbeschwert von Dannen schweben wollt, wird euer neugeborener Frohmut von einer riesigen Monsterwelle überrollt und mit einem groben Platscher gegen den vorderen Wannenrand zurück auf den Boden der Tatsachen gerissen. Und es trifft euch wie ein Schlag: „Au verdammt, hinten war ja noch voll!“

Oder: Kaffeetrinken mit Freunden. Endlich klappt´s mal wieder! Treffpunkt ist das gemütliche Café Jasmin in der Augustenstraße. Nach ein paar unvergesslichen Stunden des Kuchenessens und Kicherns macht ihr euch vergnügt auf den Heimweg. Doch als ihr euch in der U-Bahn setzen wollt, sperrt sich da etwas gegen euch und die Sitzbank. Und da erst merkt ihr: Noch immer umklammern die Armlehnen des hellgrünen Polstersessels unzertrennlich eure Hüften!

Nicht, dass mir das so passiert wäre! Aber was ich damit sagen will: Manchmal im Leben bekommt man Signale. Und die sollte man erkennen. Und ernst nehmen. Ich bin sicher, keiner von denen, die dieselbe U-Bahn genommen hätten, würden daran zweifeln, dass dieses Erlebnis ein Wink mit dem Zaunpfahl war, etwas im Leben zu ändern. Und genau das ist mir passiert. Nur nicht ganz so offensichtlich. In der Wirklichkeit sind die Zaunpfähle eben etwas zarter. Wie Strohhalme vielleicht. Oder Spinnenfäden. Aber dennoch: Sie existieren. Und sie winken. Und genau in dem Moment, in dem man sich dessen bewusst wird, ist er gekommen. Der Moment, anzufangen aufzuhören aufzuschieben.

Mein Moment ist jetzt. Es gab da natürlich nicht nur einen Einflussfaktor, sondern viele, viele kleine Faktörchen. Aber alle zusammen sprechen sie in einheitlicher, klarer und deutlicher Stimme zu mir. Wie bei einer Demo ungefähr, bei der Tausende dasselbe rufen. In mir tobt sozusagen ein kleiner Faktorenaufstand: „Be-weg dich! Be-weg dich! Be-weg dich!“, ruft´s    –zig-fach mit der Stimme der kleinen Preise. Und im Srechtakt fuchteln sie wild mit ihren Winkelementen – lauter kleine Zaunpfählchen! Das einem Außenstehenden nachvollziehbar zu machen: Unmöglich wahrscheinlich. Aber es auf einen wichtigen der vielen Faktoren zu reduzieren, das geht: Ich habe jetzt – wie schon erwähnt – gut 25 Jahre an allen möglichen Tischen gesessen. Jetzt ist genug. Das muss aufhören! Für ein paar Monate zumindest. Ich fühle es so deutlich wie nie zuvor: Ich muss ich mich bewegen! Und das tu ich. Ich geh erst mal Fahrradfahren. Für mich ist das das Normalste der Welt. Verrückt wäre, weiter sitzen zu bleiben!

 

In diesem Sinne: Macht´s gut, … ich geh in die Hüpfburg. Holario!

 

Eure Angi

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